Säure, Leidenschaft und getrocknetes Blut: Pariser Tatortfotos der Jahrhundertwende

Die Pariser Polizei machte sich bei der Verbrechensaufklärung schon sehr früh die Fotografie zunutze. Einige dieser Fotos wurden jetzt in einem Bildband veröffentlicht.

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07 April 2015, 8:25am

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Hier wird gezeigt, wie bei der Leichen-Fotografie vor der Autopsie vorgegangen wurde. (Alle Fotos: bereitgestellt vom Pariser Polizeipräsidium)

Hinweis: Einige der folgenden Bilder sind nichts für schwache Nerven.

Obwohl Fotografie bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfunden wurde, stand sie den französischen Polizeibeamten erst nach 1870 zur Verfügung. Und erst im Jahr 1887 setzte der Kriminologe Alphonse Bertillon diese Methode zu kriminalistischen Identifikationszwecken ein. Dank seiner vorausschauenden Denkweise besitzt das Pariser Polizeipräsidium mit einer Ansammlung von Millionen Bildern (die ältesten dabei vom Anfang des 19. Jahrhunderts) heute eines der weltweit größten Fotoarchive.

Nachdem er sich lange Zeit mit der Untersuchung von berühmten Morden beschäftigt hatte—was ihm auch den Spitznamen „Indiana Jones der Friedhöfe" einbrachte—, konzentrierte sich der Gerichtsmediziner Philippe Charlier auf diese ersten forensischen Beweisstücke. Für sein Buch Seine de crimes hat er fast 100 Fotos von Morden, Suiziden und tödlichen Unfällen zusammengestellt, die zwischen 1871 und 1937 in Paris aufgenommen wurden.

„Wenn man sich durch die Pariser Tatortfotos aus mehreren Jahrzehnten arbeitet, dann zeigt man damit vor allem auf, wie sich die polizeilichen Ermittlungsmethoden zur Verbrechensbekämpfung entwickelt haben", erklärt uns der Autor im Vorwort des Buches. „Neben dem offensichtlichen medizinischen Interesse erzählen uns diese Aufnahmen genauso viel von der Grausamkeit der Menschen und vom Alltag unserer Vorfahren."

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Das vom Opfer in der Hand gehaltene Messer deutet auf Selbstmord hin, aber die Ermittlungen und die Fingerabdrücke ergaben, dass Mademoiselle Ferrari von ihrem Liebhaber Monsieur Garnier mit besagtem Messer direkt ins Herz gestochen wurde.

Zwar haben es auch ein paar wenige berühmte Verbrechen in das Buch geschafft (wie etwa das Attentat auf das Louvre im Jahr 1905 oder die Ermordung von Jean Jaurès im Jahr 1914), aber die meisten Fotos zeigen unbekannte Menschen, die oft auf grausamste Art und Weise umgebracht wurden. Da wäre zum Beispiel der Tod eines gewissen Julien Delahieff, der 1896 „in Stoff eingewickelt und in ein Gepäckstück eingesperrt wurde", der Mord an Madame Candal, die „Katzen liebte" und 1914 offensichtlich zu Tode geprügelt wurde, oder die Ermordung der Prostituierten Suzanne Lavollée, die man 1924 zuerst brutal erdrosselte und dann zerstückelte.

Natürlich kommen bei der Veröffentlichung solcher Fotos auch Fragen auf. „Diese Bilder sind historisches Gut, die Fälle bleiben unter Verschluss und die 30 Jahre, die solch heikle Fotos für eine Freigabe mindestens alt sein müssen, sind auch schon längst vergangen", erklärt Chartier. „Das Problem liegt eher im ethischen und nicht im rechtlichen Bereich. Selbst wenn die Veröffentlichung solcher Fotos legal ist, überschreitet man vielleicht trotzdem eine Grenze im Bezug auf die ärztliche Schweigepflicht und auf den Respekt für die Privatsphäre der Opfer."

Als Reaktion darauf erschuf der Gerichtsmediziner das „Konzept einer ‚science pudique' [zurückhaltende Wissenschaft], das andere Menschen respektiert und dabei trotzdem dem Fortschritt und dem Wissen zuträglich ist."

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Obwohl die Tatortfotos oft von Skizzen und handgezeichneten Karten begleitet wurden, um die exakten Dimensionen nachzubilden, kam bei Leichen oft auch noch eine weitere Messungsmethode zum Einsatz: die perspektometrische Einrahmung. Bei dieser Technik wird die Kamera senkrecht über der Leiche platziert. Wenn das Bild entwickelt ist, befindet sich der Mittelpunkt dann direkt zwischen den Augen des Toten—an der Nasenwurzel. Mit diesem Foto wollte die Polizei die ideale Position der Kamera aufzeigen.

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Hier ist die perspektometrische Einrahmung von Monsieur Falla zu sehen, der am 27. August 1905 im Schlaf ermordet wurde. Aufgrund der Leichenstarre hängen seine Beine in der Luft und der Gürtel um seinen Hals lässt auf eine Strangulation schließen.

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Madame Debeinche wurde am 8. Mai 1903 tot in ihrer Wohnung aufgefunden. „Die bräunliche Färbung der Hände und Füße zeugen von der Verwesung der Leiche“, schreibt Charlier. „Wie weit liegt das Verbrechen zurück?“ Er meint, dass an einem solchen Tatort wahrscheinlich ein verzweifelter Kampf stattgefunden hat.

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Dieses Foto zeigt Valentine Botelin am Ende ihrer Autopsie vom 14. September 1904. Nach der Säuberung des Kopfes und der Haare konnte die Polizei auf der Schläfe und der linken Backe drei Einschusslöcher ausmachen.

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Am 31. Mai 1905 wurde mitten in der Nacht am Säulengang des Louvres ein Bombenattentat auf Alfons XIII., König von Spanien, und Émile Loubet, Präsident von Frankreich, verübt. Später schrieb die Zeitung Petit Journal zu dem Vorfall: „Als sie um die Ecke Rue de Rohan und Rue de Rivoli bogen, detonierte die Bombe so laut wie ein Kanonenschlag und eine gelbe Flamme schoss links neben dem Auto des Königs empor. Ein Pferd wurde in die Luft geschleudert und krachte schwer, tot und ausgeweidet wieder auf den Boden. Ein anderes Pferd schoss panisch davon und rannte in die Menge der Schaulustigen auf den Bürgersteigen. Eine schreckliche Panik brach aus und alle Menschen versuchten, wild durcheinander zu fliehen. Überall waren Schreie zu hören.“ Die beiden Staatsoberhäupter blieben unverletzt, aber 20 Menschen trugen Blessuren davon und ein Pferd starb.

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Das Bett, die Laken und der Boden des Zimmers sind blutüberströmt und der Stoff wurde teilweise von Säure zerstört. „Keine Leiche ist zu sehen. Hat es das Opfer vielleicht geschafft zu fliehen und sich in einem Krankenhaus behandeln zu lassen?“, fragt Charlier. „Der Leichnam wurde womöglich aber auch einfach schon in die Leichenhalle gebracht.“

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Am 9. August 1913 wurde eine ältere Dame mit dem Gesicht nach unten liegend in ihrer Wohnung aufgefunden. Die Vögel im Hintergrund scheinen die einzigen Zeugen des Verbrechens gewesen zu sein.

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Auf diesem Bild ist das Mordopfer Clémentine Pichon auf dem Autopsie-Tisch zu sehen.

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Am 30. November 1897 tötete der 34 Jahre alte Pilzfarmer Xavier-Ange Carrara die Angestellte Augustin Lamarre und verbrannte anschließend die Leiche. Nachdem er schuldig gesprochen wurde, richtete man Carrara am 18. Juni 1898 in Paris hin. Anatole Deibler, der damals als der beste Henker Frankreichs angesehen wurde, übernahm diese Aufgabe und behielt als Andenken einen Knopf mit einem Pferdekopf von der Jacke des Mörders.

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Der sechsjährige Jules Jacques Schoenën lebte bei seinen Eltern, als er am 25. Februar 1881 von einem 16-jährigen Jungen ermordet wurde. Als man ihn fand, waren seine Hände gefesselt, seine Jacke durchlöchert und sein Hemd voll mit getrocknetem Blut. Dieser Fall war dazu noch einer der ersten, die fotografiert wurden.

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Dieser unbekannte Mann wurde im November 1912 gefesselt im Pariser Lac Daumesnil gefunden.

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Diese Foto zeigt die anthropometrische Akte von Raoul Villain, dem vorgeworfen wurde, Jean Jaurès umgebracht zu haben. 1919 wurde er jedoch freigesprochen. Diese Akte ist ein gutes Beispiel für das kriminologische System, das Bertillon eingeführt hat. Darin enthalten sind Fingerabdrücke, genaue Maße und einige biographische Details.