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The Magic Hour Issue

Der einzige forensische Geologe Kolumbiens sucht nach vermissten Landsleuten

Nur: Wo anfangen bei 68.000 verlorenen Seelen?
2.7.15

„Seit 1996 sind vier meiner Familienmitglieder verschwunden", erzählte mir Jacqueline Orrego, 46, aus Antioquia in Kolumbien. Ihre Mutter, ihr Stiefvater, ihre Schwester, ihr Cousin und eine Freundin wurden vermutlich vom nordwestlichen Block der FARC ermordet. Die Leichen von Mutter, Stiefvater und Schwester wurden im August 2007 aufgefunden, auf dem weitläufigen Farmgrundstück von Guillermo Gaviria, dem Vater des amtierenden Bürgermeisters von Medellín, Aníbal Gaviria. Orrego hofft noch immer, dass auch die Leichen der anderen gefunden werden. „Die Anspannung bleibt immer bestehen. Du leidest furchtbar und fragst dich, wo sie sind und ob du sie für immer verloren hast. Wenn du ihre Leichen findest, kannst du ruhen", sagte Orrego, deren Familie von der FARC beschuldigt wurde, Guerillakämpfer zu sein. Sie besteht auf ihrer Unschuld. Diese fünf Verschwundenen sind nur ein winziger Teil der Vermisstenstatistik Kolumbiens. Im Nationalen Verzeichnis vermisster Personen (RND), das die Daten mehrerer Behörden sammelt, gibt es derzeit 85.000 Fälle. Laut Gustavo Duque, einem Strafverfolger in der Übergangsjustiz, könnte die Zahl der Vermissten inzwischen jedoch bei 96.000 liegen.

FORENSISCHE GEOLOGIE

Carlos Martín Molina verwendet Bodenradar und elektromagnetische Induktionsfrequenzen, um Leichen aufzuspüren.

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Im März 2014 erklärte der kolumbianische forensische Dienst, es gäbe etwa 68.000 offiziell als vermisst gemeldete Personen, von denen etwa 20.000 Opfer von erzwungenem Verschwinden geworden seien. Von diesen 20.000 Menschen wurden 366 lebend und 818 tot gefunden, während von den restlichen 19.000 jede Spur fehlt. Orregos Cousin Franklin ist einer von ihnen. Das Fehlen von 19.000 Menschen hat Fragen über die Vorgehensweise und Effektivität der behördlichen Suchaktionen aufgeworfen. „Die Leichen von Jacquelines Verwandten konnten mithilfe der Aussagen eines paramilitärischen Kommandanten gefunden werden. Er gab die ungefähre Lage des Grabs an. Wir gruben mit Spitzhacken und Schaufeln in einem Radius von 500 Metern", sagte mir Duque. Kolumbien verabschiedete 2000 das Gesetz 589, das gewaltsames Verschwindenlassen unter Strafe stellt. In diesem Gesetz ist auch die Nationale Suchkommission verankert, die Ermittlungen in Fällen von erzwungenem Verschwinden unterstützt und fördert. Außerdem gibt es die bereits erwähnte RND, die versucht, Leichen zu identifizieren und Vermisstenfälle zu verfolgen, sowie einen Notfallplan für die Suche nach Vermissten, der die Justizbehörden ermutigen soll, alle angemessenen Mittel auszuschöpfen. Trotz der Arbeit dieser Organisationen zeigen Statistiken—und Duques Beschreibung der Suche nach Jacquelines Familie—dass die Methoden der Regierung in vielen Fällen äußerst simpel und ungenau sind und man sich lediglich auf Informanten verläßt.

Finde sie. Finde sie alle. Das ist der Leitspruch von Carlos Martín Molina, einem 48-jährigen Einwohner von Bogotá und dem einzigen forensischen Geologen des Landes. Unter forensischer Geologie versteht man verschiedene Anwendungen geologischer Methodik zur Verbrechensbekämpfung, bei humanitären Ermittlungen und zur Leichenbergung aus Katastrophengebieten—im Grunde ist sie die Schnittstelle zwischen Forensik und Geowissenschaft. Molina setzt Bodenradar, geoelektrische Messungen und elektromagnetische Induktionsfrequenzen ein, um Leitfähigkeit und magnetische Empfindlichkeit der Erde zu messen. All dies kann Hinweise darauf liefern, wo die Erde bewegt wurde und wo Leichen unter der Oberfläche liegen. Molina könnte dieselben Methoden zum Aufspüren von Gold und Ölreserven verwenden und damit gutes Geld verdienen. Doch im geht es nicht ums Geld. Er hat sein Leben der Suche nach Menschen gewidmet, die durch Gewalt verstummt sind. Sein Engagement in dieser Sache, in einem Land, in dem allein letztes Jahr 4.539 Personen verschwanden (99 Prozent davon mutmaßlich gewaltsam), kommt einem lebenslangen Armutsgelübde gleich. „Im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen die Opfer und die Familienmitglieder von Vermissten, deren Suche nach ihnen zum Leidensweg geworden ist. Die Aufklärung dieser Fälle hat auch gesetzlich eine große Bedeutung. Sie könnte die Verstopfung des Gerichtssystems lösen und dafür sorgen, dass mehr Täter bestraft werden", sagte er mir. Molina sorgt sich nicht grundlos um Letzteres. Laut der Behörde für Recht und Frieden haben 20.000 Fälle gewaltsamen Verschwindens in den letzten 37 Jahren nur zu 35 Verurteilungen wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit" geführt—als welche sie laut Völkerrecht gelten. Von den 3.551 Guerillas, die solche Verbrechen gestanden haben, wurden nur fünf verurteilt. „Wenn man weiß, dass es diese Leichen gibt, dann muss man los und sie finden", sagte Molina. Molina fing an, sich für eine neue, effektivere Methodik und den Einsatz der forensisch-geologischen Technik zu interessieren, als er Anfang 2000 in verschiedenen Regionen Kolumbiens mit behördlichen Ermittlern nach Vermissten suchte. Die Expeditionen basierten auf Hinweisen von Informanten, wie jener, der zum Auffinden von Orregos Familie geführt hatte. Molina hatte damals als einziges Werkzeug einen Metallstab, den er in den Boden bohrte, um so nach Anomalien in der Erde zu tasten. „Die Metallstange kann effektiv sein, wenn Verstorbene vor Kurzem verschwunden sind, aber bei einer Leiche, die vor 10 oder 20 Jahren begraben wurde, bringt sie nichts", sagte Molina, der von jeder Mission mit leeren Händen zurückgekehrt war.

Seit 2006 entwickelt Molina auch aktiv modernere Methoden, um in Kolumbien Massengräber aufzuspüren. Seine Promotion, die er zurzeit an der Nationalen Universität von Kolumbien absolviert, zielt darauf ab, den Einsatz geophysischer Techniken und Technologien zu fördern, um die landesweite Suche nach Massengräbern zu modernisieren. Auf einem 200-Quadratmeter-Grundstück in Mosquera, einer Stadt in der Nähe von Bogotá, hat Molina ein Labor eingerichtet. Seit 2013 hat er dort acht Massengräber simuliert. In zweien begrub er Schweineleichen, die in der Verwesung menschlichen Überresten ähneln, während er zwei weitere zur Kontrolle leer ließ. Das dritte Paar Gräber enthielt vollständige menschliche Skelette, und in den letzten beiden waren beschädigte, verkohlte Knochen, die die verstümmelten und verbrannten Leichen simulieren sollen, die Kolumbiens Massengräber so oft enthalten. Um die verschiedenen Bodenarten und Klimabedingungen Kolumbiens simulieren zu können, richtete Molina ein weiteres Labor in den östlichen Ebenen des Landes ein. Wenn Erde bewegt wird, wie es beim Ausheben eines Grabs der Fall ist, ändern sich die physischen Eigenschaften der Erde. „Unter anderem ändern sich die magnetische Suszeptibilität und die Leitfähigkeit", sagte Molina. „Diese Forschung soll dem ganzen Land helfen. Alle Vermissten, jede einzelne Person ist wichtig für mich." Leider hat seine Suche noch nicht richtig begonnen. Molinas Projekt ist noch in der Entwicklungsphase, aufgehalten durch einen Mangel an Geldern und behördlicher Kooperation. Er hofft, seine Methoden bald aus dem Labor in die Felder und Städte zu bringen, um nach den etwa 19.000 Menschen zu suchen, die noch immer vermisst werden.