Britney Spears auf der Bühne in einem goldenen Käfig; eine Bewegung möchte Britney befreien
Britney Spears bei einer ihrer Live-Shows |Foto: imago images / UPI Photo
Popkultur

Was wirklich hinter #freebritney steckt

Seit zwölf Jahren hat Britney Spears einen Vormund. Jetzt sieht eine riesige #freebritney-Bewegung Hilferufe in ihren Instagram-Posts und will sie befreien. Müssen wir Britney wirklich retten?
16 Juli 2020, 11:21am

Es gibt zwei Momente im Leben der Britney Spears, die alles für immer verändert haben. Im Jahr 1998 landete Britney Spears zum ersten Mal auf Platz 1 der US-Charts. Zehn Jahre später, nach Monaten unter Alkohol und Drogen, landete sie in der Entzugsklinik – und verlor ihre Selbstbestimmung. Der eine Moment hat sie gekrönt, der andere hat sie zerstört. Noch im selben Jahr bekam sie einen rechtlichen Vormund: ihren Vater.

Seit zwölf Jahren lebt sie unter Betreuung ihres Vaters James Spears und eines Anwalts. Und dieses Leben sei so schrecklich, dass man sie dringend befreie müsse, sagen die Anhänger der #freebritney-Bewegung. Was sie in ihren Posts auf Instagram und Twitter berichten, klingt grausam: Britney Spears dürfe nicht über ihr eigenes Geld verfügen. Britney Spears dürfe nicht bestimmen, welche Psychopharmaka sie zu sich nimmt. Britney Spears sei letztlich eine Frau ohne Rechte. Selbst ihr Handy würde kontrolliert. Befreit Britney! Es ist ein wahres Rabbit Hole.

Britney Spears ist es gewohnt, dass über sie geredet wird. Sie war erst 17 Jahre alt, als sie ihre Debütsingle "... Baby One More Time" und das dazugehörige Album veröffentlichte. Es folgte ein weiteres Album, ein weiterer Riesenerfolg, und dann ein drittes, weniger erfolgreich, und ein viertes, noch weniger erfolgreich, bis die Presse mehr über ihren öffentlichen Absturz berichtete als über ihre Musik. Sie wurde das Lieblingsopfer von Paparazzi und hämischen Zeitungsberichten. 2008 landete Britney Spears dann in der Entzugsklinik. Die Boulevardpresse erklärte sie daraufhin für verrückt, und ihr Vater setzte sie unter rechtliche Betreuung.

Es sind zwölf Jahre vergangen, Britney Spears hat weitere Alben veröffentlicht, mit Erfolg, wenn sie auch nicht an die ersten Alben anknüpfen konnte. Sie hatte sogar eine eigene, regelmäßige Show in Las Vegas. Doch über all die Zeit existierte bereits der Hashtag, der seit einigen Tagen wieder auf Instagram und Twitter trendet – der Hastag #freebritney.

Das Leben der Britney Spears wirft einige Fragen auf, der Hashtag allerdings noch viel mehr. Denn Quellen nennen die Fans so gut wie nie. Wer steckt also wirklich hinter #freebritney? Ist #freebritney eine Verschwörungstheorie? Oder müssen wir Britney Spears tatsächlich "befreien"? Und wenn ja: Woraus eigentlich?

Was bedeutet es, wenn ein Mensch unter Betreuung steht?

Fangen wir ganz vorne an: Einen Betreuer oder eine Betreuerin bekommt eine Person rechtlich zugewiesen, wenn sie mental nicht oder nicht mehr dazu in der Lage ist, über lebenswichtige Angelegenheiten selbst zu bestimmen. In den USA wie auch in Deutschland hilft diese Maßnahme Menschen, die zum Beispiel dement sind oder mit einer geistigen Beeinträchtigung leben. Nahe Angehörige oder professionelle Betreuerinnen übernehmen dann die Verantwortung und dürfen in ihrem Namen für sie entscheiden.

Nachdem Britney Spears im Januar 2008 in eine Entzugsklinik eingewiesen wurde, übernahmen ihr Vater James Spears und ein Anwalt die Betreuung, auf Englisch "conservatorship". Seitdem haben die Männer unter anderem das Recht zu bestimmen, was mit Britney Spears Geld passiert und welche Medikamente sie nimmt.


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Ist die Betreuung für Britney Spears eine Bedrohung?

Wer unter Betreuung gestellt werden muss und wer nicht, entscheidet in den USA ein Gericht. Grundsätzlich soll diese Maßnahme Menschen helfen, und es werden zumeist Angehörige zum Betreuer bestimmt, denen das Gericht zutraut, im Sinne des zu Betreuenden zu entscheiden.

Als Britney Spears Vormundschaft, die erst nur vorübergehend war, dauerhaft wurde, sagte einer ihrer Anwälte: "Britney wollte gegen die Betreuung vorgehen, aber sie war sehr besorgt um ihre Kinder und scheint zu verstehen, dass die beste Lösung, um ihre Kinder weiterhin sehen zu können, ist, die Betreuung zu akzeptieren."

Viele Fans fragen sich nun, ob ihr Vater dafür eine gute Wahl war. James Spears darf seine Enkelkinder zurzeit nicht sehen, weil er Spears 13-jährigen Sohn Sean "geschüttelt" haben soll – die darauf folgenden Untersuchungen zu angeblichem "Kindesmissbrauch" wurden allerdings fallen gelassen.

Welche Beweggründe James Spears und der Anwalt Andrew Wallet wirklich hatten, kann niemand wissen außer sie selbst. Im besten Fall kann man aber davon ausgehen, dass sie sie unterstützen. Stanton Stein, Spears Rechtsanwalt, sagte der L.A.-Times: "Sie war immer in jeden Schritt ihrer Karriere und jede geschäftliche Entscheidung eingebunden. Punkt."

Zumindest wirtschaftlich gesehen lebt Britney ja auch nicht schlecht. Erst 2015 kaufte sie sich eine neue Villa vor den Toren von Los Angeles, ihre Kinder darf sie regelmäßig sehen.

Die Gerüchte scheinen vielmehr deshalb hochgekocht zu sein, weil Britney im Januar 2019 überraschend ihre neue Show "Domination" abgesagt hatte, die wieder in Las Vegas stattfinden sollte. Kurz darauf trat Anwalt Wallet aus der Betreuung zurück.

Am 23. April 2019 wendet sich Britney mit einem Video an ihre Instagram-Follower: "Glaubt nicht alles, was ihr lest oder seht", sagt sie darin. Doch der Versuch zu erklären, dass es ihr gut gehe, scheitert. Fans sehen darin einen ersten Hilferuf.

Im September 2019 tritt dann auch noch James Spears von der Betreuung zurück – "aus gesundheitlichen Gründen". Auf Instagram postet Britney ein Bild ihrer Familie und sagt "It's important to always put your family first …", ihr Vater sei "fast gestorben". Tatsächlich soll Spears Vater unter einer Darmkrankheit leiden. Das hatte sie auch schon als Grund für die Absage der neuen Show in Las Vegas angegeben.

Laut New York Times soll Britney im Zuge dessen das Gericht um ein Ende der Betreuung gebeten haben – bewiesen ist das nicht. Sie bekam allerdings einen neuen Vormund: Jodi Montgomery, eine professionelle Betreuerin und Treuhänderin, die schon lange mit Familie Spears zusammenarbeitet.

Wer steckt hinter #freebritney?

Das hat die New York Times gut zusammengefasst. Das Wording "freebritney" erschien demnach erstmals schon 2009 auf der Fanseite BreatheHeavy.com als Reaktion auf das Urteil zur Betreuung. Der Betreiber der Seite, Jordan Miller, sagte, dass James Spears die Fans aufgefordert habe, die Seite offline zu nehmen.

Erst 2019, nachdem Britney ihre Domination-Shows absagte, tauchte die Aufforderung "Free Britney" wieder auf – im Podcast "Britney´s Gram". Die Comedians Tess Barker and Barbara Gray analysierten in diesem Podcast regelmäßig und – Achtung – scherzhaft Britney Spears Instagram-Kanal. Nachdem Britney diesen für einige Wochen hatte ruhen lassen, rasteten die Comedians im April 2019 geradezu aus, als Britney wieder Posts teilte: "WE. HAVE. CONTACT." Doch sie sorgten sich. Denn in ihrem neusten Post ("Me time!") fehlten die Emojis, die sie doch sonst so lieben würde.

Zwei Wochen später, im April 2019, trug der Podcast dann den Namen #freebritney und wurde als "special emergency episode" gekennzeichnet. In der Folge sagen die Moderatorinnen, nachdem sie all ihre neuen Fans begrüßt haben, sie hätten Hinweise einer "verlässlichen" – aber anonymen – Quelle bekommen. Der Mann sagt, dass Britney einen Streit mit ihrem Vater gehabt hätte, weil sie ihre Medikamente nicht mehr einnehmen würde, und sie sich auf unbestimmte Zeit und unfreiwillig wieder in einer psychosomatischen Klinik befinden soll. "That was not a decision she made at all", endet das Zitat. Die Google-Suche nach #freebritney schnellt in enorme Höhen.

Nachdem Britney Spears Vater die Betreuung wegen Krankheit abgab, wurde es still um den Podcast. Die letzte Folge ist auf Januar 2020 datiert. Aber jetzt geht es wieder los. Nicht der Podcast – aber der Hashtag.

Versteckte Britney Spears über Jahre Hilferufe in ihren Songs?

Wer Britneys Lieder kennt, weiß, dass ihr eigener Absturz immer wieder Thema ihrer Songs war. Hilferufe versteckte sie darin aber definitiv nicht, denn sie hat die Songs nicht selbst geschrieben. Britney Spears war, wie viele internationale Popstars, von Anfang an ein Projekt von vielen.

Britney Spears erhielt mit 16 ihren ersten Plattenvertrag bei Jive, ihren ersten Song schrieb der schwedische Songschreiber Max Martin. Er wollte ihn eigentlich der R&B-Band TLC verkaufen, doch die wollte ihn nicht, weil er zu sehr nach ABBA klang.

Der erste Song, der auf einen Bruch und somit auch auf vermeintliche Botschaften hinweist, ist die Pop-Ballade "Lucky", in der Britney singt:

She's so lucky, she's a star
But she cry, cry, cries in her lonely heart, thinking
If there's nothing missing in my life
Then why do these tears come at night?

In dem Video dazu spielt sie sich selbst. Den Song schrieb allerdings wieder Max Martin.

Dass es funktioniert, wenn Britney sich selbst in ihren Songs als Opfer darstellt, haben die Produzenten – bei ihrem zweiten Album 13 Männer – schnell verstanden. Es folgten zahlreiche Songs nach diesem Muster, unter anderem "I'm not a girl, not yet a woman", "My Prerogative", "Overprotected", "Everytime" und schließlich, ein Durchbruch nach langer Durststrecke, "Piece of me".

Zwei Songs fallen dabei besonders auf. Der erste ist "Everytime", in dessen Video Britney wieder sich selbst spielt. Sie kämpft sich durch eine Menge Paparazzi in ein Hotel hinein, streitet sich auf dem Weg fürchterlich mit ihrem Freund und versucht schließlich, sich in der Badewanne das Leben zu nehmen – oder auch nicht, denn am Ende des Videos wird der Eindruck vermittelt, das Ganze sei nur ein Traum gewesen. In "Piece of Me" wendet sie das Blatt – und wehrt sich deutlich gegen die Boulevardpresse. Am Ende ist ihre Karriere, eben weil sie selbst das Thema ihrer Songs ist, ein unglaubliches Verwirrspiel, bei dem kaum noch zu sagen ist, ob Britney ihr Image genossen oder darunter gelitten hat.

Fest steht: Britneys Songs wurden von Anfang an auf sie maßgeschneidert, und ihr Fall verkaufte sich besonders gut. Doch all die Selbstzweifel, die Traurigkeit, die Wachstumsschmerzen, von denen Britney singt, wurden ihr in den Mund gelegt. Es ist in etwa so, als würde der Gefängniswärter der Gefangenen ein Laken und einen Edding in die Hand drücken, damit sie sich ein "HELP ME"-Transparent für ihr Zellenfenster basteln kann, vor dessen Gittern dann Tausende Fans stehen und sehen wollen, wie sie winkt.

Eine berechtigte Frage ist also: Wie geht es bei all dem eigentlich Britney Spears?

Geht es Britney schlecht?

Dass Britney Spears in dem mentalen Zustand ist, in dem sie ist, sollte niemanden wundern. Sie wurde schon als Kind auf ihre Karriere getrimmt, produzierte ein Album nach dem nächsten und steht seit jüngster Kindheit in der Öffentlichkeit. Sie ist nicht der erste Star, der an seiner Karriere zerbricht. Siehe Elton John, Amy Winehouse, die Olsen-Twins oder Kevin-allein-zu-Haus (der natürlich eigentlich Macaulay Culkin heißt – aber wer erinnert sich schon noch an diesen Namen? – und das ist genau das Problem).

Es wäre fatal, über Britney Spears Gemütszustand zu schreiben, ohne sie wirklich fragen zu können. Denn wie es Britney wirklich geht, kann niemand sagen außer sie selbst. Doch genau hier kommt Instagram ins Spiel. Denn auf Instagram, meinen die Fans und Verfechter von #freebritney, darf sie endlich selbst sprechen.

Welche Botschaften sehen Fans jetzt in ihrem Instagram-Kanal?

Britneys Instagram-Kanal ist eigentlich ein ziemlich bunter Haufen Trash, den man sich genauso gut und gerne anschauen kann wie eine billige Netflix-Serie. Britney postet haufenweise Blumen und natürlich jede Menge Selfies, immer von oben aufgenommen, damit ihr Gesicht etwas kindlicher aussieht, und man auch auf jeden Fall ihren flachen Bauch und die Nuller-Jahre-typische Hüfthose sehen kann. Das ist zwar irgendwie ein lustiger Anblick, dass sie immer noch die Klamotten trägt, die sie schon vor 20 Jahren trug, aber erstmal kein Grund zur Panik.

Doch was die Comedians Tess Barker and Barbara Gray in ihrem Podcast noch mit Humor betrachteten, betrachtet ein Jahr später plötzlich eine riesige Internetgemeinde mit Sorge. Dabei vermischen sie allerdings Angaben aus angeblichen Gerichtsdokumenten mit wirrer Zeichendeutung – und Medienberichten von Sendern wie Russia Today. Noch besorgniserregender sind die Hinweise auf vermeintliche Botschaften von Britney, Hilferufe, die sie in ihren Instagram-Botschaften verstecke, und dessen Interpretation lange Threads füllt.

Das gelbe Shirt ist für viele Fans anscheinend einer der ersten wichtigen Hinweise. Nachdem eine offenbar besorgte Instagram-Userin unter ein Foto "Wenn du Hilfe brauchst, trag nächstes Mal ein gelbes Shirt" geschrieben hatte, trat Britney tatsächlich in einem ihrer nächsten Posts mit einem gelben T-Shirt auf. Und nicht nur das. Sie schrieb sogar noch dazu, es sei ihr "liebstes gelbes Shirt". Der Tweet, in dem nichts weiter zu sehen ist als ein Screenshot, der den Fanaufruf und Britneys vermeintliche Antwort zusammenfasst, wurde schon über 80.000 mal geretweetet und über 400.000 mal gelikt.

Einen weiteren Hinweis finden Fans derzeit in Britneys Wimpern. Unter dem Bild, das Britney in Duckface-Manier in einem Winkel von oben fotografiert hat, steht: "Es ist schön, rauszugehen und Fotos zu machen. Natürliches Licht bringt immer die Magie in den Augen zum Vorschein." Die Fans schauten sich daraufhin ihre Augen genauer an und wollen entdeckt haben, dass ihre rechten Wimpern die US-amerikanische Notrufnummer formen. Einer der ersten Kommentare lautet: "Bin das nur ich oder sehen nicht all die verifizierten Accounts da auch 911?! Ich meine, ES IST KLAR!!!"

Die Bitte eines Fans, in ihrem nächsten Video ein blaues Shirt zu tragen, schlug fehl. Stattdessen folgten noch das Bild einer Rose, zwei kurze Tanz-Clips und ein Dank an das Label Alexander McQueen für das schöne schwarze – nicht blaue – Kleid. Doch die Fans hören dennoch nicht auf. Die wohl häufigste Frage in den Kommentaren lautet: "ARE YOU OKAY?"

Zwei "enge Bekannte" sagten der BBC, nachdem der Hashtag 2019 wieder auftauchte, ihr gehe es gut. Die L.A. Times recherchierte drei Monate lang in Britneys Umfeld. Das Ergebnis: Es gebe keine Hinweise darauf, dass die Betreuung ihr schade. Doch die Fans stecken längst in der Überzeugung fest, dass eigentlich eh jeder lügt, außer Britney selbst. Und wenn die versucht, ihren Fans mitzuteilen, dass es ihr gut geht, finden sie darin sicher wieder einen Hinweis.

Eine Verschwörungstheorie ist das nicht, es ist aber auch nicht nur lustige Unterhaltung. Vielmehr ist die die Art und Weise, wie Fakten, Meinungen, Aussagen von "Quellen" und vermeintliche "Hinweise" hier durch die Netzgemeinde vermischt werden, ein Trauerspiel, in dessen Mittelpunkt zu ihrem eigenen Leid mal wieder Britney Spears steht.

Müssen wir Britney Spears jetzt also retten – oder besser nicht?

Das Leben von Britney Spears ist sicherlich nicht einfach. Kein Mensch sollte zwölf Jahre lang unter Vormundschaft stehen müssen. Doch so lange weder klar ist, unter welchen genauen Auflagen Britney und ihr neuer Vormund zusammenarbeiten, noch, wie es Britney "wirklich" geht, sollte darüber nicht die Öffentlichkeit entscheiden.

Britney Spears Freiheit öffentlich zu diskutieren, so wie schon ihre Musik, ihre Ehe und die Beziehung zu ihrem Vater, macht es ihr sicherlich nicht leichter. Frei ist sie nicht. Aber befreien kann sie sich letztlich nur selbst. Wenn man ihr als Fan dabei helfen will, kann man ihr entweder sagen, dass man sie und ihre Musik mag – oder sie einfach in Ruhe lassen.

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