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Wir haben das Magazin "Let's Tube" gelesen, damit ihr es nicht müsst

Laut des Magazins bist du ohne coole Klamotten gar nichts und Bibi hatte eine Liebespanne im Panama-Urlaub.

von Sofia Faltenbacher
17 Juli 2016, 9:01am
Letzte Woche rannte mich ein Mädchen mit Selfie Stick um. Sie war auf der YOU, der Messe für Jugendkultur in Berlin. In den Hallen waren Spielautomaten aufgereiht und YouTuber sangen auf der Bühne. An einem Wochenende auf der Messe entstand gefühlt mehr Foto- und Videomaterial, als im kompletten 20. Jahrhundert. Ich bin selbst 20 Jahre alt und damit nicht älter als viele Besucher. Aber ich hatte wenig Lust, mich minutenlang selbst mit dem Handy zu filmen, wie manche der Mädchen mit bunt gefärbten Haaren. Was ich von dem Wochenende mitnahm, war die Information, dass die Berliner Polizei auf Snapchat ist, und ein Magazin: das YouTube-Spezial der Zeitschrift Popcorn.

Seitdem liegt das Heft in unserer WG-Küche. Keiner läuft hier mehr vorbei, ohne heimlich nachzulesen, wie Bibis und Julians Liebespanne im Urlaub ausging. Aber beginnen wir ganz vorne. Das Magazin berichtet "hautnah" und "exklusiv" von den Stars, deshalb gibt es natürlich Bilder der YouTuber mit den Reporterinnen.

Unter einem Bild steht: "Julia selfied Liont!". Ich wundere mich, dass ich das Wort "selfien" nicht kenne. Hat die Popcorn ein größeres, moderneres Vokabular als ich? Müsste es auch dann nicht "selfiet" heißen, wenn "selfien" ein deutsches Verb ist und konjugiert wird? Die Suche im Duden beendet mein Raten: "selfien" gibt es bisher nur bei Popcorn, in der offiziellen deutschen Sprache aber nicht.

Es folgt das "MEGA-EXTRA", die "32 COOLEN CHALLENGE–CARDS". Die Nummer mit dem Brot im Ehebett der Eltern ist gar nicht schlecht. Aber was soll der Rest? Ich frage mich: Wissen 12-Jährige, was ein Lapdance ist? Der Psychotest im Heft liefert die Antwort: Wahrscheinlich wissen es die 12-Jährigen aus Malle. Da fahren sie nämlich—glaubt man der Antwort-Möglichkeit—immer hin, um eine Woche durchzufeiern. So stellt sich die Redaktion also die Jugend vor.

Psycho-Test: Welcher YouTuber könnte dein Boyfriend sein?

Jetzt aber endlich, die große Top-Story: Bibi & Julian, Liebespanne im Panama-Urlaub. Sie waren nicht dort, um Briefkastenfirmen zu gründen—obwohl sich das bei ihrem Gehalt wahrscheinlich lohnen würde. Sie waren da, um zu feiern, dass sie schon "sieben Jahre zusammen und immer noch soooo happy" sind, wie im Teaser zu lesen ist. Zunächst fragt man sich, wie viele Anläufe sie in diesem Urlaub gebraucht haben, um diese Fotos zu machen:

"Es war echt wie verhext: Der Ring wollte einfach nicht passen."

Das große Glück wurde aber von einer großen Panne überschattet: Julian hat Bibi einen Ring geschenkt—aber er passte nicht. Dramatisch. Jetzt ist man schon zu tief in der Teenie-Magazin-Welt drin, um das Heft wieder wegzulegen.

Der alte BRAVO-Spirit ist geweckt: Die nächste Fotolove-Story wird bestimmt ein weiterer Hit! Mit großen Hoffnungen blättere ich also weiter.

Sami Slimani und Topmodel Steffi Giesinger: HASTE STYLE BISTE GEIL

Nach zwei Seiten dann aber die Offenbarung: "Haste STYLE, biste GEIL" lautet die Überschrift. Aha. Coole Klamotten sind die Lösung auf alles, vor allem, wenn sie von YouTubern entworfen wurden. Die Message: Ohne Geld für diese Klamotten bist du leider nicht geil. Pech gehabt.

Bitte lasst es stimmen, dass Sami Slimani uns alle verarscht. Tatsächlich müssen wir aber leider davon ausgehen, dass dieses Interview ernst gemeint ist. Der sonst für seine überdrehte Lebensfreude bekannte YouTuber macht in letzter Zeit auf seriös: Nachdenklich stellt er im Video Blaubeer-Porridge und Mango-Smoothie vor—oder kündigt wie hier seine Modestrecke an.

Nach diesem Schock gibt es Tipps: Do's und Don'ts beim Selfie machen. Ich lerne: Voll im Trend liegt "Lässig wegschauen!"—wie Bibi im Traumurlaub in Panama. Ein Don't ist laut Magazin das "Pic von unten". Der Grund: "Doppelkinn-Alarm. Nicht sexy ..." Sexy sein ist mit 12 schließlich verdammt wichtig.

Die Idee eines Magazins über YouTuber ist eigentlich gar nicht so blöd. Schließlich gibt es tatsächlich wichtige Themen, mit denen die Szene sich auseinandersetzen sollte: "Die deutsche YouTuber-Szene ist sexistischer als jede Mario Barth Show". Wir hoffen auf die nächste Ausgabe.

Sofia legt das Magazin jetzt weg. Ihr findet sie auf Twitter.

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