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Eine Organisation testet auf Festivals Drogen, um herauszufinden, was wirklich drin ist

Gemahlene Malariapillen machen als Ketamin die Runde. Beton-Pellets werden als Ecstasy verkauft. Ein Viertel der Menschen nimmt die Drogen nach dem Test nicht wieder mit.

von David Hillier
30 September 2016, 8:20am

Das Testzelt von Loop beim Secret Garden Party | Foto: Steve Rolles

"Jeder Versuch, die Drogenpolitik der Regierung zu ändern, ist, wie gegen den Wind zu pissen", sagt Fiona Measham im Backstagebereich des Secret Garden Party Festivals.

Als Mitbegründerin von The Loop, einer britischen Harm-Reduction-Organisation, wird sie es wohl wissen. The Loop arbeitet in Clubs und auf Festivals in ganz Großbritannien, um junge Freizeitkonsumenten aufzuklären. Von der Regierung, sagt Fiona, komme wenig Unterstützung.

Heute ist eine großer Tag für Measham, schließlich ist The Loop mit seinem ersten professionellen Drug-Checking-Projekt beim Secret Garden Party vertreten. In Großbritannien ist es die erste Initiative ihrer Art. Festivalbesucher können ihre Substanzen von The Loop testen lassen und anschließend entscheiden, ob sie sie behalten oder lieber wegschmeißen. Das Projekt ist das Ergebnis einer zweijährigen Planungsphase und wurde zusammen mit dem Festivalveranstalter Fred Fellowes, der örtlichen Polizei und der Wohltätigkeitsorganisation Transform Drug Policy konzipiert.

"Besonders toll daran ist, dass sich unsere Initiative der aktuellen Stimmung entgegenstemmt. Großbritannien wird zunehmend repressiv. Das hier ist reiner Pragmatismus. Es setzt sich mit der Realität auseinander und es ist fortschrittlich", sagt Steve Rolles von Transform. Auch er ist vor Ort und verständlicherweise aufgeregt. "Ich glaube, dass der Damm bald bricht und sich dieses Konzept bald ausbreitet. Ich hoffe allerdings, dass das hier in ein paar Jahren nicht nur das Optimum, sondern auch eine Voraussetzung für Veranstalter ist."

The Loop bei der Arbeit | Foto: Steve Rolles

Wie konnte ein solches Projekt aber überhaupt zustande kommen? Laura Hunt von der Cambridgeshire Police war die treibende Kraft seitens der Polizei für das Projekt. Sie arbeitet seit über zehn Jahren mit dem Secret Garden Party Festival zusammen.

"Wir haben als Polizei ein paar sehr einfache Aufgaben. Wir sollen die Schutzlosen schützen und Kriminalität bekämpfen", sagt sie. "Wenn du Menschen absichern kannst, die sich selbst durch den möglichen Konsum von Alkohol oder Drogen schutzlos machen, warum solltest du das dann nicht tun? Warum sollte ich einer Sache nicht zustimmen, die vielleicht ein Menschenleben rettet?"

Zweimal täglich teilen die Mitarbeiter von The Loop mit der Polizei endpersonalisierte Informationen zu ihren Funden. Im Zelt selbst ist aber keine Polizei präsent und die Beamten haben auch eingewilligt, niemanden zu kontrollieren, der das Zelt verlässt. Trotzdem stellt Hunt klar, dass Drogen immer noch illegal sind. "Das hat nichts mit Laissez-Fair zu tun", sagt sie. "Als Polizistin und Gesetzeshüterin muss ich ganz klar sagen, dass Drogenbesitz und Drogenbeschaffung strafrechtliche Vergehen sind und da müssen wir auch eine harte Linie fahren. Ich denke aber, dass beide Konzepte nebeneinander koexistieren können."

Die Maschine

Der Test an sich ist einfach—jedenfalls aus der Perspektive der Festivalbesucher. Sie geben eine winzige Menge ihrer Drogen in ein Plastiktütchen, überreichen es den Helfern und setzen sich dann 20 Minuten an die nächste Bar. In der Zwischenzeit wird die Probe durch den Hinterausgang des Zeltes zu einem anderen The-Loop-Mitarbeiter gebracht, der die Substanz dann mit einem 30.000 Euro teuren Gerät namens Fourier-Transformations-Infrarotspektrometer testet. Nennen wir das Gerät doch einfach "die Maschine".

Die Maschine scannt die Substanzen mit einem Infrarotlaser und sendet die Informationen an einen Computer. Untersucht werden Inhalt und Konzentration—letztere auf einer Skala von 0 bis 1.000. Zwanzig Minuten später kommen die Festivalbesucher zurück und nachdem sie Informationen über Alter, Konsumvergangenheit, den aktuellen Rauschzustand und andere Dinge abgegeben haben—alles anonym versteht sich—, wird ihnen mitgeteilt, was die Maschine entdeckt hat. Sie dürfen dann entscheiden, ob sie die Substanzen behalten oder lieber abgeben wollen. Falls sie sie behalten möchten, bekommen sie noch ein paar vorsichtige und einfühlsame Ratschläge zu ihren Substanzen mit auf den Weg.

Im Laufe des Samstagnachmittags werden 125 Proben zum Testen abgegeben—über den ganzen Festivalzeitraum sind es knapp unter 250. Measham ist über die Menge geradezu begeistert. Die bemerkenswertesten Resultate dieser Aktion: Ein Viertel der Menschen nimmt die Drogen nach dem Test nicht wieder mit. Gemahlene Malariapillen machen als Ketamin die Runde. Und Beton-Pellets werden als Ecstasy verkauft. "Das sind schlechte Drogen, die aus dem Verkehr gezogen werden. Es ist der perfekte Beweis dafür, dass das hier funktioniert", so Rolles.

Fünf Jungs und Mädchen aus Leeds zwischen 21 und 24 haben verdächtig aussehendes MDMA dabei, von dem sie sich in der Nacht davor alle übergeben mussten. "Ich habe es von einem Freund eines Freundes. Es ist sehr stark, aber hat eine komisch-sandige Farbe", sagt Sally.

Wie sich herausstellt, ist ihr MDMA nicht nur stark, sondern weist auch einen hohen Zuckergehalt auf—deswegen auch die sandige Beschaffenheit. Da die Maschine aber sonst nichts Unerwartetes entdecken kann, entscheidet sich die Gruppe, ihr Zeug zu behalten. Sie würden es jetzt aber langsamer angehen lassen.

Ein 19-Jähriger, der sein Ketamin testen lässt, sagt: "Ich habe es letzte Nacht probiert, aber es war sehr chemisch. Vielleicht ist es gestreckt, also wollte ich es testen lassen. Ich habe das Zeug vom Freund eines Freundes. Normalerweise mache ich mir bei Keta keine Sorgen, aber letzte Woche hatte ich eine schlechte Ladung erwischt." Doch auch er behält sein Pülverchen und macht sich sichtlich zufrieden auf in Richtung Bühne.

Foto: Steve Rolles

Gibt es auch Menschen, die partout nicht wissen wollen, was genau in ihren Drogen ist? Falls ihnen die Testergebnisse nicht gefallen, müssten sie ihre Substanzen schließlich abgeben oder könnten sie nicht guten Gewissens konsumieren. Für den Nicht-Hedonisten klingt das wahrscheinlich einfach nur fahrlässig, aber für den 20-Jährigen, der gerade seinen letzten Cent für ein paar Pillen ausgegeben hat und es sich nicht leisten kann, neue zu kaufen, steckt dahinter ein gewisse, verdrehte Logik.

"Unter Briten herrscht diese kulturelle Mentalität, sich so sehr abzuschießen, wie nur irgendwie möglich. Das hat viel mit Angeberei zu tun, was ziemlich beängstigend ist", sagt Gemma, eine der freiwilligen Helferinnen von The Loop. Als ich später einen Freund frage, ob er nicht sein Kokain testen lassen will, antwortet er: "Nein! Lieber nicht."

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