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Die vier Vollidioten der Gastronomie

Herzlich willkommen. Bitte fickt euch vor dem Aperitif ins Knie!
25.9.14

Foto von Chris Marchant ı Flickr ı CC BY 2.0

Die Gastronomie hat zwei Gesichter. Eines lächelt dich mit Wasserstoffperoxid geweissten Zähnen an. Das sanfte Lächeln umspielt die Äuglein mit Falten, die Reife verheissen. Die Lippen formen ein „Willkommen", dem du folgen willst, dem Rotwein oder der Reife wegen, wahrscheinlich aber, weil du im Restaurant deiner Träume sitzen möchtest. Ein Ort der Freude, an dem Glücksbärchis einen Regenbogenstrahl aus Schokolade direkt in deinen Mund schiessen.

Das andere Gesicht gleicht demjenigen einer Kreis 4-Imbissmutter, der das Frittieröl von den Strähnen tropft. Die braune Lederhaut schreit nach Chemotherapie—nicht weil auf den Malediven der Sonnenschutz vergessen ging, sondern weil das Geld bloss für hochwattige Selfservice-Solarien reicht. Wenn es hustet, kotzt es dir die Nikotinbrocken in die Suppe und wünscht dir ganz nebenbei einen guten Appetit.

Foto von Zoe ı Flickr ı CC BY 2.0

Diese Fratze der Gastronomie lernt man normalerweise erst dann kennen, wenn man dem Koch für den Verlust seines Geschmackssinns kondoliert oder wenn man selbst der Koch ist. Diesen Sommer hatte ich die Ehre, Koch zu sein. Mit zu viel Empathie für Trauerkarten und zu wenig Talent für ein Spiegelei, stand ich an der Kasse eines Selbstbedienungsrestaurants.

Jeden Tag riss die Imbissmutter ihr übel riechendes Maul auf und ich wünschte mich weit fort. Gegen die Häme half selbst der violette Duftbaum unter meinem Sitz nichts. Die Gastronomie stinkt. Und mit ihr alle, die daran beteiligt sind. Auch die Gäste. Vor allem die Gäste. Ihre Spezies lässt fünf Unterarten erkennen, die auf der Vollidiotenskala den Köchen, Kellnern und selbst mir den Rang ablaufen:

Foto von miracle adult ı Flickr ı CC BY-NC 2.0

Der Dummschwätzer
Wir kennen uns nicht, aber er tut so als ob. Ist er der Freund eines Freundes? Arbeiteten wir einmal zusammen? Ist er mein Coucousin? Fragen, die einen Dummschwätzer enttarnen und einen selbst verwirren. Er kommt nicht wegen des Essens ins Restaurant. Er ist hungrig nach faden Gesprächsfetzen, getunkt in Banalität und Oberflächlichkeit. Währenddem ich den Familienstammbaum durchdenke, erzählt er mir von Laktose-Intoleranz, Toleranz gegenüber Schwarzen und seinem All Inclusive-Urlaub in der Dominikanischen Republik.

Der Perversling
Wir kennen uns nicht, aber er tut so, als ob ich ihm gleich einen blasen würde. Der Perversling hat ein verschobenes Selbstbild und meint, dass er mit rhetorischem Talent und einfühlsamen Blicken die Frauenwelt in feuchtfröhliche Hysterie versetzt. In Tat und Wahrheit will ich ihm die gierigen Glubschaugen auskratzen und wünsche, dass ihm die Zunge im Hals stecken bleibt. Er ist frei von Niveau, gibt aber grosszügig Trinkgeld. Dass der Batzen nur im Flatrate-Puff Zusatzleistungen verspricht und ihn im Restaurant lediglich vor meiner Spucke in seinem Kaffee bewahrt, bleibt ein Betriebsgeheimnis.

Foto von David Herrera ı Flickr ı CC BY-2.0

Der Kritiker
Warum man seine Art überhaupt in Restaurants antrifft, ist fragwürdig. Er jedoch ist sich der Daseinsberechtigung seines Nörglertums sicher. So sicher, wie der Preis fürs Bier zu teuer und der Schinken im Sandwich zu knausrig ist. Selbst wenn es das Restaurant der Träume mit Schokoladenregenbogen im Mund gäbe, würde er dort wie Brummbärchi für schlechte Stimmung sorgen.

Der Unentschlossene
Sich für genau dieses Restaurant zu entscheiden, war schon schwer genug. Jetzt gipfelt seine Zaghaftigkeit im quälenden Versuch, eine Bestellung aufzugeben. Ohne Begleitperson oder geschultes Kassenpersonal kann das Auftauchen eines Unentschlossenen den gesamten Betrieb lahmlegen. Er bestellt zwei bis drei Gläser Wein für sich und seine Freunde—und für die Ehefrauen vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Rotwein mögen sie am liebsten, weiss er, meint er, glaubt er, oder nicht und nimmt einen Rosé.

Aber scheiss drauf. Malle ist nur einmal im Jahr. Und wenn du es verpasst, kannst du immer noch hierhin gehen:

Heute starten wir mit The Acid im Palace oder Rocky Wood im La Catrina, um anschliessend einen Schlenker an die Sofakunst zu machen. Den Rest der Nacht verbringen wir dann in der Zuki mit Benjamin Röder und Kejeblos.

Morgen gehen wir in die Kaserne Basel zu Portable Reality, dem Symposium über „Performances Experiences". Wir steuern weiter Richtung KIFF, dort gibt es Party Hart. Dann stolpern wir gleich weiter ins Theater am Neumarkt, an die Saisoneröffnungs-Premiere Ein Teil der Gans im Haus der Lüge. Oder besuchen unseren falschsexuellen Lieblingsschreiber Florian Vock an der Molke 7, der Milchbüechli-Party im Heaven. Alternativ nehmen wir die letzte Postkutsche auf den Aletschgletscher zu El Azras Herbsttanz.

Für alle Zürichinde ist heute Pflichttermin an der gleichnamigen Party in der Heilen Welt—die neue Kollektion ist da! Zudem stellt Oibel1 zum ersten Mal alleine aus.

Am Samstag gibt es das Yes We Are Open, die Saisoneröffnung vom Südpol und Weltformat, das Plakatfestival in der Kunsthalle Luzern. Richtig legendär wirds im Hive: Dort ist Raketen-Maskenball, also so ziemlich das beste, was dir in einem öffentlichen Laden passieren kann.

Sonntags gehen wir an den Zentralmarkt in der Dampfzentrale.

Am Montag geben wir uns Das grosse Museum, ein einzigartiger Film über das gigantische Kunsthistorische Museum Wien im Stadtkino Basel.

Und am Mittwoch liest Berthold Seliger über Insiderhandel in der Musikbranche.