Warum eine Deutsche aus Duisburg in den Krieg gegen den Islamischen Staat zog

Ivana Hoffmann ist die erste Deutsche, die im Kampf gegen den IS gestorben ist. Wir haben mit ihren Freunden gesprochen, um herauszufinden, was sie bewegt hat, in den Krieg zu ziehen.

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März 13 2015, 5:00am

„Die Schwierigkeiten im Schützengraben in Rojava sind nicht schlimmer als die Schwierigkeiten in Duisburg", sagt Güneş vom Solidaritätskomitee Ivana Hoffmann und fügt hinzu: „Sie hat sich immer aufgeregt über Rassismus und Sexismus. Ich kann mir vorstellen, dass es dort viel leichter, schöner und freier für sie war. Unter Gleichgesinnten. Im Kampf um eine gute Sache vereint. Das Leben im Kapitalismus ist oft schwieriger als in einem Frauenbataillon in Rojava."

Vor gut einem Dreivierteljahr entschied sich Ivana Hoffmann also zu gehen. Sie brach die Schule ab, machte sich auf den Weg in den kurdisch kontrollierten Teil des nordwestlichen Syriens, den die Kurden „Rojava" nennen. Dort schloss sie sich den kämpfenden Truppen der Marxistisch-Leninistischen Partei Nordkurdistans und der Türkei (MLKP) an, die dort die Truppen der kurdischen YPG und YPJ unterstützen.

Das Gebiet Rojava wird seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs von der kurdischen Partei PYD, die als Ableger der PKK gilt, als Kurdisches Gebiet proklamiert, in dem sie eine „neue und befreite Gesellschaft" aufbauen will. Die Bewegung hat sich unter anderem der Befreiung der Frau verschrieben, so dass Rojava für viele Linke in ganz Europa zum Synonym für eine gelebte „andere Welt" geworden ist. Auch aus diesem Grund schlossen sich Hunderte ausländischer Freiwilliger den Verteidigungseinheiten der YPG und der speziellen Frauenbataillone der YPJ an, um die Kurden im Kampf gegen die Truppen des Islamischen Staats zu unterstützen—in Syrien war die Stadt Kobane einer der Hauptschauplätze dieses Konflikts.

Ivana Hoffmann war eine von ihnen. Sie starb letzten Samstag gegen drei Uhr morgens bei der Verteidigung eines Postens in der Nähe der Stadt Tall Tamr, ungefähr 230 Kilometer östlich von Kobane.

Ivana habe sich immer nach Kurdistan gesehnt, sagen ihre Freunde am Telefon, als ich mit ihnen spreche. Sie habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie Guerillakämpferin werden wolle, und habe immer wieder gesagt, dass sie in den Kampf ziehen wolle.

Alle Fotos: Solidaritätskomitee Ivana Hoffmann

„Sie war verliebt in Kurdistan und sie war verliebt in den Kampf", erklärt Güneş—und auf eine gewisse Art könne sie das auch nachvollziehen. Viel direkter und viel härter sei die Konfrontation, wenn man mit der Waffe in der Hand in die Berge geht und dem Feind gegenüber steht. Es gibt klare Grenzen. Es gibt eine Disziplin. Es gibt Herausforderungen wie Kälte, Hunger, körperliche Anstrengung, die man meistern kann, während hier in Europa, in Deutschland, die Tage vor sich hin plätschern und die Ablenkung nie weit sei. Der Krieg also als Selbstdisziplinierungsprogramm für den politischen Kampf? Nicht ganz, wendet Güneş ein. Sie ergänzt, dass Ivana keinen Unterschied zwischen dem politischen Engagement hier und dem bewaffneten Kampf dort gemacht habe, dass es ihr aber nicht mehr gereicht habe, nur Flugblätter zu falten.

Ivana war seit ihrem 13. Lebensjahr politisch aktiv. Zunächst bei Young Struggle, einer von Migranten geprägten Jugendorganisation, die der MLKP nahe stehen soll, später dann bei der Partei selbst. Als Frau mit afrikanischen Wurzeln war sie besonders engagiert, wenn es um Rassismus und Sexismus ging. Freunde beschreiben sie als gerechtigkeitsliebend, ungeduldig und auf Demos immer ganz vorne mit dabei.

Warum sie dann aber tatsächlich gegangen ist, um sich an der Verteidigung von Rojava zu beteiligen, kann keiner genau sagen. Überrascht sei aber auch keiner, der sie kannte. Vielleicht ging es auch darum, sich selbst zu befreien, meint Güneş. Alle Verbindungen kappen und ein freies Leben in einer freien Gesellschaft zu führen. Ein Leben, wie man es hier in der westlichen Gesellschaft nicht führen kann.

Worte, die man so wahrscheinlich auch von Jugendlichen hören kann, die sich dem IS anschließen und die sich ebenfalls von Europa aus aufmachen, um in Syrien in den Krieg zu ziehen. Zwar haben das die deutschen Behörden noch nicht laut ausgesprochen, aber für den Verfassungsschutz dürfte es wohl keinen großen Unterschied machen, ob sich jemand einer islamistischen Terrormiliz oder einer kommunistisch geprägten und in Deutschland verbotenen Bewegung anschließt. Gibt es einen Unterschied?

Güneş kann die Frage nachvollziehen und sieht durchaus die Parallelen. Sie meint, dass sowohl die Jugendlichen, die sich für den IS, als auch diejenigen, die sich für den Befreiungskampf entscheiden, auf eine gewisse Art nach ihrer Identität suchen. Sie suchen Klarheit, die sie hier nicht finden können. Sie suchen einen Ausweg aus der Ausweglosigkeit, in einer Gesellschaft, die nichts für sie bereit hält, außer Arbeit oder Arbeitslosigkeit, Unterdrückung und Demütigung.

Güneş besteht aber darauf, dass der IS keine Alternative zu diesem System hier sei, denn schließlich würde der IS genau diese Arten von Unterdrückung und Diskriminierung fortführen, nur unter anderen Vorzeichen, während in Rojava tatsächlich gerade etwas Neues entstehe. Sie verweist darauf, dass die meisten Jugendlichen, die für den IS kämpfen, keine Ahnung hätten, auf was sie sich da einlassen würden und dass es mittlerweile Berichte darüber gibt, dass ausländische Kämpfer, die zurück in ihre Heimat gehen wollten, vom IS gewaltsam festgehalten werden. Das sei bei den Internationalen Brigaden, die für die Sache der Kurden ins Feld ziehen, ganz anders.

„Das ist eine absolut bewusste Entscheidung der Leute, die da hingehen. Das ist ein vollkommen freies Zusammenleben, ein freiwilliger Zusammenschluss im Kampf gegen die Reaktion." Außerdem verweist sie auf die große Anzahl von weiblichen Kämpferinnen und dass gerade die Frauen ein großes Interesse daran haben, ihre erkämpfte Freiheit zu verteidigen. Schließlich könne man gerade an der Frauenfrage sehen, wie fortschrittlich sich die Bewegung in Rojava entwickelt habe. Noch vor Kurzem hätten Frauen in Kurdistan in quasi feudalen Verhältnissen gelebt, heute stellen sie eigene Kampfeinheiten, vor denen der IS im Übrigen ganz besonders Angst habe. Schließlich gilt es für die Islamisten als besonders unehrenhaft, von einer Frau getötet zu werden.

Wie viele Gegner Ivana Hoffmann selbst getötet hat, ist nicht bekannt. Berichten zufolge sei sie eine gute Guerillakämpferin gewesen und an einem schweren Maschinengewehr ausgebildet worden. Sie habe „bis zur letzten Kugel" gekämpft, als ihre Einheit am letzten Samstag bei einem Gegenstoß des IS überfallen wurde. Nun wird ihr Leichnam nach Mardin überführt, wo am Samstag eine große Trauerfeier für die gefallene Kämpferin stattfinden soll.

Ivanas Beerdigung in Syrien

„Das ist ein schönes Zeichen für uns", sagt Güneş zum Abschluss unseres Gesprächs. „Wenn man Ivana gefragt hat, woher sie kommt, dann hat sie immer gesagt, dass sie aus Mardin komme. Nun findet dort die Trauerfeier für sie statt." Ausgerechnet also in Mardin, wo sich eine junge Frau aus Deutschland mehr zu Hause gefühlt hat—mehr als in ihrer Heimatstadt Duisburg.

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