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Mein sonderbarer Winter mit einer Schamanin in Kasachstan

Tier-Opfermit Blutdusche, unterirdische Moscheen, Schafslungen, die als Peitschen fungieren und viel New Age. Diese Kommune im Nirgendwo hat eine Menge zu bieten.

von Denis Vejas
03 Dezember 2016, 5:00am

Das Qurbān

Der Sufismus ist ein mystischer Zweig des Islam, der in der muslimischen Welt einen eher zweifelhaften Ruf genießt. Sufis verfolgen einen unorthodoxen Ansatz, der sich stark auf die esoterischen Aspekte des religiösen Lebens konzentriert. Sie streben nach einer direkten, persönlichen Erfahrung mit Gott.

Als der Islam in Kasachstan Einzug hielt, vermischte sich der Sufismus mit den animistischen Glaubensvorstellungen der dort lebenden Nomadenvölker und ihren bereits existierenden schamanischen Traditionen. Die Baksi, traditionelle Heiler und Seher, konvertierten und führten ihre Traditionen als Sufi-Derwische fort. Sie verpflichteten sich extremer Armut und Enthaltsamkeit, um andere auf einem asketischen Weg zu Gott zu führen.

Viele glauben, dass Bifatima Dualetova eine von Kasachstans letzten Sufi-Derwischen ist. Zum ersten Mal traf ich sie im September 2010 auf einer Reise durch Zentralasien. Die Einheimischen, bei denen ich in Almaty untergekommen war, erzählten mir von einer Schamanin, die irgendwo am Rande des kleinen Dorfs Ungurtas nahe der kirgisischen Grenze lebte. "Das letzte Haus im Dorf; am Fuße des 'Heiligen Hügels'", sagten sie.

Als ich dort ankam, war sie nicht zu Hause. Ihre Jünger und Patienten, die aus allen Ecken der ehemaligen Sowjetunion hierher gekommen waren, sagten mir, dass Bifatima auf eine Pilgerreise zu heiligen Sufi-Orten im südlichen Kasachstan aufgebrochen sei. Wie ich diesen Menschen so zuhörte, konnte ich förmlich spüren, was für Legenden und Gerüchte die Baski-Kultur umgeben. Einerseits schienen sie tatsächlich an Bifatimas Kräfte zu glauben, andererseits fürchteten sie sie. Sie boten mit ein Bett in einer unterirdischen Moschee an, wo ich bleiben und auf ihre Rückkehr warten konnte. Eine Woche später kam Bifatima zurück. Da mein Visum aber schon fast abgelaufen war, konnte ich nur sehr kurz mit ihr sprechen.

Zwei Monaten später reiste ich mit meinem Van von Litauen nach Indien. Ich hoffte, vor dem ersten Schneefall weit genug in den Süden zu kommen. Ich hatte das Wetter aber unterschätzt und blieb in Tadschikistan hängen. Es war einfach unmöglich, über die Berge zu kommen. Der Van blieb ständig liegen und nachts fielen die Temperaturen auf 22 Grad unter dem Gefrierpunkt. Wenn ich den Motor länger als eine Stunde abschaltete, fror der Diesel im Tank ein. Mehr als einmal retteten mich Lastwagenfahrer vor dem buchstäblichen Erfrieren. Da ich meinen Trip nicht wie geplant fortsetzen konnte, änderte ich meine Route und fuhr nach Kasachstan, um Bifatima einen weiteren Besuch abzustatten.

Am Ende verbrachte ich über zwei Monate bei ihr—von Januar bis März 2011. Ich dokumentierte ihre Rituale und Praktiken, hütete Schafe und schraubte an meinem Van rum.

Bifatima behauptet, dass sie ihre ersten prophetischen Visionen mit elf Jahren gehabt hätte. Sie führten sie auf einen mehrere tausend Kilometer langen Fußmarsch zum Heiligen Hügel in Ungurtas. Ihr zufolge ist es ein Ort mit starker kosmischer Energie, der es ihr ermöglicht, die karmischen Probleme anderer Menschen zu bereinigen.

Sie führt oft Qurbān durch, ein islamisches Opferritual, bei dem sie Schafe über ihren Jüngern schlachtet. Dieses Ritual soll die Betroffenen von bösen Geistern befreien und Gott im Austausch die Tierseele geben. Jeder, der daran teilnehmen will, muss zwei Schafe mitbringen—ein männliches und ein weibliches. Dann kriecht er oder sie unter das Tier, während Bifatima das Qurbān durchführt und das männliche Schaf tötet. (Das weibliche kommt später in ihre Herde.) Dann steigt die Person in einen eiskalten Bach, wo Bifatima sie von ihren Sünden reinwäscht. Es sei ein Prozess, erklärt sie, ähnlich wie die Geburt: Man geht durch den Geburtskanal, mit Blut bedeckt und wird danach mit Wasser gereinigt.

Das alles zu sehen, ist definitiv ein Erlebnis für sich. Es ist aber auch ein Erlebnis, mit diesen ganzen radikal verschiedenen Menschen zusammen zu sein, die ein metaphysisch-ländliches Leben in einer Art Kommune führen. Manche kommen nur für ein paar Tage, andere, die Bitafima als Guru sehen, bleiben Jahre. Die meisten Teilnehmer fallen aber in eine der folgenden drei Kategorien: Sie hoffen, eine tödliche Krankheit zu heilen, sie wollen eine Drogensucht überwinden oder sie wollen schwanger werden. Russische New-Age-Anhänger, die nach neuen spirituellen Höhen streben, sind ebenfalls oft dort anzutreffen.

Tagsüber arbeitet die ganze Gemeinschaft auf dem Bauernhof. Jede noch so profane Aufgabe ist dabei mit einer symbolischen Bedeutung aufgeladen. Viel erklärt Bifatima nicht. Du mistest Scheunen aus, hütest Schafe oder jagt Gänse, weil sie sagt, dass es das ist, was die Geister der Ahnen aufgetragen haben.

Als Fotograf und Reisender bin ich immer fasziniert von Gemeinschaften, die sich an der Peripherie der Mainstreamkultur bewegen. Ein Großteil meiner Arbeit entsteht in den direkten Erfahrungen, die ich auf meinen Reisen mache. Das erlaubt es mir, intime Geschichten von innen heraus zu erzählen. Ich bin kein passiver Beobachter.

Die Arbeit an dieser Serie war unglaublich faszinierend. Die traditionelle kasachische Kultur mag für Westler schockierend sein, aber in diesem Teil der Welt wird sie mit großem Respekt behandelt.

Während meines Aufenthalts bei Bifatima verlor ich mich in ihren vermeintlichen Wundern. Ich war fast schon dazu gezwungen, meinen Kopf abzuschalten, um alles zu verstehen, was um mich herum geschah.

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Ein Schafskopf wird zum Verzehr vorbereitet

Bifatima Dualetova

Jeder Morgen beginnt mit einer Meditation auf dem Heiligen Hügel

Tagsüber empfängt die Schamanin Besucher bei Tee und Butterbrot

Ein Tierschädel am Hauseingang

Bifatima segnet einen Mann mit Wasser aus dem Bach

Ein Lamm wird geboren

Ein Mann hilft bei der Geburt

Die Schamanin beim Gebet

Ein Mann kriecht unter ein Schaf, das gleich geopfert wird

Ein Ritual, bei dem die Schamanin den Teilnehmern in den Nacken schlägt, um eingeschlossene Energien freizulassen

Jüngerinnen und Jünger waschen sich nach dem Qurbān im Bach

Aksulu ist in der Kommune schon mit am längsten dabei. Sie kommt seit drei Jahren regelmäßig her

Die Schamanin führt ein Reinigungsritual durch, bei dem sie ihre Jünger mit einer Schafslunge schlägt

Bifatima mit einer Schafslunge. Auf der Wand steht eine Liste mit Dingen, die der Kommune gespendet werden sollten

Einmal im Monat rasiert die Schamanin allen Anwesenden den Kopf

Die Ritual-Überbleibsel werden oft an die Hunde verfüttert

Bifatima nimmt ihre Jünger mit auf Pilgerreisen zu heiligen Sufi-Stätten

Die Jünger besuchen das Mausoleum von Khoja Ahmed Yasawi, dem Begründer des regionalen Sufismus

Bifatima singt Gebete vor dem Mausoleum von Khoja Ahmed Yasawi

Abendgebet auf dem Heiligen Hügel

Bifatima mit zwei russischen Jüngern

Jumagali, Bifatimas Stellvertreter

Menschen aus der Kommune

Eine mit Schafsblut bedeckte Anhängerin trinkt Tee nach dem Qurbān

Nachtmeditation in einer unterirdischen Moschee

Die Straße nach Ungurtas