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Dancehall ist im Pop angekommen—aber dürfen Popstars ihn einfach so ausbeuten?

Von Drake über Bieber bis zu Tyga—Die Klänge von Dancehall sind präsenter als je zuvor.

von Sharine Taylor
04 August 2016, 1:32pm

UPDATE: Mit Sean Paul hat sich ein weiterer Dancehall-Künstler der ersten Stunde über die Ausbeutung seines Genres beschwert. Besonders Künstlern wie Drake und Justin Bieber macht Sean-A-Paul (so mi go so then) Vorwürfe, sich der jamaikanischen Kultur zu bedienen. „Es trifft einen wunden Punkt, wenn Leute wie Drake oder Bieber oder andere ankommen und an Dancehall orientierte Musik machen, ohne dem Tribut zu zollen, wo Dancehall eigentlich herkommt und das dann nicht einmal unbedingt verstehen“, sagte er in einem Interview mit dem Guardian. „Viele Leute sind wütend deswegen, verbittert. Ich kenne auch Künstler in Jamaika, die Major Lazer nicht mögen, weil sie denken, die machen das Gleiche wie Drake oder Kanye—sie nehmen und nehmen und geben keinen Credit.“

Schalt das Radio ein und du hörst noch immer von Zeit zu Zeit diese berüchtigte, minimale und digital erschaffene Bassline, die vor fünf Monaten ihr Debüt feierte. In Verbindung mit einer Melodie, die mit dumpfen, hallenden Synthies gesprenkelt ist, sowie Rihannas wiederkehrendem Patois gibt es keinen Zweifel, dass die Produktion von „Work“ sich Klängen bedient, die auf traditionellen Dancehall-Riddims basieren. Dancehall-Klänge werden hauptsächlich durch eine digitale Produktion charakterisiert, die nicht von Live-Instrumenten abhängt. Textlich dreht es sich um angeberische, unmissverständliche Standpunkte, die sexuelle Fähigkeiten oder Street Credibility betonen, oder um die neuesten Dancehall-Moves. Von Drake über Bieber bis zu Tyga, jamaikanische und karibische musikalische Elemente sind im Moment cool; die Klänge von Dancehall sind präsenter als je zuvor. Aber der kulturelle Kontext dieser Klänge ist immer schwerer nachzuverfolgen und die Schöpfer drohen in Vergessenheit zu geraten, jetzt wo ihr Einfluss ein weltweites Momentum erreicht hat.

Reggae und Dancehall sind als Formen des Widerstands ausgeschlossener Gemeinschaften in Jamaika entstanden. Reggae entstand in den 50ern als Verschmelzung von jamaikanischen Klängen (Mento und Ska) sowie amerikanischen Klängen (Jazz und R’n’B). Da zu dieser Zeit die beliebteste Form der Unterhaltung Livebands waren, die amerikanische R’n’B-Platten nachspielten, bot die Erschaffung von Reggae Jamaikanern die Möglichkeit, ihren eigenen charakteristischen Sound zu kreieren, mit Texten, die die Rastafari-Kultur und den Wunsch nach Freiheit, Frieden und Freiheit thematisierten. Ein paar Jahrzehnte später entstand Dancehall—benannt nach den Dance Halls, in denen die Partys und Soundsystems abgehalten wurden—um den Lebensstil innerhalb der ausgeschlossenen Gemeinschaften widerzuspiegeln.

Die frühen 2000er waren eine gute Zeit für Dancehall, da andere Künstler sich die Aufmerksamkeit ebenfalls zunutze machen konnten. Sean Paul hat unsere Liebe zu heißen, Reggae-beeinflussten Klängen, die sich eine Auszeit aus den Charts genommen hatten, mit seiner 2002er-Veröffentlichung Dutty Rock neu entfacht. Damit brachte er es nicht nur zu Mainstream-Erfolg, es ermöglichte ihm auch ein Feature in Beyoncés Chartstürmer-Single „Baby Boy“ von 2003. Beenie Man, der bereits eine gut laufende Karriere in Jamaika aufgebaut hatte und ein paar Jahre zuvor kurz im Mainstream in Erscheinung getreten war, konnte seiner Karriere in den USA mit der 2004er-Veröffentlichung von „King of the Dancehall“ neuen Schub verleihen. Für beide Künstler war diese Aufmerksamkeit neues Terrain, doch bereits in den 90ern brachten Künstler wie Beenie Man, Shabba Ranks und Super Cat Dancehall dem Mainstream zum ersten Mal näher. Die Künstler schafften es, die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu ziehen, indem sie der Mainstream-Bühne eine neue Dimension verliehen: Die Kollaboration von Super Cat mit Diddy, B.I.G. und Kriss Kross sowie anderen Acts Anfang der 90er war das erste Mal, dass HipHop mit Reggae-Musik vermischt wurde. Shabba Ranks’ Beitrag waren seine ungefiltert sexuellen Texte und sein einzigartiger Stil, was in der Single „Mr. Loverman“ und dem dazugehörigen Video zu sehen war, die ihm zu Ruhm verhalf. Beenie Mans Ruhm wuchs in Großbritannien und den USA mit seiner 1997er Single „Who Am I?“ immens.

Vor dem Hintergrund der widerstandsfähigen Geschichte von Dancehall und Reggae ist es alarmierend, wenn das „Revival“ der Kultur in einem Artikel gleichbedeutend mit dessen Weißwaschung ist und Künstlern wie Palmistry zugeschrieben wird. Das passierte auch mit Joss Stone, auch wenn dieselbe Publikation ihr Album niedermachte, als es erschien. Wenn man bedenkt, dass es im Zusammenhang mit sozioökonomischer Politik von jamaikanischem Patois immer noch Probleme gibt, ist es umso unangenehmer, wenn Künstler „leichtes Patois“ in ihre Musik einbauen. Es ist ein unangenehmes Gefühl, welches die Unterhaltung widerspiegelt, dass Nicht-Schwarze die kulturellen Errungenschaften schwarzer Gemeinschaften neu verpacken und kommerzialisieren. Ein Beispiel ist die Karriereentwicklung des Universal-Signings Lucas DiPascale. Das lässt auch die Bemühungen weiblicher Dancehall-Künstlerinnen außen vor, wie Spice und Tifa, die die Grenzen immer weiter verschoben haben und mit ihren Texten, Videos und Live-Performances die Wirkung und die Sexualität von Frauen neu zu definieren versuchten.

Dadurch dass diesen Künstlern Beachtung geschenkt wird, treten die neue Welle an Dancehall-Künstlern wie Alkaline und Masicka, existierende Künstler wie Vybz Kartel, Movado und Aidonia und aufstrebende Künstler, die die Aufmerksamkeit verdienen würden, in den Hintergrund. Es geht um die Inhaberschaft und die Bewahrung einer Kultur, deren Urhebern oft nur am Rande Kredit gezollt wird. Der Dancehall-Künstler Mr. Vegas hat vor Kurzem in einer Ausgabe von Ebro in the Morning ein ähnliches Gefühl zum Ausdruck gebracht. Darauf folgte ein Video, das in den sozialen Medien seine Runden machte. Auch wenn sein Argument durch Ebro entkräftet wurde, der argumentierte, dass der Künstler keine aktuelle Single habe, sind Vegas verständliche Frustration und seine Behauptungen berechtigt. Sie werden von vielen Leuten auf der Insel und in der Karibik geteilt, die das Gefühl haben, dass ihre kulturelle Arbeit erst wertgeschätzt wird, wenn sie von Künstlern außerhalb der Karibik genutzt wird.

Das neueste Projekt mit karibischen Klängen und Stilmitteln ist Drakes Views. Es gibt erfreulicherweise Diskussionen über die Politik einiger ausgewählter Tracks von Views, wie „Controlla“, „One Dance“ und „Too Good“, in denen Patois genutzt wird. Wenn man Drakes Nähe zur Kultur der Insel bedenkt, die durch Torontos große Community an jamaikanischen Migranten begründet ist, fällt es leicht, das Projekt auf diese Tatsache zurückzuführen. Doch aufgrund der Geschichte und der Politik, den Einfluss Jamaikas in ausländischen Industrien entweder zu unterschlagen, auszulöschen oder für Profit zu nutzen, zeigt dies eine alternative Möglichkeit, wie der Künstler die Kultur vereinnahmt. Besonders, da er behauptet, die Strukturen der jamaikanischen Musikindustrie zu imitieren. Das ist in der Welt des Raps kein neues Konzept und genau das, für das frühe Mixtapes gedacht waren und immer noch angefertigt werden. Es gibt auch Leute, die behaupten, Drake könne sich jamaikanische Kultur nicht aneignen oder sie vereinnahmen, da er ein schwarzes und ein weißes Elternteil hat. Da der Künstler allerdings Afroamerikaner ist und nicht aus Jamaika kommt und es andere Wege gibt, einer Kultur gegenüber Anerkennung zu zeigen, erscheinen seine Versuche mit Dancehall, Reggae und Patois wie ein weiterer Fall von kultureller Verbreitung für soziales Kapital.

Das soll nicht bedeuten, dass Künstler sich nicht bei Elementen eines Genres bedienen dürfen, wenn sie neue Musik erschaffen. Sie sollten aber zumindest bedenken, dass es Leute gibt, deren ganze Karriere auf den Klängen aufbaut, die sie inspirieren. Das bedeutet, dass sie die Künstler, die vor ihnen da waren, würdigen sollten, und darauf hinarbeiten, neue Klänge zu erschaffen, anstatt solche zu reproduzieren, die es bereits gibt. Kollaborationen über Genres hinweg stellen neue Wege dar. Neuere Künstler können dadurch ihr Talent mit ganz neuen Gruppen teilen und ihre Musik und Kultur international zeigen, ohne das Gefühl zu haben, dass ihre Talente ausgebeutet werden. Sie können ihre Erfahrungen aus einem authentischen Blickwinkel teilen und es wäre förderlich, wenn sie in diesem Prozess das Medium darstellen. Stell dir vor, du musst mit anderen Künstlern deines Landes um Aufmerksamkeit kämpfen und dann noch mit Künstlern, die nicht nur bekannter sind und mehr Zugang zu Ressourcen haben, sondern sich auch Aspekten deiner Identität annehmen, um sie in ihren Sound einfließen zu lassen. Sie sollen das Erbe von Legenden in Genres aufrechterhalten, von denen sie nicht einmal Teil sind, während authentische Künstler aus den Genres und ihre Schöpfer vergessen werden.

Ohne jetzt spalten zu wollen, kann man davon ausgehen, dass Jamaikaner ihre Identitäten sowohl auf der Insel selbst als auch im Ausland auf richtige Weise repräsentiert sehen und Erwähnung finden wollen, ohne zu Opfern der musikalischen oder kulturellen Kolonisation zu werden. Dann fühlt es sich auch nicht an, als wären Dancehall und Reggae die neuesten musikalischen Moden, die Künstler nur anprobieren, um sie später wieder auszusortieren. Man muss sich nicht dagegen wehren, wenn andere die lebhafte Kultur des Landes teilen oder schätzen, aber wenn man die reiche Geschichte dahinter, wie die Genres entstanden sind, bedenkt, ist es verständlich, dass es gegenüber der Aussicht, dass die Kultur zur Muse eines musikalischen Trends gemacht wird, Vorbehalte gibt.

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