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Pokémon sind jetzt genauso alt wie ich und werden nie langweilig

Heute ist Pokémon 20 Jahre alt geworden. Eine 20-Jährige blickt zurück.

von Carolin Aufermann
27 Februar 2016, 5:00am

Alle Fotos: Carolin Aufermann

Alle Fotos: Carolin Aufermann

Wir haben sie alle besiegt. Sind Pokémon-Meister in Kanto, Johto, Sinnoh und in den anderen Regionen geworden. Haben sie alle gesehen, alle mittlerweile 721 Pokémon. Haben unter anderem Team Rocket, Team Aqua und Team Galaktik besiegt und damit unsere Heimatregionen von dem Bösen erlöst. Und das alles in den letzten 20 Jahren. Eines der größten Franchises Nintendos hat nun Geburtstag—Pokémon wird 20. Tatsächlich belegt es nach dem altbekannten Klempner, Super Mario, sogar den 2. Platz der erfolgreichsten Spiele aller Zeiten. Pokémon hat Millionen begeistert und tut genau das immer noch.

Wir sind nun beide 20 Jahre alt. Dürfen beide Auto fahren und Alkohol trinken. Ein wenig komisch ist das schon. Auch wenn wir uns viel verändert haben, sei es äußerlich, sei es vom Geschmack her oder von der Musik, sind wir ganz tief drin immer die gleichen geblieben.

Jeder, der sich ein paar Stunden in Pokémon reinfrisst, wird merken, dass es eine zeitlose Routine und ein ganz großes Herz besitzt. Pokémon gibt einem das Gefühl für Größeres gemacht zu sein und bringt einen dazu, über die Grenze der Heimatstadt hinaus zu schauen und einfach mal loszuziehen. Wohin, weiß man selber noch nicht, doch man ist nicht allein. Man hat sein Team dabei. Am 27. Februar 1996 startete in Japan eine Ära, die meine komplette Kindheit bestimmt hat, und damit bin ich nicht alleine.

Ein Jahr nach meiner Geburt machte das Franchise seine ersten Gehversuche und stolperte sich mit wundervollen Fehlern wie dem „Missingno"-Glitch auf der Zinoberinsel oder dem Mew-Glitch in unser aller Herzen. Pokémon wurde schnell zu einem Teil meines Alltags. Und wenn ich ein Teil sage, meine ich Unterhaltung Nr. 1. Wenn ich zwischen fünf und zehn Jahren nicht gerade mit meinen Freunden draußen gespielt habe, hatte ich meistens einen Game Boy in der Hand, oder die Sammelkarten, gut verstaut im Rucksack dabei, um mit meinen besten Freunden zu tauschen und zu spielen. Eine Holo-Karte (eine normale Karte mit Glitzer-Bild) im Booster zu haben, hat mein Herz höher schlagen lassen und ich bin nicht nur ein mal aufgeregt zu meinen Eltern gerannt und habe sie angefleht, mich zu meinem besten Freund zu fahren. „ICH MUSS IHM DAS ZEIGEN, BITTTEE!", war der Standardsatz.

Habe ich mittags den Fernseher angemacht, lief der Anime und ich habe mit Ash, Misty und Rocko mitgelitten, gelacht und gefeiert. Nichts fühlt sich so sehr nach Kindheit an wie Pokémon.

Kleinigkeiten haben mich an all das gebunden. Sei es der Hass auf den arroganten Gary, Glumandas erlöschende Flamme, die reihenweise Herzen gebrochen hat, die Horrorfolge mit Gengar und Alpollo, die mich nicht schlafen ließ, Bauchschmerzen vor Lachen aufgrund der Schiggy-Bande mit ihren Sonnenbrillen oder die reine Ehrfurcht, die mich durchfuhr, als ich das erste Mal Lavados, Zapdos, Arktos oder Mewtu gegenüberstand. Den ersten Legendären Pokémon. Nur ein einziges Mal im Spiel vertreten.

Schwitzige, kalte Hände, die immer im Konflikt mit der Verlockung standen, einfach den Meisterball zu werfen, um die Qual durch immer wieder aufspringende Bälle zu beenden. Ich wollte sie besitzen, meine Sammlung komplett machen und die von ihnen ausgehende Macht in meinem Team haben.

Und jetzt? Jetzt sitze ich nach der Arbeit zu Hause, klappe meinen 3DS auf und spiele Pokémon. Auf PS4 und Xbox One kommen immer aufwendigere Spiele raus. Mehr Explosionen, krassere Plot Twists, heftigere Waffen und noch bessere Grafik hauen aus den Socken, keine Frage. Doch ich genieße die Möglichkeit, einfach abzuschalten, mich von nostalgischem Gedudel berieseln zu lassen, eine Grafik anzuschauen, die zeitlos ist, die so viele Gefühle hervorruft. Denn irgendwie schaffen sie es immer wieder. Selbst die neusten Editionen fühlen sich so unglaublich liebevoll an. Es ist nicht wie das vierhundertachtundzwanzigste Call of Duty, kein Multiplayer-Gekloppe, es ist keine brutale Franchise-Ausschlachtung—zumindest fühlt es sich nicht so an. Pokémon funktioniert einfach. Never change a running system.

Und auch wenn man denken mag, dass all das irgendwann öde werden müsste, die neuen Pokémon furchtbar langweilig und unkreativ sind (zugegeben, sind sie teilweise), hat man tatsächlich in den neuen Editionen immer die Möglichkeit, die alt bekannten Freunde aus den ersten Teilen zu fangen. Mein Herz geht auf, wenn ich auch in Pokémon X, dem zweitneuesten Spiel, mein Evoli zu einem Blitza entwickle und der Sound ertönt, der sich schon in Kindheitstagen in mein Herz gedonnert hat.

Wir befinden uns mittlerweile in der 7. Generation und haben 14 Haupteditionen gespielt. Die unendlich vielen Spin-Offs mal nicht mit eingerechnet.

Regelmäßig erscheinen neue Titel für Nintendos aktuellste Konsolen, unzählige Ableger und Spin-Offs, in denen die tierähnlichen Wesen Haupt- oder Nebenrolle spielen (Super Smash Brothers, Pokémon Stadium, Pokémon Mystery Dungeon etc.) für andere Nintendo-Konsolen wie den GameCube, die Wii oder die neueste Konsole WiiU. Das Schöne ist, dass es immer gleich geblieben ist. Das Rollenspielprinzip, das ich so lieben gelernt habe, findet sich auf jeder neuen Edition wieder. Es ist ein wenig wie nach Hause kommen oder einen guten Freund zu besuchen. Ich weiß was mich erwartet, muss nicht endlose Tutorials durchspielen und kann direkt loslegen und alles genau machen, wie ich das möchte.

Unsere Reise startet mit einem Starter-Pokémon und im Laufe des Spiels gewinnen wir immer mehr neue dazu. Manche bekommt man geschenkt, manche fängt man selber. Dabei hat man komplett freie Wahl, welche Pokémon man sich am Ende mit ins Team nimmt. Wer mag, kann das Spiel mit nur einem Pokémon durchspielen. Wer es richtig machen will, sucht sich seine sechs liebsten zusammen und trägt sie immer mit sich rum, levelt sie auf und kämpft sich seinen Weg durch die Region.

Dabei läuft alles nach den eigenen Regeln. Keine nervigen Kompagnons wie in anderen Spielen, wer stört, fliegt raus. So einfach ist das. Man lernt die Stärken und Schwächen recht schnell kennen und versteht, dass kein Pokémon perfekt ist. Es schmerzt, wenn dein Pokémon stirbt und es ist völlig egal, dass du danach direkt ins Pokémon-Center rennen und es wiederbeleben kannst. Denn als beste Freunde stellt man sich den gefährlichsten Gegnern und den schwersten Arenaleitern, vervollständigt seinen Pokédex und wird zum Allerbesten, wie keiner vor einem war. Wer am Ende zusammen mit den sechs ausgewählten Pokémon Hand in Hand arbeitet, kann, zumindest in der Pokémon-Welt, alles schaffen. Bei Pokémon ist die Vielfalt das Rezept zum Erfolg. Denn genau das ist es, an dem die typbasierten Arenaleiter immer scheitern. Schlaue Spieler haben ein gemischtes Team. Haben unsere Lieblingstypen (z.B. Feuer, Elektro, Wasser, Pflanze, Gift etc.) dabei und wissen genau, wie wir unsere Gegner am besten ausschalten. Denn wir haben im Kopf gespeichert, welche Attacke gegen welchen Typ effektiv ist.

Vielleicht ist es auch die Tatsache, dass man komplette Kontrolle über sein Team hat, was es am Ende so perfekt macht. Ich treffe jede einzelne Entscheidung selbst. Kein anderes teambezogenes Spiel lässt einem so viel Raum wie Pokémon.

Nintendo möchte an dieser Stelle natürlich auch ein wenig an die treuen Fans zurückgeben und veröffentlicht zum Jubiläum am 27. Februar 2016 die Blaue Edition, die Rote Edition und die Gelbe Edition für den Nintendo 3DS auf die Virtual Console. Man kann sich die Editionen also im Shop auf das Gerät runterladen und sie genauso spielen, wie sie damals daherkamen. In 8-Bit-Grafik, Chiptune-Dudelei, die einem noch stundenlang nachläuft, winziges Farbspektrum–Nostalgie pur.

Das ganze Jahr über verteilt Nintendo noch legendäre Pokémon, die im Spielverlauf nicht zu fangen sind, was bei vielen Fans regelrecht Nerdgasms auslöst. Der Moment, als ich mein allererstes eigene Mew in den Händen hielt, war einfach unbeschreiblich. Eventuell habe ich eine kleine Träne verdrückt.

Diese Liebeserklärung ist nun vorbei und es ist an der Zeit, Danke zu sagen und zu gratulieren. Danke Nintendo für dieses Stück Kindheit und alles Gute zum Geburtstag, Pokémon. Jetzt sind wir beide 20 und haben so viel voneinander gelernt. Wir haben unendliche Stunden miteinander verbracht, sind gemeinsam von Konsole zu Konsole gesprungen, haben etliche Teile ersetzt, die Wutanfällen zum Opfer gefallen sind, und trotzdem konnte uns am Ende nichts trennen. Auf die nächsten 20 Jahre!