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Wie Strache (falsche) Nachrichten für seine Zwecke verwendet

Ist eine Frau wirklich „aufgrund des Asylchaos'" gestorben? Der FPÖ dürfte das letztlich egal sein.
6.4.16

Screenshot von HC Strache/Facebook

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Eine Frau verschluckt sich, ihr Lebensgefährte ruft die Rettung. Die Hilfskräfte treffen zu spät ein, die Frau verstirbt. Der Mann erzählt FPÖ-TV seine Version der Geschichte und der Sprecher des Partei-Fernsehens schlussfolgert: „Aufgrund der Flüchtlingskrise leidet die medizinische Versorgung enorm." Und der Bezirksparteiobmann der Blauen ergänzt: „Im vergangenen Sommer waren sehr viele Einsatzkräfte bei den Asylwerbern beziehungsweise bei den illegalen Einwanderern gebunden. (…) Das hat zur Folge, dass Einheimische oft sehr lange auf den Einsatzwagen warten müssen". Dann befragt FPÖ-TV noch die FPÖ-Gesundheitssprecherin, ehe der Parteichef auf Facebook fragt: „Sehr traurig: Starb eine Wienerin, weil die Rettung durch das Asylchaos überfordert war?" Was suggeriert wird, ist klar.

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Das ist nur ein aktuelles von unzähligen Beispielen, wie die Verwertungsmaschinerie von Strache funktioniert. Er postet, was sein Weltbild bestätigt: Ein Werbevideo von der ungarischen Regierung, eine Attacke auf einen FPÖ-Gemeinderat, ein verächtliches Meme gegen Rudolf Hundstorfer und Umfragen, Umfragen und Umfragen—natürlich nur jene, in denen die FPÖ führt. Über das FPÖ-nahe unzensuriert.at lässt er verlautbaren: „Norbert Hofer gewinnt Puls4-Diskussion" (Wie kann man eigentlich eine Diskussion gewinnen?).

Werden Asylwerber straffällig (oder sieht es danach aus), postet Strache den Krone-, Heute-, oder Österreich-Artikel mit den Worten „Trauriger, täglicher Einzelfall" und wenn ein politischer Gegner einen Fehler macht oder entgegen seiner eigenen Ideale handelt—wie etwa Traiskirchens SPÖ-Bürgermeister Andreas Babler—, veröffentlicht er gefühlt jeden Artikel, den er dazu zu Gesicht bekommt. Oft sind es mehr als zehn Beiträge pro Tag auf seiner Seite.

Das Ganze funktioniert erstaunlich gut: 330.000 User liken seine Seite, Bundeskanzler Werner Faymann hat zum Vergleich 24.000 Fans. Strache erreichte laut eigenen Angaben im Herbst 2015 fast acht Millionen Menschen pro Woche, die wiederum 630.000 Mal „Gefällt mir" klickten und 115.000 Mal etwas teilten. Der FPÖ-Generalsekretär glaubt, Strache „informiert" auf Facebook mehr Leute als der ORF in seinen Nachrichtensendungen.

Aber stimmt das überhaupt, was Strache nonstop so durchs Netz schießt? In Anbetracht der Masse und der intransparenten Art der Berichterstattung „alternativer Nachrichtenseiten" ist das für den durchschnittlichen Facebook-User kaum zu überprüfen. Und selbst, wenn sich eine Information als falsch herausstellt: Wen interessiert das schon? Die politische Botschaft funktioniert auch ohne faktische Grundlage. Das ist auch beim FPÖ-TV-Beitrag der Fall. Im Video des freiheitlichen Fernsehens wird teilweise aus einer Stellungnahme der Berufsrettung Wien zitiert, die bereits den Großteil des "Berichts" widerlegt. Damit keine Fragen offen bleiben, haben wir die Berufsrettung um die gesamte Stellungnahme gebeten:

Die Aussage „Rettung kommt zu spät wegen Flüchtlingschaos" stimmt also zweierlei nicht: Erstens ist die Rettung nicht zu spät gekommen, sondern im vorgesehenen Rahmen und zweitens hätten Flüchtlinge damit nichts zu tun, wenn ersteres zutreffen würde.

Damit wäre die Geschichte eigentlich vollends widerlegt. Die FPÖ hat aber—offenbar wichtiger—einen Mann gefunden, der sagt, was sie hören will. Aus einem tragischen Fall einer verstorbenen Frau und ihrem traurigen Mann, gewinnt die FPÖ tagespolitischen Rohstoff, mit dem sie Stimmung gegen Flüchtlinge macht: Den Beitrag hat Strache in drei Tagen drei Mal geteilt.

Christoph auf Twitter: @Schattleitner