FYI.

This story is over 5 years old.

Sex

Swipe 2 Fuck: Erster Tinder-Porno wird gedreht

Cleo hat Dave auf Tinder klargemacht und dreht mit ihm beim ersten Treffen einen Porno. Warum auch nicht?
14.9.15

Dave und Cleo - die Stars des Tinderpornos. Fotos von der Autorin. Screenshots mit freundlicher Genehmigung von Ersties.com.

Paulita ist die Freundin einer Freundin und sie macht Pornos. Als ich sie das erste Mal treffe, geistern mir noch die Vorurteile des schmierigen Porno-Regisseurs durch den Kopf: Ein Mann in den 50ern mit Wampe, Halbglatze und Neigung zum Bluthochdruck. Cholerisch veranlagt, versteht sich, und natürlich koksabhängig. Ein Typ, der hinter der Kamera am Set steht und „seine" Mädchen, wie er sie nennt, zusammenfaltet, wenn sie nicht spuren. Aber Paulita ist ganz anders. Sie ist klein, hat schwarze Haare und einen Pony und wirkt zierlich, aber wenn sie lacht, dann laut und dreckig. „Es muss Vielfalt im Porno geben, nur so werden Klischees demontiert. Mehr und mehr Frauen drehen Pornos, das ist eine sehr positive Entwicklung in der Industrie." Paulita will keine Stereotype von der Frau als passives Opfer bedienen, sondern starke und selbstbewusste Frauen zeigen.

Wir haben es aktuell mit einer Evolution der Pornografie zu tun, die langsam aber sicher das Genre verändert. Natürlich hat sich die ganze Sex-Industrie schon in den letzten Jahrzehnten extrem verändert. In meiner Jugend gab es unzählige Pornoshops in unserer Kleinstadt. Von Beate Uhse bis zu Dr. Müllers Sex Shop und zahlreiche kleinere, inhabergeführte Läden. Dort huschten dunklen Gestalten hinein und hinaus. Drinnen gab es VHS-Bänder mit fantasievollen Namen wie Das Piss‐Inferno, allerlei Sex-Spielzeuge und ähnliches. Diese Orte waren schambesetzt. Heute ist alles anders. Heute braucht es diese Läden nicht mehr. Ein Computer und ein Internetanschluss genügen. Jeder kann sich im trauten Heim seine Lieblingsfilmchen anschauen. Auch die Ästhetik hat sich geändert. Seitdem jeder Mensch eine Digitalkamera hat, boomen die Private- und Low-Budget-Produktionen—vom schwulen Fetischporno bis zum Hausfrauenporno, da passiert einiges. Nun kommt noch eine neue Kategorie hinzu. Feministischer Porno der Generation Y.

Paulita telefoniert mit einem potenziellen Pornodarsteller für ihre Reihe First Sex.

Denn eigentlich kann es keiner mehr sehen: diese ausgelutschte Porno‐Ästhetik, die uns jeden Tag auf Millionen Bildern und Clips entgegen schlägt. Es ist unfassbar öde, immer die gleichen Körper zu sehen. Die heterosexuelle, kommerzielle Pornografie hat es bisher nicht geschafft, sich vom Patriarchat zu befreien, die Abhängigkeit zum Kunden war dafür einfach immer zu stark. Bis jetzt. Es scheint so, als habe ein neues Zeitalter begonnen. Inzwischen nehmen die Frauen die Kamera selber in die Hand. Es sind nicht mehr die Klischees der dummen Weiber, die Männer brauchen, um jemand zu sein. Frauen in der selbstbewusstseinsfreien Zone waren gestern.

Paulita am Set

„Die Stigmatisierung von Frauen, die in der Pornoindustrie arbeiten, hat sich bei der Mehrheitsgesellschaft nicht unbedingt verringert. Deswegen ist es wichtig, in der Öffentlichkeit selbstbewusst aufzutreten. Ich mache Pornos, weil es mir Spaß macht, weil ich selber Bilder von und über Sexualität produzieren will", erzählt Paulita mir. Dann geht's weiter mit Postfeminismus, sex-positiv, Genderkonstrukte, Schlampenmoral … Paulita kennt ihre Begriffe.

Sie ist eine der Gründerinnen des Berliner‐Porno‐Labels Ersties. Die Macherinnen von Ersties sind ausschließlich Film- und Fotostudentinnen. Sie produzieren Filme, die sie auf einer Website im Internet anbieten. Gegen einen monatlichen Beitrag kann man sich die Filme anschauen und herunterladen. Wie Netflix nur für Pornos.

„Wir achten bei jedem Dreh, dass alle sich wohl und sicher fühlen und auch Spaß haben", betont Paulita. Sie und ihre Freundinnen Nina und Sahra waren es leid, sich von schlechten Pornos abturnen zu lassen und gründeten „Dudettes", ein Format von Mädchen. Die drei sind regelrechte Allrounder: während Paulita meist Regie führt, aber auch gerne die Handkamera führt, ist Ninas Leidenschaft die Kamera. Sahra führt meistens die Interviews und macht den Ton. Um das Casting und das Online‐Marketing kümmern sich alle gemeinsam. Paulita ist auch die Regisseurin der Serie First Sex und hat mich zum Set des neuesten Pornodrehs aus der Reihe eingeladen.

Worum es geht bei First Sex? Der Film spielt vor allem mit dem typischen Berlin-Charme. Cleo hat lange rötliche Haare und lackierte Fingernägel, die lila in der Sonne glitzern. Sie fährt in einem kleinen Tretboot über Spree, vorbei am Badeschiff und dem Club der Visionäre, in Richtung Oberbaumbrücke. Die Sonne schimmert zartrosa über der Spree. Sie wischt über den Bildschirm ihres Smartphones und sortiert die Typen wie Aschenputtel die Erbsen.

Cleo freut sich über Nachrichten von Typen, die alle mit ihr vor der Kamera Sex haben wollen.

Tinder ist hier das Leitmotiv. Paulita lädt eine Freundin ein, sich einen Typen zu suchen, um Sex mit ihm zu haben. Vor der Kamera. Ist das wirklich möglich? Findet man solche Typen in Berlin? Die Resonanz ist verblüffend. Es gibt zig Jungs, die dabei sind, wenn es um Sex vor der Kamera mit einem fremden Mädchen geht.

Paulita und Cleo fahren in einem Linienbus der BVG. Nebenbei klicken sie sich durch potentielle Tinder-Dates. Dann sitzen Cleo und Paulita in einer Wohnung, sehen sich die neusten Nachrichten der Jungs bei Tinder an, Cleo liest die Highlights vor: „I want to meet you tonight", sie kichern belustigt.

Die Jungs nehmen ein Video für Cleo auf. Cleo hört nur die Stimme der Jungs, aber sieht sie nicht. Ihre Wahl fällt auf einen italienischen Jungen mit einer smarten Stimme, dessen Art sie überzeugt. Paulita ruft ihn an. „Du hast Glück. Die Wahl ist auf dich gefallen." Dave scheint erstaunt und glücklich zugleich zu sein.

Als ich am Set ankomme, ist überall sehr viel Trubel. Gerade werden einige Jungs gecastet. Die Kamerafrau Nina wischt sich ihre Haare aus dem Gesicht und macht einige Aufnahmen. Paulita ist nur damit beschäftigt, sich um die neu ankommenden Jungs zu kümmern.

Paulita führt endlich die beiden First Sex-Protagonisten zusammen. Sie treffen sich in einem leeren Fabrikloft, in dem einige Scheinwerfer aufgebaut sind. Das einzige Möbelstück ist ein großes Bett mit einem roten Bezug. Bevor sich die beiden das erste Mal sehen, werden sie von Paulita mit geschlossen Augen zum Bett geführt. Paulita klatscht und beide öffnen das erste Mal die Augen. Nun gibt es kein Zurück mehr. Ein erstes verlegenes „Hi" bringen beide noch über die Lippen. Cleo hat ein Bärchen-T-Shirt an, Dave ein grünes Shirt. „Nice to meet you", stottert er verlegen. Dann nähern sich die beiden an. Sie greift nach seiner Hand. Er beugt sich zu ihr vor und küsst sie.

Nachdem die beiden miteinander geschlafen haben, gehe ich auf sie zu. „Warum wolltest du das Cleo?", frage ich sie. Sie schaut mich verspielt an, dann lächelt sie: „Weil es was Neues war und weil es Spaß macht." Sie legt die Beine übereinander. Dann frage ich Dave: „Und du?" Er wischt sich den perlenden Schweiß von der Stirn. „Weil es eine spannende und einmalige Erfahrung ist." Er lächelt zu Cleo rüber. Die beide kennen sich nur seit einer Stunde, aber scheinen schon Komplizen zu sein. Ob sie sich noch einmal treffen wollen, möchte ich von ihnen wissen. „Wer weiß", sagt Cleo. Und Dave schiebt hinterher: „Vielleicht." Sie sind entspannt. Ich kann nicht glauben, warum ich so ein langweiliges Leben führe. Ich hätte mich das nicht getraut, aber ich bin froh, dass es andere für mich tun.

Der Trailer zum Tinderporno

Paulita führt mich über das Set. Sie und ihre Freundinnen arbeiten zusammen, jede nach ihren Stärken. Am Set wird mir klar: Es gibt sie, die neue Generation der Pornografinnen. Sie sind jung, sie sind hip und sie haben eine postfeministische Vorstellung von dem, was Porno sein soll und was nicht. „Worum geht es bei First Sex?", will ich jetzt von Paulita wissen. „Es geht darum, das Chat-Dating-App-Phänomen ins Extreme zu treiben. Eine Frau rekrutiert einen Typen über Tinder, der dann mit ihr bei der allerersten Begegnung Sex haben soll, vor der Kamera! Wichtig ist, dass dabei nichts gestellt ist. Es ist alles real", ergänzt sie. Die Story erinnert trotzdem ein bisschen an den Film Victoria, nur als Porno versteht sich. Cleo, ein Mädchen aus Spanien, kommt nach Berlin, um sich zu vergnügen. Sie ist dem Zeitgeist verfallen und rekrutiert ihren Lover daher konsequenterweise über die Dating‐Plattform Tinder.

Warum sie über Tinder die Lover suchen, frage ich Paulita. „Tinder ist der ultimative digitale Fleischmarkt, es bietet sich an für dieses Experiment." Sie lächelt. Paulita hat ein zielsicheres Gefühl für den Zeitgeist. Tinder ist die Dating‐App unserer Generation. Wer Single ist, sucht inzwischen hier sein Glück für die nächste Nacht, nicht mehr am Tresen einer verrauchten Bar oder beim Resteficken im Club. Angebot und Nachfrage lassen sich hier vorsortieren und perfekt aufeinander abstimmen, ohne großen Aufwand.

Das Berliner‐Porno‐Label produziert also moderne Pornos für junge Menschen. Diese Pornos beziehen ihren Reiz aus der Authentizität. Kein Fake, kein Schein, sondern echter Sex vor der Kamera. Style und Internationalität scheinen selbstverständlich. Daher ist es nur konsequent, dass das neue Format auf Englisch gedreht wurde.

Da stehe ich also nun, mitten am Set eines Pornos und zwar eines, der so gar nicht an die peinlichen Amateur-Seiten oder klischeebehafteten Profiseiten erinnert. Das hätte ich mir vor einigen Jahren auch nicht träumen lassen. „Der neue Pornotrend kommt also aus Berlin?", frage ich sie. Paulita nickt. Dann fährt sie fort: „Berlin war schon immer eine Stadt des Ausnahmezustandes. Die Menschen, die hierherziehen, laufen von was anderem weg, suchen nach Freiheit und neue Ausdrucksweisen. Deswegen wird viel experimentiert, auch mit Sex und Porno. Berlin ist auch ein internationaler Treffpunkt der feministischen Pornoszene." Ist alles automatisch feministisch, wenn es Frauen sind, die hinter der Kamera stehen und die Models dabei Spaß haben? Wer ist wirklich die Zielgruppe dieses neuen Pornogenres, frage ich mich. „Sind es nicht weiterhin die Männer, die auch diesen Markt bestimmen?", frage ich Paulita. Sie lächelt noch einmal und bittet mich dann freundlich, das Set zu verlassen, um die Privatsphäre der Models zu schützen.

Der Drehtag ist für mich eine Mischung aus Abwehr und Verlangen. Ich komme mit meinem Voyeurismus voll auf meine Kosten, aber zwischendurch frage ich mich, ob ich das wirklich sehen sollte.

Eins steht am Ende des Drehs fest: Ich werde meinen Eltern nichts davon erzählen, beschließe ich, sie würden es sowieso nicht verstehen.