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Das Blackface war nur das halbe Problem

Auch, wenn in Sachen Opernball alle nur vom Blackface reden: Mindestens genauso schlimm war der weiße Pimp-Anzug. Noch schlimmer ist, dass dieser Faschings-Rassismus scheinbar niemandem auffällt.
3.3.14

Jetzt ist es wieder still in Österreichs Society-Eck, aber trotzdem noch lange nicht wieder ruhig—eher fühlt es sich an wie am Schauplatz einer wilden Afterhour-Party, bei der nach drei Tagen kollektiver Aufschrei-Ekstase gerade erst alle eingeschlafen sind und ein Durcheinander aus halbvollen Gerüchtedosen und eingetrockneten Rufmord-Flecken zurückgelassen haben.

Genug Marschierpulver für die skandalwitternden Society-Reporternasen hatte der Opernball ja auf jeden Fall geboten: Da war—in chronologischer Reihenfolge—erstens eine Prügel-Pöbelei rund um Johannes B. Kerner, zweitens ein Mohrgesicht-Massaker rund um eine miserable Kanye West-Imitation und drittens Oliver Pochers Cocktailkirsche von einer Comedy-Draufgabe in Form seines „Niggas in Vienna"-Sagers.

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Wahrscheinlich muss man nicht sehr weit ausholen, um begreiflich zu machen, weshalb dieses Triptychon an Ereignissen Österreich für internationale Medienbeobachter wieder mal zu diesem einen Land da macht. Selbst aus unmittelbarer Nähe fällt es mir nicht schwer, die vielzitierten „Traditionen", um die es beim Ball der Bälle ja vermeintlich geht, weniger in Oper, Ballett und Wiener Walzer zu verorten, sondern in Rechtsregierung, Kellersklaverei und Akademikerball: Immerhin braucht es einen bestimmten Nährboden und einen bestimmten Schlag von unterirdischen Menschen, um nichts dabei zu finden, derart unbedarft mit eindeutig rassistischen Klischees umzugehen, wie das auf dem diesjährigen Opernball einigen gelungen ist.

Aber nachdem sich der Skandal rund um das Blackface von Puls4-Comedian Chris Stephan mit der Twitter-üblichen Geschwindigkeit im Netz verbreitet hatte, lag der Fokus schon am Freitagabend nur noch—und ebenfalls in bester österreichischer Tradition—auf unserer Aneignung des Vorgefallenen und dem gesunden Umgang damit. Kim Kardashian (und jeder andere Mensch, der sich angesprochen und beleidigt gefühlt haben mag) rückte in den Hintergrund; und die Kommentare auf Facebook und Twitter legten nahe, dass wir darüber sogar noch froh sein sollten, weil die einzige Alternative scheinbar in einem Backlash-artigen Bashing der ach so arroganten Diva bestanden hätte, die sich „überhaupt nicht aufregen braucht", wo sie doch sogar die Autogrammstunde in der Lugner City abgebrochen hätte.

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Auch Corinna Milborn, Info-Chefin bei Puls4, nannte den Vorfall auf Twitter nachträglich „eine Chance", da „nur wenige […] um die Problematik von Blackfacing" Bescheid wüssten; und damit einen vielleicht bedauerlichen, aber gleichzeitig auch wichtigen Präzedenzfall, um diesen kuriosen exotischen US-Diskurs auch nach Österreich zu holen und zukünftige Moderatoren und ahnungslose Faschingsfreunde vor vergleichbaren Fehltritten zu bewahren.

. @simoninou @Yussipick @scoopix kann auch eine Chance sein, das mal zu thematisieren - nur wenige wissen um Problematik von Blackfacing.

— Corinna Milborn (@corinnamilborn) February 28, 2014

Profi-Scherzkeks Chris Stephan selbst erklärte in seiner Live-Entschuldigung am Freitagabend, die Puls4 in seiner Nachrichtensendung Guten Abend Österreich ausstrahlte, dass ihm Blackfacing bis zum Vorfall völlig unbekannt gewesen wäre. Um seine moralisch einwandfreien Absichten herauszustreichen, erläuterte der Comedian dann noch das Konzept seines jährlich wiederkehrenden Opernball-Jokes, bei dem er sich zuvor schon als Silvio Berlusconi verkleidet und Jagd auf Lugners damaligen Gast Ruby gemacht hatte. Außerdem hatte er sich auf dem Weg zum Ball bereits mit mehreren Menschen fotografieren lassen—was wohl irgendwie bedeuten soll, dass der Skandal im Grunde der mangelnden Schwarmintelligenz rund um den Wiener Karlsplatz zu verdanken war, da niemand in Body Snatchers-Manier den Finger gehoben und einen hohlen Aufschrei in Richtung des Blackfaces losgelassen hatte.

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Trauma im Bild: So sah die Entschuldigung auf Puls4.com zum Teil aus. Screenshot VICE Media

Die Entschuldigung wurde mehrheitlich für den konstruktiven Umgang mit Fehlern und der positiven Krisenbewältigung des Senders gelobt, der praktischerweise zugleich die anklagenden Fragen stellte und die entschuldigenden Antworten gab. Ein lautes Bravo ging durch die sozialmedialen Logen, von denen aus der Skandal am Boden mit herrschaftlicher Güte für beendet und nichtig erklärt wurde. Und sicher—was man bei all dem bedenken muss, ist, dass nicht jeder Mensch rund um die Uhr US-amerikanische Popkultur atmet, es also bei manchen immer noch eine gewisse sozio- und jugendkulturell bedingte Unkenntnis im Umgang mit Blackface und dem N-Wort geben mag und es wohl tatsächlich einen Unterschied zwischen Rassismus aus Fahrlässigkeit und Rassismus mit Vorsatz zu machen gilt.

Das würde zumindest gelten, wenn nicht beide Männer, die in dieser denkwürdigen Ballnacht den denkbar plumpest möglichen Witz rund um ein mehrfach operiertes It-Girl aus New Jersey und ihren megalomanisch veranlagten Pomp-Prinzen gemacht haben, fürs Fernsehen arbeiten würden. In beiden Fällen handelt es sich um Medienpersönlichkeiten, denen eine solche Aktion nicht einfach passiert, weil sie im Schutz einer privaten Ball-Loge vor ihren drei engsten Freunden „nur" unkorrekt lustig sein und Lacher kassieren wollten. Beide Comedians haben ihre jeweiligen Aktion bewusst als mediale Ereignisse im Rahmen eines medialen Ereignisses inszeniert und sich damit offensichtlich eine gewisse Quotenwirksamkeit erwartet.

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„Breaking" wie in „brechen". Foto via TMZ

Aber während Oliver Pochers Gag zumindest eine Anspielung auf Kanyes Song „Ni**as in Paris" darstellte und dadurch von einer (wenn auch minimalen) Auseinandersetzung mit dem Künstler zeugte, schaffte es Chris Stephan mit seiner Faschings-Verkleidung auf eine ganz andere Ebene von ignorantem Rundum-Rassismus, der durch seine Entschuldigung leider nur noch offenkundiger wurde. Denn das Problem hört nicht beim schwarz bemalten Gesicht auf—es zeigt sich, viel grundlegender, im weißen Anzug.

Was weder Chris Stephan, noch irgendein Medium bisher angesprochen hat, ist der weiß gekleidete Zuhälter-Elefant im Raum: Chris Stephan ist nicht nur weiß, seine Verkleidung sieht auch in keinster Weise aus wie irgendwas, das Kanye West jemals getragen hat. Vielmehr zeugt das Pimp-Outfit schon ganz ohne Schuhcreme im Gesicht von einem fundamentalen Rassismus, der den Träger gar nicht braucht, um das Bild zu vervollständigen, und steht in Sachen stereotypisierender, exotistischer Klischeedarstellungen auf einer Stufe mit Buschtrommeln, Wassermelonen und Liftboy-Hütchen.

Das illustriert auch Stephans Entschuldigung, in der er sich genauso unfreiwillig bloßstellt, wie nachts zuvor am Opernball: „Jeder wusste, ich war Kanye West, weil ich ein Bild von Kim Kardashian mit hatte." Die Botschaft: Man muss nur erkennen, dass ein Schwarzer gemeint ist—welcher konkret, wird dann schon im Kontext erkennbar. Schlimmer als dieses Bild „des" Schwarzen als Typus ist eigentlich nur, dass diese Facette des Vorfalls bislang niemandem eine Erwähnung wert war—egal, ob nun aus Vorsatz oder Fahrlässigkeit. Blackfacing ist das eine; mediales Shitfacing von diesem Ausmaß ist etwas völlig anderes.

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