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Heulsuse der Woche

Stolze Deutsche sehen sich am Jahrestag der Auschwitz-Befreiung als wahre Opfer des Nationalsozialismus und ein Rentner verklagt Dolly Buster wegen des Wortes „geil".
30 Januar 2015, 10:43am

Und wieder ist es an der Zeit, sich über ein paar Menschen zu wundern, die mit der Welt nicht fertigwerden.

Heulsuse #1: Die Auschwitz-Gedenktag-Gegner

Der Vorfall: Die Befreiung der KZ-Insassen von Auschwitz jährt sich zum 70. Mal und der Großteil der deutschen Medien greift das Thema auf.

Die angemessene Reaktion: Gedenken und Nachdenken und über den Holocaust sprechen und hoffen und daran arbeiten, dass sich so etwas nie wieder ereignet.

Die tatsächliche Reaktion: Sich darüber aufregen und selbst zum Opfer stilisieren.

Wahrscheinlich hat jeder von uns schon mal genervt aufgeseufzt, wenn er sich auf der Suche nach anspruchsloser Unterhaltung durch deutsche Fernsehsender gezappt hat und auf jedem zweiten Kanal eine Hitler-Doku kam. Neben der Tatsache, dass sich mit dem Nationalsozialismus immer irgendein Publikum erreichen lässt, ist diese mediale Präsenz aber eben auch darauf zurückzuführen, dass man diese dunkle Zeit der deutschen Geschichte in gar keinem Fall vergessen sollte. Deswegen wird auch 70 Jahre später noch der Befreiung der Auschwitz-Gefangenen gedacht und das ist auch richtig so.

In einem Video-Kommentar fand die ARD-Moderatorin Anja Reschke ungewöhnlich klare Worte für all jene, die sich über das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus echauffieren und löste damit auf Facebook eine ebenso kontroverse wie traurige Debatte aus. Jetzt sind Social Media-Netzwerke natürlich im Allgemeinen nicht die beste Plattform für überlegte Diskussionen auf intellektuell hohem Niveau, was die Kommentatoren dann aber teilweise vom Stapel ließen war gelinde gesagt schockierend.

In typischer „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen..."-Manier waren es plötzlich nicht mehr die KZ-Insassen, die die tatsächlich leidtragenden von Lagern wie Auschwitz sind, sondern all jene Deutsche, die es satt haben, sich mit der Geschichte ihres Landes zu beschäftigen, gleichzeitig aber offen ihren Nationalstolz nach außen tragen. Die dümmsten Aussagen haben wir diese Woche bereits in diesem Artikel zusammengefasst, wobei die Bandbreite von Verschwörungstheoretiker, über Antisemiten bis Vollblut-Nazis reichte.

Am allerschönsten—und auch heulsusigsten—waren dann allerdings die Kommentare auf unsere Veröffentlichung der Kommentare. So ist es anscheinend nämlich moralisch absolut vertretbar, jemandem, der sich gegen menschenverachtende Äußerungen einsetzt, auf Facebook den Tod zu wünschen. Wenn man aber mit genau diesen Aussagen zitiert wird, ist es plötzlich Rufschädigung. Es bleibt zu hoffen, dass keiner der verbliebenen KZ-Überlebenden jemals mit den Kommentaren konfrontiert werden, in dem ihre traumatische Vergangenheit mit „nicht mehr als ein Blatt Papier in einem Geschichtsbuch" gleichgesetzt wird.

Heulsuse #2: Der „geile" Knöllchen-Rentner

Der Vorfall: Pornostar Dolly Buster sagt über einen obsessiven Rentner, dass der sich daran „aufgeile", Falschparker anzuzeigen.

Die angemessene Reaktion: Die Provokation ignorieren, vielleicht wirklich damit aufhören, ständig Leute anzuzeigen.

Die tatsächliche Reaktion: Dolly Buster wegen Beleidigung anzeigen.

Es gibt wohl wenige Momente, die von so viel Frust und Menschenhass geprägt sind, wie der, wenn man auf seiner Windschutzscheibe ein Knöllchen entdeckt. Selbst wenn der Polizist noch in der Nähe ist, ist diskutieren zwecklos und es bleibt einem nichts anderes übrig, als zähneknirschend Bußgeld zu blechen. Umso ärgerlicher natürlich, dass es eine Art Bürgerwehr gibt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, auch ohne Marke und Befugnis Falschparker zur Strecke zu bringen. Einer der wohl erfolgreichsten unter ihnen: Knöllchen-Horst.

In den vergangenen Jahren hat der gute Mann 15.000 Falschparker angezeigt und es damit bereits zu fragwürdiger Bekanntheit gebracht. Wohl einer der Gründe, warum RTL in einem Beitrag über seine Tätigkeit als freiberufliches Ein-Mann-Ordnungsamt berichtete. RTL-typisch wurden mehr oder minder prominente Menschen mit dieser Geschichte konfrontiert, darunter auch Ex-Pornostar Dolly Buster. Die großbusige Blondine äußerte, gewohnt nonchalant, die Vermutung, dass sich der Rentner an seinem unsympathischen Hobby „aufgeile"—und ahnte zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich noch nicht, das sie Horst damit direkt den nächsten Anzeigengrund lieferte.

Der wollte nach der Ausstrahlung der Sendung Schmerzensgeld einklagen, weil er sich von dem verwendeten Terminus beleidigt sah. Das Amtsgericht Osterode wies die Klage allerdings wenig überraschend ab und lieferte dazu eine (zugegebenermaßen) etwas abstruse Begründung: Da die gute Dolly aus dem Pornobusiness komme, sei das Wort „geil" nicht als Beleidigung, sondern als normaler Teil ihres Wortschatzes zu sehen. Außerdem hatte der Rentner bereits 400 Euro Entschädigung von RTL erstritten und sei damit ausreichend finanziell entschädigt worden. Horst dürfte jetzt also umso hungriger auf Falschparker sein, passt also auf, wo ihr zukunftsweisend euer Auto abstellt.

Letzte Woche: Die Dschungelcamp-Kandidatin Angelina will das Camp verlassen, wenn sie keine Schokolade kriegt, und Kleintierzüchter beschweren sich über eine Kanickel-Metapher des Papstes.

Der Gewinner: die erbosten Kaninchenzüchter!