Anzeige
Sex

Ich habe meine Eltern mein Onlinedating-Profil ausfüllen lassen

Und es kam viel besser an als mein eigenes.

von Maria Wehgner
09 August 2016, 4:00am
Titelfoto: Das ist das Profil, das meine Eltern für mich angelegt haben | Foto: Screenshot

Onlinedating ist ein Art Videospiel. Nur dass man nicht um Rekorde zockt, sondern um Menschen, mit denen man eventuell schläft oder sein Leben verbringt. Das hat mal eine Freundin von mir gesagt. Wenn es dabei darum geht, dreitagebärtige Berlin-Klischees an Land zu ziehen, erreiche ich bei diesem Spiel den Highscore. Mein OkCupid-Profil zieht sie magisch an, all die dürren Kerle mit kuratiertem Musikgeschmack und interessantem Haupthaar.

Es lockt natürlich—wie bei jeder Frau, die sich in die Abgründe des Onlinedatings begibt—auch eine Menge unschöner Prototypen an, eine Horde Langweiler, die "Na du?" für einen guten Gesprächseinstieg halten, und ein paar obligatorische Creeps. Unter anderem den Gentleman, der mit folgenden poetischen Versen um mich buhlte: "Sperma, oh Sperma, du Sperma in der Hos'/ Sperma, oh Sperma, wie werde ich dich los?"

Die Mischung meiner Fotos im schönen Nachmittagslicht und die lockerleichten, selbstironischen Selbstbeschreibungen verschaffen mir zwar jede Menge Zuspruch, aber irgendwie nicht den richtigen Kerl. Eine Zeit lang diskutierte ich mit den Berlin-Klischees ganz gern über obskure DJs und wachte ein paar Mal in ihren tätowierten Armen auf. Anderseits: Sie flirteten mit Emojis, hatten dünne MacBook Airs, dicke Egos und nie Frühstück zu Hause. Irgendwann hatte ich genug von bindungsscheuen Typen und ihren bohemischen Lebensentwürfen (bohemisch in dem Sinne, dass ihre Eltern immer noch ihre Miete bezahlten). Aber ich landete immer wieder bei ihnen. Ich hatte offensichtlich ein festgefahrenes Datingmuster und die Art und Weise, wie ich mich online darstellte, half nicht unbedingt dabei, es zu durchbrechen.

Deswegen beschloss ich, mein Profil von den aufrichtigsten Menschen überarbeiten zu lassen, die ich kenne: meinen Eltern. Sie zierten sich ein wenig ("Wir verstehen nichts von Onlinedating! Wir sind so lange zusammen, dass wir unsere Liebesbriefe noch in Hieroglyphen in Stein gemeißelt haben!"), am Ende willigten sie aber ein. Schließlich wollen sie das Beste für ihre Tochter: die wahre Liebe oder wenigstens keinen Tripper.

Versteht mich nicht falsch: Meine Eltern haben einen tollen Humor. Aber wenn sie etwas anfangen, nehmen sie es sehr ernst. Auch mein Datingprofil. Um es auszufüllen, setzten sie sich ins Wohnzimmer, dann ihre Brillen auf und öffneten eine Flasche Wein. Als sie mir das Ergebnis präsentierten, war ich baff. Wer soll jemals mit dieser Frau ausgehen wollen?

Meine Kurzdarstellung: Ich bin ein vielfältiger, energischer, ambitionierter, zielstrebiger Mensch, der einen guten Eindruck hinterlässt.
Das mache ich mit meinem Leben: Ich habe eine verantwortungsvolle Arbeit, die für mich sorgt.
Ich kann richtig gut: Das Beste aus dem Leben herausholen. Ich interessiere mich ehrlich für meine Mitmenschen.

Es war nicht einmal so, dass das, was sie schrieben, nicht stimmte. Ich habe einen Job, über den ich mir (zu) viele Gedanken mache, und eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wo mein Leben hingehen soll. Aber ihr Werk las sich wie ein verkrampftes Motivationsschreiben für eine Stelle als Ehefrau: Ich bin kein Soziopath, höre dir gut zu und bringe außerdem noch Geld nach Hause!

Die sechs Dinge, ohne die ich nicht leben könnte: Zahnbürste, menschliche Wärme, Bücher, meine Familie, meine Eltern, Gesundheit.
An einer Freitagnacht: Gehe ich auf die Walz oder bleibe gemütlich im Bett mit einem Buch.
Du sollst mir schreiben: Wenn du ein netter, verantwortungsvoller Mensch bist. Und kein Idiot.

Ich dachte: genau, Eltern, ohne die ich mir mein Leben nicht vorstellen kann. Und der letzte Satz wird sicherlich alle Deppen ohne ernste Absichten vergraulen! Wenn sie nicht vorher schon von der Verkrampftheit meines Profils abgeschreckt sind.

Paradoxerweise suchten meine Eltern als Profilbild eines der am wenigsten bekleideten Fotos aus, die sie auf meinem Rechner fanden ("Du siehst darauf so schön und nachdenklich aus!") Ich fürchtete eine Flut schmieriger Nachrichten, aber ließ sie gewähren. Immerhin haben sie es geschafft einen Partner zu finden, mit dem sie schon über 30 Jahren zusammen sind.

Als mein halbnacktes, strunzlangweiliges Ich online ging, war ich von drei Sachen erstaunt. Erstens: Innerhalb eines Monats drückten fast 1.500 Menschen bei meinem Profil auf "Like"—viel mehr als bei dem Profil, das ich selbst ausgefüllt habe. Dabei hatten die Fotos, die ich dafür benutzt habe, dieselbe Ästhetik. Sie waren von derselben Fotografin und zeigten genauso wenig mein Gesicht.

Die meisten sprachen mich auf mein Bild an | Foto: Screenshot

Ich fühle mich nicht wohl beim Gedanken, dass sich Menschen mein Gesicht auf ihre Rechner runterladen konnten, die mir Sachen schreiben wie: "I'm not creep or pervert just a genuine guy. I can even make you squirt if the connection is right". Deswegen schicke ich meine Visage nur Männern, mit denen ich mich eine Weile unterhalten habe.

Zweitens: Der Prozentsatz der Idioten, die mich kontaktierten, war nicht viel höher als sonst. Inzwischen glaube ich, dass jede Frau unheimliche Nachrichten bekommt, unabhängig davon, wie sie aussieht oder was sie anhat. In seinen schlimmsten Momenten ist OkCupid wie der Überrest einer Party um sechs Uhr morgens, auf der die niedersten Instinkte blank gelegt sind: im echten Leben durch Alkohol und Jetzt-ist-auch-alles-egal-Stimmung, im Internet durch die fatale Kombination aus Notgeilheit und Anonymität.

Einer der charmanten Gesprächseinstiege | Foto: Screenshot

Dritte Erkenntnis: Zwischen den üblichen Copy-Paste-Nachrichten und den Menschen, die sich offensichtlich nur mein Bild angeguckt haben, gab es tatsächlich welche, denen die Ernsthaftigkeit gefiel. Einer schrieb:

"Sehr sympathisches, tiefes Profil."

Ein anderer sagte:

"Also, ehrlich gesagt unterscheidet sich dein Profil schon sehr von anderen... Schon recht pragmatisch, aber trotzdem gefühlvoll."

Am besten würde meinen Eltern wohl diese Nachricht gefallen:

"Was du schreibst klingt unheimlich bewusst und ehrlich. Tatsächlich finde ich das so rar, dass ich dir dafür wohl einfach ein Kompliment machen will. Keine Sorge - ich bin kein verrückter Idiot, bin mir bewusst, dass wir uns hier auf einer simplen Onlinedating-Seite befinden und erwarte ehrlich gesagt auch keine Reaktion. Allerdings ist es selten, dass man hier was liest, woran man tatsächlich hängen bleibt."

Der Verfasser der letzten Nachricht, nennen wir ihn mal Mark, schien ein Guter. Ein Designer, der ohne das "Internet, Laufen, Äpfel, Stille und Wissen" nicht leben kann und, mit dem ich einen Lieblingsautor und die Liebe für die Prinzessinengärten in Berlin teile, wo wir uns letztendlich verabredeten.

Ich weiß nicht, wie viel davon der Verdienst meiner Eltern ist. Aber mit Mark konnte ich mich ohne krampfhaften Einstiegssmalltalk sofort unterhalten und viel lachen. Als ich ihm gestand, wer mein Profil ausgefüllt hat, und dass ich über das Experiment schreiben werde, war er nicht böse.

"Warst du nicht davon abgeschreckt davon, wie bierernst sich meine Beschreibung las?", fragte ich.

"Nein", sagte er. "Ich verstehe eher nicht, warum man in Berlin so viel Angst davor hat, seriös über seine Meinungen und Gefühle zu sprechen. Vor allem, wenn es um Onlinedating geht. Wie soll man sich ehrlich kennenlernen, wenn alles ständig lockerleicht sein soll?"

Das stimmt. Dadurch, dass meine Eltern geschrieben haben, dass mein Job mir wichtig ist, kann ich mich aufrichtig mit Mark darüber unterhalten, ohne das obligatorische "Ach, ich mach das nur, um die Miete zu bezahlen". Wir konnten uns schnell über unsere Familien unterhalten und darüber, was uns im Leben wichtig ist, anstatt erstmal eine Stunde lang über die Mietpreise in Neukölln zu reden, oder ob Belgrad oder Lissabon das nächste Berlin werden. Wahrscheinlich hat Mark Recht. Wenn ich meine Selbstbeschreibung und meine Gefühle in eine dreifache Schicht Ironie verpacke und mein Gegenüber dasselbe tut, macht es Intimität zwischen Fremden noch schwieriger, als sie ohnehin ist. Das Paradoxe an diesem Mechanismus ist: Um potentielle Partner nicht abzuschrecken, vermeiden wir Ernsthaftigkeit, obwohl wir alle nach jemandem suchen, der uns ernst nimmt.

Ich hatte übrigens Unrecht. Manchmal fruchtete die Idiotenwarnung meiner Eltern doch | Foto: Screenshot

Das Treffen mit Mark war um Welten besser als 80 Prozent der Dates, die ich normalerweise habe. Weiter passiert ist nichts, weil Mark sich entschlossen hat, ein Jobangebot in den USA anzunehmen und schon eine Woche später nach San Francisco zog. Danach habe ich mich noch mit einem Fotografen getroffen—einem tiefsinnigen Buddhisten, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob er mich auf meinem tatsächlichen Profil angeschrieben hätte. Auch da ging das Gespräch sofort tiefer als sonst. Ich habe daraus gelernt: Wer Onlinedating als ein Videospiel sieht, kommt tatsächlich nicht weit. Nur indem man sich angreifbar macht, indem man offenbart, was einem wichtig ist, schafft man auch Nähe. Ich weiß nicht, ob ich es meinen Eltern zu verdanken habe. Aber mit dem buddhistischen Fotografen habe ich ein zweites Date.