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Mods, Rocker, Sündenböcke und Abweichler

13.9.10

Hin und wieder regt sich die englische Nation gern über das eine oder andere auf. Ob es nun The Mail ist, die Flüchtlinge beschuldigt, Schwäne zu essen, oder ob es eine Hysterie wegen Teenagerschwangerschaften ist. Diese mitreißenden Wellen des Misstrauens, der Furcht und der Kritik sind (neben anderen Dingen) bekannt als "moralische Panik", und dabei macht man eine Gruppe namens "Sündenböcke" verantwortlich. Stan Cohen prägte diese beiden Begriffe in den späten 60ern. Wir sprachen mit ihm darüber, warum Leute bei Abweichlern so durchdrehen.Übrigens - Wir wissen, dass ihr Nachrichten über Kätzchen, Sex und Tittenfotos mögt, doch das hier ist eher was zum Lesen.

Vice: Du hast die Begriffe in den späten 60ern erstmals verwendet - woran hast du da gerade gearbeitet, und wie bist du zur Definition der moralischen Panik gekommen?
Stan Cohen: Viele von uns fingen an, eine gegenkulturelle Version zur traditionellen Kriminalwissenschaft zu schreiben. Deshalb haben wir den Begriff benutzt, wobei er zu der Zeit viel mehr von den Soziologen geprägt wurde, die in den späten 60ern an diesen Ideen gearbeitet haben. Leute wie ich und Jock Young, der ein Buch namens The Drugtakers geschrieben hat, das waren die ersten paar Bücher, die als "neue Kriminologie" oder "die Soziologie der Abweichler" bekannt wurde. Es waren die Mods- und Rockerphänomene, an denen ich meine Feldforschung betrieben habe.

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Haben Sie dann im Bereich der Kriminologie oder der Soziologie geforscht?
Nun ja, ich sehe die Kriminologie als einen Teil der Soziologie. Für mich ist es dasselbe, es ist die Soziologie der Verbrechen, der Randgruppen und der sozialen Probleme. 1964-65 habe ich an meinem Doktor gearbeitet, als an der Küste die ersten Konfrontationen zwischen den Mods und den Rockern stattfanden. Über verlängerte Wochenenden bin ich runter nach Margate und solche Orten gefahren, habe Interviews geführt und Feldforschung betrieben.

Kannst du mir ein paar kurze Definitionen von moralischer Panik und Sündenböcken geben?
Ja. Was die Reaktionen auf Gewalt angeht, ist das Verbrechen keine fest definierte Kategorie, sie hängt von der sozialen Reaktion ab. Diese Art von neuen Theorien hat schließlich sehr viel Gewicht auf die Art gelegt, wie die Gesellschaft auf Abweichungen oder gebrochene Regeln reagiert. Moralische Paniken sind Ausdrücke des Missfallens, der Verdammung oder der Kritik, die immer wieder auf Phänomenen passieren, die man als abweichlerisch bezeichnen könnte. Das Beispiel, das ich genannt habe, war das empfundene Fehlverhalten von Teenagern, welches wir heute  als "anti-soziales Verhalten" bezeichnen würden, was wirklich übertrieben war und in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Vorkommnissen stand.
Der moralische Teil davon sind die Verdammung und das soziale Missfallen, und die Panik ist ein Element der Hysterie und Überreaktion. Was letztendlich auf alle Sorten von Erscheinungswellen zutrifft. Sie werden vor allem von den Medien geschaffen: keine Medien - keine moralische Panik. Die Medien sind Boten der moralischen Panikmache, was sie entweder selbst in die Wege leiten - oder sie tragen die Botschaft Dritter weiter. Wir sehen unverheiratete Mütter, versagende Schulen, die gegenwärtige Krise um Pflegekinder. Das sind alles unterschiedliche moralische Paniken, und man geht davon aus, dass durch die Berichterstattung die betroffenen Gruppen vergrößert werden.

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Wenn also eine moralische Panik proportional zur wahrgenommenen Bedrohung ist, spricht man nicht mehr von einer moralischen Panik? Ist es das Missverhältnis, das sie definiert?
Ich glaube, das stimmt. Die Theorie beruht auf der Vermutung eines Missverhältnisses. Das ist der Punkt, der eine Menge Leute gespalten hat. Für eine moralische Panik ist keine Übertreibung erforderlich, doch ich würde sie als Faktor bezeichnen. Sie ist ein wesentliche Punkt.

Als du den Begriff ins Leben gerufen hast, ging es  um die gegenwärtigen Geschehnisse, was denkst du darüber, "moralische Panik" auf historische Geschehnisse wie Pogrome und Hexenverfolgungen anzuwenden? Ist das eine zulässige Verwendung des Begriffs?
Es kann auch zu weit gehen. Es passt schon, wenn man nur die historischen Parallelen sieht, doch den historischen Beispielen fehlen offenkundig ein paar der Hauptbestandteile "moralischer Paniken". Es ist in Ordnung einen Vergleich zu verwenden, so lange man nicht vergisst, dass man über zwei sehr unterschiedliche Arten von Erscheinungen spricht, besonders, was die Medien angeht. Diese historischen Paniken wurden nicht durch die Medien bestärkt wie die heutigen, noch haben sie eine Verbindung zur Popkultur. Dahingegen waren die Gruppen, die ich studiert habe, stark mit der gegenwärtigen Popkultur verknüpft - das hat sich einfach in einem Unterschied im Konsumverhalten niedergeschlagen, Mods waren Konsumenten, hatten nichts mehr mit dem Stil der 50er zu tun, fuhren Roller. Ben Sherman-Hemden, der Vorläufer des heutigen Stils. Die Rocker beschrieben die ältere Arbeiterkultur, die Überbleibsel der 50er Jahre-Kultur. Beide Gruppen waren bald Karikaturen ihrer selbst. Werden die Ziele der moralischen Paniken auch von der moralischen Prüfung bestärkt, der sie sich unterziehen müssen? Kann eine Gruppe davon profitieren, der Sündenbock zu sein?
Das ist eine gute Frage, aber normalerweise ist die Macht der Medien so groß, dass  der Machtmangel der Sündenböcke nur betont wird. Sie sind die Objekte der Medienreaktion. Es stimmt, dass sich Abweichler manchmal gegen ihre Abstempelung wehren, der soziologische Begriff, den wir dafür verwenden, ist die "Abstempelungs-Theorie" oder die "Theorie der sozialen Reaktion". Die Macht der mächtigen Gruppen, Medien, Polizei, Justizsystem, Berufstätige und so weiter gegenüber den Abgestempelten. Doch du hast Recht, eine Überbetonung der sozialen Reaktion verleitet uns auch manchmal  dazu Fälle zu ignorieren, bei denen die Subjekte sich wehren.
Wenn man sich die Geschichte der Gegenkulturen ansieht, hat man die Machtlosesten am einen Ende, und am anderen befinden sich die mächtigsten, intellektuell motivierten Gegenkulturen, also Sündenböcke, die sich wehren - manchmal wird ihre Macht gestärkt, besonders, wenn sie unfair behandelt werden.

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Hast du damals das Gefühl gehabt, dass du in der Konfrontation zwischen Medien und den Sündenböcken, die du beobachtet hast, Partei ergriffen hast?
Ich weiß, was du meinst, aber meines Erachtens nach, habe ich im Wesentlichen versucht die soziale Reaktion zu verstehen. Ich bin nicht an der Seite von Mods oder Rockern in eine Schlacht gezogen. Meine persönlichen Sympathien lagen beim Underdog, und das tun sie immer noch. Doch zu der Zeit war das keine so große Angelegenheit. Die Mods und Rocker waren keine  Träger irgendeiner wesentlichen Opposition oder einer politischen Botschaft, das würde sie zu sehr romantisieren. Ich versuche die Dinge von beiden Seiten zu betrachten. Ich habe den Tag in Clubs und am Strand verbracht, dann bin ich zurück in die Wohnung gegangen, um meinen Anzug anzuziehen und abends die Polizei und die Amtsrichter zu interviewen.

Sind moralische Paniken von Natur aus schlecht?

Nein. Es gibt gute moralische Paniken und schlechte. Es gibt moralische Paniken, die Licht auf Probleme werfen, die es wert sind. Die Gesellschaft verleugnet von Zeit zu Zeit die Existenz bestimmter Probleme, die Sachen werden als normal dargestellt. Es gab kürzlich ein schreckliches Beispiel eines Inzestfalls, der zwei Jahrzehnte lang dauerte, die Leute haben es verschleiert und verleugnet, was man da gebraucht hätte, wäre eine gute moralische Panik gewesen. Die Theorie der sozialen Reaktion ist nicht so bedeutsam, wenn man sich nur die Überreaktion ansieht, sie muss auch Fälle der Untertreibung hervorbringen.

Wenn bestimmte Gräueltaten herausgestellt und betont werden, dann sind das dienliche moralische Paniken. Dinge wie gewaltige Kampagnen, die sich den Problemen der dritten Welt widmen, der Ausmerzung von Krankheiten und so weiter.

Denkst du, dass weit verbreitete Ängste und allgemeine Unzufriedenheit in einer Bevölkerung sie gegenüber diesen Paniken angreifbarer machen?
Ich glaube nicht. Dieses ausgelutschte Argument trifft nicht wirklich zu. Sicherlich sind die Leute von der Menge an Information überwältigt, die sie bekommen, das macht vielleicht einen Unterschied, das Überangebot von Informationen ist heutzutage ein großes Thema. Die Leute sollen deshalb oft bei einer Sache helfen, Geld spenden und so weiter. Doch gleichzeitig bleiben wir  immer in einem Zustand der Krise, was die moralischen Grenzen einer Gesellschaft angeht. Solange es keinen eindeutige Kanon von moralischen Werten in einer ganzen Gesellschaft gibt, wird es immer diese Episoden moralischer Panik geben.