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Für das katastrophale Öffinetz in Salzburg will niemand verantwortlich sein

Busfahren in Salzburg gehört zu den Dingen, die nicht nur nicht ganz einfach sind, sondern sogar zu extremen Gefühlsausbrüchen führen können.
9.11.15

Ich bin in Salzburg aufgewachsen und zur Schule gegangen. Und wie wahrscheinlich jeder, der in Salzburg aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, ist mir spätestens während der Wienwoche in der vierten Klasse Unterstufe klar geworden, dass Busfahren in Salzburg so richtig beschissen ist. Noch schlimmer wurde diese Erkenntnis, als ich ins fortgehtaugliche Alter kam. Denn wenn du in dieser Stadt nicht zur reichen Elite gehörst, oder auf irgendeine andere Art eine Menge Kleingeld auf der Seite hast, blieben dir früher nach dem wochendlichen Besuch in einer der wenigen Bars oder Clubs nur drei Möglichkeiten: Entweder du bezahlst ein Zehntel deines monatlichen Taschengeldes schon beim Einsteigen in ein Taxi, oder du entscheidest dich zwischen betrunkenem Fahrradfahren und betrunkenem Zufußgehen.

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Wie ich bei meinem letzten Besuch in meiner Heimatstadt feststellen musste, haben es die jungen Leute heute sogar noch schwerer. Wenn dich früher die Polizei betrunken am Rad erwischt hat, haben sich die Amtshandlungen meist darauf beschränkt, dass dir entweder angeboten wurde, dich nach Hause zu fahren, oder dir wurde nahegelgt, das Fahrrad vielleicht doch lieber als Rollator zu verwenden. Mittlerweile haben sich die Salzburger Polizisten aber ein bisschen Rat von ihren Wiener Kollegen geholt und dieses letzte Relikt aus Freund- und Helferzeiten zerstört. Jetzt heißt es in Salzburg nämlich auch: Wer sein Rad so sehr liebt, dass er mit ihm fortgeht, der schiebt!

Weil ich früher selten Bus gefahren bin und eigentlich immer das Rad vorgezogen habe, entwickelte ich im Laufe der Jahre eine multipolare Faszination für das öffentliche Verkehrssystem in Salzburg. Wenn ich heute an einer Salzburger O-Bus-Haltestelle warte, versetzt mich das in eine emotionale Ausnahmesituation, in der ich zwischen Hass, Verzweiflung, Wut, Depression, Belustigung und Resignation schwanke.

Besonders schlimm ist es, wenn ich von Wien kommend aus dem Railjet am Salzburger Hauptbahnhof aussteige. Dann bin ich einerseits schon gespannt auf die neuesten Preissteigerungen, andererseits breitet sich in das starke Verlangen aus, jedem Fahrgast und dem Busfahrer lautstark mitzuteilen, dass ich jetzt schwarzfahren werde, weil ich ganz sicher nicht bereit bin, 2,50 Euro für eine Busfahrt hinzulegen, die mich trotz mehrmaligem Umsteigens nur in die ungefähre Nähe meines Ziels bringen wird.

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Weil mich dieses Thema wirklich bei jedem Salzburgbesuch beschäftigt, wollte ich nun herausfinden, warum es in meiner Heimatstadt anscheinend nicht möglich ist, ein öffentliches Verkehrssystem zu installieren, das nicht nur für reiche, geizige Pensionisten mit viel Zeit da ist.

Verantwortung und Zuständigkeit

Der öffentliche Verkehr ist ein politisches Thema. Und wie es mit politischen Themen nun mal so ist, übernimmt niemand gern die Verantwortung, wenn etwas nicht ganz so gut läuft. Wenn man überhaupt Antworten auf die Frage, wer für den öffentlichen Verkehr verantwortlich ist, bekommt, dann meist nur ausweichende. Grundsätzlich ist aber der Verkehrsverbund Salzburg, ein Unternehmen des Lands Salzburg, für die Konzeption und Weiterentwicklung des öffentlichen Personenverkehrs zuständig. Dieser Verbund besteht aus knapp 40 verschiedenen Unternehmen und Organisationen. Eine davon ist die Salzburg AG, die die O-Busse betreibt und damit zumindest für die Busse hauptverantworlich sein sollte. Dort verweist man jedoch auf den „größeren Zusammenhang" des Verkehrsnetzes in Salzburg und will nicht die alleinige Verantwortung, zum Beispiel bei der Preisgestaltung, übernehmen.

Preis

Was uns zum nächsten Punkt bringt. Salzburg ist sehr teuer. Und das in so gut wie allen Bereichen. Geht man davon aus, dass man erst in Salzburg ankommt, wenn die Trafiken bereits geschlossen sind und man nicht zuvor schon auf irgendeine andere Art und Weise an ein Vorverkaufsticket gekommen ist, ist ein Einzelfahrschein in Salzburg mit 2,50 Euro so teuer wie in keiner anderen Landeshauptstadt. Und das, obwohl der beste Intervall bei 10 Minuten liegt. Zum Vergleich: In Wien ist der Einzelfahrschein um 30 Cent billiger, während der Intervall zu Verkehrsspitzen drei Minuten beträgt. Bei der Slazburg AG weicht man der Frage nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis geschickt aus, indem man auf die—zugegebenermaßen preisgünstige—24-Stunden-Vollpreis-Karte verweist. Die nützt mir allerdings nur sehr wenig, wenn ich genau eine Strecke zurücklegen muss.

Stadtrat Johann Padutsch von der grünen Bürgerliste stimmt mir zwar zu, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht gut und die Preise zu hoch sind, meint aber, dass der Stadt die Hände gebunden sind, denn: „Die Stadt kann nur mitgestalten wenn sie zahlt." Und das tut sie nicht.

Foto: Hans Braxmeier | pixabay | CC0 1.0

Nightlines

Ja, auch in Salzburg gibt es Lokale, die länger als bis Mitternacht geöffnet haben. Dementsprechend gibt es auch Menschen, die irgendwann mitten in der Nacht und meistens nicht mehr ganz nüchtern nach Hause wollen. Gehörst du nicht zu den wenigen Glücklichen, die mitten in der Altstadt wohnen, bedeutet das entwerder einen ausgedehnten Nachtspaziergang (was bei der Häufigkeit an Nässe von Oben nicht immer so angenehm ist, wie es vielleicht klingt), ein sündhaft teures Taxi oder das Wagniss, sich betrunken auf den Drahtesel zu schwingen und sich im Notfall eine Verfolgungsjagd mit der Polizei liefern.

Auf eine Nightline brauchst du jedenfalls nicht zu warten, denn die gibt es nicht. Auch, wenn die Salzburg AG anderes behauptet. Auch hier verschließt man die Augen vor der Realität, denn der Versuch, etwas als Nightline zu bezeichnen, was schlichtweg keine Nightline ist, bleibt eben nur ein Versuch. Lest selbst: „Am Wochenende fahren die Obuslinien letztmalig um 0.45 Uhr von den zentralen Haltestellen ab in die Stadtteile, womit der Obusbetrieb fast bis zwei Uhr Früh gewährleistet ist." Klingt, als wären sie auch noch stolz darauf.

Auch oft nicht ganz einfach: Aufwachsen in Salzburg

Intermodale Verkehrsschnittstellen

Wien ist österreichweit Vorreiter, was die Vernetzung von klassischen öffentlichen Transportmitteln wie U-Bahn, Bus und Bim mit neueren Inventionen wie City-Bikes und Carsharingprojekte angeht. Diese sogenannten intermodalen Verkehrsschittstellen erfreuen sich zunehmend auch in anderen Städten an Beliebtheit.

Auch in Salzburg werden erste Schritte in diese Richtung gesetzt, wenn auch nur sehr zögerlich und in ihrer Logik nicht immer ganz nachvollziehbar. Während das Salzburger Carsharingprojekt EMIL bereits gut entwickel ist und zum Beispiel auch bei der Planung von neuen Wohnanlagen eine Rolle spielt, ist das City-Bike-System in Salzburg nicht mehr als eine versteckte Touristenattraktion. Denn mit nur einer einzigen Ausleih- und Rückgabestation am Hanschuplatz, ist das Citybike zwar vielleicht für eine Stadtrundfahrt ganz attraktiv, als tatsächliches Fortbewegungs- oder Verkehrsmittel aber völlig unbrauchbar.

Laut Stadtrat Johann Padutsch gäbe es eigentlich bereits seit längerem einen Amtsbericht zum gesamtstädtischen City-Bike-Konzept. Dieser Amtsbericht aus dem Bauressort wird unter anderem von der grünen Bürgerliste unterstützt, jedoch (ohne ersichtlichen Grund) von SP-Bürgermeister Heinz Schaden blockiert. „Der Amtsbericht zum gesamtstädtischen City Bike Konzept ist seit knapp 2 Jahren fertig und hängt ebenso lange beim Bürgermeister, der ihn nicht freigibt", erzählt Padutsch. Aus dem Büro des Bürgermeisters gab es trotz mehrmaliger Anfrage von VICE keine Antwort.

In Salzburg werden jährlich circa 40 Millionen Fahrgäste auf 15 Linien befördert, also mehr als 100.000 täglich bei knapp 150.000 Einwohnern. Im November letzten Jahres gab es einen innovativen Vorschlag von Landesrat Hans Mayr, der eine aktive Beteiligung der Bevölkerung am neuen Mobilitätskonzept ankündigte: „Die Bevölkerung wird die Möglichkeit erhalten, sich auf einer interaktiven Homepage am Diskussionsprozess aktiv zu beteiligen. Weiters ist die Abhaltung von Mobilitätsstammtischen in allen Bezirken geplant."

Tatsächlich gibt es jetzt die Möglichkeit, auf der Homepage des Mobilitätskonzepts „Salzburg Mobil 2025" in Form von Kommentaren Anregungen und Ideen einzubringen. Außerdem wurde ein Team von 16 zufällig ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern zusammengestellt, die aktiv in die Gestaltung des öffentlichen Verkehrs in Salzburg einbezogen werden. Ein erster Schimmer am Horizont, der mich hoffen lässt, in Zukunft den Nachhauseweg in Salzburg vielleicht doch in einem Stadtbus bestreiten zu können.