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Wir waren bei dem Tunnel, durch den Kartellboss „El Chapo“ aus dem Gefängnis ausgebrochen ist

Niemand weiß, wohin Guzmán verschwand, nachdem er etwa anderthalb Kilometer von einem Hochsicherheitsgefängnis entfernt aus diesem 50-Zentimeter-Loch gestiegen ist.

von Jan-Albert Hootsen
13 Juli 2015, 9:26am

Foto: Brett Gundlock/VICE News

Das Ende des Tunnels, den Joaquín „El Chapo" Guzmán Behördenangaben zufolge für seinen zweiten dreisten Gefängnisausbruch nutzte, ist kaum groß genug für einen erwachsenen Mann: ein 50 Zentimeter breites, rechteckiges Loch im Erdboden eines unfertigen Betonbaus etwa anderthalb Kilometer vom Hochsicherheitsgefängnis Altiplano im mexikanischen Bundesstaat México.

Am Sonntag, den 12. Juli, war die Öffnung umgeben von frischen Erdhaufen und Plastikeimern. Eine Wäscheleine hing über der Öffnung, daran befestigt waren noch ein paar rote Wäscheklammern.

Alle Fotos: Brett Gundlock/VICE News

Abgesehen davon war nichts Außergewöhnliches an dem Gebäude aus Betonblöcken, das der berüchtigte Drogenboss laut den mexikanischen Behörden zu seinem zweiten Ausbruch aus einem Hochsicherheitsgefängnis genutzt hat. Der erste Ausbruch fand 2001 statt, als es Guzmán gelang, nach acht Jahren Haft aus dem Gefängnis Puente Grande im Staat Jalisco zu entkommen.

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Diesmal brauchte der Capo des Sinaloa-Kartells nach seiner Festnahme im Februar 2014 in Mazatlan, Sinaloa, etwas mehr als 16 Monate, um erneut auszubrechen.

Blick auf das Gebäude vom Hochsicherheitsgefängnis Altiplano im Bundesstaat México

Am Sonntag meldeten die mexikanischen Behörden, Guzmán sei aus Altiplano durch ein Loch entkommen, das in eine Duschkabine gegraben worden war. Von dort führt ein weiteres Loch 10 Meter nach unten zu einem Tunnel, der als geradezu maßgeschneidert beschrieben worden ist und eine Länge von etwa 1,5 Kilometer hat.

Der Tunnel hatte laut dem Nationalen Sicherheitsbeauftragten Mexikos, Monte Alejandro Rubido, ein Belüftungs- und Beleuchtungssystem sowie eine Schiene für ein Motorrad. Der Tunnel sei nur etwa 2,5 Zentimeter höher als Guzmáns bekannte Körpergröße von 1,65 Metern.

Beamte vor Ort sagten, der Tunnel ende in einem Gebäude in der Stadt Almoyola de Juárez im Bundesstaat México—vier Wände, ein Dach und kein weiteres Gebäude oder Wohnhaus in einem Umkreis von mindestens 1,5 Kilometern.

„Es ist komplett verlassen", sagte die mexikanische Generalstaatsanwältin Arely Gomez Gonzalez Journalisten vor Ort.

Bundesbeamte bewachen das Grundstück, durch das El Chapo entkommen ist.

Die Identität des Besitzers des Gebäudes ist noch unbekannt, und es gibt keine Spuren, die darauf hindeuten, dass es in letzter Zeit bewohnt oder genutzt wurde. Plastikplanen und Netze bedecken einen nicht überdachten Teil des Gebäudes.

Vor dem Gefängnis Altiplano, das einst als das sicherste in ganz Mexiko galt, haben sich Justizvertreter, die Bundespolizei und mexikanische Militäreinheiten versammelt, und am Himmel kreisen Helikopter.

Checkpoints wurden an den umliegenden Straßen eingerichtet, doch Zeugenberichten zufolge waren die Fahrzeugdurchsuchungen am Sonntag bereits nicht mehr so gründlich wie am Vorabend—„El Chapo" hatte seinen Ausbruch kurz vor 21 Uhr am Samstag begonnen.

Das Eingangstor von Altiplano

An den Gefängnistoren standen mehrere Dutzend Familien von Insassen, die auf Besuchstermine warteten und die man aufgrund des Ausbruchs vertröstet hatte. Einige der Wartenden sagten VICE News, alle Insassen seien zur Zeit unter Einschluss und es sei ihnen nicht erlaubt, mit ihren Familienmitgliedern zu sprechen.

„Gefangene hier werden extrem streng behandelt und viele hatten Angst, überhaupt etwas darüber zu sagen, was drinnen vor sich geht", sagte Ericka Martinez, die dort war, um ihren Mann zu besuchen. „Wir haben nie Gerüchte über einen Ausbruch gehört."

Martinez behauptet, Guzmán habe hinter den Mauern von Altiplano gewisse Privilegien gehabt.

„Wir durften unsere Familienmitglieder nur in einem Saal mit anderen besuchen, doch er durfte sich mit seiner Familie privat treffen", sagte Martinez.

Familienmitglieder der in Altiplano Inhaftierten durften nicht mit ihnen kommunizieren.

Viele der Besucher und Besucherinnen, die vor dem Tor warteten, sagten, sie würden nach dem Ausbruch des Kartell-Bosses Vergeltungsmaßnahmen gegen ihre inhaftierten Familienmitglieder befürchten.

„Wir haben Angst, dass sie beschuldigt werden, als Komplizen agiert zu haben, und dass man sie vielleicht in ein anderes Gefängnis verlegt, ohne uns etwas davon zu sagen", sagte eine Frau aus Veracruz, die aus Angst vor Repressalien anonym bleiben wollte.

„Unsere Leute haben mit diesem Herren nichts zu tun", fügte sie hinzu und meinte damit Guzmán. „Doch sie werden bestraft, egal um was es geht. Wir haben Angst um ihre Sicherheit."