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DIE DIRTY LAUNDRY ISSUE

Der Eisbär-Mann

Eine Gruppe Camper wird in Kanada von einem ausgehungerten Eisbären angegriffen. Dabei ist es der Angreifer, um den man sich Sorgen machen muss.
17.12.14

Diese Reportage entstand in Zusammenarbeit mit InsideClimate News

Fotos von Lucian Read

„Der Nacht, dem Sturm, Hunger, Spott, Unfällen, Niederlagen Widerstand zu leisten wie Baum und Tier!"
—WALT WHITMAN, „Der ich unerschütterlich," Grasblätter

Die Camper wurden von lauten Schreien geweckt. „Hilfe! Hilfe!"

Es war 3.30 Uhr morgens im Nachvak Fjord, einer wunderbar einsamen grasbewachsenen Wildnis in der kanadischen Subarktis, und der Schrei hallte durch die Stille wie ein Schuss. Der Fjord liegt ungefähr 850 km vom Polarkreis entfernt und hat dessen Temperaturen. Um hier her zu gelangen, bedarf es mehrerer Flüge in winzigen Propellermaschinen oder einer zehnstündigen Bootsfahrt über eine bewegte See voller Eisberge, die wie die Eiswürfel eines Cocktails gegeneinanderklirren. Die nächste Bank, Bar oder Einkaufsgelegenheit sind 300 km entfernt, aber wer braucht das schon, wenn man als Besucher des Fjords doch direkt aus den filterreinen Bächen trinken kann. Außer Seesaiblingen können Besucher hier Zwergwale durch die Wellen toben und Seehühner aufsteigen sehen, aber auch Strände voller Robbenschädel, die Überreste des Mittagessens der ungefähr 2.000 Eisbären, die diesen Ort ihr Zuhause nennen.

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Rich Cross, der Touristenführer, der die Reise mitorganisiert hatte, wurde von den Schreien abrupt aus dem Schlaf gerissen. Er schnappte die Leuchtpistole, die neben seinem Kopf in einem Stiefel steckte, riss seinen Schlafsack auf und sprang aus dem Zelt.

Marta Chase, die andere Führerin der Gruppe, lag in der Nähe von Cross in einem anderen Zelt. Sie war starr vor Angst. Als Cross nach draußen kletterte, schaute sie durch ein kleines Fenster und sah einen Eisbären, der nur wenige Schritte entfernt über dem Zelt neben dem ihren hing. Er stand auf allen Vieren, auf Augenhöhe mit Chase, riesig und bis auf das Schwarz seiner Nase und Augen komplett weiß. Er wendete sich um und starrte ihr direkt in die Augen.

„Rich!", schrie sie.

Ihr Mann, ein rüstiger Typ namens Kicab Castañeda-Mendez, kletterte eilig aus dem Zelt, während sie nach ihrem Leuchtgewehr suchte. Als Castañeda-Mendez draußen war, stand Gross schon in seiner langen Unterwäsche im Gras und richtete seine Pistole auf den Bär, der wegzulaufen begann. Er war ein sich bewegendes Ziel und rannte, nun schon 20 Metern entfernt, in Richtung des Ufers des Fjords. Die Nacht um sie herum war stockfinster wie in einem Horrorfilm, aber nicht so dunkel, dass Gross und Chase nicht sehen konnten, dass der Eisbär etwas in seinem Maul mitschleppte, während er ins Dunkel entfloh—es war einer ihrer Mitreisenden, Matthew Dyer. Er rief nun nicht mehr um Hilfe.

Neun Monate zuvor hatte Dyer in der Herbst-Ausgabe des Sierra Magazine eine Annonce gelesen, die genau die Art von Abenteuer anpries, auf das er seit Langem gewartet hatte: zwei Wochen Trekkingurlaub durch die unberührten unteren Ränder der arktischen Tundra Kanadas, mit der Aussicht das größte landlebende Raubtier der Welt zu sehen, den Eisbär. Dyer, ein 49 Jahre alter Anwalt aus einer Kleinstadt in Maine, war schon immer fasziniert von den Bären.

Die Teilnehmer sollten gesunde und erfahrene Hiker sein, betonte die Annonce. Sie würden ein gewisses Risiko einkalkulieren müssen, darunter das Fehlen des direkten Zugangs zu gesundheitlicher Notversorgung. Aber es würde sich lohnen.

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„Wenn Sie davon träumen, einen Ort zu erleben, der ursprünglich und magisch ist, ein Land der Geister und Eisbären, das sonst kaum ein Mensch gesehen hat, dann ist das die Reise, auf die Sie gewartet haben", hieß es in der Anzeige.

Die zwei erfahrenen Guides des Sierra Club, Rich Gross und Marta Chase, sollten das Abenteuer begleiten, dass den Titel „Geister und Eisbären: Treck in den Torngat Mountains National Park" trug.

Gross, 61, arbeitete für eine gemeinnützige Organisation für sozialen Wohnungsbau in San Francisco, hatte aber seit 1990 ein oder zwei Wochen pro Jahr mit der Betreuung der Sierra-Club-Reisen in entlegene Teile der Welt verbracht. Chase, 60, war eine Beraterin für medizinische Diagnostik, die seit ihrer Highschool-Zeit als Wanderführerin gearbeitet hatte. Sie und Gross hatten gemeinsam schon 14 Exkursionen betreut.

Es war Gross' Idee gewesen, in die Torngats zu reisen, in einen der neusten Nationalparks Kanadas im Nordosten Labradors. Er hatte noch nie einen Eisbären in freier Wildbahn gesehen und war von der spirituellen Ausstrahlung des Ortes fasziniert. Der Torngat Mountains National Park wurde nach Torngarsuk benannt, einem uralten Geist der Innuit, der die Gestalt eines Eisbären annimmt und das Leben der Meerestiere kontrolliert. Jedes Jahr wagen sich nur wenige Hundert Menschen hier her, und Gross wollte ein Teil dieser exklusiven Gruppe werden.

Chase wollte den Park ebenfalls sehen. Aber sie machte sich Sorgen wegen der Risiken einer Reise durch Eisbärenland.

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Ein großer männlicher Bär kann bis zu 850 kg wiegen und sich zu einer Höhe von drei Metern aufrichten. Und obwohl sie an das Jagen von Robben angepasst sind, können Eisbären, anders als die meisten anderen Arten, in bestimmten Situationen auch aktiv Jagd auf Menschen machen—besonders, wenn ihre normalen Beutetiere nicht verfügbar sind. Wenn im Sommer das Eis schmilzt, kommen die Bären an Land, und wenn es je einen Ort und eine Zeit gab, einen Bär zu sehen, dann ist es der Mittsommer in den Torngats.

Die Eisbärenpopulation ist weltweit bedroht. Die zwei am besten erforschten Bärenpopulationen, im westlichen Hudson Bay in Kanada und in der Beaufortsee im Süden Alaskas, sind beide im Niedergang begriffen und Experten sagen voraus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bevor andere Bärenpopulationen ebenfalls drastisch schrumpfen werden. Das Meereis, der Lebensraum der Eisbären, die hier Robben jagen, wird dank der steigenden Temperaturen und des menschengemachten Klimawandels immer knapper, wodurch die Jagdsaison der Bären immer kürzer wird. In Folge dessen pflanzen sich die Bären weniger fort und müssen immer weitere Strecken zurücklegen, um an Nahrung zu gelangen. Sie dringen dabei auch in Städte wie das kanadische Arviat vor, das über 1.600 km von den Torngat Mountains entfernt liegt.

Die Zunahme der an Land lebenden Bären führt dann wiederum zu deutlich häufigeren Begegnungen zwischen Mensch und Bär. In den 1960 und 70ern wurden laut dem Wildtierbiologen James Wilder acht bis neun Angriffe pro Jahr verzeichnet. Jüngsten Trends zufolge wird diese Anzahl in diesem Jahrzehnt auf durchschnittlich 35 angestiegen sein. Und obwohl es nicht möglich ist, einen einzelnen Vorfall konkret auf den Klimawandel zurückzuführen, entspricht der Anstieg der Interaktionen doch genau dem, was Biologen als Folge des schrumpfenden Lebensraumes der Bären vorausgesagt haben. Das Ergebnis ist eine paradoxe Situation, in der weniger Bären eine höhere Anzahl von Angriffen auf Menschen bedeuten können.

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Gross waren diese Fakten bereits teilweise bekannt, als er am 17. November 2012 eine Mail von Matt Dyer erhielt. Dyer war bereit, 6.000 Dollar für diese Reise ins Ungewisse zu bezahlen und wollte sich anmelden. Aber Gross war nicht sicher, ob Dyer für ein derart extremes Abenteuer bereit war. „Für diese Reise braucht man Erfahrungen im Rucksacktourismus, und ich lese davon nichts in Ihren Unterlagen", schrieb Gross in einer Mail, nachdem er Dyers Bewerbung gelesen hatte. „Dies ist eine besonders anstrengende Reise, weil sie komplett durch unerschlossenes Terrain verläuft und die Rucksäcke schwer sein werden (über 25 Kilo). Die Gegend ist sehr entlegen und eine Evakuierung nur per Hubschrauber möglich."

Dyer schrieb Gross, dass er gut in Form sei und schon seit Jahren in New England auf Camping- und Wanderreisen gewesen sei, darunter diverse Bergwandertouren.

„Ich bin kein Stadtmensch (ich bin auf einer 12 km vom Festland entfernten Insel aufgewachsen) und es wird mich kaum stören, kein [7-Eleven] um die Ecke zu haben", schrieb Dyer. „Ich verstehe vollkommen, dass Sie nicht Tausende Meilen von der Zivilisation entfernt mit jemandem feststecken wollen, der damit nicht umgehen kann, aber ich traue mir das, denke ich, zu."
Dyer stimmte zu, sich einem strikten Trainingsprogramm zu unterziehen, und Gross willigte ein, ihn mitzunehmen.

Am 18. Juli 2013 schleppte Dyer sein 25 kg schweres Gepäck in das Quality Hotel Dorval in Montreal, wo er seine Mitreisenden treffen und dann nach Norden in die Torngats fliegen sollte. Um Geld zu sparen, hatte er einen zwölfstündigen Nachtbus von Lewiston, Maine, genommen und dann den Morgen damit verbracht, durch Montreal zu streifen. Er aß zwei mal Frühstück und schlief in einem Park, um die Zeit rumzubringen, bis er ins Hotel einchecken konnte.

Gemeinsam mit Dyer spazierte auch Larry Rodman in die Lobby des Hotels, der soeben aus dem Zubringerbus von seinem Flug aus New York gestiegen war. Rodman, 65, war ein Firmenanwalt aus Manhattan, und die Wände seines Büros waren mit Fotos übersät, die er auf Reisen in die Wildnis aufgenommen hatte, aber einen Eisbären hatte er ebenfalls noch nie gesehen.

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Der Firmenanwalt aus der Großstadt und der Pflichtverteidiger mit dem struppigen grauen Pferdeschwanz verstanden sich auf Anhieb—sie liebten beide Opern und hatten einen unbeschwerten Sinn für Humor. Dyer war erleichtert. Er hatte sich weniger wegen der Beschwernisse der Reise gesorgt, sondern wegen der Leute, mit denen er in der Wildnis festsitzen würde. Gross und Chase waren schon am Vortag angereist, um Vorräte einzukaufen und ein paar letzte Dinge zu organisieren. Als sie Dyer sahen, wirkte er genauso gut für die Reise gewappnet wie alle anderen.

Später am selben Abend riefen Gross und Chase die Gruppe zusammen, um die letzten Einzelheiten zu besprechen. Ein anderes Mitglied der Gruppe, ein Arzt aus Arizona namens Rick Isenberg, kam nach Mitternacht in Montreal an, und am nächsten Morgen bestieg die Truppe ein Flugzeug gen Norden.

Es gibt zwei Wege in die Torngat Mountains. Der erste führt durch das Torngat Mountains Base Camp und die Forschungsstation, eine kleine Ansammlung von Zelten und Plumpsklos, die als der offizielle Zugang zum Park dienen. Die kanadische Regierung hat das Camp 2006 eröffnet und 2009 an die Regierung der autonomen Region Nunatsiavut übergeben, die das Basislager als Knotenpunkt für Forscher, Besucher und Angestellte der Regierungsagentur Parks Canada betreibt.

Der andere Zugang verläuft über eine privat betriebene Einrichtung namens Barnoin River Camp, circa 1.400 km nördlich von Montreal. Als Chase die Verantwortlichen des Basislagers anschrieb und keine Antwort bekam, wendete er sich an Vicki Storey, eine Abenteuerreisen-Vermittlerin, die seit vielen Jahren Reisen in die Torngats bucht. Storey vermittelte Chase an Alain Lagacé, den Besitzer des Barnoin River Camp, der seit Jahrzehnten Angelexpeditionen und Wildtierreisen in die Torngats organisiert.

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„Der Gedanke an die Eisbären bereitet mir immer noch Sorgen", schieb Chase vor der Reise in einer ihrer Mails an Lagacé. Ich habe Erfahrungen mit Braun- und Schwarzbären, aber nicht mit Eisbären."

Lagacé antwortete, dass sie Leuchtpistolen, Pfefferspray und transportable Elektrozäune bräuchten, um sich während des Schlafs zu schützen.

„Was die Sicherheitsvorkehrungen gegen Eisbären betrifft, haben wir alles Nötige hier", schrieb Lagacé. „Die Kaliber-12-Magnesiumleuchtpistolen funktionieren ausgesprochen gut, und wir haben Pfefferspray, die Pfefferspraygranaten und den elektrischen Zaun. Um ein paar Vorsichtsmaßnahmen kommt man dennoch nicht umhin. Kocht niemals im Zelt, lasst im Zeltlager keine Abfälle herumliegen, vermeidet es, am Ufer eines Küstensees zu campen etc."

Parks Canada empfiehlt Besuchern der Torngats, einen lizensierten Inuit-Bärenwärter einzustellen, der ein Gewehr mit in den Park nehmen darf, und mit dem sicheren Umgang mit Eisbären vertraut ist. Chase und Cross sagen aber, dass keiner bei der Agentur einen Bärenwärter erwähnt hätte, als sie ihre Wanderroute durchgegeben und der Regierung gemeldet hätten, dass sie durch Lagacés Camp einreisen würden, das keine Bärenwärter zur Begleitung anbietet. Die einzigen obligatorischen Schritte zur Vorbereitung bestanden darin, sich bei der Parkleitung zu registrieren und eine DVD über Sicherheit im Umgang mit Eisbären anzusehen, die ein Angestellter von Parks Canada ihnen in Lagacés Camp schicken wollte.

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Statt eines bewaffneten Bärenwärters holte Gross also zwei Elektrozäune im Sierra Club ab—einen, um das Zeltlager zu umzäunen und einen für die Stelle, wo sie ihre Lebensmittel lagern und zubereiten würden. Den Zäunen lagen keine Gebrauchsanleitungen bei, also übte Gross die Installation gemeinsam mit einem befreundeten Elektriker vor seinem Haus in San Francisco.
Jeder der Zäune war etwa 70 cm hoch und bestand aus drei parallelen Drähten, die an 1,20 m hohen Pfosten hingen.

Obwohl die Drähte wenig stabil wirkten, lieferten sie Spannung von fünf bis sieben Kilovolt—nicht genug, um einen Bär ernsthaft zu verletzen, aber genug um ihn in die Flucht zu treiben.
Vor der Reise schickte Gross ein Foto des Zauns an Castañeda-Mendez. „Wie soll das denn funktionieren?", schrieb Castañeda-Mendez. „Indem der Bär sich totlacht?"

Im Barnoin River Camp wies Lagacé, ein fitter Mann mittleren Alters mit grauem Schnurrbart, die Gruppe ein und zeigte ihnen die Bäder, die Küche und die Hütten. Während die Gruppe sich einrichtete, testete Gross die Ausrüstung. Auf einer Wiese am Ufer des kristallklaren Barnoin River holte er eine der Leuchtraketen heraus. Lagacé hatte der Gruppe zwei orangefarbene Gemini-12-Kaliber-Leuchtpistolen zugeteilt, aber Gross hatte so ein Gerät noch nie zuvor benutzt und wollte sich an den Gebrauch der Waffe gewöhnen. Als er den Abzug drückte, gab es einen hellen Blitz und ein Leuchtkörper schoss in einer geraden Linie 150 m am Boden entlang. Beim Aufprall explodierte die Leuchtpatrone mit einem zweiten Knall.

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Marilyn Frankel, eine 66-jährige Trainingsphysiologin aus Oregon, und das siebente und letzte Mitglied der Gruppe, sah die Blitze von dem Schuppen aus, wo sie die Lebensmittel in zwei Hälften sortierte, von denen man ihnen die zweite nach der Hälfte der Strecke per Hubschrauber abwerfen würde. OK, dachte sie, als sie die Explosion des Leuchtkörpers sah, die werden wohl funktionieren.

Gegen fünf oder sechs Uhr abends versammelte sich die Gruppe im Hauptgebäude des Camps zum Abendessen. Chase und Gross hatten vorgehabt, der Gruppe hier die DVD über die Bären zu zeigen. Aber Lagacé hatte ihnen gesagt, dass die DVD noch nicht angekommen war (ein Parks-Canada-Vertreter sagte in einem Interview, dass die DVD an das Camp geschickt worden sei). Falls sie sie gesehen hätten, hätten sie erfahren, dass die Anzahl der Interaktionen zwischen Eisbären und Menschen zunimmt, dass die meisten Begegnungen an der Küste stattfinden, und dass es wichtig ist, die Grenzen der gängigen Bärenabwehrmethoden zu kennen, um sich nicht in einem falschen Gefühl der Sicherheit zu wiegen.

Als Ersatz für das Videos erklärte sich Lagacé bereit, die Gruppe zu Fragen der Sicherheit im Land der Eisbären zu belehren und mit ihnen das Wissen zu teilen, das er sich in den vielen Jahrzehnten, in denen er schon Menschen in die Torngats begleitet, angeeignet hat. (Als ich Lagacé zu dem Video befragte, sagte er, dass er es der Gruppe gezeigt hätte, und weigerte sich, weitere Fragen zu beantworten.) Die Mitreisenden erinnern sich, dass Lagacé sie dazu anhielt, jederzeit achtsam und vorbereitet zu sein. Die Bären bewegen sich entlang des Wassers, also sollten sie darauf achten, nicht direkt am Ufer des Fjords zu campen. Und er sagte ihnen angeblich auch, dass ihnen, solange sie im Inneren des Elektrozauns schliefen, schon nichts passieren dürfte.

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Das arktische Meereis ist mit dem globalen Ansteigen der Temperaturen rapide zurückgegangen. Seit 1979 sind laut der NASA-Wissenschaftlerin Claire Parkinson circa 1.700.000 Quadratkilometer Meereis verschwunden—ein Gebiet das fast fünfmal so groß ist wie Deutschland. Im Davis Strait, wo sich die Torngat Mountains befinden, nimmt die jährliche Eisbedeckung jedes Jahrzehnt 15 Tage ab. Noch 1979 waren es 50 Tage mehr. Während der zwei Monate im Jahr, in denen Besucher damals noch eine Eisdecke über der Meerenge und der Labradorsee gesehen hätten, blickten sie jetzt in dunkles Wasser. Die dunkle Farbe beschleunigt die Erderwärmung noch stärker, weil sie eine größere Menge Sonnenlicht absorbiert.

Am frühen Nachmittag des 21. Juli 2013 flog die Gruppe in einem Wasserflugzeug ostwärts in Richtung der Labradorsee und des Torngat Mountain National Parks. Dyer sah atemlos aus dem Flugzeug, das knapp über die Berggipfel glitt, bevor es in einem der kargen, aber spektakulären Täler zur Landung ansetzte. Die grüne Vegetation, die die Berge und Hügel bedeckte, war für diese Gegend neu. Vor Jahren bestanden die Hügel ausschließlich aus Felsen, aber ein sich veränderndes Klima hat neues Wachstum mit sich gebracht.

Das Flugzeug legte auf dem Nachvak Fjord eine perfekte Landung hin, und glitt dann rückwärts ans Ufer. Castañeda-Mendez hielt den Ponton des Flugzeugs fest, während der Rest der Gruppe die Ausrüstung auslud. Der Pilot verabschiedete sich rasch und der Klang der Motoren verschwand in der Ferne.

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Chase und Gross ließen die Gruppe an der Küste warten, während sie nach einem Lagerplatz suchten. Lagacé hatte sie gewarnt, nicht am Strand zu übernachten, sondern einen höher gelegenen Ort zu finden, da Eisbären in der Vergangenheit überall entlang des Fjords gesichtet worden waren.

Chase und Gross fanden auch eine Stelle, die Lagacés Empfehlungen entsprach—ein höher gelegener Bereich, ein paar Hundert Meter entfernt—stellten aber fest, dass es hier keinen direkten Zugang zu Trinkwasser gab. Weiter unten, näher an dem Ort, wo sie gelandet waren, fanden sie einen Fleck, der ihnen ideal erschien: flach genug, um bequem schlafen und kochen zu können, und mit leichtem Zugang zu Trinkwasser.

Er war etwas näher an der Küste, aber immer noch circa 150 m von der Mündung des Fjords entfernt. Hier hatten offensichtlich schon früher Leute gezeltet, denn sie hatten Pfähle und Felshaufen hinterlassen. Aber was sie nicht wussten, war, wie Judy Rowell, die Superintendentin des Parks es ausdrückte, dass sich ihr Lager nun genau in der Mitte einer „Eisbärenhauptverkehrsader" befand.

„Hey!", rief Castañeda-Mendez in der Dämmerung des nächsten Morgens. Es war 5.40 Uhr und die Gruppe schlief noch friedlich im Inneren des elektrischen Zauns. Castañeda-Mendez war aus dem Zelt geklettert, um zu pinkeln. In dem Moment entdeckte er ein riesiges weißes Etwas, wie eine Kreuzung zwischen einem großen Hund und einem gruseligen Schneemann in der Nähe der Wasserkante. „Eisbär am Strand!"

Eine Mutter und ihr Junges liefen im frühen Morgenlicht die Küste entlang. Die Bärenmutter reckte ihre Schnauze in die Höhe und nahm die Witterung ihrer neuen Nachbarn auf. Chase trat zu ihrem Mann vors Zelt. Dyer und andere griffen nach ihren Kameras. Und da waren sie nun, in Rufweite eines der gefährlichsten Räuber der Welt, und dennoch hätte die Szene friedlicher nicht sein können. Dyer war kurz davor, vor Rührung zu weinen, als er die Bären die Küste entlanglaufen sah, das Junge dicht auf den Fersen der Mutter.

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Erst später, als sie sich die Fotos ansahen und zoomten, viel ihnen die körperliche Verfassung der Bären auf. Zwischen den spitzen Schulterblättern der Bärenmutter senkte sich ein tiefes Loch. Experten, die sich die Fotos ansahen, bestätigten, dass die Bärin untergewichtig wirkte, und ein Inuit-Führer erzählte der Gruppe, dass er eine Bärin, die er für dieselbe Mutter hielt, wenige Wochen zuvor gesehen hatte, und dass sie zwei Junge bei sich hatte, weshalb er annahm, dass eines der Jungen gestorben war.

Nach Aussage des Biologen Charles Robbins blicken Muttertiere und ihre Jungen, in Bezug auf den Klimawandel, der größten Ungewissheit entgegen. Studien haben einen direkten Zusammenhang zwischen dem früheren Aufbrechen des Meereises und den sinkenden Überlebenschancen der Jungtiere entdeckt. Als die Biologin Elizabeth Peacock die Eisbären im Davis Strait, zu dem auch die Torngat Mountains gehören, untersuchte, stellte sie fest, dass die Populationen in ihrer Größe stabil, die Würfe aber kleiner waren als irgendwo sonst auf der Welt, und dass weniger Junge bis zum Erwachsenenalter überlebten. Sie stellte auch fest, dass der Gesundheitszustand der Bären sich insgesamt verschlechtert hatte.

Peacocks Ergebnisse legen nahe, dass es in der Region im Prinzip eine ausreichend große Menge an Eisbären gibt, aber dass ihnen nicht genügend große Flächen ihres natürlichen Lebensraumes—des Meereises—zur Verfügung stehen. Falls die Eisdecke im kommenden Jahr früh schmelzen und sich erst spät wieder schließen sollte, könnte es zum Jahresende noch mehr hungrige Bären geben. Aber an diesem Morgen gab es keine direkte Übersetzung der Veränderungen des Eises in ein Interesse der Bärin an den Wanderern.

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Die Bären steckten nur ihre Schnauzen in die vom Duft der Menschen durchtränkte Luft und schlenderten schließlich davon. Dyer und der Rest der Truppe waren begeistert, sich so nah an der Natur zu fühlen und über ihr Glück, so etwas weniger als einen Tag nach ihrer Anreise erleben zu dürfen.

Später am Morgen, nach einer Runde Haferbrei, packte die Gruppe ihre Tagesrucksäcke, um sich auf eine Wanderung ins Landesinnere vorzubereiten. Gross packte vorsichtshalber eine der Leuchtpistolen ein und Chase die andere.

Sie zogen gen Osten los, um die Gegend rund um den Fjord zu erkunden. Das Wetter wirkte unbeständig, es zogen schwere Wolken auf und Wind und Regen peitschten über ihren Lagerplatz. Die Torngat Mountains sind genau genommen subarktisch, liegen aber am 58. Breitengrad und damit nördlich der Baumgrenze und innerhalb des arktischen Ökosystems. Die Gruppe kletterte durch Weidensträucher und grasbewachsene Hügel entlang der Bergkanten über dem Lagerplatz. Der Regen wurde zu kühlem Nebel und verzog sich schließlich ganz, bis sich ein blauer Himmel und spektakuläre Ausblicke auf die Labradorsee eröffneten.

Während der Wanderung übernahm Castañeda-Mendez die Führung, der es genoss, für eine paar Augenblicke allein zu sein und den Abstand zwischen sich und der Gruppe immer größer werden ließ. Gelegentlich rief Gross: „Langsamer" oder „Warte". Gross, Rodman und Isenberg liefen in der Mitte und Dyer, Chase und Frankel bildeten die Nachhut. Sie plauderten, während sie durch eine Landschaft liefen, die nur wenige Menschen je gesehen haben und die von Natur aus durch ihre extreme Kälte und Entlegenheit etwas Menschenfeindliches hat. Gegen 15.30 Uhr, nachdem sie den Rückweg zum Camp angetreten hatten, erreichten sie in der Nähe ihres Lagerplatzes einen breiten Bach. Sie setzten sich auf ein paar Felsen und zogen sich die Schuhe aus. Das Wasser war flach, klar und kalt. Für Füße, die den ganzen Tag in Wanderschuhen gesteckt hatten, war die Kälte des Wassers eine willkommene Erleichterung.

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Castañeda-Mendez hatte den Bach schon zur Hälfte durchquert, als Dyer aufblickte und eine Kreatur auf sie zurennen sah.

„Eisbär!", schrie Dyer.

„Komm zurück! Komm zurück!", brüllte Chase ihren Mann an.

Das Tier war noch etwa 150 m entfernt und näherte sich rasch. Castañeda-Mendez watete mit großen Schritten zurück durch das Wasser und die Gruppe drängte sich dicht zusammen, wie es ihnen Lagacé vor der Abreise aus dem Barnoin River Camp gezeigt und mit ihnen geprobt hatte: dicht zusammenstehen. Versuchen, so groß wie möglich zu wirken. Laute Geräusche machen, vor allem mit Metall gegen Metall schlagen, z. B. mit zwei Wanderstöcken.

Der Bär war größer und hatte ein dichteres Fell als die Bärin, die sie zuvor gesehen hatten. Er kam langsam auf sie zugelaufen, die Nase in der Luft, die Zunge herausgestreckt und versuchte dem Anschein nach herauszufinden, was es mit den Zweibeinern, auf die er gestoßen war, auf sich hatte. Obwohl die Gruppe laut klapperte und schrie, kam der Bär näher. Castañeda-Mendez knipste wie wild mit seiner Kamera umher.

Gross zog eine der Leuchtraketen heraus.

„Ich werde jetzt schießen", sagte er Chase, als der Bär auf 50 Meter an sie herangekommen war.

„Das ist sicher eine gute Idee", sagte sie.

Als die Leuchtkugel losflog, hielt der Bär immer noch nicht inne, erst als sie mit einer zweiten Explosion vor ihm aufprallte, drehte sich das Tier um und begann schleunigst das Weite zu suchen.

Die Gruppe brach in ein Freudengeschrei aus, klatschte und klapperte mit den Stangen, um ihren Sieg zu feiern.

Aber der Bär war noch nicht verschwunden. Er ließ sich in 300 m Entfernung auf einem Felsvorsprung nieder und blieb dort ganz ruhig liegen, während die Gruppe den kurzen Weg zum Camp zurücklegte.

Als sie gegen 16 Uhr schließlich wieder in der Sicherheit ihres Elektrozauns angekommen waren, regnete es bereits wieder heftig und die meisten Mitglieder der Gruppe zogen sich in ihre Zelte zurück, um bis zum Abendessen auszuruhen. Aber Dyer war unruhig. Er konnte sich nicht entspannen, während der Bär ganz in der Nähe auf einer Felskante hockte.

„Da war ein riesiger Fleischfresser und beobachtete uns", sagte Dyer.

Während der Regen herunterprasselte, positionierte sich Dyer vor seinem Zelt und behielt den Bären, der sie immer noch beobachtete, auf seine Wanderstöcke gestützt fest im Auge. Castañeda-Mendez sagte, dass Dyer wie eine der Wachen am Buckingham Palace ausgesehen habe. Er hätte den Bär über eine Stunde lang angestarrt, während er unter dem trüben Himmel immer nasser wurde, je länger der Nachmittag voranschritt.

Schließlich waren der Bär und der Regen aber doch ausdauernder. Er fragte Gross und Isenberg, ob sie den Bär aus dem Inneren ihrer Zelte beobachteten und sie sagten ja. Also zog sich Dyer in seinen Unterschlupf zurück und verzog sich hinter die Seiten von Whitmans Grasblättern, die einzige Reiselektüre, die er mitgebracht hatte. Nachdem er eine Weile gelesen hatte, lief Dyer durch den Nieselregen zum Nachbarzelt, wo sich Chase und Castañeda-Mendez ausruhten. Es war nur ein paar Schritte entfernt, aber auf dem kurzen Weg sah er, dass der Bär immer noch da war. Dyer hatte gerade ein Gedicht gelesen, dass er so passend fand, dass er es mit jemandem teilen musste. Er lass ihnen Walt Whitmans „Me Impertube" vor: „… standing at ease in Nature, Master of all, or Mistress of all—aplomb in the midst of irrational things …" („… ruhig stehend in der Natur, Meister von allem, oder Meisterin von allem—stoisch inmitten der irrationalen Dinge …")

Gegen 18 Uhr machten sich die Camper auf den kurzen Weg über den schmalen Felsstreifen, der sie von ihrer Kochstelle trennte, um das Abendessen vorzubereiten. Der Bär schien es sich inzwischen auf dem Felsvorsprung gemütlich gemacht zu haben. Mit den Zoomobjektiven ihrer Kameras sahen sie, wie er sich auf den Rücken rollte und dann wieder auf den Bauch legte und seinen Kopf auf den gekreuzten Armen ablegte. Frankel fand, dass er wie ein großer Hund aussah. Andere sagten, sie fänden ihn eher bedrohlich.

Beim Sonnenuntergang war der Bär immer noch da und Dyer wurde sein ungutes Gefühl nicht los.

„Warum bestimmen wir nicht einen Aufpasser?", fragte er Gross nach dem Essen. Sie könnten sich die Nacht über alle zwei Stunden abwechseln, bis der Bär verschwunden war.

Aber Gross machte sich keine Sorgen. „Dafür haben wir schließlich den Zaun", sagte er Dyer. Gross hatte sich ja immerhin informiert und sich von den Experten versichern lassen, dass ihnen nichts passieren würde. Um ganz sicherzugehen, überprüfte er am Abend noch einmal, ob die Drähte gespannt und die Batterie angeschaltet waren. Dyer gab sich damit zufrieden und erinnerte sich an die Einführung im Barnoin River Camp, wo Lagacé ihnen gesagt hatte: „Wenn der Bär da dran kommt, braucht ihre euch keine Sorgen zu machen."

Das Erste, was Dyer sah, waren zwei riesige Arme, die über seinem Zelt auftauchten. Es war 3.30 Uhr morgens, zwei Tage später. Alle anderen schliefen und er hatte das auch getan, bis er schlagartig aufgewacht war. Der Bär riss ihn aus seinem Zelt und schloss seine Fänge sofort fest um seinen Schädel. Als er immer weiter vom Camp weggezerrt wurde, und spürte wie sich die Zähne des Bären in seinen Schädel gruben, dachte er: „Das war's—ich werde jetzt sterben."

Um herauszufinden, wie Matt überlebt hat und mehr über die wissenschaftlichen Fakten hinter dem Klimawandel und den Eisbären herauszufinden, könnt ihrdas E-Book Meltdown auf InsideClimateNews.org herunterladen und euch unsere Doku Polar Bear Man anschauen, die bald auf VICE.com läuft