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Campus, Sex und Ravioli

Warum das Leben Mitte 20 manchmal beschissen ist

Mitte 20 schlägt man sich mit Problemen rum, über die man in 10 Jahren vielleicht den Kopf schüttelt, die das Leben aber trotzdem ganz schön beschissen machen.
4.9.14

Ich bin dieses Jahr 24 geworden, was vermutlich für alle, die über 18 sind, nicht allzu erschreckend klingt. Aber was auch immer ein erwachsener Lebensstil sein mag, ich bin weitestmöglich davon entfernt. Meine Mutter hat mich bekommen, als sie so alt war wie ich jetzt, meine Oma meine Mutter mit 21, meine Uroma hatte 6 Kinder und hat meine Oma mit 20 auf der Flucht während des 2. Weltkriegs bekommen. Sie alle waren da schon verheiratet und haben seit Jahren gearbeitet. Meine Freundinnen und ich schaffen es—auch unter völlig normalen Umständen—nur selten, überhaupt auf Dates zu gehen. Was haben wir mit Mitte 20? Wenig vorzuweisen, dafür höchste Ansprüche an die Zukunft und die, mit denen wir sie verbringen wollen.

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Jeder, der über 30 ist, wird dir sagen, dass Mitte 20 die tollste Zeit deines Lebens ist und du „ja sowieso noch alles vor dir hast"—je nachdem, in welcher Gefühlslage du dich gerade befindest, ist das entweder der schönste oder erschreckendste Satz, der dir heute unterkommen wird. Wir könnten um die Welt reisen, ein neues Studium am anderen Ende der Welt beginnen, jeden Tag fortgehen, neue Menschen kennenlernen, anfangen für ein Haus oder die Pension zu sparen oder uns endlich einmal mit dem zufrieden geben, was ist. Aber was auch immer du machst, du wirst später einmal bereuen, dass du nicht das Andere gemacht hast. Damit wir keine falschen Entscheidungen treffen, treffen wir also gar keine und schlagen uns mit den alltäglichen Problemen rum, über die wir in 10 Jahren vielleicht die Köpfe schütteln werden, die das Leben Mitte 20 aber trotzdem ganz schön beschissen machen.

Dating und Beziehungen

Du verliebst dich vielleicht nicht mehr in die Typen, die sich nicht bei dir melden, aber man ist halt auch noch nie denen verfallen, die sich immer melden. Der, in den du dich jetzt verlieben willst, soll dann schon langsam auch passen. Du hast noch nicht so ganz Torschlusspanik, aber willst auch nicht mehr zwei Mal pro Woche auf Dates gehen, bei denen du höflich zwei Stunden absitzt und dann am Ende des Abends überlegen musst, wie du dich jetzt verabschiedest, damit der Typ nicht denkt, du willst mit ihm rummachen. Also hast du immer auf irgendeine Weise Liebeskummer, an dem du aber selbst schuld bist, weil deine Ansprüche nicht zu erfüllen sind.

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Melde dich außerdem jetzt von Tinder ab—natürlich hast es auf deinem Handy. Diese App des Teufels macht dir nur noch mehr vor, dass alle Männer von einer späteren Frau Adams abstammen müssen, die er nicht aus seiner Rippe sondern seinem Schließmuskel geformt hat, als er ihn wegen fortgeschrittener Analinkontinenz eh schon nicht mehr brauchen konnte. Und wieso kann eigentlich auf Tinder kein Mann seine Gedanken anders ausdrücken als durch „xD" und Wörter oder Geräusche zwischen zwei Sternen? Nein, brauche keine Füllung, danke. *seufz*.

Krankheiten

Um dich herum wird auf einmal bei allen Menschen irgendeine Krankheit diagnostiziert, von der du entweder noch nie gehört hast oder die, als du klein warst, irgendjemand Fremdes und vor allem Altes bekommen hat. Multiple Sklerose, Epilepsie, Diabetes, Depression. Bekomm einmal so etwas gesagt und geh dann heim in deine WG, um die neu verschriebenen Medikamente, die ein Wrack aus dir machen, im Kühlschrank zwischen den Vodkaflaschen deiner Mitbewohner zu lagern.

Außerdem freut sich der Arzt auch nicht mehr über deine Leberwerte, wie er das noch getan hat, als du 18 warst und der Augenarzt sagt dir auf einmal, du brauchst eine Brille, nur weil du ein paar Mal fremde Leute auf der Straße begrüßt hast. Und wenn du krank bist (oder zwei Tage verkatert, was jetzt immer häufiger vorkommt), dann liegst du einsam und allein in deiner Wohnung, denkst, die Welt geht unter und niemand bringt dir Suppe oder sagt dir, dass alles wieder gut wird, wenn du kotzend über dem Klo hängst.

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Ach ja und woher kommen überhaupt auf einmal diese ganzen Allergien? Früher habe ich Allergien noch als Wehwehchen der Problemlosen abgetan und plötzlich kann ich keinen Wein mehr trinken. Wer rächt sich hier an mir und für was?

Haare

Plötzlich bekommst du Haare an Stellen, an denen vorher nie welche waren. Du hast sicher eine dunkelhaarige Freundin, die seit sie 11 ist von Haaren jammert, die an dir so nie existiert haben. Plötzlich tun sie es—und es ist nicht schön. Wie bei der alten Frau, die früher an der Bushaltestelle immer nach einem Euro gefragt hat und der du nicht antworten konntest, weil du fasziniert und voller Ekel auf ihren Schnurrbart gestarrt hast. Du hast dich immer gefragt, ob Frauenkörper so etwas tatsächlich können. Sie können.

Freunde

Es hat sich schon immer ein wenig in die geteilt, die eine Beziehung hatten und die, die beim Fortgehen eine Beziehung suchen. Aber die Paare, die sich jetzt finden, geben sich gar keine Mühe mehr, den traurigen Lebensstil der Singles zu leben. Sie gehen nicht fort, laden dich aber einmal im Monat zu Bio-Kalbsbäckchen sous vide gegart mit grünem Apfel, Haselnussmoussline und bengalischem Pfeffer ein. Wenn ihr einmal eine große Gruppe wart, die immer im Stammlokal gesessen ist, Spieleabende gemacht hat oder an die Donau gefahren ist, dann schrumpft das jetzt irgendwie auf einen kleinen harten Kern zusammen. Den harten Kern nämlich, der zu feige ist, wegzuziehen (und sei es nur nach Währing).

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Verantwortung

Foto von Stefanie Katzinger

Du bist jetzt selbst für deine Entscheidungen verantwortlich. Wenn du eine Rechnung nicht zahlst oder zwei Jahre nicht zum Zahnarzt gehst und Karies bekommst, ist nicht deine Mutter schuld. Nein, du bist es selbst. Die Mahngebühren musst du zahlen und auch der Karies geht auf dein Konto—im Gegensatz zum Geld von deinen Eltern.

Es sind überhaupt viele Dinge, die du jetzt besser wissen solltest: Dass man seine Hosen nicht mehr bei Zara kauft, weil dort die Kleidung unter schlimmsten Bedingungen gemacht wird und politisch fragwürdige Dinge verkauft werden. Oder dass man gesünder essen und mehr (Wasser!) trinken sollte, damit der Körper in 10 Jahren nicht zusammenklappt oder die Nieren aufhören zu arbeiten. Darüber denkt man aber auch nur während tiefsinniger Diskussionen beim sonntäglichen Bio-Wellness-Brunch mit der Freundin aus dem Kindergarten nach.

Wenn du am nächsten Abend nach Uni oder Arbeit heimkommst, kuschelst du dich trotzdem wieder in deine H&M-Jogginghose und hast keine Lust groß zu kochen. Leg dich jetzt nicht mit einer Pizza auf's Sofa und stöbere durch Tinder. Deinstallieren, hab ich gesagt!

Studium und Arbeit

Geld vom Staat bekommst du vermutlich nicht mehr, also hast du zwei Optionen: Du studierst entweder noch—und bist (zumindest zu einem Teil) von deinen Eltern abhängig—, oder du arbeitest und kannst deine eigenen Rechnungen bezahlen. In beiden Szenarien hast du kein Geld. Wenn du noch studierst, bekommst du Stress, dass du Ende 30 sein wirst, bis du endlich dein eigenes Geld verdienst und wenn du arbeitest, glaubst du, nie wieder ein Privatleben haben zu können (Fortgehen unter der Woche ist nicht mehr drin). Am allerschlimmsten ist aber, wenn du arbeitest und studierst. Bewusst entscheidet sich dafür wohl niemand, weil es ein schwerer Fehler ist. Viel Erfolg beim Studium abschließen.

Hanna schreibt normalerweise über andere Dinge, musste sich aber ein bisschen auskotzen. Ab und zu auch auf Twitter: @hhumorlos.