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Weibliche Neonazis liken Tierbabys, die NPD und Lutz Bachmann

Warum weibliche Neonazis auch auf Facebook immer noch häufig übersehen werden.

von Sophie Claassen
14 September 2015, 9:24am

Foro: Imago/Sebastian Widmann

Das Bild, das wir von Rechtsextremisten haben, ist bis heute deutlich männlich geprägt. Das Bild des kahlgeschorenen Neonazis in Springerstiefeln, des hässlichen Deutschen, der sich erst am Stammtisch Mut ansäuft, um dann als stolzer Germane seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen, indem er vor Asylunterkünften pöbelt oder wehrlose Menschen zusammenschlägt. Dass man allerdings weder eine Glatze noch einen Penis dazu braucht, um sich primitiv und aggressiv gegenüber anderen zu verhalten, hat eine wütende Heidenauerin vor einigen Wochen beim Besuch von Angela Merkel eindrucksvoll demonstriert. Dennoch sind rechtsextreme Frauen nach wie vor ein Phänomen, das von der Gesellschaft zum großen Teil übersehen wird—sowohl in der Öffentlichkeit als auch in den sozialen Medien.

Dr. Heike Radvan leitet die Fachstelle für Gender und Rechtsextremismus der Amadeu-Antonio-Stiftung und erklärt dieses Phänomen damit, dass es gegenüber Frauen in der Gesellschaft immer noch bestimmte Vorurteile gibt. Frauen gelten als friedliebend, passiv und unpolitisch. Diese weiblichen Stereotype machen sich Rechtsextremistinnen strategisch zu Nutze, indem sie zum Beispiel als Mütter, Erzieherinnen oder Sozialpädagoginnen ihre rassistischen und menschenfeindlichen Ansichten verbreiten, ohne sich dabei offen als Neonazis erkennen zu geben.

Was den Mitgliederanteil bei rechtsextremen Parteien angeht, liegen die Frauen mit aktuell etwa 20 Prozent deutlich hinter den Männern. Dafür stimmen Frauen laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung häufiger rassistischen, antisemitischen und sexistischen Meinungen zu. Was rechstextremistisch motivierte Gewaltdelikte betrifft, liegen die Männer laut offizieller Statistik mit einem Anteil von 90 Prozent dann wieder klar vorne. Heike Radvan gibt hier allerdings zu bedenken, dass die Statistik nicht berücksichtigt, inwieweit Frauen in die Geschehnisse involviert waren. „Man muss schon genau hingucken, was passiert ist, bevor der Mann zugeschlagen hat. Frauen spielen da durchaus eine aktive Rolle, indem sie zum Beispiel behaupten, sie seien sexuell belästigt worden, wer dann aber zuschlägt, ist der Mann. Dieser Vorwurf ist sehr verbreitet—ein Phänomen, das wir auch gerade mit Geflüchteten wieder häufig beobachten."

Dass auch Frauen offen rechtsextremistische Ansichten vertreten und in der Szene aktiv sind, zeigt sich vor allem im Netz. Dabei erkennt man bei vielen von ihnen erst auf den zweiten Blick, das sie rechts sind: Wenn sich harmlose Familienbilder, Kochrezepte oder Fotos von süßen Tierbabys mit rassistischen und antisemitischen Kommentaren mischen oder man entdeckt, dass eine harmlos aussehende Mutter neben heftig.co auch die NPD geliket hat. Beispiele solcher Frauen gibt es genug. Ich habe mich in einigen einschlägigen Facebook-Gruppen wie „Keine weiteren Asylantenheime in Deutschland" umgesehen und eine Menge Profile von Frauen gefunden, die für jeden Nutzer sichtbar und mit vollem Namen gegen Flüchtlinge und „kranke Gutmenschen" hetzen.

Zum Beispiel Petra, die Artikel über „Vergewaltigung durch Asylanten" teilt, neben einem Herz für TurboRoo, den zweibeinigen Chihuahua, auch eins für Lutz Bachmann hat und sich bei ihrer Freundin und Schwester im Geiste Regina für ihre Blut-und-Boden-Weisheiten mit einem Herzchenteddy bedankt.

Oder Andrea, zwischen deren zahllosen Fotos von süßen Hundewelpen sich auch Posts von der NPD finden lassen und die unter anderem die Seite „Aufwachen Deutschland" unterstützt, eine Hetzer-Community mit über 55.000 Fans.

Die Seite „Just Nationalist Girls" mit immerhin gut 8.500 Fans hingegen richtet sich ausdrücklich an ein weibliches Publikum und gibt sich jung, europäisch und aufgeschlossen. Hier lassen sich deutsche weibliche Neonazis gemeinsam mit Identitären aus Österreich oder Unterstützerinnen der französischen Front National über den „Genderwahn" aus, machen sich Sorgen über „zerstörte Kinderseelen" und die Abschaffung der Familie.

Laut Heike Radvan mischen sich rechte Frauen oft in Diskussionen über zunächst recht unverfängliche Themen ein, wie zum Beispiel gesunde Ernährung, Mystik oder Kinderziehung. Ein weiteres Thema, bei dem sich rechte Frauen auch durchaus strategisch einbringen, ist der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Die Angst vor Vergewaltigungen wird hier gezielt dazu genutzt, rassistische Vorurteile zu schüren. Das Thema zeigt wie kein anderes, wie die rechte Szene versucht, durch populistische Claims und Forderungen im Netz auf Stimmenfang zu gehen. So hatte die von der NPD betriebene Seite „Keine Gnade für Kinderschänder", bis sie im Jahr 2011 von Facebook gelöscht wurde, etwa 74.000 Fans. Die Nachfolgeseite „Deutschland gegen Kindesmissbrauch" zählt aktuell immerhin noch erschreckende 38.000 Unterstützer.

Frauen werden hier als Mütter und potentielle Opfer von sexueller Gewalt direkt angesprochen, um sie als Unterstützerinnen zu gewinnen. Andererseits werden Frauen auch von rechtsextremen Vereinigungen strategisch als Agitatorinnen eingesetzt, weil ihnen in Diskussionen—sowohl im Netz als auch im Offline-Bereich—nicht so schnell widersprochen wird wie Männern. Heike Radvan hat dieses Phänomen oft beobachtet und macht auch hierfür weibliche Stereotype verantwortlich. Das Bild von der Frau als friedliebendes Wesen sorgt außerdem auch dafür, dass weibliche NPD-Kandidatinnen oft signifikant höhere Stimmergebnisse erzielen als die männlichen Kandidaten, weil sie als vertrauenswürdiger, bürgerlicher und ungefährlicher wahrgenommen werden als die dem gewalttätigen oder Hooliganbereich zuordenbare Männer. Wenn die Frau das Mandat dann schließlich gewonnen hat, wird sie allerdings oft von der Partei dazu gedrängt, den Posten nicht anzutreten, damit ein männlicher Kandidat nachrücken kann. Traditionell stehen Frauen in der NPD in der zweiten Reihe.

Dass Frauen in Diskussionen später gestoppt werden als Männer, zeigt laut Radvan auf der anderen Seite auch, dass ein rassistischer oder hetzerischer Kommentar, wenn er von einer Frau kommt, nicht als so gefährlich eingestuft wird, als wenn er von einem Mann kommen würde. Frauen werden nach wie vor weniger ernst genommen und ihr Gewaltpotential unterschätzt. Als Beispiel hierfür nennt Radvan auch Beate Zschäpe: „[Dass Frauen weniger ernst genommen werden] ist ja auch das, was wir in der Jugendarbeit beobachten und was man auch am Beispiel Beate Zschäpe sehr gut sehen kann:Sie äußert sich rassistisch, ist gewalttätig, und der zuständige Sozialarbeiter, der sie in den frühen 90ern betreut, sagt, dass sie nur auf der Suche nach einem Freund ist und deshalb in den Jugendclub kommt. Das kann natürlich auch eine Rolle gespielt haben, aber dass sie zu diesem Zeitpunkt schon stark rassistisch ideologisiert war und in ihrer rechten Weltanschauung gefestigt, wurde dabei einfach übersehen. Das passiert bei Frauen häufiger, während gerade Facebook zeigt, was im öffentlichen Raum oft übersehen wird: Dass Frauen eben nicht weniger rassistisch sind als Männer und das durch Likes oder eigene Äußerungen auch offen zeigen."

Die sozialen Netzwerke spielen im Bezug auf Rechtsextremismus eine entscheidende Rolle. Nicht nur weil rechte Parteien und Gruppen sie nutzen, um ihre Propaganda schneller verbreiten und sich einfacher organisieren zu können, sondern auch weil das Problem Rechtsextremismus an sich durch die sozialen Netzwerke leichter sichtbar gemacht wird. Das Internet wird von vielen nach wie vor nicht als ein öffentlicher Raum wahrgenommen, sondern als eine Art digitaler Stammtisch, an dem jeder sagen kann, was er will. Wer sich also heute einen realistischen Einblick in die Abgründe der deutschen Seele verschaffen will, muss dafür nicht mehr beim Nachbarn an der Tür horchen, sondern kann sich bequem durch die Profile seiner Mitbürger klicken. Was diese Recherche allerdings mitunter zu Tage fördert, ist so schlimm, das man sich manchmal wünscht, die Leute wären einfach am Stammtisch sitzen geblieben und das Internet wäre niemals erfunden worden.



Titelfoto: Imago/Sebastian Widmann