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Eine der gefährlichsten Sozialbausiedlungen New Yorks hat jetzt ihre eigene YouTube-Serie

‚Project Heat' erzählt die Geschichte der Pink Houses in Brooklyn, während sich gerade ein Polizist vor Gericht verantworten muss, weil er einen Bewohner der Siedlung versehentlich erschossen hat.
15.2.16
Die Schöpfer von "Project Heat" vor den Pink Houses in Brooklyn
Foto von Jonah Bliss

Die erste Episode von Project Heat eröffnet mit einem Streit zwischen einem Paar in einer Wohnung in den Pink Houses, einer Sozialbausiedlung in East New York, Brooklyn. Die Frau beschwert sich, dass die Beiden nie etwas unternehmen, also sagt ihr Freund, dass sie zu einem Spiel der Nets gehen—sein Kumpel hat Tickets. Sie machen sich fein, gehen in den Korridor hinaus und warten kurz vorm Aufzug, bevor sie sich für die Treppe entscheiden.

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Als sie in den Treppenaufgang kommen, dreht sich der Mann um und sieht nach oben. Er wird prompt von einem Beamten des New York Police Department erschossen, der einen Treppenabsatz weiter oben steht.

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Dann spult alles wieder zurück und wir sehen die Situation aus der Perspektive des NYPD. Draußen im Treppenaufgang erklärt ein Polizei-Neuling seinem Partner, warum er die Dienstwaffe bei Patrouillen durch die Sozialsiedlungen immer in der Hand hat. „Du weißt, warum ich meine Waffe gezogen habe. Ich will allzeit bereit sein. Du weißt, was für Scheiße in diesen Gegenden passiert", erklärt der Beamte. Sie setzen ihre Patrouille fort. Sie biegen um eine Ecke und der Anfänger erschießt den Mann aus der ersten Sequenz. Die Intro-Musik spielt.

Wenn sich das hier irgendwie bekannt anhört, dann liegt das daran, dass es 2014 wirklich passiert ist. Ein Beamter des NYPD hat den 28-jährigen Akai Gurley in einem Treppenaufgang der Pink Houses im Zuge einer Patrouille von Stockwerk zu Stockwerk erschossen. Der Polizist, Peter Liang, war erst einmal zuvor in den Pink Houses auf Patrouille gewesen, bevor er Gurley im dunklen Treppenhaus erschoss.

„Ich weiß nicht wie, aber wir leben noch. Und wir versuchen, das in positive Bahnen zu lenken." — Tiffon „Pop" Dunn

Project Heat ist eine Webserie, die in East New York, einem der härtesten Viertel von New York City, spielt und sich von dieser Gegend sowie den zugehörigen Schlagzeilen inspirieren lässt. Wie bei den meisten Webserien auf YouTube kann die Produktion manchmal etwas wacklig sein. Die Schauspieler werden von den Schöpfern aus der Bewohnerschaft der Pink Houses rekrutiert, die dort aufgewachsen ist. Die Serie wird in den Korridoren, Lobbys und öffentlichen Räumen einer Sozialbausiedlung gedreht, die zumindest laut einigen Mitgliedern des NYPD als eine der gefährlichsten in New York gilt.

„Wir wollten die Serie mit Gurleys Erschießung beginnen, weil wir die Community wissen lassen wollen, dass wir Mitgefühl hatten", sagt Tiffon „Pop" Dunn, Schöpfer und Star von Project Heat. „Dass wir alle damit fertigwerden mussten, was mit diesem Jungen passiert ist."

Tiffon „Pop" Dunn | Alle Fotos von Jonah Bliss

Dunn zog 1988 als Teenager in die Pink Houses. So passt es gut, dass Project Heat einer Familie folgt, die aus einem Vorort in Queens in die Pink Houses zieht und dort in die Rivalitäten zwischen Gangs aus zwei verschiedenen Seiten der Siedlung verwickelt wird. „Als ich von Queens in die Pink Houses gezogen bin, habe ich gleich am ersten Tag gesehen, wie jemand ermordet wurde", sagt Dunn VICE gegenüber.

In Project Heat sieht eine Familie beim Einzug, wie ein Mann wegen seiner Schulden ermordet wird.

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Doch selbst Dunn gibt zu, dass die 1980er eine andere Zeit waren. „Im Moment hat sich alles in den Pink Houses sehr beruhigt", sagt er. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs feiert er die Veröffentlichung der ersten Episode der zweiten Staffel in einem Fischrestaurant im Gateway Center, einem riesigen Einkaufskomplex. Es ist das perfekte Beispiel für die Veränderungen in East New York, war die Siedlung doch einst von der US-Metropole vergessen.

„Wir sind früher immer mit unseren Fahrrädern über die leeren Grundstücke hier gefahren. Damals konnte man sich hier austoben", sagt Dionico „Dee" Chambers, der zweite Hauptdarsteller von Project Heat und ein lebenslanger Freund von Dunn.

Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat es immer wieder Bemühungen gegeben, dem sozial schwachen Viertel am Rande Brooklyns zu helfen. Einkaufszentren wie das Gateway Center sowie große Siedlungen mit günstigen Wohnungen sind gebaut worden. Manche dieser Projekte waren nicht unkontrovers. Ein neuer Bebauungsplan, der vom New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio vorgeschlagen wurde, sieht eine Mischung aus günstigen Wohnungen und solchen zu marktüblichen Preisen vor, und East New York befindet sich nun an der neuen Front der Gentrifizierung.

„Es ist hier viel teurer als früher und wir wissen, dass sie uns auch schon aufs Korn genommen haben", erklärt Chambers.

In einem der Handlungsstränge der Serie nimmt ein Bauunternehmer die Pink Houses ins Visier, weil er sie mit Luxuswohnungen ersetzen will. Er schickt einen Handlanger, um die Gangs gegeneinander auszuspielen, bis in den Häusern so viel Gewalt herrscht, dass die Stadt damit nicht mehr fertig wird. Project Heat verweilt die meiste Zeit auf dieser Art Gewalt—ein Aspekt, der den Serienmachern schon Kritik eingebracht hat, nachdem einer der Schauspieler vergangenen Sommer bei einer Party erschossen wurde. Die folgende Episode von Project Heat fing mit einem echten Nachrichtenausschnitt über die Schießerei an, in dem die zwei Schauspieler, die jeweils einen Anführer der rivalisierenden Banden spielen, erklären, dass die Serie Gewalt nicht verherrlichen, sondern ihr ein Ventil liefern will. „Denn am Ende, wenn die Lichter und die Kameras ausgehen, leben noch alle!", steht auf dem Bildschirm, bevor die Episode richtig beginnt.

„Pass auf, wir behaupten nicht, dass es hier draußen nicht hart ist. Andere Leute stellen dich auf die Probe, die Polizei belästigt dich ohne zu zögern", sagt Dunn. „Aber wir haben das alle durchgestanden. Ich weiß nicht wie, aber wir leben noch. Und wir versuchen, das in positive Bahnen zu lenken."

Während die YouTube-Klicks vielleicht nicht astronomisch zahlreich sind, haben Dunn und Chambers in ihrer Community inzwischen Promistatus. Menschen halten die Zwei auf der Straße an und fragen nach Rollen in der Serie. Als wir ein paar Stunden nach der Premiere der zweiten Staffel durch die Pink Houses laufen, hagelt es für die zwei Freunde Glückwünsche und jemand ruft „Project Heat!" als wir vorbeigehen.

Dionico „Dee" Chambers

„Sogar Cops mögen die Serie", sagt Chambers. „Sie fragen, ob sie Statistenrollen spielen dürfen und so."

Während der Rest der Stadt sich auf den Strafprozess von Peter Liang, Akai Gurleys Todesschützen, konzentriert, der bereits kommende Woche beendet sein könnte, gibt es in den Pink Houses einige Leute, die nicht so viel Aufmerksamkeit dafür übrig haben. Dunn und Chambers konzentrieren sich mehr darauf, ihre eigene Erzählung der Geschehnisse in den Sozialsiedlungen anzubieten sowie aktuelle Nachrichten in die Geschichte der Pink Houses und New York einzubinden.

Wie Dunn es formuliert: „In dieser Staffel gehen wir in andere Stadtteile und in der nächsten Staffel gehen wir global."