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Frau Doktor Tod

Über den berüchtigten deutschen Präparator Dr. Gunther von Hagens wird immer gerne und viel geredet. Aber was ist mit der Frau, die hinter dem Mann mit dem düsteren Hut agiert?
10.2.11

Über den berüchtigten deutschen Präparator Dr. Gunther von Hagens wird immer gerne und viel geredet. In seinen Ausstellungen kann man konservierte menschliche Körper in den verschiedensten Posen betrachten, beim Rennen, Pferde reiten, Wrestling oder dem Liebesakt. Während vor 170 Jahren die erste öffentliche Autopsie noch Aufsehen erregt hat und illegal war, gibt es heute dafür Ruhm und Ehre. Nachdem ich Dr. Tod mehrmals in den Schlagzeilen gesehen habe, beschloss ich ihn mal aufzusuchen. Aber dann entdeckte ich, das hinter der ganzen Show noch jemand ganz anderes steckt, nämlich seine Frau. Sie nimmt eine ebenso bemerkenswerte Rolle ein, auch wenn sie weniger bekannt ist. Sie ist die Geschäftsfrau der Plastination. Die gesamte weltweite Organisation der Ausstellungen liegt in ihrer Hand. Ich entschied mich, dass es viel interessanter ist, mit der Frau zu reden, die hinter dem Mann mit dem düsteren Hut agiert.

VICE: Hallo Dr. Whalley, ich möchte gern über Ihre Rolle als kreative Leiterin des Instituts der Plastination sprechen. Wie lautet Ihr offizieller Titel?

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Dr. Whalley: Ich bin die Konzeptplanerin und kreative Leiterin von „Körper Welten“.

Sie überlegen sich also die Titel und die Themen jeder Ausstellung?

Ganz genau. Ich erstelle die Konzepte und bin verantwortlich für die Ausstellungen, nur die Herstellung der Plastinate liegt ganz bei meinem Mann, Gunter von Hagens. So sind unsere Aufgaben klar voneinander getrennt. Er übernimmt den gesamten wissenschaftlichen Teil und ich alles, was unter Organisation, Planung usw. fällt. Welche Proben werden verwendet, welche Thematik, was wird in die Texte geschrieben und so weiter.

Haben sie bei der Auswahl bestimmte Themen, die Sie besonders gern behandeln? Wenn ich mir die Ausstellungen betrachte, finde ich einige Plastinate immer wieder, den Mann auf dem Pferd und die schwangere Frau zum Beispiel, sind das Ihre Favoriten?

Wir haben so viele Exemplare, die wirklich spektakulär und gut präpariert sind. Ohne die Technik der Plastination könnte man die Anatomie nicht annähernd so gut verstehen. Es ist wirklich nicht einfach für mich, eine Entscheidung zu treffen, welche Plastiante in die Ausstellung kommen. Besonders liebe ich die Exemplare, welche die Arterien deutlich zeigen, ohne Gewebe. Ein rotes Polymer wird in die Arterie gespritzt und wenn dieses erhärtet, ist es schwierig, nachträglich das Gewebe zu lösen. Man benutzt Enzyme oder Blattläuse um alles frei zu legen, und was man dann zu sehen bekommt, ist eine schöne Landschaft, die wie ein Korallenriff aussieht. Je nachdem, wie viel Polymer man spritzt, sieht man entweder nur die wichtigen Zweige oder auch die winzigen Kapillargefäßen. Für mich sind sie kleine anatomische Wunder, nicht nur, weil sie so schön aussehen, sie zeigen auch, wie zerbrechlich der Körper ist. Es ist einfach unglaublich.

Sie hatten eine medizinische Karriere als Chirurgin vor sich, die dann aber auf Eis gelegt wurde, als Sie Dr. von Hagens kennen lernten, richtig?

Ja, ich habe an der Universität Heidelberg promoviert. Ich wollte Chirurgin werden und dachte, es wäre eine gute Idee in diesem von Männern dominierten Beruf eine zusätzliche Qualifikation in Anatomie zu erwerben. Also bewarb ich mich für eine Stelle und hatte Glück. Da traf ich dann auch meinen Mann. Er wollte damals unbedingt in die USA auswandern, ich war jedoch nicht wirklich bereit für so einen Schritt. Es wurde hin und her überlegt, schließlich einigten wir uns, in Deutschland zu bleiben. Als Gegenangebot erklärte ich mich bereit, bei seiner Plastination einzusteigen und kein Arzt zu werden. Ein Schritt, den ich bis heute nicht bereut habe.

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Fanden Sie es schwierig, auf einmal kreativ an den menschlichen Körper heranzugehen und nicht mehr mit akademischen Hintergrund?

Nein, wirklich überhaupt nicht. Bei der Arbeit auf den Ausstellungen habe ich viel mit Laien zu tun, die ich anlernen muss. Das Wissen muss nicht nur so genau wie möglich vermittelt werden, sondern auch einfach verständlich. Das kann durchaus eine Herausforderung sein. Meine Arbeit ist sehr facettenreich, es gibt betriebswirtschaftliche Aspekte und auch philosophische. Es ist wirklich der beste Job, den ich mir vorstellen kann.

OK, gehen wir auf den philosophischen Aspekt ein. Es gab eine Reihe von Kontroversen über die Plastinationstechnik, wie sind Sie damit umgegangen? Was antworten Sie auf die Frage, dass das Ganze doch falsch und unmoralisch sei?

Die härteste Kritik bekommen wir immer von Leuten, die noch keine unserer Ausstellungen besucht haben. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass die meisten ihre Meinung ändern, nachdem sie sich die Plastinate angesehen haben. Außerdem haben wir alle Plastinate von Menschen bekommen, die sich freiwillig dazu entschieden haben. Ich finde, es ist eine gute Tradition, den letzten Wunsch zu respektieren. Ich denke, wir schulden ihnen unsere Dankbarkeit, denn ohne ihre Spende würde es keine Körper Welten geben. Zu guter Letzt muss auch noch gesagt werden, dass man bei Körper Welten unglaublich viel lernen kann. Man kann auf jeder Zigaretten Packung lesen, dass man tödlichen Lungenkrebs bekommen kann. Aber welchen Raucher schreckt das schon ab. Wenn man jedoch wirklich sieht, wie der Krebs deine Lunge zerfrisst, sieht das schon ganz anders aus. Viele überdenken ihre Einstellung, nachdem sie den Vergleich von der schwarzen und der gesunden Lunge gesehen haben. Wenn ich daran denke, welche positive Auswirkung Körper Welten auf das gesellschaftliche Denken hat, sollten wir die Ausstellung lieber begrüßen und nicht unnötig kritisieren.

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Definitiv. Würden Sie auch von sich selbst behaupten, dass Sie aufgeschlossener mit diesem umstrittenen Gebiet umgehen?

Ich glaube heutzutage sind viele Kritiken eine Bereicherung. Es gibt keine falschen Kritiken, es ist für unsere Arbeit sehr hilfreich. Es ist richtig, was wir tun, trotzdem kann man sich immer verbessern und lernen. Was nun richtig, falsch oder respektlos ist, sind wichtige Fragen für unsere Stiftung, damit wir uns finanzieren können. Wir haben Exponate, die den sexuellen Akt darstellen. Wir fanden, das sei eine gute Gelegenheit, den Sex genau so zu zeigen, wie er ist. Mit rein wissenschaftlichem Hintergrund. Wir haben viel herumprobiert, damit es nicht billig aussieht. Die Spender sollten mit Würde behandelt werden.

Haben Ihre Spender einen bestimmten Hintergrund, wenn sie Ihnen ihre Körper zur Verfügung stellen? Medizinische Anliegen oder schwere Erkrankungen?

Wir haben eine große Bandbreite an Spendern, was sie jedoch alle gemeinsam haben, ist der Wunsch, ein Teil von Körper Welten zu sein. Wenn man sich den sozialen oder pädagogischen Hintergrund näher betrachtet, kommen sie wirklich aus allen Bereichen der Gesellschaft. Einige haben keine Familie und wollen einfach nicht in Vergessenheit geraten, andere sagen, die Bildung liegt ihnen sehr am Herzen. Dann gibt es noch die, denen es gleich ist. Sie wollen nach dem Tod nur lieber ein Plastinat sein, als von Würmern aufgefressen zu werden. Viele junge Leute mit aufwendigen Tattoos wollen einfach Ihren Körper erhalten. Sie fragen immer, ob man die Haut samt Tattoo nicht plastinieren kann. Kann man übrigens.

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Und für Sie selbst? Möchten Sie einmal Teil der Ausstellung sein, als Ihr persönliches Lebenswerk?

Natürlich. Ich habe schon vor vielen Jahren meinen Körper gespendet. Da hat noch niemand über Körper Welten gesprochen. Für mich ist es wichtig, ein Zeichen zu setzen. Mit der Plastination des Körpers führt man irgendwie sein Leben weiter.

Ich gehe mal davon aus, Ihr Mann hat den selben Standpunkt?

Ja, natürlich. Ich glaube für ihn wäre es die Erfüllung seines Lebenswerk. Die letzten 30 Jahre hat er fast jeden Tag und viele Nächte der Plastination gewidmet. Für ihn ist es ganz selbstverständlich, dass er auch plastiniert wird.

Stimmt es, dass ein guter Freund ihres Mannes sehr jung starb und ebenfalls plastiniert wurde und sogar ein Teil der Ausstellung ist? Geht da nicht die Idee der absoluten Anonymität etwas unter?

Er ist für den Besucher weiterhin anonym. Bei der Ausstellung werden keinerlei persönliche Daten wie Name, Geburtsort oder Todesursache preis gegeben. Darum geht es auch gar nicht. Ich glaube, die komplette Ausstellung würde ihre Kraft verlieren, wenn wir nicht so anonym arbeiten würden. So kann man komplett ohne Vorurteile die Ausstellung besuchen und verstehen. Wenn dort stehen würde, der Mann war 65 Jahre alt und starb an einem Herzschlag, würde man sich sofort unsinnige Gedanken machen. Das wäre keine gute Idee, da bin ich mir ziemlich sicher. Aber kommen wir zurück zu deiner eigentlichen Frage: Ja, es ist wahr, dass mein Mann seinen besten Freund plastiniert hat, aber niemand, nicht mal seine Frau, weiß, welches Exponat er ist.

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Sie haben auch schon Tiere plastiniert. Dafür haben Sie eine richtige Tour der Tiere gemacht, oder?

Ja, das ist richtig. Dieses Projekt startete im letzten Jahr, und mittlerweile stehen sie im Wiener Museum der Wissenschaft. Wir haben einen Elefanten, eine Giraffe, einen Gorilla, einen Bär, ein Yak und einige Rentiere.

Bei dieser Ausstellung waren auch Sie der kreative Kopf?

Für die Erstellung der Exponate ist mein Mann allein verantwortlich. Sicher fragt er mich auch nach meiner Meinung, aber meist erst, wenn sie schon fertig gestellt wurden. Ich ziehe gern eine klare rote Linie zwischen seiner Arbeit und meiner.

Ich kann mir vorstellen, dass es sehr gut für Ihre Beziehung und Ihre Ehe ist, dass die Arbeit so streng getrennt abläuft?!

Haha, nun ja, es kann auch eine große Herausforderung sein.

OK. Wenn Sie ihren Mann damals nicht im Anatomielabor in Heidelberg getroffen hätten, haben Sie eine Vorstellung, wo Sie jetzt stehen würden? Gibt es etwas, was Sie lieber anders gemacht hätten?

Hätte ich meinen Mann damals nicht kennen gelernt, würde ich jetzt in einem Krankenhaus als Chirurgin arbeiten. Ich würde 15 Jahre älter aussehen und sicherlich den langweiligen Krankenhausalltag ertragen. Ich mag die Arbeit mit meinen Händen, was auch einer der Hauptgründe für mein Studium war, aber im Nachhinein betrachtet hätte es mich vom geistigen Standpunkt her nicht befriedigt. Mein jetziger Job gibt mir die Möglichkeit, mich weiter zu entwickeln. Kein Tag ist wie der andere, ich habe praktisch keine Routinearbeit. Und das ist der Punkt, den ich wirklich sehr schätze, und weshalb ich auch niemals die Zeit zurückdrehen würde.

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Gunther von Hagens' BODY WORLDS, Institute for Plastination, Heidelberg, Germany