FYI.

This story is over 5 years old.

News

Sing mir das Lied vom Tod

In Südeuropa gelten Singvögel als Delikatesse. Jedes Jahr geht es Millionen von Vögeln deshalb an den Kragen. Axel Hirschfeld ist Vogelschützer und erklärt uns, warum die Folgen der Singvogeljagd auch in Deutschland spürbar sind.
23.9.13

Weil Franzosen Singvögel so gerne verspeisen, wird es wohl bald kein Zwitschern mehr in Deutschland geben.

Jedes Jahr im Herbst reisen hunderte von Millionen von Vögeln, die den Sommer bei uns verbracht haben, in Richtung Süden. Die Tiere überqueren die Alpen über Frankreich, Italien, Malta oder Zypern. Millionen Singvögeln wird diese Reise zum Verhängnis. Allein in den EU-Staaten werden jedes Jahr mehr als 100 Millionen Sing- und andere Vögel von lizensierten Jägern, und Fallenstellern abgeschossen und getötet. Hinzu kommt eine Dunkelziffer etwa gleichen Ausmaßes von durch Wilderern erlegten Tieren.

Anzeige

Axel Hirschfeld vom Committee Against Bird Slaughter (CABS) erzählte mir, dass Wilderer tausend- und millionenfach Vögel töten würden, die bei uns teilweise vom Aussterben bedroht sind. Er und viele andere freiwillige Helfer kämpfen jedes Jahr in Vogelcamps in Frankreich, Italien, Malta und Zypern gegen die Wilderei. Der Handel mit den Vögeln bedeutet für viele Südeuropäer gutes Geld. Gebratene Singvögel gelten dort als Delikatesse.

Grasmücken beispielsweise gibt es im Restaurant ab rund 40 Euro. Die Aktivisten sind dort deshalb nicht gern gesehen. Axel erzählte mir, dass die Wilderer die Autos der Aktivisten mit Schrotflinten beschießen, sie mit Steinen bewerfen und mit Schweinepisse bespritzen würden. In Frankreich gebe es sogar ganze Dörfer, die Jagd auf Aktivisten machen, sagte er.

„Für einen Singvogel werden dem Fänger auf Zypern vier Euro gezahlt, an guten Tagen fängt er 100 Stück.“

Ich wollte von Axel wissen, in welchen Ländern es am meisten abgeht, was mit all den toten Vögeln passiert und ob es irgendwann bei uns kein Gezwitscher mehr geben werde.

Wie kann es sein, dass jedes Jahr hunderte von Millionen Vögel abgemurkst werden, obwohl die Vogelschutzrichtlinie der EU den Fang mit Fallen, Netzen und Leimruten seit fast 35 Jahren verbietet?
Das Problem ist, dass diese Richtlinie in vielen Ländern lange Zeit gar nicht umgesetzt wurde. In Zypern zum Beispiel hat sich die Regierung darum bis kurz vor dem EU-Beitritt kaum gekümmert. Dann wurden die Wilderer eine Zeit lang härter verfolgt, aber mittlerweile wird wieder viel zu oft weggesehen.

Anzeige

Ein anderer Grund ist die Tatsache, dass das Geschäft mit den Vögeln den Leuten in diesen Ländern einfach viel Geld einbringt. Für einen Singvogel werden dem Fänger auf Zypern vier Euro gezahlt, an guten Tagen fängt er 100 Stück. In einem Restaurant kostet die Spezialität Ambelopoulia (gebratene Singvögel, z.B. Grasmücken) rund 40 Euro. Da kann man richtig Geld verdienen. Und vielleicht trägt die schlechte wirtschaftliche Situation in Ländern wie Zypern oder Italien dazu bei, dass noch mehr Leute Vögel fangen.

Welche Vogelarten, die auch bei uns zu Hause sind, sind denn von der Wilderei am Mittelmeer bedroht?
Das sind zahlreiche Arten. Ein gutes Beispiel ist der Ortolan. Das ist ein Singvogel, der bei uns akut gefährdet ist, in Nordrhein-Westfalen ist er schon ganz ausgestorben. In Frankreich werden dagegen jedes Jahr zehntausende gefangen und getötet. Wenn das so weitergeht, wird es in zehn Jahren bei uns keine Ortolane mehr geben. Natürlich spielt dabei nicht nur die illegale Jagd eine Rolle, sondern auch der Verlust von Lebensraum und die moderne Landwirtschaft.

Der Ortolan ist in Deutschland besonders gefährdet. In Frankreich ist er allerdings eine Delikatesse.

Ein anderes Beispiel sind Adlerarten. Vom Schreiadler gibt es in Deutschland nur noch rund 80 Brutpaare. Für ihren Schutz werden jedes Jahr große Summen an Steuer- und Spendengeldern aufgewandt. Und von dieser Art wurden allein auf Malta in den vergangenen Jahren acht Vögel, manche mit Markierungen aus Deutschland, abgeschossen. Und das sind nur die Exemplare, von denen wir wissen. Die Dunkelziffer ist natürlich viel höher.

Anzeige

Wie muss man sich die illegale Jagd in Südeuropa vorstellen?
Da muss man zwischen Sing- und Greifvögeln unterscheiden. Singvögel werden meist mit Netzen gefangen, die zwischen Bäumen und Büschen aufgestellt werden. Um die Vögel anzulocken, werden dazu oft mit Lautsprechern Vogellaute abgespielt. Andere Fangarten sind Leimstangen, an denen die Tiere kleben bleiben oder Steinfallen, wie sie in Frankreich oft verwendet werden.

Mit solchen Leimruten fangen die Wilderer die Singvögel ein.

Greifvögel werden eher abgeschossen. Vor allem auf Malta sind die Trophäen von Adlern oder anderen Raubvögeln sehr begehrt. Ein ausgestopfter seltener Adler kann da schon mal für 15.000 Euro den Besitzer wechseln.

Sie und andere Aktivisten fahren jedes Jahr ans Mittelmeer, um vor Ort gegen die Wilderei zu kämpfen. Wie sieht Ihre Arbeit dort aus?
Einerseits versuchen wir, wie jetzt hier auf Malta, die Rastplätze der Vögel ausfindig zu machen und uns dann dort zu positionieren. So verhindern wir, dass Wilderer zwischen den Rastplätzen, die meist einige hundert Meter vom Meer entfernt liegen, und dem Wasser auf die Tiere schießen. Leider lassen sich die Jäger aber nicht immer durch unsere Präsenz davon abhalten.

Andererseits versuchen wir Fallen und Netze zu finden und diese dann aus dem Verkehr zu ziehen. Leider können wir das nicht immer selber machen, da wir private Grundstücke nicht betreten dürfen. Da müssen wir die Sachen dann der Polizei melden. Meist kooperieren die Behörden dort sehr gut mit uns—außer in Frankreich.

Besonders lukrativ ist das Geschäft mit Greifvögeln.

Wieso nicht in Frankreich?
In Frankreich ist es ganz schlimm. Dort unterstützen uns die Behörden überhaupt nicht, sie arbeiten sogar gegen uns. Frankreich interessiert sich nicht für die Vogelschutzrichtlinien. Den krassesten Fall haben wir vor kurzem im Department Les Landes (Südwestfrankreich) erlebt. Dort wurden unsere Aktivisten des Departements verwiesen, angeblich um sie vor Übergriffen zu schützen. Der Fall geht jetzt an die EU-Kommission.

Anzeige

Wie oft kommt es denn tatsächlich zu Zusammenstößen mit Wilderern?
Immer häufiger. Auf Malta wurden erst vor kurzem einige unserer Autos mit Schrot beschossen. Außerdem habe ich es schon erlebt, dass wir aus vorbeifahrenden Autos mit Steinen beworfen wurden. Aber auch hier ist Frankreich das schlimmste Land. Dort versammeln sich manchmal ganze Dörfer, um Jagd auf Aktivisten zu machen und sie in die Enge zu treiben. Dort wurden wir sogar schon mit Schweinepisse bespritzt.

Bilder von der CABS Facebook-Seite.

Mehr zum Thema Tierschutz:

Sonderkommando Tierschutz

Glückliche Hennen findest du nicht im Supermarkt

Veganer schlüpfen in die Haut der Tiere und verbrennen sich die nackte Haut