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Vice Blog

Interview mit einem Typen der eigentlich keine Interviews gibt

Drinnen war noch nichts los, also saß ich draußen, vor dem Club Maria am Ufer und begann etwas eigentlich sehr selbstverständliches zu beobachten
6.7.10

Drinnen war noch nichts los, also saß ich draußen, vor dem Club Maria am Ufer und begann etwas eigentlich sehr selbstverständliches zu beobachten: den Türsteher, wie er die einen Leute reinließ und die anderen wiederum nicht. Mir war ein bisschen langweilig, also testete ich mein Türsteherpotenzial und versuchte die Chancen der Leute schon richtig abzuschätzen, bevor sie vom echten Personal bewertet wurden.

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Am Anfang war meine Quote noch ganz gut, aber das erwies sich schon bald als Anfängerglück und mit der Zeit lag ich bei den pikanten Fällen fast immer daneben. Irgendwie wollte es mir nicht so richtig gelingen sein System zu durchschauen. Also ging ich hin, stellt mich vor und fragte nach einem kurzen Interview. Er lehnte sofort und sehr bestimmt ab. Keine Chance. Aber der Typ ist nett. Wir kommen ins Gespräch und mir gelingt es unauffällig an meinem Handy rumzuspielen und den Aufnahmemodus zu aktivieren. In dem Moment kommen drei fette Spinner vorbei, der eine trägt ein Tanktop, ein eisernes Kreuz um den Hals und eine von diesen Army-Gummibund-Hochwasserhosen, die seine ganze widerliche Beinbehaarung offenlegt. Die anderen beiden wirken eher unscheinbar. Zum Glück werden sie gleich wieder weggeschickt.

Vice: Hi. Warum hast du die Typen gerade nicht reingelassen?

Türsteher: Sein Outfit hat mir nicht gepasst.

Warum?

Das sah einfach scheiße aus. Überhaupt, dieser ganze Armystyle.

Wie lang brauchst du um zu entscheiden wer reinkommt und wer nicht?

Ich mache das jetzt schon so lange, das dauert nicht viel länger als zwei Sekunden. Manchmal drehe ich mich dann aber auch noch mal um und denke mir, "den hast du jetzt nicht echt reingelassen?!"

Rennst du dann hinterher?

Nee, drin ist drin.

Ein Typ im Deutschlandtrikot kommt an. Er wird nur "ausnahmsweise" reingelassen.

Was war da jetzt das Problem?

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Na angenommen da drinnen warten ein paar Argentinienfans, da gibt's möglicherweise gleich 'ne Schlägerei. Und dann habe ich hier draußen ein Problem. Überhaupt sollte die Kleidung eher neutral sein und nicht irgendwelchen Gruppen zugehörig. So was provoziert nur und das ist das Letzte, was wir hier wollen.

Hätte er nach Hause fahren und sich umziehen können?

Ich glaube ja fast nicht, dass er noch was Schöneres im Kleiderschrank hat. (lacht) Aber klar, warum nicht?

Nach welchen Kriterien entscheidest du denn hauptsächlich?

Das sind Dinge, die ein Türsteher besser für sich behält. Ansonsten tanzen bald alle in ein und dem selben Style an und denken, ich lasse sie deswegen rein.

Na dann wäre das Ziel doch erreicht. Oder geht es um noch andere Dinge als die Kleidung?

Na ja. Unser Ziel ist, dass die Leute individuell bleiben, wir wollen hier nicht tausend Jungs in hellblauen Röhrenjeans, auf gar keinen Fall. Ein gepflegtes Äußeres und nicht zu provokante Kleidung, das ist ein Maßstab. Aber eben auch kein Langweilerstyle, man muss die Mitte finden.

Hört sich ganz schön schwer an.

Ist es aber nicht. Eigentlich kann man nicht viel falsch machen. Einen nett aussehenden Kerl in schwarzer Hose und T-Shirt habe ich noch nie wieder nach Hause geschickt. Weißt du, "Kleider machen Leute"—jemand der sich aufsehenerregend kleidet, der wird auch drinnen auf dicke Hose machen. Einer der eher dezent, aber auch gern ein bisschen schick, vielleicht ein wenig jugendlicher aussieht ist mir tausendmal lieber als irgendein Poser. Und dafür wird er an genau dieser Tür belohnt.

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Geht es auch um gesellschaftlichen Rang oder ob jemand nach Geld aussieht?

Wenn sie den Eintritt bezahlen können ist alles drin. Eher wichtig ist das Geschlecht. Jedenfalls manchmal. Wenn wir zum Beispiel einen Abend haben, bei dem noch nicht so viele Mädchen gekommen sind und uns dann hier fünf angesoffene Schwänze antanzen, dann kommen die nicht rein.

Aber als hübsches Mädchen hast du immer eine gute Chance, oder?

Solange du nicht zu nuttig angezogen bist oder eben irgendwie, wie es mir nicht passt, dann ja.

Würdest du dich selbst reinlassen?

Darum geht es nicht.

Ein edel gekleideter und gegelter Typ im weißen Rüschen-Hemd wird nicht reingelassen. Er regt sich tierisch auf, seiner Freundin ist das sehr unangenehm.

Warum hast du die nicht reingelassen, sie sah doch eigentlich ziemlich OK aus und der Typ doch auch?

Das sind diese aggressiven südländischen Typen. Ich habe einfach gespürt, dass der nicht ganz sauber ist. Der Beweis war seine Reaktion auf meine Abweisung. Der hätte dieselbe Show dann bei der kleinsten Berührung drinnen im Club abgezogen.

Du spürst das Aggressionspotenzial der Leute?

Klar. Du merkst genau, wer einen schönen Abend haben will und tanzen und wer sich nur die Birne zukippen und eine Schlägerei anzetteln wird.

Gibt es oft gewalttätige Zwischenfälle?

In letzter Zeit nicht mehr so häufig. Bis auf die Bullenrazzia 2007.

Bullenrazzia?

Ja, die Bullen sind hier reingestürzt, haben ihre Waffen gezogen und alle mussten auf den Boden. Es ging um angeblichen Drogenhandel. Am Schluss haben ihre Spürhunde zwölf Leute mit Drogen auffliegen lassen. Die hatten aber alle auch nur ganz geringe Mengen bei sich.

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Heftig. Hatten die Bullen überhaupt den richtigen Style?

Nein, aber die musste ich so oder so reinlassen.

Eine ältere Frau, die ein bisschen meiner Großmutter ähnlich sieht kommt rein.

Warum kam die denn jetzt rein, war die nicht etwas zu bieder?

Nein, die feiert oft mit uns und hat noch nie Ärger gemacht. Manchmal geht sie mit irgendwelchen Kerlen im Arm wieder raus.

Wie bitte?

Klar, die hat auch ein Recht auf Party. Außerdem finde ich es ganz gut, wenn wir gemischte Altersgruppen da drin haben. Die Partys beginnen auch immer erst gegen zwei, damit nicht so viele Teenies kommen.

Also ich bin auch erst 18, lässt du mich trotzdem rein?

Geht klar.

Kriege ich noch ein Foto von dir?

Ich würde dir nicht mal ein Interview geben.

Er kam rein. Sein Bart auch.

Sie kam rein. Ihr Bart auch.

Raymond hat auch einen Bart und Ray kam auch rein. Das Foto sieht ein bisschen rötlich aus, fast so, als wäre der Fotograf zu dämlich gewesen den Blitz zu aktivieren und hätte dann in einem hilflosen Photoshop-Versuch an den Farbchannels rumgespielt. Das ist natürlich falsch, die Wahrheit ist: Ray strahlte eine gewisse rötliche Radioaktivität aus. Ich bin sehr froh, dass ich ein Foto von ihm habe, er hat getanzt wie Alf auf halogenen Substanzen und um 6 den ganzen Floor vollgekotzt.