Sex

​Ich habe keine One-Night-Stands und werde nie welche haben

Sex finde ich geil. Sex für eine Nacht nicht so sehr.
02 Januar 2016, 6:00am

Titel-Foto: Quinn Dombrowski |Flickr | CC BY SA

Mir sind die meisten Argumente für One-Night-Stands geläufig. Nicht weil ich mich einlesen musste, sondern weil ich sie empathisch nachvollziehen kann—und auch, weil viele in meinem Freundeskreis jeden Monat, wenn sich sogar jede Woche, Sex für eine Nacht ausleben und ihre Erlebnisse mit mir teilen. Manchmal ärgere ich mich auch darüber, dass ich keinen spontanen Geschlechtsverkehr haben kann.

Während Freunde und Freundinnen ihren Kater-Sonntag im Bett mit Berührung verbringen, sitze ich vor Facebook. Während sie sexuell ausschweifende Dinge erleben, sitze ich vor Facebook. Während sie sich verknallen, entknallen und grundsätzlich Sexualpartner kennenlernen, sitze ich—richtig—vor Facebook.

Ich bin auch keine idealistische Romantikerin—echt nicht. Vor dem Gerüst einer festen Beziehung graust es mir. Ich will so etwas wie die große Liebe noch nicht. Ich möchte Single bleiben. Ich möchte keine Kompromisse eingehen und ich möchte auch keine Zukunftspläne schmieden. Wenn es passiert, passiert es. Aber ich suche nicht danach. Und ich versuche stets, so eine Entwicklung zu vermeiden.

Frigide bin ich auch nicht. Ich liebe es zu ficken. Wirklich. Meine Liebe zu Sex ist definitiv nicht kleiner als die von anderen Menschen. Ich kenne Lust, ich kenne Notgeilheit, ich experimentiere gerne—all die Dinge, die alle sexuellen Wesen mögen. Wahrscheinlich glauben mir meine Freunde auch deshalb nicht, wenn ich sage, dass ich trotzdem keine One-Night-Stands mag.

Ich schwinge also nicht die Moralkeule—ich finde One-Night-Stands per se nicht verwerflich. Es ist nur einfach nichts für mich. In unserer schnelllebigen Tinder-Gesellschaft fühle ich mich oft alleine mit meiner Einstellung. Das liegt zum Teil an meinem sexuell-liberalen Umfeld. Der Mensch ist ja ein vergleichendes Wesen.

Zum anderen Teil liegt es aber auch an den folgenden Gründen, die ich mir vorsage, während ich am Kater-Sonntag vor Facebook sitze. Gegen die Einsamkeit.

Ich nehme mich selbst zu wichtig

Mein Körper ist ein alkoholgeschundener Tempel. Aber er ist meiner. Auch wenn es eingebildet ist: Ich mag ihn grundsätzlich schon gerne. Ich mag meine Wampe genauso wie meine Brüste. Natürlich nicht jeden Tag und immer, aber grundsätzlich schon.

Weil ich mich mag, sehe ich mich auch ein wenig als die sexuelle Erleuchtung eines jeden Partners, der mich anfassen darf. So lächerlich es ist, für mich ist es die Realität. Ich gehe nicht davon aus, dass man jemals besseren Sex haben wird als mit mir.

Und jetzt komme ich zum Punkt—wenn man Sex auf das Elementare herunterbricht, geht es viel um Macht und Ohnmacht. Macht ist mit Respekt verbunden. Ich werde gerne wie die Person gesehen, die ich selbst in mir sehe. Ich schätze mein sexuelles Ich und ich möchte, dass es zurückgeschätzt wird. Es ist mir wirklich wichtig.

Wenn ich einem Typen meinen alkoholgebeutelten Tempel für eine Nacht schenke und er diesen nicht angemessen respektiert, dann haben wir ein Problem. Beziehungsweise ich habe dann ein Problem. Und ich will dieses Problem nicht haben. Angemessener Respekt wäre zum Beispiel der Gedanke „WOW". Wir Frauen sehen es, wenn der Typ sich das denkt.

Zum angemessenen Respekt gehört auch der angemessene Aufwand, um mit mir zu schlafen—der ist mit einem besoffenen Gespräch nicht getan. Ich habe viele männliche Freunde, ich höre Deutschrap—mein Sinn dafür, wie man als Mann über One-Night-Stands reden kann, ist geschärft. Natürlich kenne ich das Kennenlernen auf einer Party mit einer ordentlichen Portion sexueller Chemie. Aber echte sexuelle Chemie verschwindet nicht am nächsten Tag. Alkohol schon. Wenn das Ficken mit meiner Person so lukrativ erscheint, dass du es gerne sofort machen würdest—dann kannst du es auch in einer Woche machen.

Wir ihr also lesen könnt, habe ich ein ganz großes Problem mit mir selbst und lebe noch dazu in verdammt alten Strukturen. Sehr hinderlich. Und ja, jemand, der sein Selbstbewusstsein bestätigen lassen muss, hat vielleicht keines. Aber so fühle ich mich—zumindest bewusst—nicht.

Mir ist der Sex-Partner wichtig

Viele meiner Freunde sagen so Sachen wie „Sex ist wie Nahrung für mich". Aber Sex ist für mich kein überlebenswichtiges Bedürfnis. Sex ist für mich Theater. Eine Art von angenehmer Unterhaltung. Ich unterhalte mich gerne hochwertig.

One-Nights-Stands sind ja eng mit Partys verknüpft. Was bedeutet, dass man sie meistens berauscht kennenlernt. Sehr berauscht. Ich vertraue meiner Einschätzung nicht, wenn ich dicht bin. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass in den meisten Fällen der erste Sex, na ja, eben der erste ist. Man kennt den Partner nicht, man vertraut sich noch nicht.

Foto: sometimesdee | Flickr | CC BY 2.0

Natürlich kümmert sich Alkohol um diverse Hemmungen. Aber wie tut er das? Ich zelebriere gerne Sexualität und bekomme ihn gerne mit. Eine verschwommene Erinnerung an irgendein WC-Quickie streichelt weder mein Ego, noch macht mich die Vorstellung scharf. Gerne beim achten oder zehnten Mal—aber als Kennenlern-Sex sehe ich den Sinn dahinter nicht.

Ohne jetzt irgendwelche sexistischen Vorurteile zu schüren—aber ich bin nicht eine dieser Frauen, die nach 20 Sekunden kommen. Oder denen die bloße Penetration ohne Höhepunkt eine Befriedigung verschafft. Wenn, dann frustriert mich so etwas eher.

Einmaliger Sex kann nicht gut sein—in meiner Welt

Sex pragmatisch zu sehen—also ähnlich wie Masturbation—nimmt dem Akt die Besonderheit und das Fantastische. Ganz ehrlich, wenn es mir nur um Orgasmen geht, dann fahr ich mit der Selbstbefriedigungsschiene sowieso besser als mit One-Night-Stands.

Und diese Huch-ein-Fremder-benutzt-mich-Fantasie kann man auch mit einem festen Sexpartner ausleben. Sich so zusaufen, dass man im Bett krassen, animalischen Scheiß bringt—auch das kann man mit einem desten Sexpartner ausleben. Sich verstellen, in Rollen schlüpfen, härter zu ficken, als gut tut—auch das, meine Kinder, geht mit einem festen Sexpartner.

Wenn es nicht geht, dann habt ihr den falschen Sexpartner. Wenn ihr keinen habt, dann sucht einen. Jeder Mensch, der euch verdient hat, würde es nach dem ersten Mal vögeln mit euch wieder tun. Mit einem Sexpartner kann man alles so viel besser ausleben und der Sex wird einfach von Mal zu Mal besser.

Das emotionale Argument—nämlich, dass ein One-Night-Stand nicht mit Komplikationen verbunden ist—wirft bei mir zwei Fragen auf. Die erste wäre: Ist Sex nicht immer mit Emotionen verbunden? Damit meine ich nicht Liebe—sondern Leidenschaft, Hass, Macht, Ohnmacht, Respekt, Verachtung—all diese Facetten der menschlichen Gefühlswelt.

Und die zweite Frage wäre: Woher weißt du, dass es nicht mit Emotionen verbunden ist? Kennst du den neuen Menschen und seine Gefühlswelt? Oder ist das Argument mehr, dass man selbst emotional weit weg ist und einfacher auf den anderen scheißen kann? Ist das wirklich so erstrebenswert? Schaffst du es nicht, öfters Sex zu haben, ohne dich zu verknallen?

Ich schäme mich für keine meiner Vorstellungen—was nicht bedeutet, dass sie nicht beschämend sind—, aber ich traue mich eben, sie auch bei jemandem auszuleben, der mich öfter penetriert. Manche Fantasien nur betrunken, andere auch so. Wenn es ihm zu viel ist, dann kann man nichts machen. Nimm mich ganz oder nimm mich gar nicht. Wortwörtlich.

Der Tag danach ist die Abrechnung für den Egoismus

Ich glaube an das Karma. One-Night-Stands passieren in der egoistischen betrunkenen Welt, in der es den anderen nur als Lustobjekt gibt. Auch das hat ja seine Berechtigung. Genauso wie die beschämten Blicke, der Versuch, den Namen des Partners zu umgehen und das räudige Gefühl am Tag danach. Es gibt genug Menschen, die können damit umgehen. Ich kann es nicht.

Unangenehme soziale Situationen versuche ich grundsätzlich zu meiden. Wie oben erläutert passt die Kosten-Nutzen-Rechnung bei einem One-Night-Stand nicht zu meinen Bedürfnissen. Ja, natürlich kann man erwachsen damit umgehen. Und dass ein One-Night-Stand schlechter Sex ist, ist auch ziemlich pauschalisierend. Ich bin eben Pessimistin und gehe vom schlimmsten Fall aus.

Foto: Butz.2013 | Flickr | CC BY 2.0

Ich bin nicht spontan genug

Ich habe viele Freunde ohne Weitsicht. Egal, ob es sich um konkrete oder abstrakte Dinge handelt, aber das Weiterdenken fehlt wirklich vielen Menschen. Mir bestimmt auch—aber zumindest nicht auf der sexuellen Ebene. Da besitze ich sogar ziemlich viel Weitsicht. Zum One-Night-Stand gehört Spontaneität dazu—der Wille, eine Party für Sex zu verlassen. Ich schaffe es—trotz Wodka—nicht, meinen Verstand komplett auszuschalten.

Glaubt mir—ich habe es probiert. Es funktioniert einfach nicht. Ab einer wilden Knutscherei ist das Abenteuer für mich aus. Aber ich bin fair. Immer wenn mich ein Typ anspricht, sage ich dazu, dass ich keine One-Night-Stands habe. Und ich bin nicht böse, wenn er dann weitergeht. Beim letzten Mal hat der Typ mich groß angesehen und gesagt: „Ach so. OK. Gut zu wissen. Deine Geldbörse ist dir runtergefallen. Ich gehe dann mal zu meiner Freundin." Scham gehört wohl zum Sex immer dazu. Egal wie man es macht.

Fredi ist auf Twitter: @schla_wienerin