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Fotos

Erlangen Tokio, Tokio Erlangen: Ein Interview mit Jürgen Teller

Jürgen Teller hat eine ganze Generation an Fotografen geprägt. Wir haben ihn anlässlich seiner Ausstellung in Wien getroffen.

von Magdalena Vukovic
15 April 2014, 9:20am

Fotos von Andrew Obrejanu

Um Jürgen Teller nach Wien zu holen, braucht man eine gutes Lockmittel, wie zum Beispiel ein deftiges Blunzengröstl mit Sauerkraut, einen Fernseher zum Champions-League-Schauen oder eine gemeinsame Ausstellung mit Nobuyoshi Araki. Die beiden Fotografen kennen sich seit 1991 und verstehen sich gut. Was sie verbindet, ist ihr Erfolg, die Fleischeslust und ihre große Popularität in unseren Kreisen. Teller hat die Modefotowelt zweifelsohne beeinflusst. Der helle Blitz und die schlampige Analog-Fotografie sind zu großen Teilen auf ihn zurückzuführen, was gleichzeitig Fluch und Segen ist.

Er hat in den Neunzigern für alle interessanten Modemagazine (also: i-D und The Face, denn mehr interessante gab es seiner Aussage zufolge nicht) gearbeitet und ordentlich aufgeräumt. Die Designer Marc Jacobs und Vivienne Westwood denken heute gar nicht daran, mit irgendjemand anderem ihre Kampagnen zu fotografieren. Es gibt kaum ein Magazin, das ohne Fotos von Teller oder einem Anhänger dieser Ästhetik auskommt.

Dabei kann man kaum glauben, dass er immer noch für Aufruhr sorgen kann, wenn er sich selbst oder andere—alt, jung, mager, dick, verletzlich oder verbraucht—splitterfasernackt vor die Kamera bringt. Die Ergebnisse sind abstoßend und total anziehend zugleich. Man fragt sich immer wieder, wie er es schafft, alle auszuziehen und was sein großes Geheimnis ist. Vielleicht liegt es daran, dass Teller in einem kleinen Ort bei Erlangen in Bayern aufgewachsen ist. Man muss sich also einen bodenständigen und unprätentiösen Franken vorstellen, der Perfektion langweilig findet, aber die aktuelle Modefotografie anführt, und plötzlich ergibt es ein Ganzes.

VICE: Wie war Wien bisher zu dir?
Jürgen Teller
: Ich habe noch nicht viel gesehen. Ich war mit der Ausstellung beschäftigt und am Abend Champions League. Ich bin nicht wirklich draußen gewesen. Aber die Schnitzel waren gut zu mir. Ich hatte schon zwei und Blutwurst auch. Ich liebe das! Sauerkraut und ein wunderbares Brot. Sehr gut! Gekocht für mich beim Fußball-Schauen.

Stimmt, du bist ja so ein großer Fußball-Enthusiast. Na ja, aber wir haben nicht gerade das beste Fußballteam der Welt, höre ich.
Ich finde, ihr seid gut. Red Bull Salzburg ist derzeit sehr gut.

Die werden ja mit genug Geld gesponsort.
Das stimmt.

Du hattest vor einiger Zeit ein sehr gutes Interview mit unserem ehemaligen Chefredakteur, Jesse Pearson, also war ich etwas eingeschüchtert, dir Fragen zu stellen.
Sei nicht eingeschüchtert. Schau, auf dieser Cola Flasche ist extra ein kleines Herz für dich.

Danke, das ist nett! Haben der Rückgang der Magazine und der Aufstieg der Blogs eine Auswirkung auf dich und deine Arbeit?
Das ist gar nicht so eine blöde Frage. Ich weiß es nicht genau. Schau, als ich angefangen habe, gab es zwei Magazine: Face, i-D und dann später Blitz-Magazin. Jetzt haben wir Tausende dieser Magazine und die haben weniger Einfluss und sind immer mehr Mist und mittelmäßiger. Sie interessieren mich auch nicht mehr so. Aber ab und zu mache ich was, ich mache es dann immer für mich, und die geben mir manchmal was Interessantes, in meinem Kontext, in meinem eigenen Denken.

Aber in Bezug auf das Virtuelle?
Da bin ich recht unbedarft. Jetzt habe ich ein iPad und schaue Filme darauf. Das ist eine sehr neue Sache für mich. Bis vor Kurzem musste mein Assistent sich um alle meine E-Mails kümmern.

Oh wirklich, du bist einer von denen.
Ja, ich bin ein alter Mann.

Aber entwertet dieser Wandel der Medien deine Arbeit? Ich habe gehört, dass du deine Arbeit auch ungern verkaufst.
Ist das so? Die Kuratorin von dieser Ausstellung war witzigerweise meine Kuratorin von einer Show von 1991, als ich Araki zum ersten Mal in Japan getroffen habe. Ich hatte damals so ein tolles Bild von Sinéad O’Connor und ich wollte nicht, dass das einfach irgendwer kauft. Das klingt wirklich dämlich, aber das hat sich drastisch geändert.

Du verdienst sicher gut und fotografierst für diese Luxuslabels. Genießt du selbst den Luxus?
Ich trage doch gerade einen schönen Anzug, aber das ist schon alles. Ich finde Luxus ist es, Zeit zu haben und alles zu tun, was man will.

Wie ist es, mit Araki Zeit zu verbringen?
Extrem lustig!

Ist er so pervers, wie ich ihn mir vorstelle?
Das kann ich dir nicht sagen.

Das klingt, als ob es so wäre.
Dazu erzähle ich dir eine Geschichte: Hier bin ich also, 1991 zum ersten Mal in meinem Leben in Japan; in Tokio, um genau zu sein. Damals war es nichts Ungewöhnliches, Ausstellungen in Luxus-Kaufhäusern zu haben, mit Kleidern, Parfum und lauter solchem Frauenkram. Ich fand das seltsam und hatte dementsprechend sehr konkrete Vorstellungen, wo ich meine Bilder hängen haben wollte, mit weißen Wänden und so. Eine japanische Freundin von mir nahm mich zu einer Ausstellung von Araki mit, der damals noch nicht so bekannt war. Ich kam also von meinem blöden Kaufhaus zu seiner Ausstellung auf einer eingezäunten Baustelle. Drinnen waren Sandberge und er hat seine Fotos groß gezogen und auf den Zaun genagelt oder einfach in den Sand gesteckt mit einem Haufen Blumen drumherum.

Das muss ziemlich wild ausgesehen haben.
Ich dachte, dass ich noch nie so eine Ausstellung gesehen habe. Das war verrückt! Und als unverdorbener kleiner Deutscher dachte ich: „Oh, mein Gott, was ist, wenn es regnet?“ 

War Araki dort?
Ja, und er war so ein Energiebündel. Er hat manisch alles fotografiert. Ich wurde dann zum Abendessen eingeladen, das eher ein Besäufnis war. Er kam direkt auf mich zu und zeigte auf mich und diese japanische Freundin von mir und sagte: „You, fucky, fucky and me take pictures!“ Ich dachte, das ist total verrückt. Ich habe diese Geschichte für das Buch zu dieser Ausstellung aufgeschrieben.

Und die Fotos? Hat er dann welche von euch gemacht?
Nein, aber ich hätte ganz tief drin gerne gewusst, wie diese Bilder geworden wären. Vielleicht wenn ich ein paar Jahre älter gewesen wäre und keine Freundin gehabt hätte, wäre ich mit Vergnügen in diese „fucky, fucky“-Sache reingegangen, aber zu der Zeit war es unmöglich und ist vielleicht auch heute unmöglich.

Gibt Araki dir heute Ratschläge?
Nein, aber er hilft mir, weil er hier bei diesem Projekt alles in eine sehr klare Richtung gelenkt hat. Er hat gesagt: „Ich mache Schwarz-Weiß, du machst Farbe. Für diese Ausstellung schicke ich 40 bis 50 Bilder und du sollst dasselbe machen. Für das Buch sollst du 150 Bilder schicken. Bei allem anderen sollst du machen, was immer du willst, du kannst so frei sein, wie du magst und wir werden Spaß haben, gegenseitig unsere Arbeit anzusehen.“ Ich war damit einverstanden. Es ist so eine große Ehre für mich, das hier in Wien zu machen. Es hat Araki auch so viel Kraft gegeben. Ich mag, dass seine Fotos voller Energie und Leben sind. Er findet, dass wir alles fotografieren können, was wir wollen, solange es uns interessiert.

Sein Interessengebiet scheint recht begrenzt zu sein, nicht?
Ich finde, es ist ausreichend. Tokio, Essen, Sex, Menschen, Landschaften, seltsames Zeug. Das ist genug für mich!

Du bist oft nackt in deinen Bildern. Machst du dir nicht manchmal Gedanken, wie dein Penis aussieht?
Darüber denke ich gar nicht nach. Es ist mir egal. Mache ich mir Gedanken, wie mein Ohr aussieht? Es ist mein Ohr, was kann ich jetzt daran ändern!? Es ist einfach da. Auch aus Langeweile wollte ich mich nicht mit den Neurosen und Eitelkeiten herumschlagen. Ich habe ja viel Modefotografie zu der Zeit gemacht und viele Schauspielerinnen und Berühmtheiten fotografiert. Ich wollte das nicht mehr.

Und dann hast du lieber dich selbst nackt fotografiert?
Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, von mir fotografiert zu werden und auch über mich selbst lernen. Wenn ich andere Leute fotografiere, kann ich nun soweit gehen, wie ich will. Ich wollte mich auch nicht mehr mit all diesen Dresscodes auseinandersetzen.

Fühlt man sich so ganz nackt aber nicht immer etwas unwohl?
Es war klar, dass ich diese Fotos zu Hause machen wollte, dort, wo ich herkomme. Im Wald, wo ich zufrieden bin. Wir haben da so einen billigen Swimmingpool und eine Sauna, und da muss ich keinen Anzug tragen oder Jeans. Ich begann, mich für Fleisch, Fett und Haut zu interessieren.

Jetzt fotografierst du Leute, die sich auch gerne nackt zeigen, wie Vivienne Westwood?
Sie mag nicht fotografiert werden, nur von mir mag sie es. Ich meine das jetzt im positiven Sinn. So etwas ist auch nur möglich, wenn man sich gegenseitig sehr schätzt und vertraut. Wir arbeiten seit etwa 15 oder 20 Jahren zusammen und ich habe sie immer wieder fotografiert. Ich mache ihre Werbekampagnen seit einiger Zeit. Ich habe ihr gesagt, als sich die Gelegenheit dazu ergab, dass sie und ihr Mann Andreas Kronthaler die perfekten Vertreter für ihre Mode sind. Vivienne meinte: „Das ist ja wunderbar, dann müssen wir auch keine Models bezahlen!“

Vivienne ist so ein wunderbar ökonomisch denkender Mensch!
Es macht ja auch Sinn. So haben wir angefangen, und ich hatte mit ihr dann alle sechs Monate zu tun. Sie ist so ein toller Mensch und auf so vielen Ebenen interessant. Sie hat so viel erreicht, auch ihre politische Einstellung. Und sie sieht wundervoll aus, alles an ihr, und ich setze mich mit allem auseinander, ihrer Haut und der Farbe ihrer gefärbten Haare. Sie sieht ja fast wie ein verführerischer Teenager aus.

Hat sie ohne Bedenken mitgemacht?
Ich wollte sie unbedingt nackt fotografieren, aber wie sollte ich das am besten machen? Ich war sehr nervös. Die Notwendigkeit, es zu tun wurde dann aber so stark, dass ich zuerst Andreas gefragt habe. Wir haben dann die Kampagne fotografiert und danach noch über das Layout gesprochen. Ich war noch zu schüchtern zu fragen, aber es lag mir die ganze Zeit auf der Zunge und dann kurz bevor sie ging—wir hatten uns schon verabschiedet—, habe ich gesagt, dass ich noch eine Frage habe. Sie sagte: „Oh mein Gott, ich habe noch nie darüber nachgedacht. Wenn du aber daran glaubst, vertraue ich dir voll. Ich bin eigentlich neugierig so etwas zu sehen.“ Wir haben es dann gemacht. Sie hat mich zu sich zum Abendessen eingeladen. Ich kam mit meiner Familie, da ich moralische Unterstützung von meiner Frau haben wollte, und mein Sohn kam auch mit.

Araki macht auch Nacktfotos, aber seine haben eine ganz andere Qualität. Also es geht sehr um den Akt selbst, bei deinen Fotos nicht. Findest du sie sexy?
Ich habe noch nie darüber nachgedacht, sie erregen mich jedenfalls nicht. Ich wandle hier auf dünnem Eis. Versteh mich nicht falsch, ich mag sie, aber ich verstehe sie nicht ganz, diese Bondage-Sache verstehe ich nicht. Vielleicht bin ich aber auch zu sehr deutsches Landei und zu eingeschränkt für solche wunderbaren Spielchen.

Jesse Pearson hat dir diese Frage schon beim letzten Interview gestellt. Jetzt bin ich gespannt, ob du heute eine andere Antwort hast. Du hast eine ganze Generation an Fotografen beeinflusst. Wie stehst du dazu?
Es ist einfach so und ich kann daran nicht viel ändern. Das Leben geht weiter und anstatt zurückzuschauen, oder nach links und nach rechts, was andere Leute machen, konzentriere ich mich auf meine eigene Arbeit. Am Anfang war es problematischer. Jetzt ärgert es mich nicht mehr so. Ich habe keine Zeit, mir zu viele Sorgen zu machen. Ich bin heute zufriedener mit mir.

Siehst du es sogar als etwas Positives?
Ja, es ist OK. Ich habe eine Professur an der Kunstakademie in Nürnberg angenommen und genieße das sehr. Mir haben Leute geholfen, als ich sehr jung war, nach London zu kommen. Das werde ich nie vergessen, und jetzt möchte ich etwas zurückgeben. Es macht mir jetzt Spaß, einen Schritt zurückzutreten und Energie in junge Leute zu injizieren. Mir bereitet es Freude, mit den Studenten zu arbeiten, und es hält mich jung, was total blöd klingt. Es wäre auch ein wenig anders gewesen als Professor in Yale oder New York, London oder Paris.

Scheint, als ob du Angebote hattest.
Es gab da einige Möglichkeiten, aber in diesen großen Städten wissen die Menschen so viel und sind schon zynisch. In Nürnberg dagegen finde ich es angenehm, sehr rein. Naiv ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber die haben eine ganz andere Geschwindigkeit, in einer langsameren Umgebung, die ich gewohnt bin. Es ist praktisch 30 Minuten von dort weg, wo ich aufgewachsen bin.