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Als die Busse endlich kamen: Unser Bericht vom Flüchtlingsstrom durch Österreich

Nichts ist schneller Vergangenheit als die Zukunft. Wir sammeln für euch die Ereignisse, die sich in der aktuellen Flüchtlingskrise zwischen Ungarn und Österreich überschlagen.
5.9.15

Verlassenes FPÖ-Fest. Foto von Michel Reimon via Twitter

Nichts ist schneller Vergangenheit als die Zukunft. Dieser Grundsatz war noch nie so wahr wie heute angesichts der aktuellen Flüchtlingssituation im Spannungsdreieck aus Ungarn, Österreich und Deutschland.

Noch am Freitagmittag deutete alles darauf hin, dass Ungarn seine restriktive Refugee-Politik fortsetzen würde—einige Aktivisten rund um den Journalisten Robert Misik hatten deshalb schon in den Tagen zuvor angekündigt, an diesem Wochenende einen Konvoi von Wien nach Budapest und zurück einzurichten und Tausenden Flüchtlingen beim Grenzübertritt zu helfen.

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Bereits wenige Stunden später marschierten Hunderte Fliehende vom Budapester Bahnhof Keleti, wo sie unter anderem von Hooligans mit Steinen beworfen wurden, in Richtung Österreich los und änderten damit nicht nur alle Pläne, sondern auch die Vorzeichen in der Flüchtlingsdebatte.

Seither hat sich nicht nur Ungarns offizieller Kurs, sondern auch Faymanns bisher zurückhaltende Position und die allgemeine Stimmung in der ehemals fremdenfeindlichen österreichischen Öffentlichkeit gewandelt.

Kaufe gerade Sachen für Flüchtlinge im Hofer. Eine Frau kommt her & fragt: 'Refugees?' Ich nicke und sie gibt mir 50 € für die Flüchtlinge

— Ingrid Brodnig (@brodnig)September 5, 2015

In — Dirk Emmerich (@DEmmerich)September 5, 2015

Und auch, dass das Wiener FPÖ-Fest in der Kandlgasse, unweit vom Westbahnhof, gähnend leer war, während ums Eck die Helfer zuhauf einströmten, ist eine Erwähnung wert.

Eine genaue Chronologie der Ereignisse ist nur noch im Sekundentakt oder fragmentarisch möglich. Es ist einer dieser Momente, in denen die Medien der Geschichte hinterher sind—aber auch einer der Momente, in denen jeder weiß, dass gerade Geschichte geschrieben wird. Was das zumindest auf privater Seite—auch in Ungarn—bedeutet, zeigt dieses Video von WienTV eindrucksvoll.

Aber auch, wenn die offiziellen Stellen in ihrer bürokratischen Behäbigkeit den privaten Initiativen weit hinterher gehinkt sind, zeichnet sich zumindest in Österreich ein neues Bewusstsein für die Notwendigkeit schnellerer, besser organisierter Hilfe durch die Behörden und das Rote Kreuz ab.

Dass es bis zu diesem Umdenken ein langer Weg war, liegt nicht zuletzt daran, dass angesichts der aktuellen Flüchtlingssituation die Bilder versagen, die im betroffenen Gebiet von der Terrormiliz IS kontrolliert werden und deren Abwesenheit uns, so zynisch das klingt, die Empathie entzieht. Aber der Abwesenheit von Bildern aus Syrien treten jetzt immer mehr Bilder vom Freitagsmarsch und dem Zug der Fliehenden durch Österreich entgegen.

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The kids. Hungary > Austria. So well behaved. After so much. — Matthew Price (@BBCMatthewPrice)September 5, 2015

Dazu gehören neben Flüchtlingen, die ihren 50 Stunden langen Marsch nur für eine kurze Schlafpause auf der Autobahn unterbrechen und trotz aller Hindernisse die EU-Flagge schwenken, auch die geflohenen Kinder, die sich nach all dem immer noch brav anstellen. Und dazu gehört noch so vieles mehr, das Minute für Minute über unsre Timelines angespült wird und die Menschen reihenweise dazu bewegt, ihre Wochenendpläne abzusagen, Ressourcen zu mobilisieren und anderen, weniger privilegierten Menschen zu helfen.

Und die Neuigkeiten reißen nicht ab: Inzwischen ist längst ein neuer Flüchtlingszug aus mehreren Hundert Menschen zum Fußmarsch nach Wien aufgebrochen. Am Hauptbahnhof ist man auf den Ansturm der durchziehenden Menschen bereits jetzt vorbereitet—hier läuft die Hilfsaktion so gut, dass die Caritas bereits zum Sachspendenstopp aufgerufen hat.

— cariklaus (@KlausSchwertner)September 5, 2015

Während die sozialen Medien Punkt für Punkt die Ereignisse nachzeichnen, haben wir hier für euch unsere bisherige Berichterstattung zum Thema zusammengetragen, um euch einen Überblick zu verschaffen. Bis Samstagabend werden aktuell 10.000 Flüchtlinge aus Ungarn erwartet. Und wir dokumentieren natürlich weiter.

Lest hier die Chronik des Flüchtlingsmarschs von Freitagabend bis Samstagmorgen nach.

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Einen Tag lang Fluchthelfer: Wir haben eine syrische Familie durch Österreich begleitet

Wie am Westbahnhof auch ohne offizielle Unterstützung geholfen wurde

Unser Interview mit der Fotografin hinter dem Bild des toten syrischen Jungen

Warum in Österreich weniger Gewalt gegen Asylwerber passiert als in Deutschland

Die Flüchtlingskinder am Bahnhof Keleti in Fotos

Und zum Abschluss noch ein bisschen Kontext für all jene, die Zuwanderer gerne immer noch auf die Rolle der demütigen Bittsteller festschreiben würden.

A Syrian migrants' child. — David Galbraith (@daveg)September 2, 2015

Markus auf Twitter: @wurstzombie