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Aufwachsen im Berner Hinterland

Wir lernten, dass Haschbrownies dosiert werden müssen, Tequila das bösartigste und ekligste Gesöff der Welt ist und Schaumpartys in absolut KEINEM Fall einen Abend retten.
30 März 2015, 10:45am
Titelbild von WillYs Fotowerkstatt

Bist du aus Bern, bist du unglaublich beliebt. Das wissen alle, das braucht man gar nicht mehr auszuführen. Also will ich mit meinem herzigen Bärndütsch auch aus Bern sein. Alles andere ist schade und inkonsequent und wenig sinnvoll. So verkünde ich vor ausserkantonalen Schweizern immer stolz, ich sei Bernerin, während ich in Bern ins Bierglas nuschelnd meine wahre Herkunft preisgebe oder ganz schnell davonlaufe, sobald jemand danach fragt.

Wir Weggezogene aus dem Hinterland haben ein Identitätsproblem. Nur ist es in unserem Fall nicht ganz so einfach wie bei den Aargauern: Das Problem ist nicht, dass wir nicht wissen, wo wir herkunftsmässig hingehören. Wir wissen's ganz genau. Wir gehören nach Bern. Nur sind wir nicht aus Bern. Wir sind aus Burgdorf.

Siedlungskindheit und Raphael-Dichte

Burgdorf hat ein Franz Gertsch-Museum und viele Nazis. Dafür ist es berühmt. Trotz diesem zweifelhaften Ruf ist das Leben in Burgdorf recht idyllisch. Seine Kindheit verbringt man in Siedlungen oder Einfamilienhäusern, umringt von Gleichaltrigen und Hausmeistern, die mit aufopfernder Hingabe entlaufene Büsis aus den Händen katzenkleptomanischer Nachbarinnen locken und im Winter hübsche Eislaufbahnen um die Quartierbrunnen bauen.

Alle Fotos von Marko Bublic, Chronist von Naomis verfilztem Freundeskreis

Man fährt Rollerskates, man zeichnet mit Kreide Hüpfspiele auf den Teer vor dem Haus, man holt sich die Milch mit dem Milchpintli und man darf überall rein, ohne zu Klingeln. Dann fragt man „Chunnt dr Raphael (alle heissen Raphael) nochli use?" und der Raphael ruft nach hinten in die Küche und das Mami sagt ja, aber nur bis es dunkel ist. Wie in einem Albert Anker-Bild, aber mit Autos und Tankstellen und Menschen mit Polyesterkleidung und den widrigsten Frisuren des Jahrhunderts (Scooter und Aqua als modische Vorbilder zu akzeptieren war zweifellos einer der grossen Fehler unserer Generation).

Meine Mutter und der Parkplatz-Nazi

Dafür, dass mich später immer wieder Leute auf meine Nazihochburg-Vergangenheit ansprachen, kam ich erstaunlich wenig mit Rechtsextremen in Berührung. Abgesehen von dem einen Mal, als ich mit 15 an die Tür ging und der berüchtigste Skinhead Burgdorfs dastand und meine Mutter verlangte. Ich rief erschrocken nach ihr und sie meinte: „Ah, das ist der Nachbar, der unseren Parkplatz mietet" und ging an die Tür.

Als er gegangen war, schrie ich, was sie sich eigentlich dabei gedacht habe, dem „grössten Scheissnazi der Stadt" unseren Parkplatz zu vermieten und erst noch mit unserem unschweizerischen Nachnamen, der habe einflussreiche Freunde und wenn da mal was schiefgehe, könneen wir verdammt froh sein, lebendig aus der Sache rauszukommen. Meine Mutter zuckte nur mit den Schultern. „Aso, i findene nätt. Und är zaut pünktlech."

Unter Freibadanarchisten

Abgesehen von solchen Zwischenfällen war das pubertäre Leben in Burgdorf beschaulich: Meine filzhaarigen Freunde und ich verbrachten unsere freien Nachmittage damit, Gras aufzutreiben, uns gegenseitig Anarchie-Zeichen und Che Guevara-Konterfeis auf unsere Freitagtaschen zu zeichnen, Kapitalisten zu verachten (unsere 200-fränkigen Taschen schienen uns in dieser Hinsicht nicht weiter verwerflich) und rauchend vor dem Freibad rumzuhängen, während Ska-P aus geschnorrten Media Markt-Boxen dröhnte.

Als ich mit 17 aus meinem Austauschjahr in Argentinien zurückkam, hatten meine Freibadanarchisten Lehrstellen und Freundinnen und eigenes Geld, was die Sache mit dem Antikapitalismus etwas erschwerte. Und ich kam in eine neue Klasse voller gutaussehender Jungs—drei Raphaels—mit Arzt/Anwalt/Verleger-Vätern. Die verbrachten ihre Schulzeit damit, sich mit Papierschnipseln zu bewerfen, „Studienreisen" in spanische Party-Dörfer zu planen und „Uuuhh, Naomi benutzt wieder ein Fremdwort!" zu grölen, wenn ich im Deutschunterricht etwas als „banal" bezeichnete. Ich mochte sie.

Leben im Patent Ochsner-Sumpf

Die Autorin & Pastis

Leider ist Burgdorf für die Zeit zwischen 14 und 30 wie ein Patent Ochsner-Lied: Hübsch aber irgendwie scheisse. Ein grünes, schmuckes Loch in der festen Hand einer älteren Generation von Paulo Coelho-Aficionados mit selbstgefilzten Hüten, die eifrig die eigene Altersgruppe mit mondänen Veranstaltungen füttert (mal abgesehen vom jährlichen Chanson-Festival, ganz huere grossartig dieses Festival. Organisiert von einem ebenso grossartigen Zahnarzt, der sich lieber mit Lachgas vergiften würde, als einen Filzhut auch nur anzufassen). Dazu kommt die Solätte, ein jährlich stattfindendes Sommerfest, mit dem sich Burgdorfer seit knapp 300 Jahren mit Kadetten, Schülerparade und kollektivem Volkstanz an ihrer Ländlichkeit aufgeilen, das mit den richtigen Mengen Weisswein aber sehr lustig sein kann.

Angesichts dieser kargen Jugendkulturlandschaft taten wir halt, was man als zielloser Jugendlicher in der Kleinstadt so tut: Zur Schule gehen und sich bei älteren Freunden in der WG abschiessen. Wir lernten, dass Haschbrownies dosiert werden müssen, dass Tequila das bösartigste und ekligste Gesöff der Welt ist und dass Schaumpartys in keinem KEINEM Fall einen Abend retten. Wir lagen tagelang herum—im Sommer auf der Schützenmatte, der zweifellos fantastischsten Kleinstadtwiese der Schweiz, im Winter in dunklen Wohnzimmern—hörten Borcherts „Draussen vor der Tür" ab CD und litten und redeten über uns. Es soll Menschen geben, die verbrachten ihre Jugend mit sinnvollen Tätigkeiten wie der Juso oder Fagottstunden. Wir begnügten uns mit kreativen Trinkspielen in verrauchten WG-Küchen.

Einmal Blase, immer Blase

Das ging eine ganze Weile so, denn Burgdorf kennt kein Entrinnen: Von der Spielgruppe bis zur Fachhochschule ist alles an Ausbildung gewährleistet und in Rollerskate-Distanz. So hemmten keine Pendeleien oder Ortswechsel unsere Entwicklung, jahrelang sassen wir in derselben Blase fest. Schlimm war das selten und wir machten einfach das beste draus. Ein paar Leute stellten sich gegen die Coelho-Brigade—die Kreativen organisierten Festivals, die Begabten gründeten Bands und der Rest von uns betrank sich weiterhin auf der Schützenmatte. Die vielen bierseligen Stunden betonierten den heutigen Freundeskreis: Seit über 10 Jahren liebe ich diese Menschen immer noch genauso pubertär und vorbehaltlos wie damals. Einmal Burgdorfer Blase, immer Burgdorfer Blase.

Meine Jugend endete mit dem gleichzeitigen Wegzug von allem und jedem. Fast alle sind nach Bern gezogen, was dazu führte, dass sich der Kreis nicht wirklich veränderte, sondern bloss expandierte. Und obwohl Bern halt doch einfach ein Burgdorf mit mehr Möglichkeiten und weniger Filzhüten ist (ein Bekannter bezeichnete die (Stadt-)Berner kürzlich als „hinterfotzigi Gschtaute", die nichts auf die Reihe kriegen und sich auch noch geil fänden dafür.), sind aus den meisten selbstbezeichnete Berner geworden. Soviel zur Burgdorfer Identität.

Mir sy guet usecho

Kürzlich sass ich mit einer alten Liebe im Backstage-Bereich einer zu einer Bar umfunktionierten Gymnastikhalle, in der mein Mami früher Turnen hatte(hach Bern) und wir sprachen über das Aufwachsen im Hinterland, über das Gehen und das Bleiben. „Mir sy ämu guet usecho" sagte er und schwieg dann ganz lange. Ich war wieder verliebt, in ihn, in Burgdorf, in Bandräume und Kleinstadtwiesen und dachte: Genau so muss Aufwachsen enden, wenn überhaupt.

Wenn ich heute nach Burgdorf fahre, sehe ich fröhliche Jugendliche, die neben den Migros-Pennern (das Migros in Burgdorf ist ein sehr pennerfreundliches Migros) ihre Fertigsalate essen, irgendwas beschissen Lautes auf ihren Handys hören und bin zufrieden: Irgendwie ist's ja doch ganz gut hier. Ich kaufe dann jeweils noch ein paar Blumen und treffe die eine oder andere Mitschülerin aus Primar-Zeiten, die mit Augenringen und Kinderwagen vor dem Müsliregal steht und empört schaut, als sie erfährt, dass ich jetzt in einem grossen Abrisshaus in Basel wohne, ein stark schwankendes Einkommen habe und ein Liebesleben führe, das sie wohl als unsittlich bezeichnen würde. In solchen Momenten lache ich sehr, sehr glücklich in mich hinein.

Bärner Meitschi Naomi auf Twitter: @NaomiGregoris

Vice Switzerland auf Twitter: @ViceSwitzerland


Titelbild von WillYs Fotowerkstatt; Wikimedia Commons; CC BY 3.0