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Popkultur

Normcore vs. Cutester vs. Health Goth: Ich habe alle drei Leben gelebt, um herauszufinden, welches am wenigsten beschissen ist

Bedeutet irgendeine von diesen Trend-Eintagsfliegen überhaupt irgendetwas 2015?

von Bela-Tess Wind
12 Februar 2015, 9:25am

Von links nach rechts: Normale Autorin, Normcore-Autorin, Cutester-Autorin, Health-Goth-Autorin

2014: im Prinzip nur The Fappening und Menschen, die geköpft wurden. Man könnte auch sagen, die Menschheit ist keinen Schritt weiter gekommen. Vermutlich liegt das daran, dass wir zu beschäftigt mit unseren Smartphones waren, um irgendetwas Sinnvolles schaffen zu können. So hat letztes Jahr zum Beispiel keine einzige neue Subkultur das Licht der Welt erblickt. Was ein Grund dafür sein dürfte, dass die Medien kurzerhand welche erfunden haben.

Normcore war der am häufigsten gegooglete Modebegriff 2014. Ein Lifestyle, den man als Hommage an frisch geschiedene Väter, Friends, Seinfeld und die textilgewordene Reinkarnation von Steve Jobs verstehen kann. Sweatshirt, Karotten-Jeans, Turnschuhe, fertig. Durch Normcore wurde Anti-Mode zur Mode. Mehr als irritierend war das Aufkommen der Cutester. Wenn Erwachsene sich so kleiden, als würden sie wieder zur Schule gehen, ist das wohl kaum gesund, sondern gefährlich nah am Peter-Pan-Syndrom. Zu guter Letzt kam Health Goth. Erst Facebook-Seite mit Fotos futuristisch-düsterer Sportswear, später selbsternannter Lifestyle nach dem Leitsatz „Work Out Til You Feel Like Death". Wenn das keine Jugend-Bewegung ist, die das Zeug dazu hat, unsere Gesellschaft bis ins Mark zu erschüttern, welche dann.

Tatsache ist, dass hinter keinem dieser Begriffe eine real existierende Subkultur steht. Weil du nicht völlig bescheuert bist, weißt du das natürlich. Es sind Arten, sich zu kleiden, und damit schlicht Modetrends. Das wiederum bedeutet nicht nur, dass man in jeder Großstadt Leute finden wird, die diese Trends mitmachen, sondern auch, dass es keinen tatsächlichen Lifestyle gibt, der unter den Klamotten steckt. Welches Café in Berlin beispielsweise ist Treffpunkt für Normcorer? Wie bezahlen Health Goths ihre Miete? Wohin gehen Cutester, um jemanden zu finden, der sie flachlegt? Mein Kopf explodierte ob all der Fragen.

Um Antworten zu finden, beschloss ich, einen Tag als Normcorer, einen als Health Goth und einen als Cutester zu verbringen, um herauszufinden, welcher der medial als Lebensgefühl getarnten Modeknäste alltagstauglich, welcher am wenigsten beschissen und welcher vielleicht doch mehr ist als das schlimmste Clickbaiting der Lügenpresse. Ihr wisst schon: Bevor auch diese Trends dahin hinschwinden, wo die restlichen Modesünden sind, und von denen wir uns wünschen würden, sie niemals begangen zu haben.

FREUNDE FINDEN

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NORMCORE

Es gibt keinen Trend, dem man alleine hinterherlaufen kann. Meine erste Aufgabe ganz klar: Freunde finden. Man braucht einfach eine Gang.

In der Theorie eine gute Idee, praktisch schwer umzusetzen. Obwohl ich aussah wie der Inbegriff des Durchschnitts, wollten selbst die Touristen entlang der Berliner Mauer keine Selfies mit mir. Es schien, als hätte sich durch das Überstreifen des Normcore-Outfits meine Persönlichkeit von mir gelöst. Ich: ja, noch immer ich, aber auf einmal völlig inhaltsleer. So basic, dass nicht mal ich hätte mit mir rumhängen wollen.

Im Bio-Supermarkt bin ich in der Masse ebenfalls optisch untergegangen, was mich eigentlich zu einem Teil von ihr hätte werden lassen müssen. Dennoch wollte niemand, den ich angesprochen habe, mit mir befreundet sein. In der Obst- und Gemüse-Abteilung dann mein persönlicher Tiefpunkt: Gerade als ich mich mit jemandem über Lebensmittel unterhalten wollte, wusste ich weder zu sagen, welche Frucht meine Normcore-Persönlichkeit am liebsten mag, noch wer ich überhaupt bin gerade. Die Anonymität fraß mich von innen auf und ich fühlte mich, als würde ich gar nicht existieren.

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Auf dem Flohmarkt änderte sich das. Zwischen Perser-Teppichen und Best-Of-Rock-'n'-Roll-CDs gab ein älteres Ehepaar mir endlich die zwischenmenschliche Nähe, die ich so dringend nötig hatte. Im Gespräch fragte der mehrfache Großvater, ob ich aus Berlin sei oder nur zu Besuch wäre. Ich entschied, auf Silent Bob zu machen—wo ich schon so aussah wie er—und ging stillschweigend davon.

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CUTESTER

Mit meiner neuen Persönlichkeit aus Zuckerwatte, Cartoons und allem, was Fun macht, werde ich wesentlich schneller Freunde finden, dachte ich. Den Teddy-Rucksack mit einer fast schon anzüglichen Menge Optimismus und all dem gepackt, was Cuteness zu Cuteness macht, bin ich zu Toys "R" Us. Im Mekka der Infantilität angekommen, vergaß mein Self vor lauter Aufregung kurzzeitig die eigentliche Mission. Nach einer Runde im Polizeihubschrauber kam ich zum Glück wieder zu mir und musste erst einmal damit umgehen lernen, dass eine der Verkäuferinnen mich sooo lieb gewonnen hatte, dass sie mich am liebsten dabehalten hätte. Nur so. Für die Stimmung.

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Natürlich konnte sie nicht wissen, dass meine Cutester-Persönlichkeit zwar bei ihr, bei Kindern aber nicht gut ankommen würde. Ich weiß das, weil sich ein 13-jähriger sehr deutlich weigerte, mit mir abzuhängen. Mein Verhalten ist kindisch? Danke für eine Information, die ich bereits hatte. Ich entschied, die Taktik zu ändern und eine neue Zielgruppe anzupeilen: Mädchen. Die findet man vor allem in den Filialen großer Modeketten. Jung, an Kleidung interessiert und das noch mal mehr, wenn lustige Motiven drauf sind: das würde perfekt laufen. Im Laden zog ich alles, das lange Haare hatte und um die 16 war, in meinen Hello-Kitty-Bann. Endlich Freunde. Aber es waren keine coolen Freunde. Ich hasste mich dafür, dass sie mich liebten.

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HEALTH GOTH

Mit dem nächsten Trend stieg der Schwierigkeitsgrad des Experiments. Wenn du den ganzen Tag ein eingefrorenes Bitchface hast und deine Mitmenschen nach ihrem Körperfettanteil beurteilst, fressen sie dir die Protein-Riegel nicht gerade aus der Hand. Trotzdem rechnete ich mir im Fitness-Studio Hard Candy große Chancen aus, da ich alles als passend empfand, das mit Härte zu tun hat.

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Die Frau am Empfang sah das anders. Von Health Goth habe sie noch nie gehört, reinlassen wollte sie mich auch nicht. Dennoch war sie nett. Wahrscheinlich weil sie Angst hatte, dass ich ansonsten ein satanisches Ritual feiern würde, um mich von ihrer Seele zu ernähren. Seelen enthalten natürlich kein Eiweiß und jeder Health Goth weiß das. Ich war hier so was von fehl am Platz.

Im Veganz, einem Supermarkt und Kuchencafé für Veganer, nicht. Zwischen Vitamin-Shakes, Sellerie und Müsli-Riegeln fand ich endlich jemanden, der es mit der Reinheit des Körpers genauso ernst meint wie mein Health-Goth-Ich. Der Verkäufer schien keinerlei Vorurteile zu haben und nahm sich Zeit, mir bei der Snackauswahl zu helfen. Im Gespräch stellte sich heraus, dass er noch nie von meiner Subkultur gehört, geschweige denn je einen Vertreter der Art gesehen hatte. Prinzipiell empfange er aber jeden mit offenen Armen, der sich für einen grünen Lifestyle interessiere.

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Meine Lieblingsfarbe war nur leider Schwarz, nicht Grün. Er und ich, wir hätten lediglich auf Stoffwechselebene Kumpels werden können. Die tieftraurige Düsterkeit meines Inneren—er hätte sie niemals verstanden. Richtige Freunde würde ich als Health Goth wohl nur auf Tumblr finden, nicht im Real Life. So ungern ich es zugebe: Meine Cutester-Persönlichkeit war wohl die zugänglichste von allen.

GELD VERDIENEN

NORMCORE

Jobs beschreiben nicht nur, was jemand tut, sondern auch, wie diese Person lebt. Egal zu welchem subkulturellen Genre sich ein Mensch zugehörig fühlt—durch seinen Beruf können wir vorsichtig auf seinen sozialen Status, politische Neigungen oder seine Moralvorstellungen schließen. Zumindest erfahren wir, ob jemand sein Leben im Griff hat oder gefühlt die halbe Woche im Ficken3000 verbringt, um in der Dunkelkammer nach dem Sinn des Lebens zu suchen.

Da in der hippen Berlin-Mitte sowohl Kellner als auch Verkäufer irgendwie normcore aussehen, rechnete ich mir bei der Jobsuche große Chancen aus—und behielt Recht. Ob Sankt Oberholz oder Weekday: Nahezu jedes Café und jeder Klamottenladen, in dem ich gefragt habe, bot mir an, dass ich mich gern bewerben könne. Warum auch nicht? Ich war eine anonyme Arbeitswillige, die mit Sicherheit einen devoten Charakter hat und deswegen niemals Stress machen würde—nicht mal dann, wenn schon wieder unbezahlte Überstunden anstünden. Seltener Glücksgriff also.

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CUTESTER

Als Normcorer hatte man mir bei der Arbeitssuche gesagt, ich sähe aus, als wüsste ich, wie ich mich anziehe. Psychosozial und existenzphilosophisch ein Wahnsinns-Feedback—als Cutester-Princess fiel das anders aus. Die Besitzerin eines Katzen-Cafés in Neukölln stellte in Aussicht, mich einzustellen, obwohl ich so rumlaufe wie ich rumlaufe. Dabei war ich schwer davon ausgegangen, mit meinem Muschi-Shirt und der Mütze mit Ohren perfekt für diesen Cutester-Traumjob gekleidet zu sein­. Fehlanzeige—hier zählte nicht, ob ich ein Fan flauschiger Tiere war, sondern wie ich mit ihnen umgehen würde.

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Die einzige Person, die mein Niedlichkeitslevel als Pro-Argument für meine Anstellung gesehen hat, war die Verkäuferin bei Toys "R" Us. Ich solle es einfach versuchen mit der Bewerbung. Bei den Fast-Fashion-Ketten und Tierhandlungen, in denen ich nachgefragt habe, wurde ich belächelt—skrupellos und frontal ins Gesicht. Mein Erscheinungsbild sei albern. Zu albern. Es war, als wären die Katzen auf meinem Shirt zu einer Zu-dumm-zum-arbeiten-Aufschrift mutiert. Wäre ich nicht ich gewesen, hätte ich sie dort auch gelesen.

HEALTH GOTH

Mit gesund gothischer Grundhaltung einen Job zu finden, konnte nur ein utopisches Unterfangen werden. Musst du Leute von dir überzeugen, hilft es in der Regel nicht, wenn dir das Desinteresse an allem, was nicht mit Gewichten oder Industrial-Musik zu tun hat, ins Gesicht geschrieben steht. Was dir im Gesicht ebenfalls weniger hilft, wenn du Arbeit finden möchtest: schwarzer Lippenstift. Alle waren sich einig: Mein Outfit sei zwar cool, das Make-up aber ein No-Go.

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Da mir die Darstellung meiner Subkultur aber wichtiger war als alles andere und ich als Health Goth natürlich Health Goth aus Überzeugung bin, ließ ich beim Look nicht mit mir reden. Dem Trend-Faktor zum Trotz hat mir an diesem Tag kein einziges Klamottengeschäft einen Job anbieten wollen—noch nicht mal die Jungs von Adidas. Wahrscheinlich lag es daran, dass meine Schuhe von Nike waren. Health Goths haben halt einen ziemlich schwarzen Humor.

FLACHGELEGT WERDEN

NORMCORE

Eine der wichtigsten Funktionen von Subkulturen ist, den Pool von Leuten, an die du deine Jungfräulichkeit verlieren könntest, auf ein zu bewältigendes Maß zu reduzieren, also nur diejenigen für dich übrig bleiben, die auf den gleichen kranken Scheiß stehen wie du. Im Bezug auf mein Experiment lag da auch schon das Problem: Als Normcorer hatte ich keine Ahnung, wonach ich eigentlich Ausschau halte, geschweige denn zu wissen, was mich überhaupt anturnt. Die Partnersuche gestaltete sich entsprechend zäh. Auf Lovoo hat mich lediglich ein einziger Typ angeschrieben und er war genauso langweilig wie mein Dating-App-Normcore-Ich. Was ja eigentlich auch schon wieder passt, einen aber eben nicht weiterbringt. Zwei Dinge, die hier zu lernen sind: Ja, Tinder ist nicht alles, und: Ja, sich bei, mit und womöglich in jemandem zu finden, ist im Kern ziemlich schwierig, wenn das, was nicht anziehend ist, das ist, was am Ende dazu führen soll, dass du dich ausziehen willst. Es ist so kompliziert, wie es sich liest.

CUTESTER

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Auf der Straße wurde meine Cutester-Persönlichkeit belächelt. Zu albern, zu kindisch, zu dumm. Beim digitalen Dating sorgte die Honigkuchen-Version meiner selbst indes für andere Reaktionen. Ob Männer oder Frauen: Alles im Umkreis von ein paar hundert Metern wollte nicht nur mit mir chatten, sondern ganz offensichtlich mit mir schlafen. Ein Pärchen, das in der Nähe des Rosenthaler Platzes zu lokalisieren war, machte mir das Angebot, jetzt sofort mit ihnen unter die Dusche zu springen. Ja, krachen lassen wollten es die beiden. Dabei wollte ich nur, dass jemand mit mir händchenhaltend in den neuen Spongebob-Film geht—keine Einladung zu einer halben Gangbang-Party. Mein naives Ich fühlte sich nicht nur dezent traumatisiert, sondern unsittlich berührt, ohne von jemand anderem überhaupt angefasst worden zu sein.

HEALTH GOTH

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Auch wenn ich mir nicht sicher war, wie der düstere Look bei Fitness-Fanatikern ankommen würde, hatte ich es gezielt auf männliche Muskelprotze abgesehen. Der schwarze Lippenstift schien nicht zu stören—viele der Typen sprangen auf die Bagger-Versuche an. Auf meine subtile und doch offensichtliche Frage, ob einer von ihnen Bock hätte, sich mit mir zum Workout zu treffen, bekam ich enttäuschende Antworten. „Wo trainierst du denn?" Wow. Starke Männer sind tatsächlich so hohl, wie sie dargestellt werden. Mein Health-Goth-Innerstes war intellektuell beleidigt und ging alleine verschwitzt ins Bett.

MODEKRITIK

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Bei Jugendlichen ist der Dresscode elementarer Bestandteil der Identitätsbildung: Die Uniformierung hilft dabei, sich optisch zu bekennen und sagt darüber hinaus viel über seinen Träger aus. Ein doch ziemlich wichtiger Part meines Selbsttests war, dass mich jemand anderes, der sich auch ziemlich mit Mode auskennt, meine Ichs und mein Aussehen bewertet. OK, ich habe Normcore, Health Goth und Cutester vielleicht als Modetrends verunglimpft, aber cooles Aussehen ist nun mal das Mittel, mit dem die coole Jugend neue Mitglieder rekrutiert, durch das sie wächst und gedeiht. Was das in meinem Fall bedeutet, hat Bertie Brandes, VICE-Autorin und Features Editor bei i-D sich mal genauer betrachtet:

Cutester ist auf so vielen Ebenen so ekelhaft. Es ist die Standardästhetik einer Generation des Selbsthasses. VEVO gefiltert durch Jeremy Scott und schneller bei Kik zu finden, als du ,Thaddäus-Tentakel-Onesie' sagen kannst. Sind das wirklich Zöpfchen, die sie da in den Haaren hat? Ehrlich, das letzte Mal, dass es für jemanden von uns irgendwie akzeptabel war, ein Mickey-Mouse-Shirt zu tragen, war vor sechs Jahren, als wir versuchten, im Austausch für ein neues Profilbild Cobrasnake zu ficken. Es reicht."

„Sorry, Trendreporter, auch wenn ihr glaubt, Health Goth sei dieses Jahr erfunden worden, es existiert und gedeiht seit Kaish von der So Solid Crew bei Top of the Pops weiße Kontaktlinsen getragen hat. Wo es letzten Sommer von Alexander Wang mit seinem asymmetrischen, lasergeschnittenen Witz von einer H&M-Kollektion als Mainstream-Trend etabliert wurde, tragen Menschen ohne Persönlichkeit schon seit absoluten Ewigkeiten Feinrippsocken und ergänzen ihre Tauchbatik mit bauchfreien Nike-Tops. Auch wenn diese Sportkleidungs-Subkultur nicht so unheimlich sein mag wie die reichen Typen, die man auf Tinder trifft und die ihre Air Max ohne Socken tragen, so kommt es mir trotzdem vor wie ein Scheißecocktail aus Symbolen, der größtenteils Menschen vorbehalten ist, die so verzweifelt eine Identität brauchen, dass sie ein Tattoo mit ihrem eigenen Namen haben. Nicht abgebildet: das obligatorische Septumpiercing.

„Das Problem mit Normcore ist, dass es normalerweise zwei Möglichkeiten gibt: Entweder bist du so 'core in deinen Stonewashed-Schlaghosen und uralten Stan Smiths, dass Refinery29 um dich herumscharwenzelt, um dein Outfit of the Day zu fotografieren, oder du hast dich gerade auf der ASOS-Basics-Seite arm geshoppt und bist eher gleichgeschaltet als gleichgültig. Meiner Meinung nach sollte Normcore für Menschen reserviert bleiben, die ihre natürliche Haarfarbe tragen und eine liebenswerte Anzahl an Pickeln haben (genau einen), aber weißt du was? Diese Jeans sind wirklich scheußlich, also Daumen hoch für deine Bemühungen."

Berties Kritik bestätigte für mich, was ich ohnehin dachte: Normcore wird von Menschen getragen, die entweder nicht wissen, dass es ein Trend ist, oder von solchen, die die Fotoalben ihrer Eltern mit der neuen Vogue verwechseln—Mom-Jeans inklusive. Bei Cutester handelt es sich nicht um die Stilausprägung eines Mode-Trends, sondern um weichgespülte Softcore-Persönlichkeiten, die nicht nur schwer Zara-abhängig sind, sondern auch über heftige Kindheits-Komplexe verfügen. Health Goth: das Ding für alle, die auf der Suche nach einer edgy Persönlichkeit sind, und sich deshalb insgeheim wünschen, das Kind von Sporty Spice und Marilyn Manson zu sein.

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Aber das Ganze geht tiefer. Interessanterweise zielt jeder dieser Trends auf Behaglichkeit ab—sowohl körperlich als auch emotional—und das in Städten, die für junge Menschen zu immer verwirrenderen Lebensräumen mutieren. In all diesen Trends hat das Kuschlige und Bequeme vor allen anderen Dingen Priorität.

Als Health Goth herumstolzieren bedeutet, eine Fitness-Tarnung zu tragen. Was ist Fitness-Tarnung? Es ist der Grund, warum niemand auf der Straße Jogger verarscht, obwohl sie völlig bescheuert aussehen. Scheint heutzutage eine ungeschriebene Regel zu sein, dass man gegen Sportler nichts sagen kann.

Normcore ist pure Nostalgie; die kleidertechnische Entsprechung eines Familienvideos auf VHS. Und genau wie die Crew von PC Music dich in eine Welt entführt, die komplett aus Haribo und Zuckerwatte besteht, ist das ganze Cutester-Ding eine Art Flucht, ein Haufen Mittzwanziger mit Hello-Kitty-Handyhüllen, die mit aller Gewalt versuchen, zurück in den Mutterleib zu hechten.

Leider besteht scheinbar für keinen dieser Trends die Chance, dass sie zu einer echten Subkultur werden; dafür sind sie alle zu sehr vom Internet abhängig und lassen sich einfach nicht ins echte Leben übertragen. Ich habe ja noch Hoffnung für 2015, aber es gibt jene, die behaupten, Subkulturen, wie wir sie kennen, seien in dem Moment ausgestorben, als Breitbandanschlüsse anfingen, jede aufkeimende Jugendbewegung in Haushalte auf der ganzen Welt zu übertragen.

Ich schätze, wir müssen einstweilen, bis zum apokalyptischen Untergang der Technologie, mit dem auskommen, was sich Kolumnisten und Trendreporter ausdenken. Auf 2015: das Jahr von Islamopunk und E-Zigarette.

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