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„Pfeifen gegen Pfeifen“ an der Pegida-Demo bei Basel

Gerade mal 40 Rechte standen am Sonntag dem mindestens zehnfachen an Gegendemonstranten gegenüber. Letztere blieben friedlich, waren dafür aber umso lauter.
22.12.15
Foto: Luke Robinson

Das Städtchen Kandern in der Nähe von Lörrach ist ein beschauliches Fleckchen Erde. Am Rande des Schwarzwalds gelegen, 8.000 Einwohner, eine hübsche klassizistische Kirche und ein Keramikmuseum, dessen Highlight ein 1.5-Liter-Trinkgefäss in Form einer roten Sau ist, wie Wikipedia weiss. Gemütlich, ja verschlafen, geht es in der Kleinstadt wohl an einem normalen Sonntag zu und her.

Dass vergangene Woche aber kein ganz normaler Sonntag werden würde, das wussten wohl alle im Ort. Besuch hatte sich angekündigt—zwar kein hoher, dafür umso berüchtigter: Pegida Dreiländereck hatte zur grossen Demonstration gegen Islamisierung, Lügenpresse, die USA, Merkel und sowieso aufgerufen.

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Warum genau in Kandern? Das wusste niemand so recht. „Wir reagieren damit auf den Wunsch einiger Patrioten, in anderen Standorten Präsenz zu zeigen und die Flamme der Hoffnung aufleben zu lassen", begründete das Orga-Team um die beiden DPS-Politiker Ignaz Bearth aus St. Gallen und Tobias Steiger aus Dornach im Facebook-Event zur Demo und ruft im gleichen Text dazu auf, Fahrgemeinschaften zu bilden. Und versprach den ersten 50 Teilnehmern erst noch ein knallrotes „Asyl-Tourismus stoppen"-Shirt, die von den vergangenen, für die DPS eher bescheiden ausgegangenen Wahlen übrig geblieben waren.

Ja, nach Kandern kommt man nicht ganz einfach. Vielleicht spielte auch dieser Umstand bei der Ortswahl eine Rolle. Bei den bisherigen Dreiländereck-Demos in Weil am Rhein nämlich hatten linke Gegendemonstranten die „Patriotischen Bürger" nicht nur in Sachen Anzahl sondern auch Lautstärke klar übertrumpft. „Ist halt auch zu städtisch, zu nahe am linken Basel", mögen sich Bearth und Co. gedacht haben, „Auf dem Land weht sicher ein patriotischerer Wind."

Alle Fotos von Luke Robinson

Nun, falsch gedacht: Schon im Bus vom Badischen Bahnhof, der eine gefühlte Ewigkeit durch süddeutsche Hügel und Käffer kurvt, mache ich ausschliesslich mit Gegendemonstranten Bekanntschaft und als wir uns dem Stadtzentrum und dem Blumenplatz, wo die Demo stattfinden soll, nähern, höre ich schon die ersten Trillerpfeifen und „Refugees Welcome!"-Parolen. Von der Islamisierung des Abendlandes hingegen höre ich nichts. Richtig was los ist 45 Minuten vor dem offiziellen Beginn der Kundgebung noch nichts.

Der Hauptteil der Anwesenden besteht aus Polizei, die den Platz mit Schranken in zwei Teile abgesperrt hat und im gepflasterten Niemandsland dazwischen bereit steht. Davor: eine Gruppe von 20 bis 30 Leuten, denen man landläufig das Etikett „Schwarzer Block" verpasst plus ein paar Einwohner der Stadt.

Hinter der Absperrung: Pegida Dreiländereck. Ein Grüppchen korrekt frisierter (Sidecut, Seitenscheitel, Glatze) Männer zwischen 20 und 50 Jahren. Gut die Hälfte von ihnen trägt neongelbe Leuchtwesten. Mit den Attributen „friedlich" und „gewaltfrei" schmücken sich die „besorgten Bürger". Ganz ohne Nachhelfen scheint das aber nicht zu funktionieren.

Während mir langsam die Zigaretten ausgehen und ich mich frage, wo ich noch welche herbekommen könnte—das Gros der Geschäfte und Gaststätten in Kandern soll als Protest gegen die Kundgebung und vielleicht auch aus Sicherheitsgründen dicht gemacht haben—, füllt sich der Platz. Dabei wächst vor allem das Lager der Gegendemonstranten von Minute zu Minute.

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Neben dem üblichen linken Lager (Che Guevara und Friedenstaube werden als Flaggen aufgehängt) markieren vor allem Einwohner und Leute aus der Region Präsenz. Die Kanderer scheinen nicht einverstanden zu sein damit, dass ihr kleines Städtchen für Hassparolen und „Wir sind das Volk"-Skandierungen von Pegida ausgesucht wurde.

Als um 15:05 Uhr Ignaz Bearth nämlich mit seiner Rede beginnt, geht diese in einem Meer aus Trillerpfeifen und Shouts („Nazis vertreiben! Flüchtlinge bleiben" et cetera) unter. Der Lärm ist ohrenbetäubend und bis auf ein paar Schlagworte wie „Lügenpresse" und „Merkel" und „linke Chaoten" verstehe ich nichts von Bearths Rede. Muss ich auch nicht, denke ich, ist ja sowieso immer dasselbe—ob er nun in Dresden vor Tausenden oder in Kandern vor einer Handvoll Pegida-Menschen rumtobt.

Ich frage mich, ob sich nicht auch die knapp 40 Rechten, die sich mittlerweile um Bearth geschart haben und die geschätzt mindestens zehnfache Anzahl Gegendemonstranten, denen sie ihre Rücken zuwenden, langweilen. Auf den Schultergürteln der selbsternannten Patrioten wiederum prangen unter anderem der Thor Steinar-Schriftzug und ein Motörhead-Logo (was Lemmy wohl denken würde?).

Muss es nicht irgendwie zermürbend oder zumindest ermüdend sein, Wochenende für Wochenende aufs Neue feststellen zu müssen, dass Süddeutschland und die Schweiz nicht Dresden sind?

Es geht darum, Präsenz zu markieren, schon klar. Aber zumindest in Kandern bewies Pegida Dreiländereck vor allem eines: dass hier keine kritische Masse ihre Ansichten teilt, dass es immer noch Leute gibt, die rechter Hetze entegegentreten, dass der Mehrheit der Bevölkerung dieser Region Pegida wenigstens schlichtweg egal ist.


Die Pegida-Demo in Wien:

„Wir sind Völker", schreit eine etwas ältere Gegendemonstrantin irgendwann und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Zumindest beim Dreiländereck-Ableger von Pegida handelt es sich nicht um eine Bewegung besorgter Bürger, sondern hauptsächlich um Personen aus der rechtextremen Szene. Der Thor Steinar-Pulli und die Tatsache, dass es sich einige Teilnehmer doch nicht verkneifen können, ihre rechte Hand in die Luft zu strecken, sind gute Indizien dafür.

Als die Kundgebung nach rund 90 Minuten ihr Ende findet, machen sich die friedlich gebliebenen Gegendemonstranten zu einem kleinen Marsch durchs Städtchen auf. Ich hab keine Zigaretten mehr und mache mich, da ich nicht nochmal jemanden anschnorren will, auf den Heimweg. Im Bus setze ich mich hinter eine Gruppe junger Basler. Sie sind zufrieden mit dem Pfeifkonzert. „Pfeifen gegen Pfeifen", sagt einer von ihnen.

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