Barbara und Lena: Vom Palmenstrand ins Flüchtlingscamp
Lena sitzt in der Mitte, Barbara ganz rechts | Foto von Cyril Romann

Barbara und Lena: Vom Palmenstrand ins Flüchtlingscamp

Die Schweizerinnen Barbara und Lena haben ihre Weltreise abgebrochen, um in Griechenland und Serbien geflüchteten Menschen zu helfen.
22.8.16

Als Barbara (27) und Lena (28) letzten Sommer ihren Master in Psychologie abgeschlossen hatten, entschieden sich die beiden Freundinnen dazu, auf Weltreise zu gehen. Sie wollten von der Schweiz auf dem Landweg in den Iran reisen, um von dort aus nach Südostasien zu fliegen, wo sie ihre Reise fortsetzen wollten. Doch soweit sollte es gar nicht kommen. "Die ersten Etappen unserer Reise führten vom Balkan über die griechischen Inseln der Ägäis in die Türkei, also dem Flüchtlingsstrom entgegen", erinnert sich Lena etwas wehmütig. Wenn die junge Frau über den Beginn ihrer Reise spricht, bekommt man den Eindruck, er läge weit über ein Jahr zurück.

In der Zwischenzeit muss den Freundinnen viel Bewegendes widerfahren sein. Denn die unbeschwerte Lebenslust, welche Lena und Barbara an den Tag legten, als ich die beiden im Nachtbus vom armenischen Jerewan ins iranische Täbris kennengelernt hatte, ist einer nachdenklichen Ernsthaftigkeit gewichen, die nur noch ab und zu von einem herzlichen Lächeln unterbrochen wird. Meist dann, wenn sie von den Bekanntschaften sprechen, die sie in den Flüchtlingscamps in Idomeni und später an der serbisch-ungarischen Grenze gemacht haben.

"Die extreme Gastfreundschaft, mit denen uns die Menschen in den bereisten Ländern begegnet sind, bewegte uns dazu, zurück nach Europa zu gehen. Wir wollten den Menschen etwas zurückgeben, selber etwas beitragen, anstatt nur empört über die Situation zu sein", antwortet Barbara auf die Frage, was sie dazu gebracht habe, ihre Pläne mitten auf der Weltreise in Indonesien zu ändern.

Chaotische Zustände

Über den Schweizer Verein Fair (auf dessen Homepage findet ihr übrigens auch Spendeinformationen) gelangten Barbara und Lena Anfang März nach Idomeni, einer griechischen Grenzstadt nahe der mazedonischen Grenze. 10.000 Geflüchtete stauten sich hier auf dem Weg nach Norden in einem für 1.500 Menschen ausgelegten Durchgangscamp. Die Zustände waren dementsprechend chaotisch. "Das Camp war während unserer ersten Wochen vor Ort noch offen, das heisst, jeder konnte rein und raus wie ihm beliebte. Von privaten Hilfsorganisationen über Menschenhändler bis hin zu den Zeugen Jehovas", erinnert sich Lena an die Umstände zu Beginn ihrer Hilfsarbeit.

Cyril, ein Bekannter der beiden vom Verein Fair, koordinierte zusammen mit Aslam, einem syrischen Flüchtling, die Zuständigkeiten der einzelnen Organisationen und teilte Barbara und Lena ins Essensteam ein. Sie bereiteten daraufhin jeden Morgen zwischen 2.000 und 3.000 Sandwiches und Hummus-Wraps zu, deren Zutaten sie vor Ort einkauften und über Spenden finanzierten. Sie füllten dadurch, so gut es ging, eine der vielen Lücken, welche der griechische Staat aufgrund seiner eigenen Überforderung privaten Initiativen überlassen hatte.

Ein Junge mit Essenspaketen in Kelebija | Foto von Cyril Romann

"Nachmittags zogen wir jeweils durch das Camp und nahmen Bestellungen wie Hosen und Schuhe in speziellen Grössen auf, welche wir in einem Warenhaus besorgten, das Cyril und Aslam mit Spendengütern betrieben", beschreibt Barbara nüchtern den weiteren Tagesablauf. Was im Kopf denn so alles vorgehe, nachdem man sich von einem indonesischen Palmenstrand plötzlich in einem überfüllten Flüchtlingscamp wiederfindet, möchte ich von Lena wissen. "Weisst du, man hat eigentlich gar keine Zeit zu reflektieren, was da gerade abgeht", so die junge Frau trocken. "Man muss einfach funktionieren." Ihr seien zwar schon ab und zu kurz die Tränen gekommen, aber dann habe sie sich zusammengerissen und einfach weitergemacht, fügt Barbara hinzu.

Teestunde am Chaimobil

Nach einer Woche übernahmen die beiden Freundinnen den Teestand von Haki und Ariadne, einem Kosovaren und einer Griechin, die mittlerweile in die USA ausgewandert sind. Dort haben sie jeden Abend zwischen 5.000 und 6.000 Tassen Tee ausgeschenkt. "Im Unterschied zur Essensausgabe, wo wir hauptsächlich kontrollieren mussten, dass niemand Essenspakete stibitzte, hatten wir am Chaimobil die Möglichkeit, mit den Geflüchteten ins Gespräch zu kommen." Zwischen den beiden Freundinnen und einigen Männern aus Aleppo entwickelte sich schnell eine Freundschaft. Die Syrer fingen an, sich ins Projekt zu involvieren und nach ein paar Tagen schmissen sie den Laden fast schon alleine. Barbara und Lena mussten lediglich noch die Töpfe und die Zutaten bereitstellen.

Foto von Cyril Romann

Für viele Geflüchtete waren Barbara und Lena die einzigen Ansprechpersonen. Der einzige Kontakt zur Aussenwelt. Das sei ein enormer Druck gewesen, erklärt Barbara. "Obwohl die Geflüchteten dankbar für unser Engagement waren, machten sie uns immer wieder darauf aufmerksam, dass ihnen mit Tee alleine nicht geholfen sei", beschreibt Lena das Dilemma, helfen zu wollen aber nicht wirklich zu können. "Man muss aufpassen, dabei nicht die Hoffnung zu verlieren, auch wenn sie jeden Tag ein bisschen kleiner wird. Man muss akzeptieren, dass sich das Problem nicht auf einmal lösen lässt. Jede Tasse Tee ist wie ein Tropfen auf den heissen Stein. Man braucht Geduld. Sehr viel Geduld."

Unwissen und Ignoranz

Nach sechs Wochen intensiver Hilfsarbeit kehrten Barbara und Lena im Mai erschöpft in die Schweiz zurück, um ihre Ausbildungen zur Psychotherapeutin fortzusetzen. Dabei sei das Ankommen fast anstrengender gewesen als die Arbeit selbst. "Wir konnten gar nicht fassen, mit wie wenig Mitgefühl und mit wie viel Unwissen man hier über das Thema spricht." Selbst Leute, die mit Asylsuchenden beruflich zu tun haben, hätten zum Teil keine Ahnung gehabt von den Zuständen. Es scheint, als seien viele Leute in der behüteten Schweiz dem Thema schon längst überdrüssig geworden.

Als für Barbara und Lena hingegen klar wurde, dass sie ab Herbst eine neue Stelle antreten würden, wollten sie die verbleibende Zeit nochmals nutzen, um ihr Karma zu polieren und geflüchteten Menschen zu helfen. Da das Camp in Idomeni in der Zwischenzeit geräumt wurde und ihre syrischen Freunde weitergezogen waren, mussten sie einen neuen Ort suchen. Nachdem Mazedonien die Grenze dicht machte, wählten viele Flüchtende eine neue Route, die von Istanbul aus über Bulgarien nach Serbien führte. Subotica, das serbische Tor nach Ungarn, drohte indes zum neuen Idomeni zu mutieren. Also organisierten Barbara und Lena einen Transportbus, füllten ihn mit Kleidern, Schuhen, Zelten und Schlafsäcken und machten sich auf Richtung Subotica.

"Obwohl in Subotica im Vergleich zu Idomeni viel weniger Chaos herrschte—rund 1.500 Flüchtende warteten auf drei Camps verteilt auf die Weiterreise—waren wir schockiert über den Zustand der Menschen dort", so Lena besorgt. Auf dem Speiseplan im Camp standen Brot mit Sardinen. Drei mal am Tag, sieben Mal die Woche. Deswegen hatten Barbara und Lena angefangen Gemüse- und Früchtetüten zu verteilen.

Das sei auch dringend nötig gewesen, denn den meisten, die über die Bulgarienroute nach Serbien gelangten, sei von den bulgarischen Einsatzkräften bis auf die Kleider praktisch alles weggenommen worden, erklärt Lena weiter. Gebrochene Knochen, Prellungen und Bisswunden von Hunden seien nichts Aussergewöhnliches gewesen, fügt Barbara entsetzt hinzu. So dokumentierte auch Human Rights Watch einen Fall, in dem bulgarische Einsatzkräfte nicht nur Hunde auf einen Minderjährigen losgelassen, sondern auch auf ihn geschossen haben. Im Gegensatz dazu hätten sie die serbischen Polizeikräfte als hilfreich und nett erfahren, so Barbara.

Eines der Flüchtlingscamps bei Subotica | Foto von David Kozma

Ungarn erlaube pro Camp und Tag 15 Geflüchteten eine legale Einreise. Aus dem Camp legal eingereiste Frauen und Kinder würden direkt an die österreichische Grenze gebracht, währenddem die Männer erst einen Monat ins Gefängnis müssen, weswegen viele von ihnen versuchten, illegal nach Ungarn zu gelangen. Seit Orban seine Grenzen mit Wärmebildkameras aufgerüstet habe, sei dies allerdings ein sehr gefährliches Unterfangen geworden. Denn ähnlich wie ihre bulgarischen Kollegen, scheinen auch die ungarischen Grenzwächter äusserst brutal vorzugehen.

"Die meisten, die die illegale Einreise wagen, kommen mit gebrochenen Nasen, Knochen und Rippen zurück. Die Geflüchteten werden wie der letzte Dreck behandelt, es ist richtig beschämend", berichtet Lena entrüstet. "Anscheinend haben sie sogar Tore in den Zaun gebaut, um Hunde auf die serbische Seite loszulassen, wenn sie Gruppen im Wald erkennen, die sich der Grenze nähern", ergänzt Barbara. "Auch auf Frauen und Kinder." Mit dem Bild der EU als globaler Moralapostel, Wiege der Menschenwürde sowie Hüter des christlichen Erbes lassen sich diese Erzählungen nur schwer in Verbindung bringen.

Feindselige Lokalbevölkerung

Nach fünf Wochen Hilfsarbeit wurde es für Barbara und Lena Zeit, das Feld zu räumen. Denn neben dem serbischen Kommissariat, das anders als in Griechenland private Hilfsorganisationen eher als Einmischung in innere Angelegenheiten denn als eine hilfreiche Unterstützung sieht, hat auch die Lokalbevölkerung den beiden Freundinnen die Arbeit schwer gemacht. "Wir haben eine traurige Berühmtheit erlangt, es wurde Zeit für uns zu gehen."

Die Lokalbevölkerung, die sich im Vergleich zur Schweiz selbst als hilfsbedürftig einschätzt, war erbost über die "reichen" Schweizerinnen, die zu ihnen nach Serbien fahren, um den Migranten helfen. Sie veröffentlichten auf einer Facebook-Seite Fotos von Barbara und Lena und ihrem Bus. Auf der Seite wurden andere Einheimische dazu aufgefordert, ein gewalttätiges Zeichen gegen die unerwünschten Frauen zu setzen. "Es war richtig unheimlich. Sie wussten, wo wir unser Warenlager hatten, wo wir einkauften und wann wir wo Essen verteilten. Also mussten wir—wie die Geflüchteten auch—unsichtbar werden. Wir haben ständig unseren Plan geändert, bis es uns zu viel wurde und wir vor ein paar Tagen zurück in die Schweiz gefahren sind."

Was sie gelernt hätten, frage ich die beiden Freundinnen zum Ende des Gesprächs neugierig. "Was im Leben wirklich zählt. Familie, Gesundheit und das Leben im Moment. Denn man weiss nie, wann sich das Blatt drehen wird. Es kann jeden treffen. Auch uns", so Lena nachdenklich. Und wie sie die Zukunft sieht, will ich von Barbara wissen. "Nicht besonders optimistisch. Ich will zwar die Hoffnung nicht aufgeben, aber die Radikalisierung der Gesellschaft bereitet mir schon starke Sorgen. Die ganze Hetzerei, all die Zäune und Gewalt. Das kann nicht ohne Folgen bleiben."

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