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Occupy Turkey

Während die Polizei sich neu wappnet, feiern die Istanbuler noch ihren ersten Sieg

Bis heute hat Erdoğan den Demonstranten noch Zeit gegeben, den Platz zu räumen—und sie sind entschlossen zu bleiben. Niemand weiß, was die Regierung vorhat, aber vor meinem Haus stehen seit heute wieder fünf Polizeibusse in Bereitschaft ...

von Matern Boeselager
10 Juni 2013, 3:06pm

Eine Woche nach Rückzug der Polizei vom Taksim-Platz sind die meisten Protestler der ersten Stunde immer noch da. Man braucht allerdings eine Weile, um sie zu finden, weil es inzwischen so aussieht, als sei der Rest der Stadt auch hier versammelt. Seit Donnerstag strömen täglich mehr Menschen zum Taksim, um die Revolution mit eigenen Augen zu sehen. Letztes Wochenende musste man sich noch durch die Seitengassen schlagen, um dem Tränengas und der Polizei zu entkommen, in diesen Tagen musste man die Istiklal vermeiden, um nicht in der riesige Menge stecken zu bleiben, die sich durch die Einkaufsstraße hochwälzt.

Je länger sich der Protest hinzieht, desto mehr gleicht die Stimmung einem riesigen Open-Air-Festival—ohne guter Musik. Weil sich seit Samstag immer noch kein Polizist in der Innenstadt gezeigt hat, wird jetzt an jeder Ecke straflos Alkohol verkauft (normalerweise ist das auf offener Straße verboten). Die Bars in Beyoğlu haben ihre Tische und Stühle wieder auf die Straßen gestellt, was in den letzten Wochen auch verboten worden war. Aber vor allem wimmelt der Platz von Männern, die aus großen Wasserbottichen Bierdosen für 5TL (ca. 2,20 Euro) verkaufen. Mittlerweile gehört ihr Ruf „eiskaltes Bier, eiskaltes Bier“ genauso zum Soundtrack dieser Bewegung wie das immer noch beliebte „Tayyip, tritt zurück!“ oder „Gegen den Faschismus“.

Die Bierverkäufer sind aber nur ein Teil der Horde von Straßenhändlern, die den Leuten Revolutionssouvenirs andrehen: Poster mit den Hashtags #occupygezi und #direngeziparki, Guy-Fawkes-Masken, Sprühdosen, und natürlich Atatürk-Flaggen. Atatürk, der in der Istanbuler Innenstadt sowieso in jedem zweiten Laden hängt, feiert hier noch einmal ein richtiges Comeback. Am Anfang des Protestes waren es noch die Banner der linken Parteien, die das Bild auf dem Platz prägten, mittlerweile begegnet man viel öfter dem Vater der Türken. Von den Fußballfans bis zu den Wochenendbummlern auf dem Platz tragen die Menschen sein Bild mit sich herum, fast wie eine Art säkularen Talisman gegen die Macht der AKP.

Trotzdem ist bei manchen die Nervosität über die Riesenzahl an Menschen zu spüren, die jetzt jeden Tag auf dem Platz sind.


Neslihan

„Viele von denen wissen gar nicht, warum wir hier sind“, sagt mir Neslihan, die bereits seit Anfang der Besetzung Essen verteilt. „Die kommen mit ihren Kindern und ohne Gasmasken, was sollen die machen, wenn die Polizei angreift?“ Die Straßenverkäufer sind nicht gern gesehen, man kann die Leute aber eigentlich nur ermahnen, es mit dem Bier ruhig angehen zu lassen, erklärt mir Emin, der als Medizinstudent bei der Ärtzevereinigung mitarbeitet. 

Die Demonstration auf dem Taksim ist mittlerweile zu einem riesigen Experiment geworden: Die Demonstranten wollen beweisen, dass sie ohne ihren herrischen Premier und seine Polizei zurechtkommen. Dafür schieben sie lange Schichten, sammeln Unmengen Müll ein, verteilen Essen und koordinieren die Ärzteteams, die mittlerweile von der türkischen Ärztevereinigung gestellt werden. Die spontan entstandene Erste-Hilfe-Station im Starbucks wurde mittlerweile geschlossen, nachdem die Medizinstudenten dort allzu freizügig Asthma-Medikamente und Schmerzmittel verteilt hatten. Auch das ein Zeichen dafür, dass die Demonstranten sich zunehmend professionalisieren.


Emin

Es ist aber nicht nur das Bier, das den Demonstranten Sorgen macht. Samstagnacht brach auf dem Platz fünf Meter vor mir ein Streit zwischen einem Haufen Jugendlicher und einem Bierverkäufer aus, bei dem einer der Jungs plötzlich ein Taschenmesser in der Hand hatte. Worum es genau ging, weiß ich nicht, aber ein paar Sekunden später hatte er das auch schon ein paar Mal in einen anderen Mann gestoßen, der sich nach Kräften zu wehren versuchte, bevor dann alle wegrannten. Das war an dem Tag schon die zweite Messerstecherei, erzählte mir Emin, der „Provokateure“ (AKP-Anhänger oder Zivilpolizisten) dafür verantwortlich machte. Als ungefähr eine Stunde später eine der Barrikaden auf der Inonü Feuer fing, sollen das ebenfalls Provokateure gewesen sein.

Bei der Löschaktion konnte man wieder die bemerkenswerte Initiative der Leute beobachten, die sofort Feuerlöscher heranschleppten, die Zuschauer auf Abstand hielten und eine Kette bildeten, um Wasser auf das Feuer zu werfen.  

Die Volksfeststimmung auf dem Platz täuscht aber niemanden darüber hinweg, dass sie sich in einer sehr prekären Lage befinden. Kein Mensch weiß, wie lange Erdoğan diese Herausforderung noch dulden wird. Er bezeichnet die Demonstranten immer noch als „Capulçus“, also Plünderer oder Krawallbrüder, und hat am Sonntag in Ankara gedroht, dass ihm langsam die Geduld ausgehe.

In Ankara greift die Polizei immer noch hart gegen Demonstranten durch, genauso wie im Istanbuler Stadtteil Gazi Mahallesi, in dem viele Kurden leben. Die Demonstranten nehmen die Drohungen ernst, aber abziehen werden sie auf keine Fall. „Wir haben keine Angst“, antwortet mir jeder, den ich nach Erdoğans Rede frage. „Wir haben schon gekämpft, und wir werden weiterkämpfen“, sagt mir auch Nesilhan. „Erdoğan ist mir mittlerweile völlig egal. Er will nicht nachgeben, gut, wir geben auch nicht nach.“

Genauso kämpferisch geben sich die Fans der drei Fußballklubs, die am Samstag auf dem Platz ihren historischen Schulterschluss feierten. Am meisten gefeiert wurden natürlich die Çarşı, die Beşiktaş-Fans, die sich im Kampf mit der Polizei am meisten hervorgetan hatten. Die Menge jubelte, als sie unter Stadiongesängen auf dem Platz einzogen, und noch mehr, als sie gleichzeitig oben auf dem Atatürk-Kulturzentrum und unten davor Dutzende Bengalos anzündeten und Leuchtraketen in den Himmel schossen. Es war eine unglaubliche Show, und die Menschen auf dem Platz liebten es.

„Beşiktaş kämpft gegen jede Art Faschismus“, erklärte mir Serdan, einer der Çarşı. „Wir hören nicht auf, bis die Regierung zurücktritt. Erdoğan bereichert sich auf Kosten des Landes, er ist ein Lügner und Betrüger.“ Dann brachen alle in einen neuen Gesang aus, „Çarşı ist hier, wo sind die fünfzig Prozent?“ Erdoğan hatte nämlich angedeutet, dass er Schwierigkeiten haben würde, seine „fünfzig Prozent“ in den Häusern zu halten, wenn die Proteste weitergingen. 

Tatsächlich bemüht sich der Premier nach Kräften, seine Wählerschaft gegen die Demonstranten aufzubringen, wenn er sie einmal Plünderer und ein andermal „die Reichen im Gezi-Park“ nennt. Und während die Demonstranten oft versuchen, sich als „das ganze Volk“ darzustellen (am Mittwochabend wurde zu Ehren der heiligen Nacht Mirac Kandili kein Alkohol im Park getrunken), ist immer noch auffallend, wie wenige verschleierte Frauen in der Menge zu sehen sind. Von zwei Mädchen habe ich gehört, dass ihre Freundinnen mit Kopftuch beim Versuch, bei der Demonstration mitzumachen, von so vielen Idioten als Erdoğan-Anhänger beschimpft wurden, dass Ihnen nichts übrig blieb, als nach Hause zu gehen. Die meisten Demonstranten auf dem Platz würden so etwas verurteilen. Trotzdem wirken viele auf mich, als seien sie sich der enormen Gefahr einer derartigen Polarisierung nicht voll bewusst. Stattdessen wird oft gesagt, man kämpfe ja für die Freiheit des ganzen Volkes, und Erdoğan habe die Wahlen sowieso gefälscht.

Aber selbst wenn unklar bleibt, wie viele Türken tatsächlich hinter der Bewegung stehen, wird sie die Türkei verändern. „Wir sind apolitisch erzogen worden und haben lange geschlafen“, drückte es Nesilhan aus. „Jetzt sind wir aufgewacht. Und wir werden nie wieder schlafen.“ Zwar glauben nicht viele, dass Erdoğan tatsächlich zurücktreten wird. 

Aber die unzähligen Graffiti, die die Innenstadt jetzt bedecken, sprechen eine deutliche Sprache: Die Angst vor Erdoğan ist einem trotzigen Widerstandswillen gewichen, der in tausend Variationen, von ziemlich stumpf bis ziemlich witzig, dem Premier den Gehorsam verweigert.

Erdoğan hat sie als Plünderer beschimpft, jetzt drucken sie sich „Capulçu“ auf die T-Shirts und machen YouTube-Videos, in denen sie „Everyday I’m Chapulling“ grölen. Weil CNN Turk in der ersten Nacht lieber eine Doku über Pinguine als die Demonstrationen gezeigt hat, ist der Pinguin zum Symbol für die Feigheit des Establishments geworden. Weil man sich erzählte, dass die Polizei „Orangen-Gas“ verschoss, schrieben sie überall „Gibt’s das auch mit Erdbeergeschmack?“ an die Wand. 

Während sich auf dem Platz das Volk tummelt und Erinnerungsfotos vor den Barrikaden macht, vergisst man im Gezi-Park keine Sekunde lang, warum man da ist. So sehr sich die Demonstranten der ersten Stunde über die Unterstützung der Massen auf dem Platz freuen, versuchen sie doch, im Park den Geist der ersten Tage am Leben zu halten. Aus Ständen wird weiter gespendetes Essen verteilt, die Bibliothek hat regen Zulauf, die Gruppen verteilen frischgedruckte Flugblätter, und an jeder Ecke stehen Kartons, in denen man Zigaretten spenden oder sich welche nehmen kann (Rauchen findet Erdoğan auch nicht so toll). 


Gibt’s das auch mit Erdbeergeschmack?

Bis heute hat Erdoğan den Demonstranten noch Zeit gegeben, den Platz zu räumen—und sie sind entschlossen zu bleiben. Niemand weiß, was die Regierung vorhat, aber vor meinem Haus stehen seit heute wieder fünf Polizeibusse in Bereitschaft. Die Nacht könnte wieder gefährlich werden.


Oh Tayyip, du bist so süß!

Fotos: Govinda van Maele und Matern Boeselager