Die erste deutsche Ausgabe von 'Charlie Hebdo' ist eher so … meh
Popkultur

Die erste deutsche Ausgabe von 'Charlie Hebdo' ist eher so … meh

Aber ...
02 Dezember 2016, 5:00am

Ein großes Kompliment ist es auf jeden Fall: Ausgerechnet Deutschland haben die Macher von Charlie Hebdo sich als erstes Exportland für ihren speziellen Humor ausgesucht. Offensichtlich haben die Franzosen sich von dem trockenen Ruf der Deutschen nicht abschrecken lassen. "Es gibt doch überall Humor", erklärte der _Charlie_-Chefzeichner Riss kämpferisch der ARD. "Sogar in Deutschland."

Der brutale Anschlag der Kouachi-Brüder auf das Büro von Charlie Hebdo machte das Magazin nicht nur unfreiwillig zum europäischen Symbol für die Meinungsfreiheit, sondern bescherte ihm auch weltweite Bekanntheit und Spendengelder in Millionenhöhe. Obwohl die Attentäter zwölf ihrer Kollegen ermordet hatten, machten die verbliebenen _Charlie_-Redakteure fleißig weiter wie bisher. Mit dem Erfolg, dass genau die Leute, die sich spontan selbst zu Charlies erklärt hatten, ohne vorher je von dem Magazin gehört zu haben, plötzlich herausfanden, wer sie eigentlich "waren": ein pöbelndes, grenzgängerisches, politisch maximal unkorrektes und oft ziemlich brutal geschmackloses Satire-Magazin. Ein Beispiel, erschienen kurz nach den Vorfällen an Silvester in Köln:

Darf — Dorothea Hahn (@DoraHahn)13. Januar 2016

"Was wäre aus dem kleinen Aylan geworden?", steht da, und die Antwort: "Arschgrapscher in Deutschland". Da schnappten eine Menge frischgebackener Charlie_-Fans schon hörbar nach Luft, und aus "Satire darf alles" wurde sehr schnell wieder "Dürfen die das?". Dabei ist der Cartoon eigentlich ein ziemlich scharfer Kommentar darüber, wie schnell sich die öffentliche Meinung zu "den Flüchtlingen" in den Köpfen gewandelt hatte. So clever ist _Charlie nicht immer: Die "Lasagne"-Cartoons nach den Erdbeben in Italien waren zum Beispiel ziemlich stumpf.

Aber so war Charlie Hebdo schon immer: manchmal clever, manchmal stumpf, aber immer maximal respektlos. Ob das auf Deutsch funktioniert, war also eine ziemlich spannende Frage. Das deutsche Team unter der Leitung von "Minka Schneider" (nicht ihr echter Name) hat angeblich monatelang an der ersten Ausgabe gearbeitet.

Das Ergebnis ist aber erstmal ziemlich zahm. Auf dem Cover ist natürlich Merkel, aber der Witz mit dem neuen Auspuff von VW ist eher so mittelgeil. Im Heft geht es dann weiter mit zahlreichen Merkel-Karikaturen, die die deutsche Kanzlerin wahlweise als Flüchtlingsmutti, Fidel Castro oder Honecker-Erbin zeigen, alles halt so ein bisschen auf Kalauer-Niveau. Ansonsten besteht das Heft fast ausschließlich aus übersetzten Artikeln aus der französischen Ausgabe. Wir lernen zum Beispiel eine Menge über den neuen konservativen Präsidentschaftskandidaten François Fillon, aber auch, "Wie uns [also den Franzosen] die Atomlobby teuer zu stehen kommt". Wenn man sich für französische Politik interessiert, ist es vielleicht ein ganz schöner Einblick, aber für Deutschland selbst knallt es jetzt nicht so wirklich.

Der einzige extra für die deutsche Ausgabe produzierte Inhalt sind vier Seiten mit dem Titel "Rabenmutti und Vaterstaat: Wer lebt glücklich in Deutschland?" Für die Seiten hat der Chefzeichner Riss zusammen mit einer Journalistin mit Dutzenden Menschen in ganz Deutschland gesprochen und die Leute zeichnerisch porträtiert. Es ist ein breiter Querschnitt, vom Tanklasterfahrer in Hamburg über den Dresdner Antifaschisten und den tunesisch-stämmigen Filmemacher bis zum Ökobauern. Die Menschen erzählen, was sie so mit Deutschland und Deutschsein verbindet, dabei tauchen vor allem das Thema Schuld auf, der Umgang mit der Vergangenheit und Flüchtlinge. Alles in allem also eine schöne Bestandsaufnahme der deutschen Befindlichkeit, gesehen durch die Augen der interessierten Franzosen—aber für deutsche Leser vielleicht auch nichts wirklich Neues.

Was man ein bisschen vermisst, sind die echten Schocker, die richtig brutalen Geschmacklosigkeiten, die trotzdem den Finger genau in die Wunde legen. "Endlich überqueren wir den Rhein", schreiben die Macher selbst in ihrem Editorial. "Und freuen uns auf das Jauchzen von Angela Merkel und Frauke Petry, wenn wir die beiden ein bisschen unter den Achseln kitzeln, selbst unrasiert, wir schaffen das." Aber trotz Ankündigung gibt es nicht so richtig viele gute Witze zu den deutschen Verhältnissen. Ist sowieso die Frage, ob ein komplett in Paris produziertes Satire-Magazin das für Deutschland überhaupt hinbekommen kann.

Trotzdem ist es schön, Charlie Hebdo jetzt auf Deutsch zu haben. Die Titanic kann ja auch nicht alles alleine machen, und den Rest des Feldes irgendwelchen Fließband-Memes von der heute-Show überlassen. Das wäre wirklich traurig.

Die erste deutsche Ausgabe war vielleicht keine absolute Granate. Aber wie man die Macher von Charlie kennt, werden sie es bestimmt bald hinbekommen, auch hierzulande rasende Stürme der Empörung von allen Seiten auszulösen. Und darauf kann man sich ja jetzt schon freuen.