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Kommt Koks als potenzielles Antidepressivum in Frage?

Es gibt Anhaltspunkte, dass für manche Menschen der Konsum von Kokain bei akuter Trauer vielleicht nicht total bescheuert ist.

von Arielle Pardes
13 Februar 2015, 12:25pm

Vor zwei Jahren verlor Madeleine (nicht ihr echter Name) ihren Vater. Er starb an Krebs. Sie war verzweifelt. Von der letzten Silvesterparty hatte sie noch etwa ein Gramm Koks über. Sie begann es zu nehmen. Jeden Tag ein Bisschen. Nur um die Zeit zu überstehen. Sie sagt, dass das Kokain ihr die nötige Energie gab, um ihren Alltag bewältigen, die Beerdigung zu organisieren und sich um ihre trauernde Mutter zu kümmern. Kokain, so sagt sie, rettete sie vor ihrer eigenen Trauer.

Es gibt wahrscheinlich keinen Doktor auf der Welt, der Madeleins Art der Selbstmedikation befürworten würde—es grenzt einfach zu sehr an ein typisches Suchtverhalten. Dr. Matthew Johnson, der im Bereich der Verhaltenspharmakologie an der John Hopkins University forscht, wundert Madeleines Erfahrung allerdings nicht.

„Es ist nichts Neues, dass Menschen Kokain oder Drogen, die Kokain sehr ähneln, zur Behandlung von Depressionen oder ähnlichen Erkrankungen verwenden", erklärte er—und es ist wissenschaftlich auch keineswegs unbegründet.

Werfen wir erst mal einen Blick zurück in die Geschichte: Kokain wurde im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert noch regelmäßig in der Medizin eingesetzt. Man behandelte damit so ziemlich alles von Erschöpfung, über Schmerzen bis hin zu Asthma. Besonders beliebt war das Mittel aber als Medikament gegen „Melancholie" und chronischen Schwermut. 1863 bemerkte der französische Chemiker Angelo Mariani, dass eine Prise Kokain im Wein selbst die traurigsten Seelen wieder munter macht, und medizinische Literatur von 1885 suggeriert, dass „sich die besten Resultate, die man bislang bei der Verabreichung der Arznei [Kokain] beobachten konnte, bei Zuständen der psychischen Depression zeigten." In einem Aufsatz, der im selben Jahr der American Neurological Society vorgelegt wurde, beschrieb ein Arzt, wie er Patienten, die von „tiefer Gram oder Schwermut" geplagt waren, sehr erfolgreich Kokain injiziert hatte. Seine Patienten mit „suizidaler Melancholie erholten sich in weniger als einem Monat" nach nur fünf Kokaininjektionen (die Dosis ist unbekannt).

Der bekannteste Kokainadvokat war aber wahrscheinlich Sigmund Freud, der die Droge vor allem wegen ihrer stimmungsaufhellenden Eigenschaften anpries (diese rangierten für ihn nur knapp hinter den positiven Effekten auf den Sexualtrieb). Freud war fest von dem Potenzial des Mittels überzeugt, Depressionen wirksam zu bekämpfen. Er führte unzählige Selbstversuche durch und gab zu Papier, dass „mich selbst eine kleine Dosis auf wundervollste Art und Weise aufrichtete." Freuds erster großer Beitrag zur Wissenschaft—noch vor der Psychotherapie, der freien Assoziation oder seinen absurden Theorien zu Sex und Psychologie—war ein Aufsatz mit dem schlichten Titel „Über Coca" von 1884, in dem er die Substanz in höchsten Tönen lobt. (Nebenbei ist dieser Aufsatz ein schönes Zeugnis einer Zeit, in der Drogenkonsum mit Freunden noch als solide Forschungsarbeit angesehen wurde.)

Im Laufe des 20. Jahrhunderts merkten Ärzte und Pharmakologen allerdings, dass Kokain süchtig macht und einem ziemlich das Leben versauen kann. Freud selber hatte besorgniserregende Konsumgewohnheiten entwickelt und einer seiner Patienten und Freude, Ernst Fleischl von Marxow, verstarb schwer kokainabhängig im jungen Alter von 45 Jahren. Auch wenn sich Kokain als effektives Mittel bei der Behandlung von depressiven Verstimmungen zeigte, konnte es gleichzeitig auch viel Leid verursachen.

Moderne Antidepressiva haben zwar nicht den unmittelbaren Effekt wie Kokain, machen deswegen aber auch nicht so süchtig. Ihre Wirkung im Gehirn ist allerdings ähnlich. Sie regeln die Zahl der Monoamin-Neurotransmitter, die als eine der Ursachen für Depressionen gelten. Bupropion, das unter den Handelsnamen Wellbutrin oder Elontril gerne als Antidepressivum eingesetzt wird, hat, wenn es nasal konsumiert wird, eine ähnliche Wirkung wie Kokain. Diese Eigenschaft hat dem Mittel schon den Spitznamen, „Das Kokain des kleinen Mannes" eingebracht.

Während Kokain nur einige Gemeinsamkeiten mit den meisten modernen Antidepressiva aufweist, ist es mit einem anderen Medikament fast identisch: Metylphenidat—auch bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin. Ritalin und Kokain wirken sehr, sehr ähnlich: Beide Substanzen blockieren im Gehirn die Wiederaufname der gleichen Neurotransmitter, um dadurch die Dopaminkonzentration zu erhöhen. „In einem Blindtest können Konsumenten nicht unterscheiden, ob sie Kokain oder Ritalin geschnupft haben", erklärte Dr. Johnson.

Ritalin wird gemeinhin zur Behandlung von ADHS eingesetzt, findet aber manchmal auch bei „behandlungsresistenten Depressionen" oder in anderen Fällen, wo traditionelle Antidepressiva versagt haben, seine Anwendung. „Es herrscht gemeinhin die Meinung, dass diese Medikamente bezüglich ihrer antidepressiven Wirkung für manche Menschen durchaus hilfreich sind", erklärte Dr. Johnson.

Einer der Anreize davon, dopaminerge Stimulanzien bei der Behandlung von Stimmungsproblemen einzusetzen, ist die unmittelbar eintretende Wirkung. Bei handelsüblichen Antidepressiva kann es Wochen oder sogar Monate dauern, bis wirklich eine Wirkung zu spüren ist. Für eine suizidale Person oder jemanden, der sich in einem akuten Trauerzustand befindet, ist eine derartige Zeitspanne zu lang. Es gibt einen Reddit-Thread (der es innerhalb von drei Monaten in die „Best Of"-Liste schaffte) von einem Typen, der von sich behauptet, nach Mexiko gereist zu sein, um sich dort mit Barbituraten umzubringen. Dort angekommen, verkaufte ihm sein Taxifahrer ein Päckchen Koks und nachdem er eine Woche lang heftig konsumiert hatte, kam er zu dem Schluss, dass das Leben doch nicht so beschissen ist. Er ist überzeugt davon, dass das Kokain, auch wenn es nicht seine Depression geheilt hat, ihm doch zumindest das Leben rettete.

Bislang gibt es nur eine Handvoll wissenschaftlicher Studien, die sich mit „der Wirksamkeit von dopaminergen Stimulanzien bei Patienten mit Affektstörungen" auseinandergesetzt haben. Die bislang zu dem Thema veröffentlichten Ergebnisse waren aber durchgehend positiv. Eine kritische Betrachtung vergangener Untersuchungen kam 2013 allerdings auch zu dem Schluss, dass „das Missbrauchspotential traditioneller Stimulanzien ... diese als Mittel erster Wahl zur Behandlung von klinischen Depressionen ausschließt." In anderen Worten: Die hohe Wahrscheinlichkeit, dass du von Koks abhängig wirst, macht den medizinischen Einsatz der Droge extrem unwahrscheinlich.

Für Patienten allerdings, die in ihrem Leben noch kein Abhängigkeitsproblem mit Drogen gehabt haben und bei denen die herkömmlichen Antidepressiva nicht wirken, könnte die Verwendung dopaminerger Stimulanzien „eventuell eine derartige Besserung erwirken, dass sie den Einsatz dieser Substanzen rechtfertigt", lautet es auch in besagter Studie.

Dr. Johnson zeigte sich auch davon nicht überrascht. „Schauen Sie, ich rate Niemandem, auf die Straße zu gehen und sich dort Kokain für die Behandlung seiner Depressionen zu beschaffen. Wissenschaftlich gesehen ist es aber nicht total abwegig, dass manche Menschen Kokain hilfreich für die Behandlung ihrer Depression empfunden haben. Es gibt auch ausreichend Studien zu sehr ähnlich wirkenden Medikamenten, die nahelegen, dass das wahrscheinlich auch ein kleines Bisschen der Wahrheit entspricht."

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