Als Homo in der Provinz aufwachsen ist ziemlich schwul

Niemand weiß, wie viele Homosexuelle es wirklich gibt, aber auf dem Dorf sind es definitiv zu wenig.

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26 Januar 2015, 12:32pm

Foto: Joseph Wolfgang Ohlert

Niemand hat irgendeine Ahnung davon, wie viele Homos es eigentlich gibt. Es kursiert immer wieder die total unbegründete Zahl von 10% an der Gesamtbevölkerung , die möglicherweise auf eine falsch verstandene Interpretation der Kinsey-Studie zurückgeht. Sexualität ist für Kinsey eher ein Kontinuum als ein fester Wert. Er sagte damals, dass nur 50% der Bevölkerung ausschließlich hetero sind. Mindestens 37% der Männer haben laut Kinsey wenigstens ein paar mal Sex mit Männern und nur vier Prozent ausschließlich. Eine Emnid-Umfrage von 2000 kommt für Deutschland (und andere Umfragen bestätigen das international) zu einem komplett anderen Ergebnis. 1,3 % der Männer bezeichneten sich als schwul, 0,6 Prozent der Frauen sagten, sie seien lesbisch. In Deutschland kann man also von etwa 800.000–900.000 schwulen Männern ausgehen. Und die meisten von denen leben in Großstädten.

Ich nicht. Oder zumindest lange nicht. Ich bin in der Provinz aufgewachsen. In Berlin gibt es queere HipHop-Partys, Elektro, Grime, Partys, bei denen klar ist, dass jeder ein ziemlich fluides Verständnis seiner Sexualität hat, und Orte, an denen es offensichtlich egal ist, wer mit wem rummacht oder schläft, und natürlich existieren auch Läden für die Tanktopträger, die jeden Tag in Vorbereitung aufs Wochenende und auf Katy Perry pumpen gehen. Wenn man jetzt aber an einem Ort lebt, an dem einmal im Monat eine schwule Party in einer Großraumdisco stattfindet, zu der gefühlt jeder Schwule samt bester Freundin aus der Umgebung anreist (und neun Lesben), dann steht man seinem Datingpool unmittelbar gegenüber. Und er ist nicht besonders schön.

Klar ist es ein ausgelutschtes Klischee, wenn Leute sagen, dass sie erst wirklich angefangen haben zu leben, nachdem sie die archetypische Kleinstadt in der Nähe von Stuttgart, in der sie aufgewachsen sind, verlassen haben. Aber wenn man die Diversifizierung der LGBT-Szene in den Metropolen der Homogenität dieser Szenen in der Provinz gegenüberstellt, zeigt sich der Wahrheitsgehalt. Je kleiner die Bezugsgruppe ist, desto wichtiger ist der gemeinsame Nenner. Und schlimmstenfalls ist der Madonna. (Nichts gegen Madonna, aber come on, unsere Liebe wird nicht auf einem biertriefenden Dancefloor ausgetragen.)

Immerhin gibt es das Internet, könnte man meinen. Aber was nutzt es dir, wenn du rein theoretisch die Möglichkeit hast, jemanden kennenzulernen, der 500 Kilometer weit entfernt wohnt. In deiner unmittelbaren Umgebung gibt es deswegen noch lange nicht mehr potentielle Kandidaten. Selbst Grindr, die App, die dir zeigt, wer in deiner unmittelbaren Nachbarschaft gerade zu was bereit ist, kommt an ihre Grenzen, wenn der nächste Typ, der dir angezeigt wird, fünf Kilometer weg, nicht besonders heiß und außerdem der Ex-Freund von deinem Friseur ist.

Und da haben wir auch schon das nächste Problem einer stark begrenzten Materialauswahl: Jeder ist der Ex-Freund von jedem. Um nochmal auf die Zahlen zurückzukommen, die ich am Anfang erwähnt habe. Lebt man in einer Stadt mit 100.000 Einwohnern, also eigentlich bereits eine Großstadt, und geht von einer überdurchschnittlich hohen Zahl an schwulen Männern aus, dann kommt man auf circa 1.000. Zieht man davon Leute im Altersheim ab oder Psychopathen, Leute, die dumm wie Brot sind, oder diejenigen, die noch nie ein Buch gelesen haben (John Waters hat immer Recht: „If you go home with somebody, and they don't have books, don't fuck 'em."), bleibt nicht mehr viel übrig. Und bei denen kann man sich sicher sein, dass sie sich zumindest schon mal gesehen haben. Oder kennen. Oder Sex hatten.

Ob es jetzt einfacher ist, sich in einer riesigen Stadt zu outen oder in einem Dorf, kommt ziemlich sicher auf den Einzelfall an. Sollten deine Freunde homophobe Arschlöcher sein, die dich hassen, weil du auf Jungs stehst statt auf die vollbusige Bäckereifachverkäuferin wie alle anderen, dann fällt es dir wahrscheinlich in einer großen Stadt leichter, neue zu finden. Wenn deine Eltern oder der Rest deiner Familie dich hassen, hassen sie dich auch in der Stadt. So bitter das enden kann, muss es leider jeder selbst für sich herausfinden.

Natürlich bietet die Provinz—oder um es positiver auszudrücken: Heimat—auch ein paradoxe Sicherheit. Während Heteros (zumindest oberflächlich betrachtet) immer den gesellschaftlichen Erwartungen, was ihre Sexualität betrifft, gerecht werden, definieren sich LGBT-Menschen früher oder später neu. Und mit einem Mal ist es ja nicht getan. Ich und alle anderen outen sich ja nicht nur einmal, sondern immer wieder. In einem kleineren Ort ist das natürlich irgendwann anders. Irgendwann weiß halt so ziemlich jeder, dass du schwul bist. Ob alle damit klarkommen, ist natürlich eine andere Sache.

Natürlich gibt es auch strukturelle Unterschiede in Kleinstädten. Im Gegensatz zu einer Metropole kennt hier jeder jeden. In Berlin kannst du davon ausgehen, dass deine Nachbarn a) nicht wissen, dass du schwul ist, weil bzw. und b) es ihnen vollkommen egal ist. Ansonsten hast du auch kein Problem, dich in einer pinkfarbenen und glitternden LGBT-Blase zu bewegen. Du kannst mit deinen schwulen Freunden in schwule Bars gehen, danach in schwule Clubs. Und am nächsten Morgen zum schwulen Bäcker. Du kannst dir einen schwulen Arzt suchen und in die schwule Apotheke gehen. Woanders funktioniert das nicht so. Du bist vielleicht nicht der einzige Schwule im Dorf , aber trotzdem wirst du auffallen. Alle kennen sich untereinander, das heißt, alle kennen auch dich. Und unter Umständen bist du tatsächlich der einzige Schwule, den sie kennen. Und einfach so ist dein Privatleben politisch geworden. Meine Eltern leben in einem Dorf. Und ich und mein Freund sind mit ziemlicher Sicherheit die einzigen Schwulen, mit denen sie sich bewusst schonmal länger als 10 Minuten unterhalten haben (selbst unser Dorffriseur ist hetero und verheiratet).

Genau deswegen sind auch CSDs so wichtig. OK, in Berlin gab es 2014 eine undurchschaubare „ CSD-Affäre", bei der die ein Gruppe die andere doof fand und dann parallel noch ein weiterer alternativer stattfand, den auch wieder ein paar Leute blöd fanden. Aber im Prinzip sind die meisten dieser Veranstaltungen ohnehin eher belanglos. Sowohl politisch als auch persönlich. Niemand interessiert sich für dich in Berlin. Das heißt auch, dass sich niemand dafür interessieren wird, dass du „here and queer" bist. Und so ziemlich jeder weiß, dass es eine Menge Schwule und Lesben und Transgender-Menschen in dieser Stadt bist. Wenn du in der Kleinstadt zum CSD auf die Straße gehst, ist das eine ganz andere Geschichte. Alle, die ansonsten die (mehr oder weniger) einzigen Schwulen im Dorf sind, treffen sich in der respektiven Fußgängerzone und zeigen Präsenz. Den Leuten, deren einziger Berührungspunkt mit LGBT-Menschen die monatliche Dauerwelle ist, sehen an diesem Tag, dass es weit mehr von uns gibt, als sie dachten.

Und lange nicht alle wollen weg davon. Vermutlich jeder Jetzt-Großstadtschwule kennt Leute, die geblieben sind. Und wenn es diesen Leuten gefällt, ihren Traum vom Reihenhaus mit Carport zu leben, so be it. Die schwule Landflucht ist vielleicht stark ausgeprägt, aber am Ende doch vergleichbar mit der all der Heteros, denen zu Hause genauso die Decke auf den Kopf fällt.

Stefan ist auch auf Twitter schwul.

Foto oben: Joseph Wolfgang Ohlert

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