Anzeige
Stuff

Party gegen Panik – Wie mir Feiern bei meinen Angststörungen geholfen hat

Die Tanzfläche war meine Rettung und Zuflucht vor einer Krankheit, die ich damals noch nicht verstand.

von Eleanor Morgan
01 Juli 2016, 4:00am

Die Autorin genießt kurz nach der Jahrtausendwende das Londoner Nachtleben

Es ist schon ein sonderbares Gefühl, sich zu bewegen, ohne diese Bewegungen überhaupt wahrzunehmen. In meinen späten Teenagerjahren und auch noch mit Anfang 20 habe ich mich in Nachtclubs viel bewegt; die Musik und die anderen Menschen trieben meinen unter Rauschmittel stehenden Körper über die Tanzfläche. Die Summe aller Teile—die richtige Musik, die Temperatur des Highs, die Leute um mich herum—machte das Ganze ja erst so toll. Ich schwebte über allem und setzte die Zeit außer Kraft, beanspruchte eine Stelle im Club für mich und genau diese Erfahrung wurde für mein Leben unerlässlich. Ich hatte eine Scheißangst—meistens davor, eine Scheißangst zu haben. Und das auf eine Art und Weise, von der damals niemand wusste. Der Club war mein Zufluchtsort und die Tanzfläche verschluckte mich komplett.

Mit 17 fing es bei mir mit den Panikattacken an. Am Anfang hatte ich noch keine Ahnung, was da überhaupt mit mir geschah. Bei jedem meiner "Anfälle" wurde mir unglaublich schlecht und ich verlor fast das Bewusstsein. Im Sommer, bevor mein Studium begann, ging ich schließlich zum Arzt. Er erzählte mir von Dingen, die komplett neu für mich waren—"Panikattacken" oder "Angstlevel". Zwar hatte ich keine Ahnung, was ich da durchmachte, aber ich wollte auch endlich in den Großstadtdschungel von London eintauchen. Dementsprechend wollte ich mich nicht mit meiner "psychischen Gesundheit" beschäftigen. Ich kehrte das ganze Thema zusammen mit meinen Eltern einfach unter den Teppich, denn wir konnten uns nicht vorstellen, vor was ich eine solche Angst hatte. "Das wird schon irgendwann wieder weggehen", dachte ich mir. Damit lag ich falsch.

Inzwischen bin ich über 30 und habe schon ein Buch über Angststörungen geschrieben. Darin geht es vor allem darum, wie sich diese Krankheit auf mein Leben sowie auf das Leben von Millionen anderer Menschen ausgewirkt hat—und das oftmals im Geheimen. Ich habe mich eingehend und so gut wie möglich mit der Neurobiologie von Angststörungen auseinandergesetzt sowie versucht, das dazugehörige Stigma zu entkräften. Ich habe eine kognitive Verhaltenstherapie hinter mich gebracht und viele Medikamente genommen. Und obwohl ich auch heute noch ab und an einen schlechten Tag durchlebe, weiß ich jetzt immerhin Bescheid. Ich verstehe inzwischen, wie mein Gehirn ins Straucheln gerät.

Als ich jünger war, verstand ich das noch nicht. Die Angst vor den Panikattacken war fast schlimmer als die Attacken selbst. Das Ganze glich einem unterschwelligen Summen, das in Gesellschaft immer lauter und schriller wurde. Ich war zwar schon kontaktfreudig, aber es fiel mir schwer. Wenn ich nicht genau sah, wo sich ein Ausgang oder eine Toilette befand, hielt ich es nicht lange aus. Ich musste mir meinen Fluchtweg überall genau vorstellen können—nur für den Fall, dass ich alleine sein musste.

Und so entwickelte ich eine Reihe an Verhaltensmustern, damit niemand mitbekam, was in meinem Kopf vor sich ging. Dabei hatte ich keine Ahnung, wie sich dieser Umstand später auf mich auswirken sollte. Ich wollte halt einfach nur cool sein und meine Panikattacken standen mir dabei im Weg. Mir war jedoch klar, dass ich sowohl ein körperliches als auch mentales Ventil brauchte. Und ich weiß nicht, ob ich jemals ein befreienderes Gefühl erlebt habe als auf einer vollen Tanzfläche.

Die "Trash"-Veranstaltungsreihe war eine schweißtreibende, genre- und gender-vermischende Londoner Institution, hinter der der DJ und Produzent Erol Alkan stand und die von 1997 bis 2007 jeden Montag stattfand. Die Location wechselte dabei öfters durch, aber ich war nur dabei, als das Ganze im riesigen, unterirdischen Club namens "The End" stattfand. Ich las in Magazinen von Veranstaltungen wie dem Trash und das weckte in mir direkt den Wunsch, Teil dieses Strudels aus ungewöhnlichen Frisuren, Zigarettenrauch und verschwimmender Sexualität zu sein. Ich war gerade dabei, ein paar Dinge über mich selbst herauszufinden, und hoffte, dass mir diese Umgebung genau dabei helfen würde.

Und ich fühlte mich bei einem ersten Trash-Besuch im Jahr 2003 direkt heimisch. Dort klebte niemand an den Wänden fest oder saß nur herum. Nein, alle tanzten einfach in die Nacht hinein—selbst dann, wenn sie am nächsten Tag zur Arbeit mussten. Ich ging zwar auch noch in andere Clubs, aber nur im The End hatte ich das Gefühl, richtig loslassen zu können. Und dabei ging es mir nicht nur ums Tanzen. Als Teil einer Masse aus gleichgesinnten Menschen schaffte ich es, meine panischen Gedanken soweit zurückzudrängen, dass ich mich nur von meinen puren Instinkten leiten ließ. Und mein Umfeld half mir tatsächlich dabei, mich meinen Fragen zu meiner Identität zu stellen. Wer wollte ich sein? Wen wollte ich in meinem Leben haben? Und welche Faktoren bestimmten meinen Gemütszustand?

Noch mal die Autorin

Außerdem gab es bei den Trash-Nächten immer wieder etwas Neues zu entdecken. 2003 erreichte Electroclash seinen Höhepunkt und Alkan spielte viel aus diesem Genre, weil er wusste, dass das Trash-Publikum im Gegensatz zu anderen Indie-Jüngern viel offener war. So wurde mir auch klar, dass ich jede Art von Dance-Musik mochte. Ich weiß noch, wie ich Hits wie etwa Felix Da Housecats "Madame Hollywood" oder Fischerspooners "Emerge" zum ersten Mal hörte und dabei durch den kraftvollen und sexy Sound das Gefühl hatte, gleich zu explodieren. Jeder ließ alles raus und legte die Alltagshülle ab, um verschwitzt durch den dunklen Raum zu zappeln und mit Menschen rumzuknutschen, die sonst vielleicht als unerreichbar galten.

Motherboard: ANGST: Mein ständiger Begleiter

Eines Abends spielte Alkan "Idioteque" von Radiohead und mischte das Ganze so ab, dass der Beat richtig in den Ohren dröhnte. Die Wucht traf mich wie eine Explosion. Kid A war während meiner Schulzeit quasi mein ständiger Begleiter gewesen. Und plötzlich befand ich mich in einem Londoner Nachtclub und tanzte wie wildgeworden zu meinen Jugendhelden. Worte können gar nicht richtig beschreiben, wie ich mich in diesem Moment fühlte.

Heutzutage spielt sich mein Sozialleben bei anderen Menschen zu Hause, in Kneipen, in Restaurants oder an Kanalufern ab. Sowohl die Trash-Abende als auch das The End sind Geschichte. Ich gehe nicht mehr clubben und wüsste auch nicht mal, wohin ich dafür jetzt gehen sollte.

Ich habe einige meiner besten Freunde hinter und vor den Türen des Nachtlebens von damals kennengelernt. Und ich weiß, dass einige von uns während dieser Zeit auf verschiedenste Arten und Weisen litten und nicht wussten, wie sie das kommunizieren sollten. Einer meiner langjährigen Freunde, der Fotograf Matt Irwin, hat auch eine Zeit lang den Einlass der Trash-Abende gemacht. Vergangenen Monat beging er Suizid. Ich habe keine Ahnung, welchen Kampf er damals in seinem Kopf kämpfen musste, und er wusste ja auch nichts von meinen Problemen. Ich weiß nur, dass wir auf der Tanzfläche eine Transformation durchmachten. Es bestand nur noch eine Notwendigkeit: Wir mussten uns in uns selbst sehen und so quasi eins werden. In anderen Worten: Wir mussten einfach nur existieren, im Dunkeln, und nicht denken.

Die Angstzustände von damals wurden immer schlimmer. Und ich brauchte über zehn Jahre, um mich wirklich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. So bin ich vor drei Jahren intensiv in mich gegangen und habe überlegt, wie lange ich ohne Hilfe so überhaupt noch weitermachen könnte. Immer wenn ich an einem neuen Tiefpunkt angekommen war, erinnerte ich mich an die Freiheit, die ich an jenen Montagen verspürte, und brach in Tränen aus. Inzwischen brauche ich jedoch keine Nachtclubs mehr. Mit der Zeit habe ich nämlich herausgefunden, dass ich für einen klaren Kopf vor allem guten Schlaf, Sport und lange Unterhaltungen im Tageslicht brauche. Halt das ganze langweilige Zeug. Damals mit Anfang 20 ging ich jedoch nicht nur weg, um Party zu machen, sondern auch, weil ich mit meinen Gedanken nicht alleine sein wollte. Heute muss ich allerdings genau dazu in der Lage sein—und das bin ich auch. Aber mein Gott, wenn man die Trash-Reihe auch nur für einen Abend wiederbeleben würde, dann wäre ich garantiert die erste in der Schlange.

Eleanor Morgans Buch Anxiety for Beginners ist bei Bluebird Books erschienen.