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Eine Tätowiererin erzählt, warum sie sich die Augäpfel hat tätowieren lassen

Ich habe mich mit einer Body-Mod-Freundin unterhalten, um mir ihre Meinung zu sowohl den gesundheitlichen als auch den gesellschaftlichen Risiken von Augapfel-Tattoos anzuhören.

von Matilda Whitworth
04 März 2016, 11:35am

Alle Illustrationen: Michael Dockery

Eigentlich bin ich keine wirklich zögerliche Person, aber wenn es um meinen Körper geht, dann hat mich meine zehnjährige Forschung in den Bereichen Chemie und Medizin doch recht risikoscheu werden lassen. Ich brauche meine Gesundheit, um erfolgreich arbeiten und meine Freizeit genießen zu können. Deswegen erscheint es mir nicht lohnenswert, diese Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

Und genau deshalb verzichte ich auch auf folgende Dinge: Drogenkonsum, unnötige Schönheitsoperationen, Sex mit Leuten, über deren Geschlechtskrankheitsgeschichte ich nichts weiß, betrunken Autofahren ...

Und Augäpfel-Tätowierungen.

Die letztgenannte Sache fällt da jetzt vielleicht etwas aus der Reihe, aber Augäpfel-Tattoos sind derzeit zumindest in Australien wieder in aller Munde. Am 19. Februar hat die Regierung des Bundesstaats New South Wales diese Art des Körperschmucks nämlich im Grunde legalisiert, indem eine Änderung der bestehenden Gesundheitsvorschriften beschlossen wurde. Dafür haben die Politiker dann auch direkt Kritik sowohl von der australischen Labour Party als auch von Gesundheitsexperten einstecken müssen, die behaupten, dass es sich bei Augäpfel-Tätowierungen um einen gefährlichen Trend handelt. So beschrieb auch die Augenärztin Dr. Chandra Bala das Ganze im Fernsehen als übertrieben und nicht lohnenswert.

Bei einer Augapfel-Tätowierung wird einem eine kleine Menge an Pigmenten in Flüssigkeit direkt unter die Bindehaut gespritzt, damit die Farbe zwischen der Bindehaut und Lederhaut (also das Weiße des Auges) liegt. Die Pigmente verteilen sich dann zwischen diesen beiden Häuten und verdecken so permanent das Weiße des Augapfels. Normalerweise sind mehrere Injektionen nötig, um das komplette Auge abzudecken.

Diese Technik wurde vor fast zehn Jahren von dem in Melbourne tätigen Tätowierer und Body-Mod-Künster Luna Cobra erfunden. Angefangen hat alles mit ersten Versuchen an drei Freiwilligen und inzwischen hat Cobra sein Vorgehen perfektioniert und die Augäpfel von fast Hundert Menschen tätowiert.

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Zwar hat keiner von Cobras Kunden bis jetzt irgendwelche gesundheitlichen Probleme bekommen, aber dafür hat der Künstler einige Nachahmer auf den Plan gerufen, die nicht so akribisch vorgehen. So gibt es inzwischen auch Berichte über kurzzeitig auftretende Schwierigkeiten—darunter andauernde Kopfschmerzen oder Flecken auf dem umliegenden Gewebe. Außerdem geht die Lichtempfindlichkeit wohl extrem nach oben, wenn zu viel Pigmente auf einmal injiziert werden. Zu den weiteren Risiken gehören Infektionen, Entzündungen, eine Erblindung und sogar der Verlust des ganzen Auges. So warnt Cobra auf seiner Website auch davor, dass Leute durch ungeübte Nachahmer bereits ihr Augenlicht verloren haben. Da die ganze Prozedur relativ neu und experimentell ist, weiß man dazu auch noch nichts über etwaige Langzeitrisiken.

Da ich ja noch nicht mal eine Zigarette rauche, finde ich Augäpfel-Tattoos auch völlig verrückt. Warum tut man sich so etwas an—trotz der ganzen Ungewissheit und der potenziellen Risiken?

Bei Kylie Garth handelt es sich um eine Piercerin und Poke-Tattoo-Künstlerin aus Perth. Ihre Begabung, Professionalität und Fähigkeit, mich genau im richtigen Moment zum Lachen zu bringen, halfen mir dabei, mich rundum wohl zu fühlen, als sie mir letztes Jahr meine Nase piercte. Eine weitere Besonderheit von Garth ist ihr Körper, der wie ein richtiges Kunstwerk anmutet.

Wie viele Body-Mod-Fans erzählt auch Garth mir davon, dass ihre Veränderungen ein Ausdruck ihrer Persönlichkeit sowie ein Mittel zur Erschaffung einer eigenen Identität sind. Auch wenn ihr die Entscheidung für eine Augapfel-Tätowierung nicht leicht fiel, entschied sie sich letztendlich doch für diesen Schritt, weil das Ganze ihrer Meinung nach nicht nur „verdammt cool" aussieht, sondern sie dazu noch das Gefühl hatte, das gesundheitliche Risiko so gering wie möglich halten zu können.

„Durch meine Mods und Piercings kenne ich viele Leute und Studios. So weiß ich auch, wo es besonders sauber zugeht und wer was am besten kann", erklärt sie mir. Die einzige Person, der Garth die Durchführung des Augapfel-Tattoos zutraute, war natürlich Luna Cobra, der damals sogar zufällig ihr Kollege war. So hatte sie ihn auch schon dabei beobachten können, wie er die Prozedur erfolgreich durchführte. Einen ungeübten Tätowierer ranzulassen, stand niemals zur Debatte, denn für Garths Arbeit ist ein uneingeschränktes Sehvermögen unabdingbar. Deshalb wollte sie kein Risiko eingehen. „Bei Augäpfel-Tätowierungen kann so viel schiefgehen. Man kann erblinden. Stell dir mal vor, ich würde mein Augenlicht verlieren! Dann wäre ich total am Arsch! Für so etwas kann man sich auch nicht versichern lassen."

Zwar sind bei Garth nach der Prozedur noch keine Probleme aufgetreten, aber mich interessiert vor allem, ob sie manchmal über langfristige Konsequenzen nachdenkt. „Mir wurde ja nur eine winzig kleine Menge an Flüssigkeit ins Auge injiziert", antwortet sie mir und schlägt dann einen anderen Ton an. „OK, natürlich mache ich mir diesbezüglich auch ein bisschen Sorgen, aber von den ersten Leuten, die sich ihre Augäpfel tätowieren ließen, hat bis heute noch niemand von irgendwelchen Langzeitfolgen berichtet."

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Während unserer Unterhaltung kristallisiert sich auch heraus, dass es wohl eher die Reaktion der Leute als das Tattoo selbst ist, das ein Risiko darstellt. „Als alternative und außergewöhnlich aussehende Frau wird man auf der Straße doch ziemlich komisch angeschaut", erzählt Garth. „Einige Leute bilden sich dann auch direkt eine Meinung über mich und verbauen mir den Weg für eventuelle Möglichkeiten. Es besteht also eigentlich eher das Risiko, dass deine Freunde oder Familie die Tätowierung nicht mögen und deswegen nichts mehr mit dir zu tun haben wollen. Das kann wirklich so passieren."

Da ist sicherlich was dran. Wie dem auch sei, meine Augäpfel bleiben auf jeden Fall weiß.