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Der IKEA-Besuch zeigt, wie es um eure Beziehung steht

Paar eins streitet beim Aufbauen. Paar zwei streitet über alles. Paar drei diskutierte monatelang über ein Sofa. Paar vier bewirft sich gleich mit Plüschtieren aus der Kinderabteilung.

von Sofia Faltenbacher
28 Juni 2016, 7:00am

Verliebt, verschraubt, verstritten. Beim ersten Möbelkauf entscheidet sich alles | Foto: imago | Waldmüller

Es gibt diese Geschichte im Bekanntenkreis, von der Frau, deren Affäre sie fragte, ob sie zusammen zu IKEA fahren wollen. Sie dachte: "Juhu, jetzt sind wir zusammen." Er dachte: "Wie praktisch, sie hat ein Auto, ich brauche Möbel." Im Laden zeigte sich dann schnell, dass ihre romantische Vorstellung—wir schauen uns an, wie wir unsere Wohnung einrichten, wenn wir zusammenziehen—leider nicht der Realität entsprach. Wo es mit der Liebe hingeht, zeigt sich beim ersten Möbelkauf.

So muss sie sich gefühlt haben, als er nicht zusammenziehen, sondern nur ihr Auto wollte: leer und unsanft vor den Kopf gestoßen | Alle weiteren Bilder von der Autorin

Wer ohne Tränenausbrüche geklärt hat, ob man jetzt zusammen ist und wann es in die gemeinsame Wohnung geht, steht vor der nächsten großen Frage: Wie soll es dort aussehen? Schon die Wahl eines Kissenbezugs kann polarisieren, die Steigerung dessen ist die Küchenplanung an IKEA-Computern. Wenn der Schrank mit den passenden Maßen endlich gefunden ist, kommt drei Schauräume weiter die ernüchternde Erkenntnis: Nummer vergessen. Kurz vor dem Scan-Automat an der Kasse dann noch der Grundsatzkonflikt: Was gibt das Budget her?

Die Odyssee mündet im Ärger darüber, dass eine Schraube beim Aufbau nicht da ist—entweder schon von Anfang an gefehlt hat, oder du hast sie beim Ausschütten der Plastiktüten ... IKEA ist der Härtetest jeder Beziehung, das sagt sogar die Wissenschaft. Es ist eine Stresssituation, in der Ur-Gefühle ausgelöst werden. Wie Neandertaler, die zum ersten Mal vor der Probe stehen: Schaffen wir es, zusammen ein Floß zu bauen? Das Gewimmel, die Hektik, die zu treffenden Entscheidungen, das Voneinander-Abhängig-Sein. Im Möbelhaus zeigt sich: Wie ernst meinen es Paare und wie gut schaffen sie es, die kleinen Entscheidungen ohne große Streits zu treffen? Wir haben sie nach ihrem Besuch befragt.

Den Möbelkauf überstehen Laurin (25) und Marie (27), schwierig wird es erst bei der Frage: Wer kann besser aufbauen?

Paar eins: "Ich kann besser zusammenschrauben." – "Nein, ich!"

Laurin (25) und Marie (27) scheinen auf den ersten Blick die Ausnahme der IKEA-Studie zu sein. Sie stehen in der Unterführung, neben ihnen Tüten und Kartons. Tiefenentspannt. Sie streiten nicht, sondern sehen aus, als hätte man sie aus einem IKEA-Katalog geschnitten. Stimmt die ganze Streit-Theorie am Ende gar nicht? "Zusammen Möbel zu kaufen, ist bei uns nicht das Problem", sagt Laurin. "Schwierig wird es, wenn es ans Aufbauen geht ...", sagt Marie. Der letzte Fall: die Küche. "Erst die Regalböden!" – "Nein, die kommen an den Schluss!" – "Blödsinn, so funktioniert das nie!" Weil beide sicher sind, immer die einzig richtige Reihenfolge zu beherrschen, bauen sie die Möbel nur noch im Alleingang auf. Das klingt zwar etwas resigniert, dafür aber nicht so anstrengend wie die Möbel-Diskussion der nächsten beiden:

Streitpunkt Farbwahl. Queen mag Weiß. Richie mag Schwarz. Sie wollen ihren Streit aber nicht öffentlich austragen, deswegen hier ohne Gesicht

Paar zwei: Streit über die Farbe, Streit über die Höhe, Streit über alles

Bei Queen (20) und Richie (18) zeigen sich die Konflikte so eindeutig, als hätte man sie gecastet, für einen Artikel, in dem es um streitende Paare beim Möbelkauf geht. Sie wohnen noch nicht zusammen, diskutieren aber schon mal, wie die gemeinsame Wohnung aussehen sollte. Und da fängt es an. Sie mag: weiße Möbel, beige Wände, verspielte Details. Er mag: Schwarz. Schon bei der Definition von schwarz gibt es Differenzen. Es geht um einen Schrank, der Richie gefällt. Sie sagt: zartbitter. Er sagt: schwarz.

"Mit deinen Augen ist doch was schief, siehst du denn den Unterschied nicht", sagt Queen. "Deine Hose, die ist schwarz, schau doch mal hin; und warum willst du überhaupt immer alles so dunkel, ich finde, gerade ein Wohnzimmer muss hell eingerichtet sein!" – "Schwarz ist doch romantisch, elegant", sagt Richie. Queen verdreht die Augen.

Bei der Bettenwahl sind sie sich einig: Ein Boxspringbett soll es sein. Mit der Einigkeit ist es aber schnell vorbei, als es um die Höhe geht. So hoch, sagt Richie und hält sich die Hand an die Brust. "Hast du sie noch alle?", sagt sie. "Wie soll ich denn da hochkommen." – "Na ich helf dir doch" – "Bin ich ein kleines Kind, dem man helfen muss oder was?" – "Ach komm, das schaffst du schon, du bist doch nicht schwach. Sei doch nicht so schwach. Bisschen Sport."

Eine dunkel eingerichtete Wohnung mit zu hohem Bett. Queen atmet laut durch die Nase aus. "Ganz sicher nicht", sagt sie und schüttelt den Kopf. "Maaann, jetzt tu halt nicht so, als ob wir in zwei Wochen zusammenziehen würden. Vielleicht will ich ja in zwei Jahren alles in Rot", sagt Richie. In diesem Satz steckt noch mehr als Uneinigkeit über Farben. Es ist die Frage: Wie lang dauert es, bis aus "irgendwann" ein "wir wollen schon irgendwann bald mal zusammenziehen" wird. Schweigen.

"Das erste Mal Möbelkaufen? Oh Gott!"—die erste Couch fanden Olga (28) und Daniel (32) beide scheiße. Zu teuer und "ultra-hässlich"

Paar drei: vier Monate Diskussion um ein einziges Möbelstück

"Das erste Mal Möbelkaufen? Oh Gott", stöhnen sie gleichzeitig auf. Olga (28) weiß das noch genauer als Daniel (32). "Es waren vier Monate", sagt Olga. "Echt?" Daniel überlegt. "Ja, vier Monate ohne Couch", sagt Olga. Der Frust von damals schimmert noch immer durch. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten sie von Tag eins in der gemeinsamen Wohnung eine gehabt, eine ganz bestimmte. "Die war für uns vor fünf Jahre aber utopisch teuer", sagt Olga. Daniel wollte gar keine Couch: "Wir hatten einfach kein Geld übrig." Jede Diskussion endete darin, dass einer unglücklich war: kein Geld ausgeben vs. Couch anschaffen. Vier Monate, keine Lösung.

Um das Dilemma endlich aus der Welt zu schaffen, schlug Daniel eine Schlafcouch für 400 Euro vor: "Mehr ist nicht drin, du kannst die Farbe aussuchen." Die Alternativen: rot oder grau. "Das Rot mit den schwarzen Füßen sah total pornomäßig aus, das ging gar nicht", sagt Olga. Aber auch in Grau fand sie die Couch "ultra-hässlich". Besser aber als gar keine Couch. Auch der Transport der Couch, mit der beide nicht wirklich glücklich waren, ein einziger Kraftakt: Das Auto zu klein, Daniel bis spät abends alleine auf dem Parkplatz, während schon alle Lichter ausgingen. Mal kurz zu IKEA fahren eben.

Paar und Möbelstück sind trotzdem—oder gerade deswegen?—zusammengewachsen. Die Couch war mittlerweile in drei Städten, ist in jede neue Wohnung mitgekommen. Olga und Daniel sind seit letztem Jahr verheiratet. Was die Einrichtung anbelangt, erfüllen sie sich jetzt "die wildesten Träume": zusammenpassende Tassen, gerahmte Bilder. Beim letzten Ausmisten haben sie sich von der Couch getrennt—und sie einem jungen Paar geschenkt, das sich kein Sofa leisten kann. Ob das beschenkte Paar weiß, wie viel Explosionsstoff damit entschärft wurde, bevor er hochgehen konnte?

"Nüchtern zu IKEA? Da kommt man ja nicht drauf klar, viel zu viel Auswahl"

Paar vier: Plüschtiere sind die Antwort auf alles

Streiten über die Einrichtung der Wohnung ist für Collin (26) und Annelie (23) keine Option. Für sie ist der Gang durchs Möbel-Labyrinth vor allem eines: Anlass, sich mit Kissen und Plüschtieren aus der Kinderabteilung zu bewerfen. "Nüchtern sollte man da erst gar nicht durchlaufen, viel zu viel Auswahl, da kommt man ja nicht drauf klar, wenn man die Entscheidungen zu ernst nimmt", sagt Collin.

Ohne es zu wissen, hat er damit vielleicht den Kern getroffen. Stressig sind Entscheidungen doch vor allem dann, wenn man sie enorm wichtig nimmt. Und Stress führt zu Unzufriedenheit und die wiederum zu Streit. Dafür, dass am Ende die ungeliebte, hässliche Schlafcouch zum Kernstück jeder gemeinsamen Wohnung wird. Und all die lang ausgefochtenen Entscheidungen über Schrankfarben vielleicht sinnlos waren, weil das "irgendwann zusammenziehen" für den einen doch noch viel weiter weg liegt als für den anderen. Alles entscheidet sich beim ersten Möbelkauf? Eher: Wenn ihr euch mit flauschigen Schneckenhaushüten aus der Kinderabteilung beworfen habt, seid ihr auf einem guten Weg.


Sofia empfängt Plüschtiere auf Twitter.