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Popkultur

Die verdammten Highlights des diesjährigen /slash Filmfestivals

Wir können gar nicht glauben, dass es schon wieder vorbei ist, weshalb wir auch unsere grausigsten und herrlichsten Momente des fantastischen Filmfestivals gesammelt haben.
30.9.14

Alles Gute zum fünften! (Foto: (c) /slash Filmfestival)

Dem /slash Filmfestival wuchs dieses Jahr bereits die fünfte Zitze am gebeutelten Geburtstags-Euter. Das ist zwar kein sehr malerisches oder beruhigendes Bild, aber besonders malerisch oder beruhigend ist auch das /slash nicht. Insofern passt die Vorstellung eines mutierten Euters, unter dem sich die jubelnden B-Movie-Massen begierig um ein paar Spritzer vom Horror-Cool-Aid anstellen, auch ganz gut. Über die Jahre ist das /slash nicht nur zu unserem Lieblingsfestival, sondern auch (genau wie wir) ein bisschen erwachsen geworden (aber eben, genau wie wir, noch nicht ganz).

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Das heißt, dass inzwischen zum Teil hochkarätigere Produktionen hier prämieren—was nicht notwendigerweise solche mit höherem Budget oder „Production Value" sind—und auch Gäste wie Joe Dante, Dario Argento, Crispin Glover und Lloyd Kaufman zu einer Einladung nicht mehr Nein sagen. Und es heißt auch, dass man bei einem Abend am /slash längst nicht mehr auf eine homogene Besucher-Masse aus potenziellen Comic-Con-Besuchern trifft, sondern auf ein diffizil durcheinander gewürfeltes Publikum aus Genre-Cineasten, Trash-Afficionados und Menschen, die sich über all das wundern, weil sie einfach nur als erste einen bestimmten Film sehen wollten und es nicht gewöhnt sind, dass im Kinosaal alle paar Minuten irgendwo Bierdosen zischen wie in einem Minenfeld aus Alkohol.

Und es heißt auch, dass der Kurator des Festivals, der wunderbare Markus Keuschnigg, inzwischen auch mal seinen teuren Saum aufträgt und überhaupt alles immer besser und professioneller wird. Und nein, das ist kein Nachteil, solange „besser und professioneller" auch heißt „mehr Props und Geburtstagskuchen aus Leichenteilen und Menschenhaut". Wir sagen noch mal alles Gute und huldigen dem feschesten aller Festivals mit unseren diesjährigen Highlights.

Die Premiere von Im Keller war ein Blick aus dem Abgrund

Foto: Kurt Prinz

Eigentlich könnte man ein Festival nicht besser einläuten, als mit einem kranken Seidl-Film und darauffolgender Musikauflegerei, die direkt Geigen quietschend direkt aus einer Polanski-Hölle stammen könnte und dann in Euro-Pop umschwammte. Von Gratisalkohol und abgründigen Österreicher-Gemütern beeinflusst tanzten alle in die Nacht hinein, bis sogar Leute wie Dirk Stermann und der Stargast Seidl zu anderen Premiere-Partys auswichen.

Foto: Kurt Prinz

Das Schöne an Premieren ist aber eigentlich, dass man als Besucher zu den Hipstern unter den Cineasten gehört und den Film ein ordentliches Bisschen vor allen anderen sieht. Diese Avantgarde-Rolle kann aber auch eine Belastung werden, wenn wie im Fall von Im Keller plötzlich ein Empörungs-Shitstorm durch die Medienlandschaft grundelt und man sich wünscht, man würde nicht zu den einzigen 200 Menschen gehören, die eigentlich wissen, wovon bitteschön die Rede ist.

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Ulrich Seidl selbst hat ja zum Beispiel auch in unserem Interview betont, dass er keine reinen Dokumentationen dreht, alles für die Kamera inszeniert ist und er beim besten Willen nicht versteht, was das Vorhandensein eines Statistenvertrags mit zwei zukünftig ehemaligen Gemeinderäten über den Echtheitsgehalt des Gezeigten aussagt.

Zum Glück ist aber nicht nur Papier, sondern auch Zelluloid geduldig und dem Film selbst die ganze Aufregung völlig wurscht. In ihm geht es eineinhalb Stunden um tiefe Keller-Einblicke, die immer genau die entscheidenden Sekunden zu lange dauern, als dass sie einfach nur Sozialpornografie wären: Diese Subjekte starren zurück. Wenn hier schon ein Zoo-Vorwurf kommt, dann aber nur mit dem Warnhinweis „Vorsicht, bissig." Mehr zum Film gibt's hier im Interview—mehr zum Skandal hier in diesem Kommentar.

Die Troma-Nacht war ein herrlich bieriges Spektakel

Toxie bei den Simpsons, Foto von Lloyd Kaufmans Tumblr

Lloyd Kaufman ist einer der besten Menschen der Welt—und das sage ich nicht nur, weil er zwischen Rocky und Guardians of the Galaxy noch in zirka 300 anderen schönen Filmen mitgespielt und mir am Ende unseres Interviews eine DVD von Citizen Toxie: The Toxic Avenger IV geschenkt hat. Ich sage das auch, weil ein Gespräch mit ihm ein filmhistorisches und auch sonst in jeder Hinsicht intellektuelles Splatter-Feuerwerk ist und er in seinem Alter von fast 70 Jahren immer noch mit spielerischer Leichtigkeit zwischen Eliten-Kritik, Daoismus und den Dolly-Fahrten bei Roberto Rossellini hin und her springt.

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Dass er nebenbei auch noch so schöne (und im Kern immer gesellschaftskritische) Filme wie Poultrygeist: Night of the Chicken Dead und Return to Nuke 'Em High: Part 1 macht, ist im direkten Gespräch fast vergessen und eigentlich nur der zelluloidene Zuckerguss obendrauf. Wer mehr wissen will und das bierige Spektakel beim Festival verpasst hat, liest sich am besten hier durchs Interview und schaut sich im Netz durch sein Gesamtwerk—aus dem ihr seiner Meinung nach auch ruhig Filme ohne Bezahlung runterladen könnt.

Das Wiener Kettensägenmassaker muss länger werden!

Am Set von Das Wiener Kettensägenmassaker, Foto von Martin Nechvatal.

Das Wiener Kettensägenmassaker war ein ziemlich kurzweiliger Film, was vielleicht auch daran liegt, dass er nur 15 Minuten dauert. Die Handlung ist sehr schnell erzählt: Junger Bub im coolsten 90er Style ist in der Gstetten unterwegs, Leatherface kommt, schwingt die Motorsäge und killt sein Opfer. Dazu bester Industrial Soundtrack—auch aus den 90ern—und leichte Variationen in der Tötungsart. Ganz ehrlich, mehr Liebe für Beuschel war bei keinem der Filme am /slash zu sehen und als die beiden Buben zum Schluss mit dem Fahrrad abhauen, hat das ganze Kino erleichtert aufgeatmet. Ich hoffe, nächstes Jahr gibts eine Rückkehr des Wiener Kettensägenmassakers—und in Spielfilmlänge.

Foto vom Set von Das Wiener Kettensägenmassaker von Martin Nechvatal.

Der eigentliche Hauptfilm war dann fast ein bisschen zu sehr zum Nachdenken. Nichts gegen Nachdenken, aber ich möchte am Samstag lieber keinen Film sehen, bei dem EU-Subventionen, die Finanzkrise und allerlei medientheoretischer Bullshit so offensichtlich mit dem lustigen, übergroßen Clownshammer thematisiert werden. Das war zwar stellenweise wirklich lustig, von Beginn an beeindruckend gut gemacht, aber ganz einfach oft zu bemüht. Ich mags lieber, wenn ich mich ein bissi Anstrengen muss um in MI3 einen Kommentar auf Guantanamo und CIA-Foltercamps in Polen hineinzuinterpretieren, als wenn ich mich bemühen muss, in der Gstettensaga: The Rise of Echsenfriedl die Genre-Elemente zu finden.

Was ist eigentlich euer Problem mit Afflicted?

Wow, muss man sich viel Hate anhören, wenn man Afflicted verteidigt, einer unserer Lieblingsfilme des letzten Jahres im Found Footage Format. Der Grund für diesen Hass, der sich auch nach dem Screening am /slash in Diskussionen stark bemerkbar machte, gründet hauptsächlich auf der vermeintlichen Dummheit der Hauptfiguren. Diese laden die Transformation eines kanadisch-asiatischer Backpacker zum Vampir-Halbgott als Videos in Netz und zugegeben, es gibt sicherlich bessere Promo für einen Weltreiseblog.

Aber, schaut ihr zum ersten Mal so einen Film? Von Cloverfield, Chronicle (Empfehlung des Hauses!) über [REC] bis zu Paranormal Activity gibt es immer eine Szene in Found Footage-Filmen, die frei von jeglicher Logik Charaktere sogar entgegen der Regeln des Plots handeln lassen. Da filmen Leute über ihnen zusammenstürzende Gebäude anstatt zu laufen und da legen Hilfe leistende Paniker die Kamera vorher ordentlich genau so hin, dass alles Wichtige im Bild bleibt. Die Tech-Rahmenhandlung sollte in Wirklichkeit nach der Hälfte so eines Films vergessen werden können—so wie bei [REC] 3, der mitten im Film komplett aufs eigene Format scheißt. Danke Andy R., für den Tipp. Aber egal, schimpft nicht auf Afflicted. Der rockt, auch wenn er bisschen dumm ist.

It Follows ist der definitive Film zu STDs und Facebook-Challenges

Angeblich basiert die Filmidee von It Follows auf einem wiederkehrenden Traum von Regisseur David Robert Mitchell, der als Kind von etwas Bösem, das nur er sehen konnte, überall hin verfolgt wurde. Entsprechend geht es bei It Follows um Traum und um Trauma—um Übernatürliches (wie langsam dahinkriechende Monster in Mama-Gestalt) und um echte Verstörung—hab ich schon Sex gesagt?).

Genau genommen geht nämlich ein Fluch um, im Detroit der Wirtschaftskrisen-Generation, und der einzige Weg, ihn loszuwerden, ist, ihn mittels Geschlechtsverkehr an seine Nächsten weiterzugeben. Allerdings ist Sex damit folgerichtig auch der einzige Weg, sich überhaupt mit dem Fluch anzustecken, was Sex zur Ursache und Lösung des Problems macht—genau wie im echten Leben.

Bei aller Übernatürlichkeit beschäftigt sich der Film vor allem mit der ziemlich reellen Lebenswelt von Jugendlichen und dem chaotischen Mit- bzw. Gegeneinander, das mit dem Geschlechtstrieb einhergeht. Man könnte jetzt noch weiter ausholen und etwas über Thomas Elsässer und Trauma-Theorie sagen beziehungsweise darüber, die hier geradezu exemplarisch durchexerziert wird—oder aber man könnte sagen: It Follows verbindet Kettenbrief-Dynamiken und sexuell übertragbare Krankheiten und ist damit der definitive Film zu STDs und Facebook-Challenges.

Insofern auch kein Wunder, dass dieser Film von uns am /slash präsentiert wurde. Und wenn alles anders gewesen wäre, hättet ihr diese Rezension auch als Eingangsrede gehört. Aber man kann eben nicht alle Umstände perfekt planen—außer das nächste /slash, natürlich. Wir beißen uns jetzt schon ein Freundentröpfchen aus dem Lipperl und versprechen, dass wir kommendes Jahr mehr Auszeit vom Büro nehmen und endlich wieder bei jedem zweiten Film dabei sein werden (ja, das ist eine Drohung, muhahaha).