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Wenn 5.000 selbsternannte Opfer durch Berlin marschieren

Die AfD erklärt leeren Straßen die Welt: „Alles doof. Außer wir."

von Stefan Lauer
09 November 2015, 12:27pm

Die großangekündigte „Herbstoffensive" der AfD ist vorbei. Die Demo, die letzten Samstag durch Berlin verlief, sollte der triumphale Abschluss einer Kampagne sein, die die Partei weg vom Thema Spaltung bringen und im bundesdeutschen Politikdiskurs verankern sollte.

Ursprünglich war der Aufmarsch für 10.000 Teilnehmer angemeldet worden, diese Zahl wurde dann auf die Hälfte reduziert. Und tatsächlich erschienen geschätzte 5.000 Mitglieder und Sympathisanten aus ganz Deutschland letzten Samstag und marschierten vom Alexanderplatz zum Hauptbahnhof.

Beatrix von Storch zeigt sich volksnah mit roter Karte. (Alle Fotos vom Autor)

Mit Ausnahme von Björn „Deutschlandfahne" Höcke lief die Partei mit allen Stars auf. Beatrix von Storch, Frauke Petry und Alexander Gauland durften reden. Natürlich über die immer gleichen Themen. Selbst Beatrix von Storch, sonst gerne spezialisiert auf Penisse und ihre richtige Verwendung, war ganz im Thema. Gegen Flüchtlinge hat hier nämlich angeblich niemand was. Natürlich auch nicht Alexander Gauland, der die ankommenden Menschen mit den „Barbarenhorden" verglich, die das Weströmische Reich zu Fall gebracht haben. Aber alle hassen Merkel. Immer wieder durften alle ihre selbstgebastelten roten Karten in die Luft halten und „Merkel muss weg"-Sprechchöre wurden angestimmt.

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Ansonsten dominierten zwei Motive die Reden und das Bauchgefühl der Anwesenden. Einmal ist da das Opfersein. Alle Anwesenden sind nämlich Opfer: Opfer von Merkel, Opfer der Antifa (Fun Fact: AfD-Mitglieder erfahren täglich körperliche Gewalt, weil sie für ihre Meinung eintreten. So sagt es Albrecht Glaser, stellvertretender Bundessprecher der Partei, bei der Abschlusskundgebung), Opfer der linksgrünen Meinungsdiktatur, Opfer der „internationalen Finanzelite" und natürlich Opfer des Islam.

Die erste Reihe des AfD-Aufmarschs (v.l.n.r.): Marcus Pretzell (vielleicht bald der neue Herr Petry), Frauke Petry, Alexander Gauland, Beatrix von Storch, Albrecht Glaser

Das zweite Motiv ist der „Geist von '89", der immer wieder herbeigezwungen werden soll. Permanent wird den Teilnehmern eingebläut, dass hier nicht 5.000 Rentner, „Asylgegner" und Hooligans durch die Straßen laufen, sondern die nächsten deutschen Revolutionäre. Von Storch schafft es dann auch in einer zehnminütigen Rede, Martin Luther King und Ghandi zu zitieren, und auch Gauland zitiert Brecht.

Inhaltlich gibt es wenig Neues. Die Nation ist toll, Grenzen sind toll, die Wahrheit (der AfD) ist toll, die Lügenpresse ist doof.

Durchdachte und menschenfreundliche Parolen

In Berlin finden regelmäßig Demos statt, die eher Selbstzweck sind und die faktisch niemanden tatsächlich erreichen, aber selten sind dabei so viele Menschen auf der Straße wie vergangenen Samstag. Die AfD marschierte vom Alexanderplatz durch abgeriegelte Straßen, begleitet von 1.100 Polizisten. Die Polizei hatte die Demonstrationsroute schon am morgen vollständig abgeriegelt. Nichtmal Touristen wurden in die entsprechenden Straßen gelassen. Einerseits bedeutet das, dass die Demonstration praktisch unaufhaltbar war, andererseits lief sie durch fast leere Straßen. 5.000 Menschen präsentierten ihre Slogans also lediglich Schaufenstern und Mitarbeitern von Flagship-Stores, die allein in und vor ihren Läden standen. Jede Querstraße war abgeriegelt und direkt hinter den Polizeiabsperrungen dann Gegendemonstranten, die versuchten, die AfDler zu übertönen.

Einer der an der ganzen Marschroute verteilten Gegenproteste

Auch die Gegenkundgebungen waren durch Polizeiabsperrungen so weit von der Marschroute der AfD entfernt, dass es nur an wenigen Punkten zu einer Art Interaktion zwischen beiden Seiten kam. Das ganze kulminierte dann auf der Abschlusskundgebung, die (unübetriebene) drei Meter neben einer weiteren Gegenkundgebung stattfand.

Rechts (nicht überraschend) die AfD, links der Gegenprotest

Während auf der einen Seite Frauke Petry über das sprach, worüber Frauke Petry nunmal gerne spricht (Volk, Nation, Grenzen), standen nur von einer Reihe Polizisten und Hamburger Gittern getrennt rund tausend Gegendemonstranten vor dem Hauptbahnhof und versuchten, mit Posaunen und was sich sonst noch anbot, wenigstens das Ende der Demo zu unterbrechen.

Was vom Samstag bleiben wird, ist unklar. Ein hochsicherheitsmäßig abgesicherter Aufmarsch wird die AfD vermutlich nicht wählbarer machen, die angereisten Mitglieder werden sich aber in ihrer Opferhaltung bestärkt und sich als „Märtyrer" für Meinungsfreiheit und die kommende „Revolution" sehen. Gemeinsam hat man ein „Zeichen" gesetzt, gegen die „Meinungsdiktatur" der „Altparteien". Mit Zahlen und Fakten muss man es da nicht so genau nehmen. Das kann man jetzt schon auf den Seiten der Teilnehmer nachlesen. Beatrix von Storch schreibt auf ihrer Facebook-Seite: „Was für ein Erfolg! 7000- mindestens - zeigen Angela Merkel die Rote Karte. 7000- demonstrieren ohne Gewalt. Gegen die Regierung. Und die "Anti"Fa, brandschatzend, steinewerfend, verteidigt im geistigen Schulterschluss mit CDU, CSU, SPD, Grünen und LINKE die Kanzlerin.‪#‎MerkelsAsylchaos ‪#‎AfD"

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