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Syronics on Speed

Ich habe jemandem mein Facebook-Passwort gegeben, und es hat ihn verrückt gemacht

Er war süchtig danach geworden, sich bei mir einzuloggen. Morgens, mittags, abends, nachts—und die ganze Zeit über dachte er, ich wüsste es nicht.

von Aboud Saeed
08 Dezember 2015, 8:27am

Im Frühjahr 2011 begann der Aufstand in Syrien, der sich schnell zu einem brutalen Bürgerkrieg entwickeln sollte. Ungefähr zur selben Zeit fing der Schmied Aboud Saeed an, auf Facebook sein Leben in der Stadt Manbidsch zu dokumentieren. Seine kurzen Einträge, die vor schwarzem Humor nur so strotzen, gefielen irgendwann so vielen Leuten, dass der deutsche Verlag mikrotext schließlich ein Ebook mit dem Namen Der klügste Mensch im Facebook daraus machte, das später sogar als Taschenbuch erschien. Anfang 2014 beantragte Saeed Asyl in Deutschland, seitdem lebt er in Berlin. Als wir ihn gefragt haben, ob er eine Kolumne für uns schreiben will, dachte er ursprünglich, wir seien der Spiegel. Er hat sich aber auch nach Aufklärung des Missverständnisses bereit erklärt, hier einmal in der Woche für uns zu schreiben—über sein Leben in Berlin und das, was er in Syrien zurückgelassen hat.

Meine Followerzahl auf Facebook hat die Sechstausendergrenze überschritten.

Proportional zu den Followern steigt auch die Zahl der Liebhaberinnen. Hin und wieder poste ich Sätze wie „Jetzt habe ich 412 Liebhaberinnen". Dann werden die Männer jedes Mal neidisch und die eine oder andere Frau beschließt, mich zu löschen.

Mein Freund, der Filmregisseur Mahmoud, war fasziniert von diesem Phänomen.

Einmal schrieb er mir im Chat: „Es wäre mein Traum, einmal dein Facebook-Passwort zu haben. Ich würde dir zu gerne einmal live dabei zusehen, wie du mit all diesen Frauen chattest." Er hatte nicht einmal genug Zeit, seinen Traum zu Ende zu träumen, da hatte ich ihm schon mein Passwort im Chat geschickt. Natürlich wollte Mahmoud zuerst nicht glauben, dass das mein richtiges Passwort war. Schließlich versuchte er, sich einzuloggen, und siehe da: Es klappte.

„Sag mal, spinnst du? Das war doch nur Spaß! Ich will dein Passwort doch gar nicht, und ich werde es auch sicher nicht benutzen! Ich schnüffele doch nicht in deinem Privataccount herum!"

„Komm schon, Alter, mach deinen Traum wahr, zier dich nicht so! Log dich ein, wann immer du willst. "

„Nein! Ich werde dein Passwort ganz bestimmt nicht benutzen! Vergiss es!"

Am Tag darauf, als ich gerade auf Facebook abhing, genau genommen in dem Augenblick, als ich unter dem Foto einer Freundin kommentierte, sie sei das schönste Mädchen auf Facebook, erhielt ich folgende Mitteilung: „Jemand hat sich kürzlich von einem bislang noch nie dazu benutzten Computer, Mobilgerät oder anderen Ort bei deinem Facebook-Konto angemeldet." Da wußte ich, es war Mahmoud.

Ich malte mir aus, wie Mahmoud sich jetzt meine Privatnachrichten durchlas. Der bloße Gedanke ließ mich genüßlich erschaudern. Ich pickte mir absichtlich Freundinnen heraus, die gerade online waren, und flirtete sie demonstrativ an. Nur um Mahmoud scharf zu machen.

In der nächsten Zeit vernachlässigte Mahmoud sein eigenes Facebook-Profil vollkommen.

Er war süchtig danach geworden, sich bei mir einzuloggen. Morgens, mittags, abends, nachts—um jede erdenkliche Uhrzeit loggte Mahmoud sich in meinem Account ein. Mehr noch als ich selbst. Und die ganze Zeit über dachte er, ich wüßte es nicht. Irgendwann kannte er all meine Freunde und Freundinnen und folgte jedem Chat. Und ich verausgabte mich in detaillierten Ausführungen, gab im Chat Geheimnisse zwischen mir und meinen Freundinnen preis, und genoss es, wie Mahmoud vor Neugier platzte. Wie er litt.

Wenn es in meinen Chats heiß zuging, wurde Mahmoud auch heiß. Und manchmal vergaß ich Mahmoud, weil ich selbst heiß geworden war. Dann führte ich meine Sexchats, doch wenige Sekunden, bevor ich kam, erinnerte ich mich, dass mein Freund Mahmoud ja auch in diesem Moment mit dabei war.

Dann opferte ich jedes Mal meinen Orgasmus, um Mahmoud zu ärgern, und sagte meiner Freundin: „Du, tut mir leid, aber ich muss jetzt gehen."

Mahmoud verbrachte all seine Zeit damit, auf meinem Profil herumzuschnüffeln. Irgendwann verlor er sogar seinen Job. Aber auch ich war diesem Spiel irgendwann völlig verfallen. Ich ging nicht mehr um meiner selbst willen auf Facebook, nur noch für Mahmoud.

In Momenten der Langeweile stellte ich ihn mir vor, wie er über meinem Profil hockte. Und dann öffnete ich 15 Chatfenster gleichzeitig, schrieb „Ich liebe dich", copy-pastete es in alle Chatfenster und drückte auf ENTER. Die Antworten variierten: „Ich dich auch." / „Bin gerade beschäftigt." / „Ich liebe dich nicht, und ich werde dich auch niemals lieben!" / „Aboud, du Weltmeister im Quatschmachen." / „Schatz, ich vermisse dich!" / „Sorry Aboud, ich kann jetzt nicht. Mein Vater hatte gerade einen Herzinfarkt." / „Ist es wahr, dass sie in Deutschland jetzt die Familienzusammenführung abgeschafft haben?" / „Bin gerade bei Western Union, melde mich später." / „Hast du schon mitgekriegt, was in Frankreich gerade abgeht?" / „Ja, ja, ich liebe dich. Du kannst mich mal. Kommst dir wohl ganz toll vor, wie du hier Frauen verarscht? Wer glaubst du eigentlich, dass du bist?" / „Du bist aber auch wirklich extrem bescheuert."/ „Hahahahahahaha ich vermisse dich" / „Los, like erstmal meinen letzten Post, bevor du mir mit ‚ich liebe dich' kommst." / „Sag mal, schneit es bei euch in Deutschland?" / „Sorry, ich steige gerade in das Schlauchboot mit dem Schleuser. Melde mich wieder, wenn ich in Griechenland bin!"

Ich chattete in 15 Chats simultan, und Mahmoud verbrachte die Nacht darüber. Mahmoud, der einst 93 Kilo wog, wog nach dem Passwort nur noch 85. Und nach drei Monaten rief Mahmoud mich an und forderte mich auf, mein Passwort zu ändern. Ich weigerte mich, verkündete ihm scheinheilig, dass ich ihm doch vertraue. Dass ich doch wisse, er würde es nie benutzen. Mahmoud flehte mich mehrmals an, aber ich sagte immer nur: „Nein, Mann, ich bitte dich, ich vertraue dir voll und ganz! Ich kenne dich doch, du würdest dich doch niemals in meinen Account einloggen!"

Bis heute habe ich das Passwort, das ich Mahmoud gegeben hatte, nicht geändert. Ich weiß nicht, ob er noch immer in meinem Profil herum vegetiert, noch weiß ich, wie viel er inzwischen wiegt.

Ich habe ihn völlig vergessen. So wie der Mensch Gott vergisst.

Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl.