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Ich habe einen Tag als Rentner gelebt, weil ich nie eine Rente bekommen werde

Keiner von uns wird wohl je aufhören zu arbeiten, deshalb habe ich es einen Tag lang für euch ausprobiert.

von Matern Boeselager
09 Mai 2016, 4:13am

So ziemlich jedem, der in den letzten Wochen auch nur mit einem halben Ohr hingehört hat, müsste mittlerweile eines klar sein: Wir werden nie Rente bekommen. Das ganze System stammt noch aus einer Ära, in der sich Männer zum 19. Geburtstag einen Hut aufsetzten, in eine Firma gingen und das dann die nächsten 45 Jahre jeden Tag wiederholten. Am Ende bekamen sie dann eine goldene Uhr auf der Abschiedsfeier, machten ein bisschen Gartenarbeit und starben kurze Zeit später.

Das funktioniert heutzutage alles überhaupt nicht mehr: Die Alten wollen nicht mehr sterben, und die Jungen hängen mit 29 noch in einem unbezahlten Praktikum herum und träumen davon, eine Smoothie-Bar zu eröffnen, oder vielleicht irgendwas mit einer App. Und weil niemand mehr länger als zwei Jahre in einem Job aushält und sowieso immer weniger junge Leute nachkommen, können wir wahrscheinlich von Glück sagen, dass wir nicht gleich in ein staatliches Euthanasie-Programm rutschen, wenn wir die Maximalarbeitszeit überschritten haben – Rente ist jedenfalls nicht drin.

Für mich ist das in gewisser Weise eine große Erleichterung, weil ich es bis jetzt noch nie geschafft habe, länger als fünf Minuten am Stück über meine sogenannte "Altersvorsorge" nachzudenken. Schon das Wort "Altersvorsorge" löst in mir akute Fluchtreflexe aus. Wahrscheinlich hängt das irgendwie mit einer diffusen Angst vor Alter und Tod zusammen – aber die gute Nachricht ist, dass ich das Thema jetzt sozusagen mit gesellschaftlicher Sanktionierung guten Gewissens weiter ignorieren kann.

Trotzdem ist es natürlich ein bisschen schade, dass wir all diese typischen Rentner-Sachen wohl nie erleben werden. Wir werden nie den Luxus haben, mit 65 alles an den Nagel zu hängen und uns nur noch mit der Planung von Kreuzfahrten, Backwettbewerben und AfD-Parteitagen zu beschäftigen. Wir werden nie erfahren, wie sich das anfühlt, an einem Dienstagmorgen in einer Fußgängerzone herumzustehen und nicht zu wissen, was man als Nächstes machen soll, weil man nichts, absolut gar nichts mehr zu tun hat und niemand was von einem will.

Genau aus dem Grund habe ich beschlossen, für einen Tag in die Rolle eines Rentners zu schlüpfen. Nach einem kurzen Brainstorming hatte ich eine angemessene Anzahl von Klischee-Aktivitäten zusammen, und ich war bereit für meinen Tag als Pensionär.

Als Erstes musste ich natürlich sehr früh aufstehen. Ich glaube nicht, dass sie das wollen, aber alte Leute stehen immer extrem früh auf – das ist wahrscheinlich einfach als eine pure Gemeinheit der Natur zu verbuchen, dass man genau dann nicht mehr ausschlafen kann, wenn man endlich darf.

Da ich aber noch nicht in dem Alter bin, war ich ziemlich müde, als ich mich um halb sieben aus dem Bett quälte. Zu allem Übel regnete es draußen auch noch – das war besonders nervig, weil ich mir extra den Mittwoch für meinen Rentnertag ausgesucht hatte, weil zwei verschiedene Wetter-Apps behauptet hatten, dass es ein sonniger Tag werden würde. Diese verschissenen Wetter-Apps, dachte ich mir – und freute mich ein bisschen, weil das wahrscheinlich genau das ist, was ein alter Mann in dieser Situation denken würde.


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Ich verzichtete jedenfalls auf meinen morgendlichen Spaziergang und las stattdessen lieber die Zeitung. In der Zeitung stehen grundsätzlich dieselben Nachrichten wie im Internet, nur eben einen Tag später. Aus meiner Zeitung ( FAZ, natürlich) erfuhr ich zum Beispiel, dass mittlerweile jeder Fünfte in Deutschland irgendeinen Migrationshintergrund hat (mein Rentner-Ich war davon vage beunruhigt), aber auch, dass die Migranten schlechter verdienen und trotzdem zufrieden sind (was mein Rentner-Ich aus unerklärlichen Gründen wieder beruhigte). Außerdem las ich, dass das Mörder-Ehepaar von Höxter seine Opfer über Online-Plattformen kennengelernt hatte, was all meine Vorurteile über das Internet und den Sittenverfall aufs Schönste bestätigte. Zu meiner Zeit hat man den Leuten wenigstens noch Briefe geschrieben, bevor man ihre gefrorenen Leichen zerstückelt hat.

Weil die Zeitungslektüre mich erschöpft hatte und das Wetter immer noch scheiße war, machte ich dann erstmal ein Nickerchen, und das war wirklich sehr angenehm. So gestärkt beschloss ich, meine erste echte Rentner-Unternehmung in Angriff zu nehmen: Das Entenfüttern.

Ich ging also zum Spreeufer vor dem Urbankrankenhaus, weil es da massenweise Enten und vor allem Schwäne gibt. Das Füttern war allerdings schwieriger als gedacht: Immer, wenn ich einer Ente oder einem Schwan ein Stück Brot zuwarf, kam plötzlich ein Hochgeschwindigkeitsspatz angeschossen, der das Brot teilweise noch aus der Luft wegschnappte. Die trägen Schwäne hatten überhaupt keine Chance gegen diese Killer, und die Enten trauten sich wegen der Schwäne sowieso nicht ran. Wenn ich die Viecher füttern wollte, musste ich den Schwänen das Brot praktisch in den Hals stecken, und das war wiederum gefährlich, weil die beim Zuschnappen immer meine Finger erwischten.

Außerdem ist es irgendwie unangenehm, von mehreren hungrigen Schwänen umringt zu sein: Sie haben sehr starke Hälse, und ihre Schnäbel sind ziemlich genau auf der Höhe meiner Genitalien, und mir fiel plötzlich ein, dass Vögel von Dinosauriern abstammen (oder doch nicht?). Alles in allem war die ganze Unternehmung eher stressig, und außerdem schauten mich immer wieder Passanten böse an, weil ja heutzutage sogar das Entenfüttern irgendwie verboten ist.

Trotzdem wollte ich das mit den Tieren noch nicht aufgeben und schlurfte deshalb zum Streichelzoo in der Hasenheide. Leider interessierte sich kaum eines der dort herumliegenden Tiere für mich, bis auf einen Widder namens Bobby, dem ich ein paar Brotkrumen gab und der daraufhin irgendwie psychopathisch zu schnauben anfing und mit aller Kraft gegen das Holzgitter zwischen uns drückte, das auch verdächtig knackte und immer weiter nachgab, bis ein Pfleger kam und "Bobby!" rief. Bobby gab mir noch einen komischen Blick aus seinen gruseligen rechteckigen Pupillen und trottete dann ab. Ich beschloss, das mit den Tieren für heute erstmal sein zu lassen.

Stattdessen setzte ich mich auf eine Bank an einem Spielplatz und schaute ein paar Kindern zu. Dabei versuchte ich zu einschätzen, ob diese Kinder später einmal das Zeug dazu haben würden, mich und noch circa 30 andere alte Säcke mit ihrer Arbeit durchzufüttern. Beim Spielen sahen sie zwar ganz gesund aus, aber wenn man sich die YouTube-Stars der Kids von heute so anschaut, kommen einem da schon erhebliche Zweifel, dass die sich überhaupt mal selbst ernähren können.

Das Schild war schon so

Apropos Ernährung: Es war mittlerweile Zeit für mein Mittagessen. Ich suchte mir ein möglichst deutsches Lokal, ich wollte irgendwas essen, das mich an meine unbeschwerte Jugend in der ostpommerschen Waffen-SS erinnern würde. "Berliner Bollenfleisch" war genau das Richtige. Ich fühlte mich in eine bessere Zeit zurückversetzt—eine Zeit, in der "pulled pork" noch Schweinenacken hieß und "Vegetarismus" noch ein anderes Wort für Unterernährung war.

Da ich nach dem Essen nirgendwohin musste, besorgte ich mir ein Kreuzworträtsel und machte mich an die Arbeit. Aber erstens hatte mich das Bollenfleisch mit Bier ziemlich müde gemacht, und zweitens gibt es fast nichts Langweiligeres auf der ganzen Welt als Kreuzworträtsel. Ich musste alle meine Willenskraft aufwenden, um nicht ständig mein Smartphone rauszuholen und stattdessen weiter auf die weißen Felder vor mir zu starren, die sich kein bisschen bewegten—nicht mal ein GIF war drin—und über ein "spanisches Relativpronomen" mit drei Buchstaben nachzudenken. Es dauerte nicht lange, und ich musste schon wieder die Augen schließen.

Danach fühlte ich mich allerdings ausreichend gestärkt, um zum Höhepunkt meines Tages überzugehen: Dem Boule-Spielen. Das ist in Berlin mittlerweile zu einer klassischen Rentner-Beschäftigung geworden, und so dauerte es auch nicht lange, bis ich am Paul-Linke-Ufer die perfekte Truppe gefunden hatte. Fred (82) und Jürgen (81) trafen sich nach eigener Aussage jeden Mittwoch hier, um Boule zu spielen und Schnaps zu trinken. Fred kam dafür extra aus Rudow, Jürgen vom Gesundbrunnen angefahren. Nach etwas anfänglichem Misstrauen luden sie mich schließlich ein, eine Partie mit ihnen und ihrem Kumpel Piet zu spielen.

Jürgen war allerdings der einzige, der wirklich Lust hatte, über die Rente zu reden. Er habe nämlich ganze 100.000 Euro gespart (und das als Busfahrer!), aber leider habe seine Frau gerade zwei Schlaganfälle hintereinander gehabt, und jetzt müsse er sein gesamtes Erspartes nach und nach für ihre Pflege ausgeben. "Zweitausend im Monat kostet mich die Frau", schüttelte er den Kopf. "Eigentlich wollte ich mir doch ein neues Auto kaufen!" Und wenn er dann pleite sei, müssten seine Kinder weiter bezahlen, bis sie auch pleite sind. Abgesehen davon schien Jürgen aber grundsätzlich gute Laune zu haben, und die anderen beiden wollten sowieso lieber Boule-Weisheiten von sich geben und ihr Bier trinken (Schnaps gab es nur zwischen den Partien).

Obwohl Piet und ich verloren hatten, gaben Fred und Jürgen mir trotzdem was von ihrem Grappa ab. Mittlerweile schien sogar die Sonne, und so langsam gefiel mir das Rentnerleben.

Sollte ich es jemals dahin schaffen, dachte ich mir, muss ich eben darauf achten, weniger Zeit in Streichelzoos und umso mehr mit Boule und Schnaps zu verbringen, und dann würde ich das ganz gut rumbringen. Eigentlich gibt es ja auch nichts Deprimierenderes als den Gedanken, dass man sich ohne Arbeit automatisch zu Tode langweilen muss. Das würde ja bedeuten, dass wir nur für unsere Arbeit leben, und was soll dann zum Beispiel jemand sagen, der bei Starbucks arbeitet? "Der Sinn meines Lebens ist es, Touristen mit Venti-Lattes zu befüllen, bis ich den Hebel eines Tages nicht mehr nach oben drücken kann, worauf ich prompt meine Bestimmung erfüllen und mich selbst zu Brownie-Teig verarbeiten werde"? Nein, danke.

Tatsächlich hatte ich den ganzen Tag über so viele Rentner-Aktivitäten geplant, dass ich sowieso kaum Zeit hatte, mich zu langweilen. Ich weiß deshalb nicht, ob dieser eine Tag ausreicht, um mir wirklich ein abschließendes Urteil über das Rentner-Dasein zu bilden. Vielleicht müsste ich mindestens eine Woche investieren, um dem so richtig investigativ auf den Grund zu gehen. Vielleicht auch einen ganzen Monat. Ich muss dringend mal mit meinem Chef darüber sprechen.

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