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​Wie man damit umgeht, wenn man Mitte 20 feststellt, dass man unfruchtbar ist

Bei den Bundesjugendspielen der Fruchtbarkeit bin ich eine der Wenigen nur mit einer Teilnehmerurkunde. Bin ich bereit, das zu akzeptieren?

von Neda Shirazi
15 Mai 2015, 1:04pm

Foto: Mitya Ku | Flickr | CC BY-SA 2.0

Foto: Denis Bocquet | Flickr | CC BY 2.0

Es fing damit an, dass ich auf einmal nicht mehr aufhörte zu bluten. Meine vermeintliche Periode entwickelte sich zu einem mehrwöchigen Blutbad—was vor allem deshalb skurril war, weil ich sonst immer die war, deren Periode gerne mal über Monate hinweg ausblieb. Ich weiß nicht, wie viele Schwangerschaftstests ich mit meinen 25 Jahren deswegen schon gemacht habe—alle negativ.

Gegen diese Zyklusunregelmäßigkeit wurde mir bisher immer nur die Pille verschrieben, die mir nicht nur Haarausfall bescherte, sondern auch Depressionen hervorrief. Nach der Ursache wollte keiner der Ärzte forschen. „Sie sind ja noch jung, das kann schon mal vorkommen", hieß es da. Eine mehrere Wochen anhaltende Blutung hingegen hielt ich dann doch für besorgniserregend.

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Also beschloss ich, zum Frauenarzt zu gehen. Und zwar nicht zu dem, der mich bisher behandelt hatte und immer ein wenig aussah wie Helge Schneider in Praxis Dr. Hasenbein. Der neue Gynäkologe vergab schnell Termine und war bei „jameda" exorbitant gut bewertet, also war ich davon überzeugt, dass er mir helfen könnte.

Jedes Symptom hat Ursachen

In erster Linie ging es mir darum, meine Blutung zu stoppen. Also gab er mir Tabletten, die genau das tun sollten, und begab sich eine Etage tiefer auf Ursachenforschung. Im ersten Ultraschall begutachtete er meine Eierstöcke und stellte fest, dass ich über viele viele unentwickelte Eibläschen verfüge. „Aber kein Grund zur Sorge, ich kenne Frauen, die haben das und kriegen trotzdem Kinder", hörte ich ihn in einem Nebensatz sagen. Erst dann wurde mir bewusst, dass vielleicht ganz akut etwas mit mir nicht stimmen könnte, außer der Tatsache, dass mein Uterus Blut auskotzte, als gäbe es kein Morgen mehr. Ich beschloss, mir vorerst nicht weiter den Kopf darüber zu zerbrechen, und hoffte auf die Tabletten—die eine kurzzeitige Linderung brachten, allerdings nur, um das Blut daraufhin noch stärker fließen zu lassen. Ein Hoch auf die Erbsünde!

Um der Blutung ein für alle Mal ein Ende zu setzen, wurde mir eine Ausschabung in Aussicht gestellt, also eine operative Entfernung der gesamten Gebärmutterschleimhaut. Die Vorstellung war wohl so bedrohlich, dass mein Körper kurz vor dem Termin und nach über drei Wochen von selbst aufhörte zu bluten, trotzdem wollte mein Arzt einen Blick auf meine Eierstöcke und meine Hormonwerte werfen. Immerhin könnten damit die allgemeinen Unregelmäßigkeiten meines Zyklus—und somit auch die plötzlichen starken Blutungen—zusammenhängen.

Haben Sie einen Kinderwunsch?", fragte er mich, während ich mir meine Hose nach der Untersuchung wieder anzog. Keine Ahnung? Ich bin ledig, nein, ich bin superledig, die Aussicht auf eine Partnerschaft, Familie und eine Fußballmannschaft Kinder liegt in so weiter Ferne, dass ich es mir bis zu diesem Moment noch nicht anmaßte, ernsthaft auf diese Frage zu antworten. „Irgendwann schon", druckste ich, und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte nicht einfach nur eine unregelmäßige und absurd starke Regelblutung. Hier ging es gerade um die Frage, ob ich überhaupt fruchtbar bin.

Faule Eier

Ein Blick in meinen Unterleib hatte offenbart, dass ich nicht nur mit Ovulationsschwierigkeiten (= unregelmäßige Zyklen) gesegnet war, sondern auch eine gehörige Follikelreifungsstörung (= meine Eier schafften es nicht einmal, so groß zu werden, dass sie grundsätzlich in der Lage dazu wären, befruchtet zu werden) habe. Wo andere Leute pralle Trauben haben, liegen in meinen Eierstöcken vertrocknete Rosinen. Ich ging regelmäßig zum Blutabnehmen, zum vaginalen Ultraschall, sah meine Eierstöcke in allen möglichen Dimensionen und die vielen verschrumpelten kleinen Dinger daran, die bei anderen Frauen ein Mal im Monat zu einem Ei werden—und nichts geschah. Ich hatte keinen Eisprung.

Manchmal blutete ich nach 60 Tagen, manchmal nach 30. Es war ein reinstes Glücksspiel, aber nie auf Grundlage eines unbefruchteten Follikels, der meinen Eileiter hinabwanderte. Je öfter mein Arzt erzählte, dass er sich ganz bestimmt an diese eine Patientin erinnern könne, die eines Tages wie durch Zauberhand doch schwanger wurde, desto klarer wurde mir, dass er mich als hoffnungslosen Fall betrachtete.

Foto: Grace Hebert | Flickr | CC BY 2.0

Natürlich habe ich verstanden, dass man die Möglichkeit, dass eines Tages doch einmal ein Ei springt und in genau diesem Moment ein fideles Spermium eben dieses befruchtet, nie ausschließen kann. Die Wahrscheinlichkeit ist nur so wahnsinnig gering, dass man besser fährt, sich darauf einzustellen, dass das vermutlich nie etwas werden wird. Und mit diesem Wissen verließ ich die Praxis. Vollkommen auf mich selbst gestellt in der Frage, wie ich damit nun umgehen sollte.

Ist der Sinn des Lebens Reproduktion?

Diese Information erwischte mich in einem Moment, in dem mir Kinderkriegen noch nie unerreichbarer vorkam. Ich war mehrere Jahre Single und hatte niemanden in Aussicht, mit dem ich mir so etwas vorstellen konnte. Sollte ich mich also darüber aufregen, dass die Achterbahn kaputt ist, wenn ich noch nicht mal eine Eintrittskarte in den Freizeitpark hatte?

Andererseits würde ich mich selbst belügen, würde ich behaupten, dass ich Kinder hasse. Dass ich keine wollen würde, dass ich mit ihnen nicht zurechtkomme. Tatsächlich wird mir nachgesagt, etwas sehr Mütterliches an mir zu haben. Ehrlich gesagt wusste ich schon ganz genau, wie meine Kinder einmal heißen sollen. Und selbstverständlich wünsche ich mir einen Mann an meiner Seite, der sowohl meinen Körper als auch meinen Charakter lieben könnte. Nicht nur mich, sondern auch das, was sich aus unseren Genen entwickeln würde, lieben könnte. Aber jetzt? Mit dem Wissen, ein Reproduktionskrüppel zu sein—, kann mich dann noch ein Mann lieben, der sich eigene Kinder wünscht, und deren Namen auch schon ausgesucht hat?

Oder, und jetzt wird es knifflig, sollte ich ihm das überhaupt erzählen? Und wenn ja, wann? Und was mache ich, wenn für ihn ein Leben ohne eigene, gemeinsame Kinder nicht in Frage kommt? Oder, und jetzt wird es superknifflig: Was wird aus mir? Derjenigen, die einen großen Teil des Sinn des Lebens darin sah, Kinder zu bekommen und diese nach meinen Werten zu erziehen—um diese grausame Welt ein wenig besser zu machen. Ich bin 25, verdammt, ich habe (hoffentlich) noch einige Jahrzehnte vor mir. Wie werde ich diese füllen, wenn nicht mit Nachwuchs? Mein Gedankenkarussell spielte verrückt, weil meine Zukunftspläne, egal wie weit entfernt sie die ganze Zeit gewesen sein mochten, plötzlich unerreichbar schienen.

Adoption und Reagenzgläser

Sicherlich könnte ich adoptieren. Und sicherlich ließe sich mit tausend kleinen Pillen, Spritzen und einigen Stoßgebeten zumindest die Wahrscheinlichkeit erhöhen, doch irgendwann selbst schwanger zu werden—aber möchte ich das? Soll es dann überhaupt sein? Gibt es einen Grund, warum mein Körper nicht in der Lage ist, vitale Eier zu produzieren? Ist dieser Grund gewichtiger als mein Egoismus, mein eigenes Fleisch und Blut auf einer Wiese mit vielen niedlichen Tieren und meinem Mann, den ich bis dato noch nicht gefunden habe, herumtollen zu sehen?

Bei den Bundesjugendspielen des Kinderkriegens bin ich eine von denen, die nur eine Teilnehmerurkunde bekommen—und nach all den verzweifelten Diskussionen mit mir selbst bin ich bereit, das zu akzeptieren. Ich habe nur fürchterliche Angst. Fürchterliche Angst vor all dem, was auf mich zukommt. Zum Beispiel, wenn es um mich herum wächst und gedeiht und jeder Kinder kriegt, als wäre es die leichteste Übung der Welt. Kann ich mich dann mitfreuen? Oder werde ich innerlich verbittert daneben stehen und die ganze Welt als unfair empfinden?

Werde ich einen Mann finden, der bei und mit mir bleibt, selbst wenn ich ihm nicht das schenken kann, was er sich zu irgendeinem Zeitpunkt am meisten wünscht? Wer wird mich einmal im Altenheim besuchen, wenn mich all diese traurigen Gedanken ganz schrumpelig gemacht haben? Ist es unreif, bei einer solchen Nachricht erst einmal und vor allem an sich selbst denken zu müssen? Sich selbst zu bemitleiden für eine Zukunft, die so noch gar nicht eingetreten ist?

Auf einmal glaubt man doch an Wunder

Ich glaube, der einzige Grund, wieso ich mich nicht jeden Abend hysterisch in den Schlaf weine, ist die Tatsache, dass irgendetwas in mir noch Hoffnung hat. Hoffnung auf ein Wunder, auf das perfekte Timing, auf Glück. Es ist nun mal etwas anderes, sich gegen etwas zu entscheiden, als der biologischen Willkür ausgeliefert zu sein, etwas nicht zu bekommen. Das Wissen, dass etwas theoretisch möglich wäre, lässt uns alle ruhiger schlafen.

Aber da ist auch die Hoffnung, dass auch ohne Kinder zu kriegen alles genügend Sinn ergibt. Wer weiß. Vielleicht wäre mein Kind ein ganz besonders fieser Politiker geworden. Vielleicht liegt meine Bestimmung auf der Welt nicht in der Reproduktion, sondern darin, der Menschheit etwas Anderes, Fabelhaftes zu hinterlassen? Vielleicht werde ich ein ganz großartiges Kind adoptieren—oder vielleicht reißt sich mein Körper eines Tages zusammen und all diese Sorgen waren nur eine quälende Momentaufnahme. Immerhin weiß ich jetzt, dass ich mir nicht mehr panisch Schwangerschaftstests kaufen muss, wenn meine Tage mal wieder zu spät kommen.

Manchmal muss man sich dazu zwingen, das Positive einer Situation zu sehen. Und ändern kann ich es sowieso nicht.