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Sex

Der GZSZ-Inzestskandal und die Lüge von der „verbotenen Liebe“

Besteht wirklich die Gefahr, aus Versehen seinen Vater zu daten? Wie oft kommt es in Deutschland wirklich zu inzestuösen Handlungen? Wir haben mit einer Betroffenen gesprochen.

von Lea-Natascha Wyss
20 Januar 2016, 1:46pm
Titelfoto: Symbolfoto | Éamonn Ó Muirí | Flickr | CC BY 2.0

Dass sich in sogenannten Daily Soaps die Geschehnisse immer mal wiederholen, wissen nicht nur eingefleischte Fans. Alle paar Jahre stirbt jemand, alle paar Monate trennt sich ein Paar und ab und zu kommt sogar ein neuer Charakter hinzu, wirbelt die vermeintlich heile Serienwelt ein bisschen auf und bringt frischen Wind mit sich.

Um das Interesse der Zuschauer und die Spannung aufrecht zu erhalten, lassen sich die Autoren so einiges einfallen und wühlen nicht selten in der Tabuthemen-Kiste. Von Kindesmissbrauch über Abtreibungen bis hin zu Vergewaltigungen ist alles mit dabei. Der aktuellste Aufreger in der sonst so beschaulichen Serienwelt: Inzest! Und das bei Gute Zeichen, Schlechte Zeiten, dem nimmermüden Dauerbrenner unter den Daily Soaps. Katrin Flemming (gespielt von Ulrike Frank) hat seit Jahren nichts mehr vom leiblichen Vater ihrer Tochter Jasmin (Janina Uhse) gehört. Kein Wunder also, dass ihr Frederic Riefflin (Dieter Bach), der als Kardiologe im Jeremias-Krankenhaus anfängt und neu im Kiez ist, zunächst nicht bekannt vorkommt. Auch Jasmin kennt den Mann nicht und so verlieben sie und Frederic sich und gehen eine innige Liebesbeziehung ein. Sie wollen sogar heiraten.

Später stellt sich heraus, dass Katrin Flemming und Frederic Riefflin in ihrer Jugend mal eine intensive Affäre hatten, die mit einer ungewollten Schwangerschaft endete. Frederic beendet die Beziehung zu Jasmin und als diese völlig verzweifelt und todtraurig über die Entscheidung des 25 Jahre älteren Mannes ist, hält es Katrin Flemming nicht mehr länger aus. Statt zu erzählen was Sache ist, belügt sie ihre Tochter und behauptet, Frederics Geliebte zu sein. Der Skandal war perfekt und die eingeschworenen Fans nicht so richtig glücklich.

Tatsächlich ist diese Storyline aber nicht die erste, in der das Thema Inzest thematisiert wird. Schon 2005 hatten die Seriencharaktere Emily Höfer (Anne Menden) und John Bachmann (Felix von Jascheroff) eine kurze Affäre. Als sie das erste Mal Sex hatten, wussten die Halbgeschwister noch nicht, dass sie miteinander verwandt sind. Beim zweiten Mal hingegen schon. Gute Zeiten, Schlechte Zeiten ist außerdem nicht die einzige deutsche Soap, die dieses durchaus heikle Thema anspricht. Am 2. Januar 1995 wurde zum ersten Mal die Vorabendserie Verbotene Liebe ausgestrahlt in der die Geschwister Jan und Julia, die sich ganz zufällig am Flughafen kennenlernten, eine Liebesbeziehung führten. Die beiden waren nicht nur Geschwister, sondern sogar Zwillinge, wie sich später herausstellte. Und wer sich auch im amerikanischen Seriendschungel auskennt, kennt ähnliche Geschichten von Serien wie Game of Thrones, True Detective oder American Horror Story.

Da insbesondere Daily Soaps sehr nah am tatsächlichen Leben der Zuschauerschaft stattfinden und mit ihren Geschichten aus dem „echten Leben" schöpfen, stellt sich natürlich die Frage: Wie wahrscheinlich ist es wirklich, einem wildfremden Schönling über den Weg zu laufen, sich Hals über Kopf in ihn zu verlieben und dann zu erfahren, dass er eigentlich mit einem verwandt ist? Ist Inzest wirklich ein zu verurteilendes Verbrechen, oder nicht viel mehr als ein ethisches Tabu? Dass es echte Liebe zwischen Geschwistern geben soll, erklärte uns vor kurzem bereits jemand, der eine (auch körperliche) Beziehung mit seiner Schwester führt. Der Deutsche Ethikrat empfahl 2014, einvernehmlichen Sex zwischen zwei erwachsenen Geschwistern nicht länger unter Strafe zu stellen.

„Bei Inzest haben wir es so gut wie immer mit Opfern und Tätern zu tun. Inzest passiert nicht ‚ungewollt' oder ‚zufällig'", erklärt stattdessen Ulrike Dierkes. Sie ist Gründerin und Vorsitzende von M.E.L.I.N.A. Inzestkinder / Menschen aus VerGEWALTigung e.V., einem gemeinnützig anerkannten Verein für Inzestopfer. Und sie kennt die dunklen Seiten der innerfamiliären Liebe: Sie ist selbst aus einer inzestuösen Verbindung entstanden. Sie erzählt mir, dass ihre Mutter ab dem siebten Lebensjahr von ihrem Vater vergewaltigt, mit 13 dann von ihm schwanger wurde und sie zur Welt brachte. Frau Dierkes ist bei ihrem Vater und seiner Frau aufgewachsen und wusste bis zu ihrem elften Lebensjahr nicht, dass ihre „Schwester" gleichzeitig auch ihre wahre Mutter war. „Mein Umfeld wusste Bescheid. Kinder spüren sehr genau, wenn etwas nicht in Ordnung ist und auch meine Wahrnehmungen täuschten mich nicht. Ich hatte keine gute Familie und war ein einsames Kind, konnte aber nicht genau sagen, was es war, was mich so bedrückte. Ich wusste nur, da stimmt etwas nicht."

Fördert die Pille danach wirklich Missbrauchsfälle in der Familie?

Ich erfahre von ihr, dass laut Kriminalstatistik jedes 4. Mädchen und jeder 6. Junge in Deutschland Opfer von sexueller Gewalt ist. 75% der Übergriffe geschehen innerhalb der Familie. Die Dunkelziffer ist sogar höher. „In vielen Fällen werden Mädchen durch sexuellen Missbrauch frühreif. Wenn ein 11-oder 12-jähriges Mädchen plötzlich schwanger ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dadurch das Verbrechen aufgedeckt wird. Missbrauch an Jungen, (auch durch eigene Mütter oder andere weibliche Verwandte) wird oft erst Jahrzehnte später aufgedeckt, wenn sie als Erwachsene darüber reden. Steigende Abtreibungsquote bei Schwangerschaften Minderjähriger sollte immer als möglicher Hinweis auf Missbrauch aufgegriffen werden. Inzestfälle haben verschiedene Geschichten. Ein Dunkelfeld ist zum Beispiel der Mutter-Sohn-Inzest, der leider selten aufgedeckt wird."

M.E.L.I.N.A. e.V. erhält täglich zirka zwei Anfragen von Inzestbetroffenen und nicht selten haben diese sehr schwere Geschichten zu erzählen. „Ich erinnere mich an einen Bruder-Schwester-Inzestfall, bei dem der Bruder angeklagt wurde und nicht nur Aufmerksamkeit der Medien, sondern auch das Mitleid der Gesellschaft erregte. In der Öffentlichkeit wurde dieser Fall als ‚Liebesbeziehung' dargestellt, aber aus Akteneinsicht wusste ich, dass dies nicht der Fall war. Ich erfahre täglich schlimme Geschichten, die ich nicht so schnell vergesse. Besonders schlimm aber empfinde ich es, wenn durch Inzest gezeugte Inzestkinder für die vermeintliche ‚Liebe' ihrer verwandten Eltern oder Inzesttäter unter lebenslänglichen Beeinträchtigungen wie Inzestschäden leben und leiden müssen."

Die Behauptung von „Inzest-Treibenden", sie hätten nicht gewusst, dass sie blutsverwandt waren, lässt sie nicht gelten: „Die Natur verfügt über eine Reihe von sogenannten Schutzmechanismen, damit es eben nicht, auch nicht versehentlich, zu inzestuösen Handlungen kommt." So hat eine US-amerikanische Studie herausgefunden, dass sich Verwandte meist schon am Geruch erkennen und somit abstoßen. Der Satz „Ich kann dich nicht riechen!" kommt demzufolge nicht von ungefähr. Die Gerüche spielen bei der Partnerwahl eine sehr große Rolle und verhindern, dass Blutsverwandte sich gefährlich Nahe kommen. Inzest ist demzufolge also nichts, was die Natur für uns vorgesehen hat, und kann beispielsweise zu Deformierungen äußerer und innerer Organe, Beeinträchtigungen der Atemwege und Missbildungen des Gehirns führen. Gleichzeitig kennt die Wissenschaft aber auch den Begriff der „Genetic Sexual Attraction", nach der sich Blutsverwandte häufig sexuell voneinander angezogen fühlen, wenn sie sich erst im Erwachsenenalter kennenlernen. Ganz so einfach ist es also auch wieder nicht.

Von der Aufarbeitung des Inzestkandals bei GZSZ hält Frau Dierkes in jedem Fall nichts: „Die Ausrede, dass sich Verwandte, selbst wenn sie sich lange Zeit nicht persönlich begegnet sind, angeblich ineinander verlieben, ist meistens eine Lüge. Inzest verstößt gegen Naturgesetze und ein intakter Mensch empfindet naturgemäß eher Ekel bei dem Gedanken an Sex mit dem eigenen Bruder, der eigenen Schwester, dem eigenen Vater oder der eigenen Mutter."

Noisey: Die 9 schönsten Inzest-Momente des Pop.

Und auch die GZSZ-Zuschauer finden, dass die Autoren eine Grenze überschritten haben. Ich lese mir einige Facebook-Kommentare durch und „Einfach nur ekelhaft!" gehört noch zu den harmloseren. Die meisten Fans sind ziemlich empört und einige sogar froh darüber, dass Frederic (ACHTUNG, SPOILER!) schnell wieder von der Bildfläche verschwindet. Natürlich ist es wichtig, auch solchen tabuisierten Themen Raum zu geben, aber ob es der richtige Weg ist, das Ganze in eine dramatische Liebesgeschichte zu verpacken? Ganz abgesehen davon, dass es sich bei Inzest um eine Tat handelt, die in Deutschland strafrechtlich verfolgt wird: Die Erfahrungen, die Aktivisten und Aktivistinnen wie Frau Dierkes machen zeigen, dass die Geschichte der großen, verbotenen Liebe in vielen Fällen nicht mehr ist als ein Vorwand. Eine Entschuldigung dafür, einen womöglich schwächeren, weil jüngeren Part zu missbrauchen. Das lässt sich vielleicht nicht so einfach in einer Soap abhandeln, ist aber ebenso Teil der Inzest-Realität in Deutschland.

„Inzestverbrechen dürfen nicht verjähren, Opferentschädigung sollte im Strafverfahren höchste Priorität haben.", fordert Frau Dierkes und rät allen Betroffenen sich professionelle therapeutische Hilfe zu holen, das Schweigen zu brechen und sich mit anderen Missbrauchsopfern stark zu machen. Wer Hilfe sucht, sich zum Thema eingehender informieren möchte oder den M.E.L.I.N.A. e.V. mit einer Spende unterstützen will, kann das hier tun.

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