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Wir kennen uns nicht, aber er tut so als ob. Ist er der Freund eines Freundes? Arbeiteten wir einmal zusammen? Ist er mein Coucousin? Fragen, die einen Dummschwätzer enttarnen und einen selbst verwirren. Er kommt nicht wegen des Essens ins Restaurant. Er ist hungrig nach faden Gesprächsfetzen, getunkt in Banalität und Oberflächlichkeit. Währenddem ich den Familienstammbaum durchdenke, erzählt er mir von Laktose-Intoleranz, Toleranz gegenüber Schwarzen und seinem All Inclusive-Urlaub in der Dominikanischen Republik.
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Wir kennen uns nicht, aber er tut so, als ob ich ihm gleich einen blasen würde. Der Perversling hat ein verschobenes Selbstbild und meint, dass er mit rhetorischem Talent und einfühlsamen Blicken die Frauenwelt in feuchtfröhliche Hysterie versetzt. In Tat und Wahrheit will ich ihm die gierigen Glubschaugen auskratzen und wünsche, dass ihm die Zunge im Hals stecken bleibt. Er ist frei von Niveau, gibt aber grosszügig Trinkgeld. Dass der Batzen nur im Flatrate-Puff Zusatzleistungen verspricht und ihn im Restaurant lediglich vor meiner Spucke in seinem Kaffee bewahrt, bleibt ein Betriebsgeheimnis.

Warum man seine Art überhaupt in Restaurants antrifft, ist fragwürdig. Er jedoch ist sich der Daseinsberechtigung seines Nörglertums sicher. So sicher, wie der Preis fürs Bier zu teuer und der Schinken im Sandwich zu knausrig ist. Selbst wenn es das Restaurant der Träume mit Schokoladenregenbogen im Mund gäbe, würde er dort wie Brummbärchi für schlechte Stimmung sorgen.Der Unentschlossene
Sich für genau dieses Restaurant zu entscheiden, war schon schwer genug. Jetzt gipfelt seine Zaghaftigkeit im quälenden Versuch, eine Bestellung aufzugeben. Ohne Begleitperson oder geschultes Kassenpersonal kann das Auftauchen eines Unentschlossenen den gesamten Betrieb lahmlegen. Er bestellt zwei bis drei Gläser Wein für sich und seine Freunde—und für die Ehefrauen vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Rotwein mögen sie am liebsten, weiss er, meint er, glaubt er, oder nicht und nimmt einen Rosé.
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