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Vice Blog

Ein Leitfaden zur Artyness

Der Ozean ist voller Fische, und einige von ihnen produzieren ziemlich viel Scheiße
20.8.10

Der Ozean ist voller Fische, und einige von ihnen produzieren ziemlich viel Scheiße. Das lässt sich eins zu eins auf die Kunstwelt übertragen, und in einem Tümpel wie Berlin mag es große kreative Ergüsse geben, aber eben auch Selbstdarstellung, elitäre Bürgerlichkeit, Verlogenheit und Verdrängung des eigenen Zweifels. Das gestrige "Tribute to Cass Elliot" im Berliner Fernsehturm war so ein Fall.21 Uhr, "Performance": Zwei Frauen besteigen die Bühne und trällern ein wenig Karaoke. Gut gekleidete Menschen stehen herum und schauen interessiert oder bekifft drein, das weiß man nicht so genau. An diesem Musterbeispiel können wir ein paar Regeln für Artyness aufstellen.

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Suche dir einen Raum, der möglichst roh ist. Das ist hier gut gelungen. Erstens, das Ding ist eine Baustelle. Es stimmt, dass diese gewöhnlich viel Freiraum bietet und die ja sonst sowieso leer steht. Lass dich aber nicht von der Illusion täuschen, du wärest Teil eines künstlerischen Schaffensprozesses, bloß weil Kabeltrommeln rumliegen und die Wände nicht verputzt sind. Zweitens, das Ding kommt aus der DDR. Die Verbindung von Sozialismus und Kunst kommt sowieso immer gut an. Dafür, dass in dem Raum damals die Bezirksausstellung der Berliner Volkskunstschaffenden war, gibt es einen Bonuspunkt.


Habe Freunde. Du weißt schon, keine "richtigen" Freunde, die dir beim Kotzen die Haare hochhalten, sondern Leute, die gefälligst zu deinen Vernissagen kommen und vorzugsweise Nonsense reden wie folgenden, möglichst exaltiert und bitte in einer Fremdsprache:

"Du musst in Mulholland Drive von David Lynch auf die orangen Lichter achten, und du kommst der Wahrheit näher."
"Es hat mir wirklich, wirklich gut gefallen. Das sind dann ja mal mehr als nur 15 Minuten Ruhm, was? Ha ha."
"In unserem neuen Stück Fuck Fulmiani spiele ich einen amerikanischen, transsexuellen Sozialarbeiter, der in eine konspirative Berliner Kommune zog um die Kommerzialisierung und Wertlosmachung der Pornografie durch Plattformen wie Youporn zu unterbinden. Die Durchfallerkrankung seiner schwulen Schäferhündin Blondie breitet sich währenddessen immer schneller aus, was letztendlich zu einem blutrünstigen Showdown führt. Die Folgen vom Überwachungsstaat spielen dabei auch eine Rolle."


Lade berühmte Gäste ein, die sich unauffällig und subtil unter die Leute mischen. Vergiss allerdings nicht, in der Ankündigung lässig zu signalisieren, wer kommt. Links unten im Bild: vielleicht Angelina Jolie.


Verwende eine Nebelmaschine. Das wirkt geheimnisvoll, täuscht über den grottigen Auftritt hinweg und gibt deinen Künstlerfreunden schon genug Raum für Interpretationen.


Bediene dich einer Referenz aus der allgemein akzeptierten Populärkultur. Hier ganz gut gemacht: Alberne Mienen (Mia von Matt und Delia Gonzalez) tragen mit völlig schiefer Stimme Lieder von Cass Elliot, der Sängerin von The Mamas and The Papas, vor. Die Band war gut, da kann das hier ja nicht weit davon entfernt sein, so das Dogma. Schlecht gestellte Zuneigungsposen wie diese geben weiteren Raum für Interpretation und entlocken den Zuschauern ein verklemmtes Glucksen.


Du musst nicht trinken, aber rauche gefälligst. Wenn du das nicht magst, genügt es auch stets einen brennenden Glimmstängel in der Hand zu halten. Von Drogen, mit denen du nicht umgehen kannst, wird aber dringend abgeraten, denn die nächste Vernissage kommt bestimmt und du willst ja wieder eingeladen werden.