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Anwälte erzählen von den Fällen, die sie nicht mehr loslassen

"Wie kann man seinem Hund Wasser geben und dann das eigene Kind komplett vergessen?"

von Sandrine Issartel
06 Oktober 2016, 4:00am

Bild: Wikimedia Commons | Public Domain

Es gibt viele Gründe, Anwalt zu werden. Manche Leute machen es wegen der schicken Roben, andere wollen eher, dass den unglückseligen und geknechteten Mitgliedern unserer Gesellschaft Gerechtigkeit widerfährt. Aber ganz egal, welche Motivation sie antreibt, die meisten Anwälte haben mindestens einmal in ihrer Laufbahn einen richtig komplizierten oder schrecklichen Fall. Da ich mehr über genau solche Fälle erfahren wollte, habe ich fünf Juristen kontaktiert und sie darum gebeten, mir von den menschlichen Horrorgeschichten zu erzählen, die sie nicht mehr loslassen.

"Das Böse kann man erklären, Wahnsinn nicht immer"

Nicolas Pasina arbeitet als Anwalt in Frankreich und erinnert sich an den Fall einer 35-Jährigen, die angeklagt war, weil sie einen Richter niedergestochen hatte. Am 5. Juni 2007 verkündete der Richter, dass er die Pflegeunterbringung von Fatiha B.s drei Jahre altem Sohn verlängert. Daraufhin zog sie ein 20 Zentimeter langes Küchenmesser aus ihrer Tasche und stach zu. Der Richter wurde mit mehreren Stichwunden in der Bauchgegend ins Krankenhaus gebracht. Zum Glück hat er überlebt. "Die Frau ist ziemlich klein, nicht mal 1,50 Meter. Und dennoch konnte sie niemand aufhalten, als sie auf den Richter losging. Und dabei ist ihr Partner ein knapp zwei Meter großer Metzger", erzählt Pasina.

Der Anwalt scheint fest davon überzeugt zu sein, dass seine Klientin nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten war: "Sozialarbeiter haben mir davon berichtet, wie sie in den Wochen vor der Verhandlung glaubte, mit Michael Jackson sprechen zu können." Im April 2010 trat Fatiha B. dann erneut vor einen Richter—dieses Mal wegen versuchten Mordes.

Der Fall verlangte Pasina alles ab, denn seine Klientin stand während der Verhandlungen unter Medikamenten und war nicht in der Lage, sich zu verteidigen. Und von den vier Psychiatern, die B. untersucht hatten, kam nur einer zu dem Schluss, dass sie während des Angriffs nicht ganz bei Sinnen war. "Wir mussten gegen die anderen drei Psychiater richtig ankämpfen, weil die darauf bestanden, dass es ihr gut ging. Ihr ging es jedoch garantiert nicht gut. Während der gesamten Verhandlung starrte sie unentwegt gegen die Wand und wippte mit ihrem Oberkörper vor und zurück. Der Staatsanwalt forderte eine Haftstrafe von 13 bis 15 Jahren und letztendlich wurde sie tatsächlich zu 13 Jahren hinter Gittern verurteilt. Unsere Berufung brachte auch nichts." Pasina findet dieses Urteil unfair und er ist der Meinung, dass tatsächliche Gerechtigkeit nicht existiert. "Psychische Krankheiten machen uns Angst. Das Böse kann man erklären, Wahnsinn nicht immer."

"Wie kann man seinem Hund Wasser geben und dann das eigene Kind komplett vergessen?"

Am 19. Juni 2013 starb im französischen Toul ein neun Monate altes Mädchen aufgrund eines massiven Flüssigkeitsmangels. Laut den Gerichtsmedizinern hatte das Kind in einem unbelüfteten Zimmer bei Temperaturen von bis zu 30 Grad geschlafen und schien vor dem Tod auch 12 bis 15 Stunden lang nichts getrunken zu haben. Am Tag davor hatte der Vater, der damals 25 Jahre alt war, das Mädchen außerdem in der knallenden Sonne im Kinderwagen spazieren gefahren. "Ich stellte direkt die Frage, wie die Eltern so etwas zulassen konnten", sagt Gregoire Niango, der als Rechtsbeistand für den älteren Bruder des verstorbenen Mädchens fungierte. "Mir will das einfach nicht in den Kopf gehen. Wie kann man seinem Hund Wasser geben und dann das eigene Kind komplett vergessen?"

Die Gerichtsverhandlung fand im Oktober 2015 statt. "Während des Prozesses träumte ich jede Nacht von dem Fall. Sie haben ihr eigenes Kind aus Faulheit verdursten lassen. Das ist für mich unvorstellbar", erzählt Niango immer noch ungläubig. Dann gesteht er, dass er sogar kurz vor einem Wutanfall stand, als er dem Vater folgende Fragen stellte: "Ist Ihr Hund gestorben? Ist Ihr Fisch gestorben? Ist Ihr Kind gestorben?" Der Angeklagte, der bis zu diesem Zeitpunkt relativ gefasst war, brach daraufhin in Tränen aus. "Es tat richtig gut, ihn weinen zu sehen, weil er so wieder menschlich wirkte", sagt Niango. Der Richter verurteilte das Pärchen schließlich zu fünf Jahren Gefängnis.

"Ich konnte mich kaum richtig auf den Fall konzentrieren und vor der Gerichtsverhandlung weder schlafen noch essen"

Im April 2015 verteidigte Frédéric Berna einen 40 Jahre alten Mann, dem man vorwarf, sein Baby getötet, seine Tochter vergewaltigt, seine Freundin mit einer Taschenlampe erschlagen und sich anschließend noch an der Leiche vergangen zu haben—und das alles in nur einer Nacht. Ein schreckliches Verbrechen, für das der Angeklagte auch zu einem Leben hinter Gittern verurteilt wurde. Dieser Fall war für Berna jedoch nicht der schwierigste. "Einen absoluten Bastard zu verteidigen, den die Öffentlichkeit als Monster wahrnimmt, ist gar nicht so schwer. Da schaltet sich nämlich der praktische Verstand ein und man denkt sich: 'Ich mache hier nur meinen Job.' Komplizierter wird es, wenn man einen Klienten verteidigt, für den man gewisse Sympathien entwickelt", erklärt Berna.

So erinnert er sich an den Fall eines jungen Häftlings, dem vorgeworfen wurde, zusammen mit einen anderen Häftling den gemeinsamen Zellenkumpanen zu Tode gefoltert zu haben: "Das war noch ein ganz junger Kerl, der gerade in ein Erwachsenengefängnis gekommen war. Irgendwie mochte ich ihn direkt." Sébastien Schwartz teilte eine Zelle mit Johnny Agasucci (einem 26-jährigen Maler, der aufgrund eines Drogendeliktes saß) und Sébastien Simonet, der einen anderen Insassen gefoltert hatte und auf seinen Prozess wartete. Letztgenannter besaß die Angewohnheit, seine Zellengenossen mit einem Eisenstab zu "markieren" und galt im Gefängnis als Unruhestifter.

Am Abend des 25. Augusts 2004 fand man Agasucci tot in dessen Zelle auf. Ihm war wiederholt in die Magengegend und in den Schritt geschlagen worden. Außerdem hatte man ihn mit einer Gabel malträtiert. Seine Arme waren hinter seinem Rücken gefesselt und ein Seil hing um seinen Hals. Natürlich machte man direkt die Zellenkumpanen für das Verbrechen verantwortlich.


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Schwartz beschrieb der Polizei seine Version der Geschichte und beteuerte immer wieder, nicht schuld zu sein. Und seine Aussage schien auch mit den Ergebnissen der Autopsie übereinzustimmen. "Schwartz ist ein kleiner Kerl mit einer Körpergröße von nur knapp 1,60 Metern und einem Gewicht von 54 Kilogramm. Außerdem schien er aufgrund der Ereignisse vollkommen traumatisiert zu sein. Er hatte Agasucci nur auf Anweisung von Simonet verprügelt", erklärt Berna. "Für mich war er mehr Opfer als Verdächtiger. Er hatte das alles nur gemacht, weil er um sein eigenes Leben fürchtete." Schwartz kam vor der Verhandlung wieder auf freien Fuß, fand eine Arbeit, zog mit seiner Freundin zusammen und gründete eine Familie.

Der eigentliche Prozess ging dann im Januar 2009 über die Bühne. Simonets Verteidiger versuchte, Schwartz die komplette Schuld in die Schuhe zu schieben. "Ich verspürte einen extremen Druck, denn Schwartz war für mich schon so etwas wie ein Sohn geworden. Ich konnte mich kaum mehr richtig auf den Fall konzentrieren und vor der Gerichtsverhandlung weder schlafen noch essen", erinnert sich Berna. "Als dann mein Schlussplädoyer anstand, war ich aufgrund meiner Versagensängste fast wie gelähmt. Ich richtete mich an die Geschworenen und erzählte ihnen von mir und auch davon, wie mich dieser Fall verändert hat. Als ich fertig war, setzte ich mich wieder hin und verlor quasi mein Bewusstsein. Es war so, als würde sich ein schwarzer Schleier über mich legen." Letztendlich verurteilte der Richter Simonet zu einer lebenslangen Haftstrafe, während Schwartz mit einem Jahr Gefängnis davonkam. Dabei hatte der Staatsanwalt ganze zehn Jahre hinter Gittern gefordert. "Das war das beste Ergebnis meiner ganzen Karriere", sagt Berna lächelnd.

"Da hat mir auch zum ersten Mal in meiner Karriere ein Beweisstück Albträume bereitet"

Der Anwalt Pierre-André Babel sah sich 2009 mit einem ähnlich erschreckenden Fall konfrontiert. Ein Mann aus Saint-Dié-des-Vosges war in einer Beziehung mit einer Frau, die letztendlich Babels Klientin werden sollte. Laut dem Juristen war besagter Mann "ein richtiger Perversling mit einem unstillbaren Sexhunger", der zudem noch eine Affäre mit der Nachbarin hatte und dabei auch ein Fotoalbum der Orgien mit besagter Nachbarin sowie deren jungen Tochter pflegte. "Er manipulierte diese beiden Frauen, die eigentlich eher bescheiden lebten, aber halt gewisse Schwächen hatten", erzählt Berna. Im Juni 2009 wurden der Mann, seine Partnerin und die Nachbarin schließlich aufgrund des sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen vor Gericht gebracht. "Allein dieses Fotoalbum anzuschauen, war schon eine richtige Überwindung", erinnert sich der Anwalt. "Da hat mir auch zum ersten Mal in meiner Karriere ein Beweisstück Albträume bereitet."

Durch die Voruntersuchungen wurde Berna dann jedoch bewusst, dass seine Klientin manipuliert wurde. Ein paar Monate vor dem Prozess weigerte sich der Angeklagte jedoch plötzlich, irgendetwas zu essen und seine Herzmedikamente zu nehmen, und starb. "Das war für uns ein großes Problem, denn wenn der Angeklagte vor Gericht erschienen wäre, dann hätten sich die Geschworenen auch ein gutes Bild von seinem manipulativen Charakter machen können", erzählt Babel. "Dazu kam dann noch, dass meine Klientin emotional gesehen 'einfror'. Sie konnte keine Gefühle mehr zeigen und ratterte ihre ganzen schrecklichen Taten einfach nur runter wie eine Einkaufsliste. Das bereitete mir großes Unbehagen, denn wenn die Geschworenen keinen Funken Menschlichkeit erkennen können, dann haben sie auch kein Mitleid. Ich befürchtete, dass ihr psychischer Zustand zu einer härteren Strafe führen könnte, als sie eigentlich verdient hätte."

Und so kam es dann auch: Bernas Klientin wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt, während die Mutter des Opfers ganze 15 Jahre Gefängnis aufgebrummt bekam. Vor der Berufungsverhandlung begab sich die Klientin dann in psychiatrische Behandlung und siehe da, am zweiten Tag des Prozesses brach sie im Zeugenstand plötzlich in Tränen aus. "Sie zeigte ihre wahren Gefühle und genau diese Ehrlichkeit hat wohl auch dazu beigetragen, dass der Richter das Strafmaß minderte", sagt Babel abschließend.

"Die Geschichte der jungen Frau hat mich wirklich nachhaltig geprägt, denn sie hatte es richtig schwer"

"Im Jahr 1998 kam eines Tages eine 17-Jährige in mein Büro. Sie schob einen Kinderwagen vor sich her, in dem ein kleines, blondes Mädchen saß, und war dazu noch hochschwanger", erinnert sich Hélène Strohmann, eine Anwältin aus Nancy. Strohmann hatte ein paar Jahre zuvor den damaligen Freund der jungen Frau vor Gericht vertreten. Dieser Freund war nun aufgrund eines schiefgegangenen Drogendeals vor den Augen seiner Freundin umgebracht worden. "Die Teenagerin war drogenabhängig und das Sozialamt drohte damit, ihr die Kinder wegzunehmen. Während wir dann um das Sorgerecht kämpften, verliebte sie sich in einen anderen Mann. Zu diesem Zeitpunkt war sie im siebten Monat schwanger."

Wenige Wochen nach der Geburt des Kindes wurde Strohmann in die Polizeidienststelle von Nancy gerufen. Dort erzählte man ihr, dass die junge Mutter wegen Verdacht auf Kindsmord verhaftet wurde. Sie hatte wohl die Leiche ihres Babys in der Wiege gefunden. Die Autopsie ergab dann jedoch, dass das Kind gebrochene Rippen hatte und auch gegen den Kopf geschlagen worden war.

"Zu diesem Zeitpunkt kannte ich die junge Frau schon mehrere Jahre und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie zu so etwas fähig war. Außerdem machte weder sie noch ihr Partner irgendwelche Anstalten, dem jeweils anderen die Schuld zu geben. Beide beharrten darauf, nicht zu wissen, wie das Ganze passiert war. Natürlich hielt sie jeder für schuldig und letztendlich wurde sie auch zu 14 Jahren Haft verurteilt, während ihr Freund einen Freispruch erhielt. Ich werde wohl niemals vergessen, wie sie sich nach dem Urteilsspruch ihren Mantel anzog", erinnert sich Strohmann.

Beim Berufungsprozess dauerten die Beratungen dann bis 02:00 Uhr und man sprach letztenendes auch die junge Mutter frei. "Von einem rechtlichen Standpunkt aus betrachtet, ist das natürlich die richtige Entscheidung, aber wir wissen trotzdem immer noch nicht, wie genau das Baby gestorben ist", sagt Strohmann. "Die Geschichte der jungen Frau hat mich wirklich nachhaltig geprägt, denn sie hatte es richtig schwer. Es ist fast so, als hätte sie nie eine Wahl gehabt. Ich habe sie ingesamt zweimal vor Gericht vertreten: Beim ersten Mal war sie das Opfer, das einen Mord mitansehen musste, und beim zweiten Mal war sie dann die Angeklagte, die möglicherweise ihr Kind umgebracht hat", fasst sie zusammen. "Ein solcher Fall hinterlässt bei jedem Menschen Spuren."

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