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Breitet sich Krokodil nun auch in Europa aus?

Vor Kurzem kam heraus, dass die Droge es mittlerweile auch in die USA und nach Großbritannien geschafft hat.
Simon Childs
London, GB
31.10.13

Eine Aufnahme aus dem VICE-Film Krokodilstränen von Leuten, die sich in Sibirien Krokodil spritzen. Foto von Stuart Griffiths

Weißt du noch, wie wir euch zum ersten Mal vor dem trügerischen Genuss von Krokodil gewarnt haben? Falls nicht: Krokodil ist eine Droge aus Russland, die ähnlich wie Heroin wirkt, nur dass sie ihre Konsumenten bei lebendigem Leib auffrisst. Krokodil wird unter anderem aus Schmerzmitteln hergestellt und mit Benzin und Schwefel gestreckt. Ähnlich wie Sisa in Griechenland ist Krokodil eine der Drogen, die es vor allem in Regionen und Städten gibt, in denen viel Armut herrscht.

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Tatsächlich scheint sich Krokodil bereits außerhalb Russlands auszubreiten. Schon als wir im April drei jugendliche Exorzistinnen durch die Ukraine begleiteten, haben wir Leute getroffen, die sich Krokodil gespritzt haben. Vor Kurzem kam außerdem heraus, dass die Droge es mittlerweile auch in amerikanische und britische Großstädte geschafft hat.

Der Arzt Dr. Allan Harris, der sich auf die Behandlung von Obdachlosen und Drogensüchtigen spezialisiert hat, sagte, dass „viele Warnsignale“ darauf hindeuten, dass Krokodil auch in Großbritannien aufgetaucht ist (genauer gesagt in der Stadt Gloucester in England, wo sich seine Drogenklinik befindet). In einem Zeitungsartikel erwähnt er, dass er bereits einen Mann behandelt hat, von dem er glaubt, dass er sich Krokodil gespritzt hat.

Ich rief Dr. Harris an, um mit ihm über seinen Befund zu sprechen. In dem Gespräch erfuhr ich, wie deprimierend die britische Drogenszene ist. VICE: Hi Alan. Hat es sich bei deiner Entdeckung um einen Einzelfall gehandelt?
Dr. Alan Harris: Ja, aber das Ganze ist ja nun schon ein paar Jahre her. Damals dachte ich, dass es sich nur um die Zitronensäureverbrennung eines Heroinkonsumenten handelt. Doch dann merkte ich, dass die Hautzerstörung weit fortgeschrittener war. Von der Zitronensäure bekommt man meistens Verbrennungen zweiten Grades, aber in diesem Fall klaffte ein riesiges Loch im Unterarmmuskel. Als man das abgestorbene Gewebe entfernte, konnte man am Grund dieses Kraters die Bewegung der Sehnen und sogar die Knochen sehen—es sah ziemlich genau so aus wie auf den schrecklichen Bildern, die man in den Warnbroschüren über Krokodil findet. Es ging schließlich so weit, dass der Patient seine rechte Hand nicht mehr bewegen konnte, weil der Muskel so geschwächt war. Er konnte sich noch eine Zigarette drehen, aber das war’s dann auch.

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Wie sah die Behandlung aus?  
Ihm wurde freie Haut transplantiert, es heilte ganz gut ab, aber es war entsetzlich. Die Muskeln sind nie nachgewachsen, weil sie schon komplett weggefressen waren. Im [Nachhinein](http:// http://www.huffingtonpost.co.uk/2013/10/24/krokodil-drug-graphic-pictures-ukn4156584.html ) passt diese Verletzung überhaupt nicht mit Zitronensäure zusammen, denn Zitronensäure ist nicht mehr als ein Reizstoff, der höchstens eine leichte Infektion hervorruft. Was wir hier sahen, war extrem unverhältnismäßig. Durch eine kleine Injektion war eine Fläche von 12x8 Zentimetern Haut abgetötet worden, die bis zu den Knochen reichte. Was hat es mit dieser Zitronensäure auf sich? 
Man mischt das Heroinpulver mit etwas Zitronensäure auf einem Löffel, dazu benutzt man meistens Zitronensaft. Heroinsüchtige verwenden die Zitronensäure zum Fixen. Diamorphin ist eine Base, die durch Säure, wie sie im Zitronensaft enthalten ist, schneller aufgelöst wird.

Ich verstehe. Was ist mit diesem Typen passiert?
Leider ist er vor Kurzem gestorben.

Das tut mir leid. Glaubst du, dass sich diese kranken Drogenmischungen in England ausbreiten werden?
Ja, da bin ich mir fast sicher. Wir hatten bereits Probleme mit tetanus- und milzbrandverseuchtem Heroin. Davor hat uns mit Strychnyn gestreckter Stoff Sorgen bereitet. Dealer strecken Heroin mit allem, was bitter schmeckt. Das Zeug ist schnell zu haben, man kann es in eineinhalb Stunden selbst herstellen. All die giftigen Bestandteile fließen direkt in die Vene und verursachen furchtbare Gewebeschäden.

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Unser Film Krokodilstränen

Warum nimmt man das Zeug denn überhaupt noch? 
Nun, es ist sehr wirkungsvoll, macht extrem süchtig und ist beruhigender und zehnmal stärker als Morphium. Von dieser Warte aus gesehen ist das Suchtpotenzial größer als bei normalem Morphium oder Diamorphin bzw. Heroin. Die dämpfende Wirkung ist ebenfalls stärker. Es wurde in den 1930er Jahren in Amerika entwickelt und beinhaltet einen stark betäubenden, beruhigenden, anästhetischen und schmerzstillenden Wirkstoff. Leider hat es diese Eigenschaften bist heute behalten. Und wie ist es dazu gekommen? Gab es Engpässe bei der Heroinversorgung? 
Ja, die gab es kürzlich wieder. Wir haben die Sache geschichtlich erklärt. Beim Krieg in Afghanistan gab es Einsätze, bei denen riesige Mohnfelder zerstört wurden. Die Lieferungen waren das ganze Jahr lang eingeschränkt, also haben die Konsumenten zu Heroin gegriffen, das so gestreckt war, dass sie Entzugserscheinungen bekamen, weil es nicht stark genug war. Vor Kurzem sank der Heroinkonsum—ich vermute, es lag an den verschärften Kontrollen—, wobei es nun wieder leichter erhältlich zu sein scheint. Als es wenig Heroin gab, stieg natürlich auch der Konsum von Mephedron. Das wird in einem ähnlichen chemischen Prozess hergestellt—es hat ähnliche Wirkstoffe. So wie Krokodil?
Ja, weil sie Mephedronkrokodilisieren, um es injizieren zu können und stärker zu machen. Wir haben also in letzter Zeit einen Anstieg des intravenösen Mephedronkonsums festgestellt, der den Heroinrückgang kompensiert. Der Stoff, den sie da erzeugen, ist ziemlich … klebrig. Manchmal verfestigt er sich sogar im Zylinder der Spritze. Ich will damit sagen, dass das Ganze ziemlich unangenehm ist. Bei Konsumenten, die es sich in die Oberschenkelvene gespritzt haben, haben wir so einige Blutklumpen gefunden.

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Außerdem gibt es Pregabalin. Es wird normalerweise zur Behandlung von Epilepsie, Schmerzen und Angstzuständen eingesetzt. Aber es hat einen Verkaufswert erlangt und wir haben beobachtet, dass es teilweise [für den Drogenkonsum] abgezweigt wird. Es hat wirklich ziemlich lange gedauert, bis diese Neuigkeit bekannt wurde. Ich glaube, es gab keine große Werbung dafür, und ich hoffe, dass es sich nicht verbreiten wird. Aber es ist so leicht herzustellen, dass ich denke, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Leute versuchen, sich ihren eigenen Stoff herzustellen.

Warum findet das Ganze gerade in Gloucester statt? Gibt es hier irgendwelche Besonderheiten? 
Nein, nicht wirklich. Für Heroin ist Gloucester paradoxerweise der billigste Ort im ganzen Land. An den meisten Orten kostet ein Viertelgrammungefähr 20 Pfund, in Gloucester lag der Preis immer bei 10 Pfund. Die Qualität der Droge und die Mengen, die du kriegen kannst, sind natürlich immer unterschiedlich. Was sollte man dagegen tun? 
Was den Konsum von Krokodil betrifft, habe ich sehr schlechte Nachrichten: Ich glaube, man sollte es um jeden Preis meiden. Das sollten wir wirklich mehr Leuten klarmachen. Wir haben schon viele Plakate in unserer Klinik ausgehängt. Ich glaube, es geht darum, in der Drogenszene das Bewusstsein zu stärken, dass dieser Stoff unfassbar schlecht für dich ist und deine Lebenserwartung drastisch senkt, weil er extrem süchtig macht.

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