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Vice Blog

Nein, nicht Major Tom

8.7.10

In der Zukunft wird vieles besser, aber wer Pech hat kriegt einen schlecht bezahlten Job auf dem Mond ab, wo er sich mit seiner schlimmen Einsamkeit, Schizophrenie und einem Roboter der sich anhört wie Kevin Spacey herumschlagen muss. So sieht zumindest die Zukunft in der Vision von Duncan Jones aus, der mit seinem ersten Film Moon endlich mal wieder einen Science-Fiction Film ohne blaue Affen und 3D abgeliefert hat. Und nur fürs Protokol sei erwähnt, dass Duncan Jones der Sohn von David Bowie ist, früher Zowie Bowie hieß, und Moon keine Verfilmung von Major Tom ist.

Moon handelt von Sam Bell, gespielt von Sam Rockwell, dem einzigen Bewohner der Mondbasis Sarang 1, der dort die Helium-3-Gewinnung als Angestellter eines Energiekonzerns für ein paar Monate in absoluter Isolation überwacht. Helium 3 ist sowas wie der goldene Schlüssel aller unserer Energie-Probleme und versaut einem zudem nicht das Meer. Aber was schreibe ich hier, ein Trailer sagt mehr als fünf weiterer Sätze.

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Der Film hat nur 5 Millionen Dollar gekostet und meiner Ansicht nach ein brilliantes Stück Science Fiction. Auch wenn er nicht in 3D ist. Aber davon bekomme auch ich Kopfschmerzen.

VICE: Gerade erlebt Science-Fiction ja so eine Art Revival, aber dein Film Moon hat mich beim Ansehen ehen eher an recht klassische Science-Fiction-Stoffe, wie von Stanislav Lem oder Philipp K. Dick erinnert…

Duncan Jones: Ja, als ich mich zum ersten mal mit Sam Rockwell traf, wollten wir eigentlich über einen ganz anderen Film sprechen, den wir zusammen machen wollten, aber dann begannen wir über Filme zu diskutieren, die uns beim Ansehen am meisten Spaß bereiten, und stellten fest, dass es Science-Fiction Filme aus den späten 70er und frühen 80er Jahren sind. Filme wie Outland, Silent Running, Alien von Ridley Scott. Besonders Sam liebt diese Periode, in der sich Science-Fiction um normale Büroangestellte dreht und ohne übersteigerte Helden auskommt. Ich glaube man merkt auch bei Moon eben diesen Retro-Hintergrund.

Und was ist dein Lieblings Science-Fiction-Film?

Ich bin ein großer Fan von Blade Runner, nicht unbedingt so sehr von der Story, oder der schauspielerischen Leistung, sondern von der gesamten, dort geschaffenen Welt. Wenn man die Kamera in Blade Runner nur ein klein wenig nach links oder rechts schwenken würde, würde man sich noch immer in dieser Welt befinden. Ich hoffe eines Tages auch einen Film zu drehen, der sich in einer so in sich geschlossenen Welt abspielt.

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Moon war ja im Vergleich zu anderen Filmen mit fünf Millionen Dollar Produktionskosten spottbillig, musstest du dich irgendwo einschränken, was Spezialeffekte anbelangt?

Irgendwie haben wir rückwärts gearbeitet. Mein Produzent Steuart Fenegan, mit dem zusammen ich zuvor bereits Werbespots gemacht hatte und ich wussten, dass wir irgendwann einmal einen Spielfilm machen wollen. Also legten wir fest, wie viel Geld wir dazu benötigen würden und als wir das zusammengesammelt hatten, arbeiteten wir uns rückwärts zum eigentlich Projekt und der Umsetzung vor und da das gesamte Projekt um das Budget herum konzipiert war, glaube ich nicht, dass wir irgendetwas nicht machen konnten.

Was war dann der am schwierigsten umzusetzende Effekt bei Moon?

Ich glaube, ohne nun zuviel verraten zu wollen, das technisch anspruchsvollste war, es hinzubekommen, dass Sam mehrere Rollen parallel spielt. Wir hatten zwar das Timing während der Proben ausgearbeitet, aber das physikalische und der praktische Aspekt davon und dass Sam mit dem anderen Sam interagieren muss, war schwer zu bewerkstelligen. Wir wollten es so hinbekommen, wie Cronenberg in Dead Ringers oder Spike Jonze in Adaption, in dem Nicolas Cage eineiige Zwillinge spielt. Wir haben diese Filme also wie verrückt studiert und es schließlich auch geschafft.

Wie lief eigentlich die Arbeit mit Kevin Spacey, der ja nur eine Sprechrolle als Roboter hat, ab?

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Kevin Spacey hat das Drehbuch gelesen und war sofort sehr aufgeregt, aber gleichzeitig wurde er auch ziemlich nervös, als er von unserem Budget hörte. Er sagte uns also, dass das Projekt zwar sehr ambitioniert sei, er aber nicht glaubt, dass wir es mit diesem geringen Budget ordentlich bewerkstelligen könnten. Also meinte er, wir sollen den Film drehen und er würde sich dann entscheiden. Wir hatten also null Sicherheit, oder Garantien dafür, dass Kevin Spacey die Stimme von GERTY übernehmen würde. Also drehten wir den Film, machten eine Grobfassung davon und zeigten ihm, wie der Film aussehen würde. Er war dann auch sehr hin und weg von Sams schauspielerischer Leistung, also waren wir mit Kevin etwas essen und haben dann fünf Stunden lang seine Stimme aufgenommen. Das wars.

Sam ist da oben auf dem Mond ja ziemlich isoliert und muss für das Lunar-Industry-Konglomerat schufften. Sie agieren ja ziemlich menschenverachtend, ich musste also zwangsläufig an die Finanzkrise und BP denken, sowie deren Scheiße im Golf von Mexiko…

Ja, das ist interessant, BP ist ein Energiekonzern, der sich fossiler Brennstoffe bedient und Lunar Industries nutzt Helium 3, das in der Zukunft für Fusionsenergie genutzt wird, es ist also ein grüner Energiekonzern, irgendwie ist das alles ziemlich witzig und ironisch…

Der Film spielt ja ausschließlich auf dem menschenleeren Mond, hast du eine Vision, wie die Erde in dieser Zukunftsvision aussieht?

Absolut, mein neues Projekt Mute wird auf der Erde spielen und Idee ist, dass der Film auf der gleichen Zeitebene und im selben Universum wie Moon spielen soll. Sam Rockwell wird darin dann auch einen kleinen Cameo-Auftritt als Sam Bell, den wir aus Moon kennen, haben. Und du wirst sehen können, wie Berlin in der Zukunft aussehen wird.

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Du bist ja auch teilweise hier in Berlin aufgewachsen…

Ich lebte in den späten 70ern in Berlin, damals stand ja auch noch die Mauer, aber seitdem bin ich ein paar Mal zurückgekommen und die Stadt verändert sich einfach wahnsinnig schnell, die ganze Zeit. Das ist aufregend, besonders durch die konstante Zuwanderung und da sie eine Art Kreuzung zu Osteuropa ist, ist Berlin für mich die Stadt mit dem größten Potenzial etwas anderes zu werden. Ich bin selbst gespannt, wie Berlin in Mute aussehen wird und wenn ich mir die Frage stelle, was das europäische Äquivalent zu Blade Runner ist, dann ist das Berlin.

Berlin ist für mich jetzt schon eine grässliche Dystopie einer Stadt, wird die Zukunft noch schlimmer?

Es wird eine realistische Vorstellung sein. Das hoffe ich zumindest. Ich denke zum Beispiel auch nicht, dass Blade Runner eine Dystopie ist - es ist schmutzig, es ist geschäftig, aber so sieht eine Stadt einfach aus. Das selbe möchte ich mit Berlin hinbekommen, ich möchte, das Berlin realistisch ist und ein Ort, an dem Menschen leben, nicht wie in Minority Report, wo alles von Apple entworfen zu sein scheint und schön ist. Ich will es realistisch.

Okay, wann können wir einen Blick in die Zukunft Berlins werfen?

Es wird noch etwas dauern, gerade habe ich Source Code mit Jake Gyllenhaal fertig geschnitten, was mein erster Schritt in die Welt Hollywoods war. Ich hoffe also, dass ich Moon und Source Code als eine Art Sprungbrett für ambitioniertere Projekte nutzen kann.

Ein Obdachloser aus Berlin auf dem Mond.

Und dann Blockbuster drehen wie Avatar?

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Ich glaube Avatar ist eine großartige Leistung, aber meiner Meinung nach nicht unbedingt der beste Film von James Cameron. Er hat in solchen Dingen wie Geschichte und Charaktere weitaus bessere Filme, wie zum Beispiel Aliens oder Terminator 2 gedreht, Avatar kommt da bei weitem nicht ran. Außerdem bin ich kein Fan von 3D. Ich trage eine Brille und wenn ich darüber auch noch eine dieser 3D-Brillen setze, bekomme ich Kopfschmerzen. Aber vielleicht sollte ich es mal mit Kontaktlinsen probieren.

So, die letzte Frage. In jedem Interview mit dir lese ich diese Fragen nach dem Zusammenhang zwischen dem Lied deines Vaters, Major Tom und Moon, den sich Journalisten zusammenreimen. Ist das nicht grässlich frustrierend?

Nein, nicht wirklich. Moon ist mein erster Film und ich verstehe voll und ganz, dass meine Familie an diesem Punkt meiner Karriere viel interessanter ist, als meine Arbeit. Aber hoffentlich hört das Interesse der Leute, nachdem ich drei oder vier Filme gedreht habe irgendwann auf und sie interessieren sich von da ab für meinen Arbeitskanon.

Moon startet am 15.7.2010

Foto von Duncan Jones: Rodene Ronquillo