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Rudi Völler bewahrte mich davor, auf der Berliner Fanmeile Selbstmord zu begehen

Elf Stunden am Brandenburger Tor. Mit seinem Satz „Ey, hol' mal den Schwanz raus, du Fotze!" nahm mein Leiden ein Ende.

von Paul Garbulski; Foto: Christophe Gateau
13 Juni 2016, 1:33pm

"Hättest du nicht Lust, einen kompletten Tag auf der Fanmeile am Brandenburger Tor zu verbringen, Paul?"

"Klar. Voll gerne. Ich könnte aber auch zwei Seemannsköpper in einen Mähdrescher machen—doppelt hält besser. Oder meine Wimpern mit einer Bandschleifmaschine in Form bringen—Augen sind ja bekanntlich das Fenster zur Seele, die sollten gepflegt bleiben." Instinktiv waren das meine zwei Antwortalternativen, auf den Vorschlag der Chefredaktion.

Dann aber entschied ich, nicht so ein bornierter Arsch zu sein und der Menschheit eine Chance zu geben; denn was war schon dabei? Fußball ist an und für sich ein großartiger Sport. Zudem würden auf der Fanmeile Menschen zusammenkommen, die sich umarmen und intoxikieren. Wenn das in Technobunkern passiert, sprechen die Beteiligten von "magischen Momenten", wenn aber der Kontext ein Fußballspiel ist, soll das asi sein? Nein, da macht man es sich zu einfach.

Der Plan war, sich das volle Ausmaß zu geben: Um 13:00 Uhr würde die Fanmeile geöffnet werden, um 15:00 Uhr das erstes Spiel Türkei gegen Kroatien, dann 18:00 Uhr Polen gegen Nordirland und der Abpfiff von Deutschland gegen die Ukraine würde kurz vor 23:00 Uhr erfolgen—solide 10 Stunden europäischer Fußballwahn? War locker machbar, wo doch Menschen 14 Stunden und mehr Untertage in Bergwerken verbrachten.

Christophe (der Fotograf) und ich beschlossen, uns schon um 12:30 Uhr an einem der Eingänge zu treffen: Eine halbe Stunde vorher war besser, weil bestimmt großer Andrang und so. Erwies sich dann auch als eine großartige Idee, weil sich bereits um 14:30 Uhr die Menschenmassen vor der Hauptbühne bis nach hinten zur Siegessäule drängten.

Kurz vor Anpfiff platzte das Brandenburger Tor dann völlig aus allen Nähten—ich bereute, mir keine Sauerstoffflasche mitgenommen zu haben, um im Gedränge und bei all der verbrauchten Luft besser atmen zu können. Ging gar nicht klar.

Christophe und ich beschlossen, uns auf den Boden zu setzen, erst mal gemütlich machen, das ganze Happening sollte ja noch lang genug gehen. Das erste Match nahm seinen Lauf, beide Mannschaften spielten recht körperbetont und schienen sich damit zu neutralisieren. Plötzlich ein kurzes Flackern, dann schwarz, die Leinwand fiel aus. Ton lief noch. Christophe und ich schauten uns an, sagten gleichzeitig "Wie geil wäre es, wenn genau jetzt ..." 1:0 Kroatien, ein Traumtor durch Luka Modrić, sagt der Kommentator. Bei einem türkischen Fan vor uns bahnt sich ein mentaler Reaktorschaden an.

Kurz darauf war Halbzeit. Besser konnte das Spiel nicht mehr werden. Christophe und ich wollten den Rest des Areals erkunden und Hunger hatten wir auch—also machten wir uns auf, die Straße des 17. Juni in Richtung Siegessäule abzuwandern. Voller Vorfreude den Marsch angetreten, holte uns mit jedem Schritt das volle Ausmaß des Elends ein: Ob Coca-Cola-Trucks ...

... oder der Appell an den Patriotismus ...

... oder das prächtigste Farbenspiel gezuckerter Fruchtbowlen:

Niemand ließ sich locken, weil kaum jemand da war, und die, die da waren, waren ein Spiegelbild der Gesamtsituation:

Selbst Clowns hatten nichts zu lachen und standen, ohne etwas mit sich anfangen zu wissen, hilflos in der Gegend herum.

Leicht angegriffen von der Tristesse schlug ich Christophe vor, links oder rechts in eine der Seitengassen einzubiegen, die zum Park und zu kleinen Waldstücken führten: "Vielleicht ist es hier ähnlich wie auf der Love-Parade und ein paar Filmproduktionen drehen heute ihre Pornofilme. Titel: Vorbei ist, wenn abgepfiffen wird oder Zur Not auch mal mit Fäusten klären." Doch wie ich das ausgesprochen hatte, bereute ich den Vorschlag schon wieder, weil das Letzte, was das Internet heutzutage noch braucht, ein weiteres Paar Silikontitten und ein aufgepumpter Ronnie ist, der sich an ihnen abarbeitet. Für Gegenvorschläge war es trotzdem zu spät. Christophe hatte einen schnellen Gang und schon waren wir im Waldinneren; ich hoffte kein Stöhnen zu hören. Still war es und anstatt lieblosem Geficke fanden wir zwei tote Maulwürfe am Boden. Keine Ahnung wie das möglich war; jedenfalls legten wir sie beide zusammen, ich frage Christophe, ob wir aus zwei Stöcken ein Kreuz und somit eine letzte Ruhestätte für sie machen wollen ...

... er machte ein Foto und traf im Anschluss die völlig richtige Feststellung, dass die Idee nett, aber hohl sei, weil spätestens die vierte oder fünfte Person, die die beiden nach uns auf dem Boden entdecken würde, irgendeinen Scheiß mit ihnen anstellte und es deshalb besser wäre, sie ins hohe Gras zu legen. Das machte Christophe dann auch.

Nachdem das Maulwurfpärchen blicksicher vom Wegesrand umgebetet worden war, gingen wir zurück auf die Fanmeile. Noch immer war so wenig los, dass selbst die Polizei genug Muse und Zeit hatte, um Riesenrad zu fahren. Niemand konnte es ihnen verübeln.

Wieder vorn an der Hauptbühne angekommen waren die Moderatoren damit beschäftigt, Gratis-Coca-Cola-Bälle und Fan-Schals in die kleine Menge zu werfen. Wenn es etwas umsonst gibt, werden die Menschen zu Tieren. Ein Mädchen bezahlte den Kampf mit einem etwa 50-jährigen Mann um einen dieser Schals mit ihren Tränen, ein weiteres Mädchen schlug sich auf dem Boden den Kopf auf, als sie mit einem Jungen um einen Ball rang und dieser so heftig zog, dass sie auf die Fresse flog. Dann machte er sich vom Acker, aber die Mutter des Mädchens ließ nicht locker und schleppte die heulende Tochter über den Platz hinter sich her, auf dass sie den Bengel identifiziere:

Das tat sie dann auch. Den Ball bekam sie trotzdem nicht. Aber immerhin drückte der einsichtige Junge ihr seinen Coca-Cola-Schal als Entschuldigung ab:

Als die Schlacht um die Gratis-Artikel ihr Ende fand, begannen wieder Die Junx der nicht existenten Menge so richtig "einzuheizen"; vielleicht waren es auch Culcha Candela oder Willi Herren—die Drei wechselten sich während der 12-Stunden-Schicht im fliegenden Wechsel ab. Nur leider hatte jeder von ihnen bloß zwei Lieder im Repertoire, was zur Folge hatte, dass die ewig gleichen Songs in Kombination mit dem inflationär gebrauchten Schlachtruf "Come on party peoples!" Christophe und mir ein Gefühl dafür gaben, wie die Hölle wohl aussehen muss: ein monotoner, einsamer Ort. Wir entschieden uns, die Bühne, so weit es nur ging, hinter uns zu lassen.

Und wie wir erneut auf der Straße des 17. Juni unterwegs waren, kam uns wie aus dem Nichts dieses Pärchen entgegen. Hand in Hand mit eigens angefertigten Fan-Trikots, vorne und hinten selbst bemalt:

Das war so unglaublich rührend, weil jeder, der sie sah, fühlte, dass es nicht vom Pathos geschwängerte Worte wie "Ich kann ohne dich nicht leben" oder große Geschenke zu runden Jubiläen sind, die Liebe bedeuten, sondern eben diese beständig geschaffenen Alltagssituationen, wo er Tage, ja vielleicht schon Wochen vor dem Spiel nach den richtigen Textilfilzstiften im Internet sucht und sie im H&M oder Primark die passenden T-Shirts kaufen geht—für ihn L, für sie selbst S—, und beide dann zu Hause gemeinsam ihre Hasenschriftzüge ausmalen.

Für einen Moment haben die Zwei mich von der beladenen Grundstimmung kuriert, dann aber—ich weiß nicht warum—musste ich an die Maulwürfe denken und das flennende Mädchen, und Willi Herren wollte mit seiner Dauerbeschallungsschleife "So gehen die Deutschen, die Deutschen, die gehen so ...", auch nicht lockerlassen, bis schließlich mein Kopf seine eigene Melodie spielte: Es waren The National mit dem Lied "Lemon World" und immerzu nur diese drei Zeilen ...

I guess I've always been a delicate man
Takes me a day to remember a day
I didn't mean to let it get so far out of hand

... bis es dann so weit war: Ich drehte mich zu Christophe, holte Luft und teilte ihm mit, dass es reicht und ich soeben beschlossen habe zu sterben. "Selbstmord?", fragte er mich. Ich erwiderte: "Unbedingt. So schnell und effektiv wie nur möglich." "Paul, da muss ich dich leider enttäuschen. Du hast doch wegen der Terrorgefahr die harten Sicherheitsvorkehrungen an den Eingängen erlebt. Du wirst hier weit und breit keinen spitzen oder scharfen Gegenstand finden. Auch Glasflaschen gibt es nicht." Er hatte Recht. Ich war am Arsch. Eine Option bestand darin, so schnell wie irgend möglich mit dem Kopf gegen die Hauptbühne zu laufen, zu hoffen, dass das Genick brechen würde wie Bleistiftmienen in Oliver Kahns Händen, aber mittlerweile standen dann doch einige Menschen im Wege und ich wollte nur ungern einer Person meine Stirn in den Anus rammen. Es musste andere Wege geben und die gab es zum Glück: An einem der Grillstände wurden Riesenbratwürste verkauft. Ein halber Meter zu 5 Euro—wenn ich mir die gesamte Konstruktion weit genug in die Luftröhre steckte, sollte es klappen. Christophe wollte ich da nicht mit reinziehen; außerdem war er Vegetarier. Er sollte gehen und sich den Anblick ersparen. Nur tat er das nicht. Ich bekam ein schlechtes Gewissen. Dann machte ich den Fehler, noch mal kurz vor dem Abgang von der Bratwurst zu beißen und mein Nahrungstrieb begann über dem Todestrieb zu triumphieren. Zudem wäre es ja echt schade um die Wurst gewesen. Einerseits wollte ich nicht, dass sie so unglamourös in meiner Luftröhre verendete, anderseits war es wirklich Zeit zu gehen—ein klassisches Dilemma.

Und während ich mich da so in meiner selbstgeschaffenen Weltschmerzspirale befand, wie sie in ihrer Erbärmlichkeit nicht einmal von pubertierenden Bright-Eyes-Jüngern eingeholt werden konnte, holte mich Rudi Völler mit dem Satz "Ey, hol' mal Schwanz raus, du Fotze" wieder auf die Erde zurück. Der Satz galt nicht mir, sondern einem seiner Freunde und es war auch nicht wirklich Rudi Völler, sondern eine Art Übermensch, der sein 94er Weltmeisterschaftstrikot trug. Er pöbelte jeden in seinem Umfeld an, wie sich später herausstellte:

Die Frisur war echt und alles an ihm schrie einfach nur: "Maaskantje" und "So ein Feuerball, Junge!"

Er war so politisch unkorrekt, wie man nur sein konnte. Wenn er seine Freunde nicht mit "Fotze" ansprach, dann nur, um sie "Hurensohn" zu nennen. Die Nordiren, die er, wie es schien, kurz zuvor kennengelernt hatte—es lief gerade das Spiel Polen gegen Nordirland—, nannte er allesamt "Fagott". Das störte sie nicht, ... oder sie hatten seiner natürlichen Autorität nicht viel entgegenzusetzen. Schwer zu sagen, ob "Rudi" diese Rolle nur spielte oder tatsächlich so war. Seinem Anhang zufolge vielleicht Ersteres.

Für mich blieb das aber unerheblich, denn Fakt war: Er hatte mich mit seiner Dynamik aus einem abwärts treibenden Strudel herausgerissen. Ich dachte nicht mehr an den Tod qua Wurst. Ich war der Alte und hatte wieder Spaß am Dasein. Allmählich wurde es auch voller, die Zeit verging wie im Flug, irgendein Neonazi zeigte den Hiter-Gruß, Deutschland spielte, machte zwei Buden ...

... König Fußball war zufrieden ...

... und alle, die sich noch über ein Paar funktionierender Beine erfreuten ...

... gingen nach Hause. Auch Christophe und ich zählten zu den Auserwählten—Rudi sei Dank.


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